Pius IX Sein Leben durch Kampf zum Sieg

Papst Pius IX. Sein Leben durch Kampf zum Sieg

Johannes Maria und seine Eltern

Am 13. Mai des Jahres 1792 wurde dem Grafen Mastai-Ferretti in seinem Palast zu Sinigaglia in Italien ein Sohn geboren, der in der heiligen Taufe die Namen Johannes Maria erhielt. Vierundfünfzig Jahre später berief Gott dieses Kind zu seinem Statthalter auf Erden.

Johannes erbte von seinem Vater das erhebende Bewusstsein eines alten und unbefleckten Namens, eine glühende Liebe zum Vaterland und zur wahren Freiheit.

Im übrigen war er das Abbild seiner frommen Mutter. Vor ihr erbte er eine große Milde, die ihn so sehr auszeichnete und ihm die Herzen aller Guten gewann. Seine Mutter weckte sehr früh in seinem Herzen eine zärtliche Liebe zur Mutter Gottes und eine hohe Verehrung für den Statthalter Jesu Christi. Pius selbst hat es in späteren Jahren der ganzen Welt geoffenbart, mit welcher Liebe seine Mutter sein Herz zur Himmelskönigin zu erfüllen wußte. „Nichts“, sagte er einmal in einem Rundschreiben, „lag uns seit den Tagen unserer Kindheit mehr am Herzen, als die allerseligste Jungfrau mit ganz besonderer Andacht und mit der innigsten und herzlichsten Liebe zu verehren, und alles zu tun was zu ihrer größeren Ehre und zur Beförderung ihres Ruhmes dienen zu können schien.“

Von dem elterlichen Hause weg kam Johannes in die Schule der Piaristen. Geleitet von den Segenswünschen der guten Eltern zog der zehnjährige Knabe nach Volaterra und blieb dort fast sechs Jahre. Bescheidenheit und Frömmigkeit, Gehorsam und Pflichttreue machten ihn zum Liebling all seiner Lehrer. Sein gerader Sinn und sein fleckenloser Wandel machten ihn zum Freund seiner Mitschüler. Sanftmut und Güte trugen ihm die Liebe aller Menschen ein, die mit ihm zusammen kamen.

Pius IX. als Priester und Bischof

Papst Pius VII. kehrte im Jahre 1814 im Triumph aus seiner fünfjährigen Gefangenschaft nach Italien zurück und kam auch nach Sinigaglia. Mit diesem Papst zog der junge Graf Mastai zum ersten Mal in Rom ein und sah erstaunt die prächtigen Kirchen und Kunstschätze, durch die Rom alle anderen Städte der Erde übertrifft. Dort empfing er die heilige Priesterweihe und feierte am Ostertag des Jahres 1819 sein erstes heiliges Messopfer. Im Frühling des Jahres 1823 kam der Erzdiakon Joseph aus Chile in Amerika nach Rom, um im Namen seiner Regierung den heiligen Vater zu bitten, er möge eine Gesandtschaft nach Südamerika schicken, um dort die kirchlichen Verhältnisse zu ordnen. Papst Pius VII. erhörte die Bitte und ernannte Johannes Muzi zum Gesandten für Chile, der sich Johannes Mastai zum Begleiter wählte. Zur Anerkennung der Dienste, welche Johannes dem Heiligen Stuhl in Amerika leistete, ernannte ihn der Papst zum Präsidenten des Hospizes von St. Michael in Rom. Diese Anstalt umfaßt ein Haus zur Versorgung armer Waisenkinder, ein Haus für alte Männer und Frauen, ein solches für jugendliche Personen und endlich ein Gefängnis für politische Verbrecher. Hier fand sich Johann Mastai rasch zurecht und erwarb sich die Zufriedenheit des heiligen Vaters Leo XII. in so hohem Grade, daß er schon in seinem fünfunddreißigsten Jahr von demselben im Jahre 1827 zum Erzbischof von Spoleto ernannt wurde.

Am Ostersonntag des Jahres 1819 hatte Johannes seine erste heilige Messe als Priester gelesen, am Pfingsttag des Jahres 1827 las er sie als Erzbischof. Die Bischofsweihe erhielt er durch den Kardinal Castiglioni, der zwei Jahre später selbst als Papst Pius VIII. den Stuhl Petri bestieg. Sechs Jahre wirkte der Graf Mastai als Erzbischof von Spoleto. In dieser Zeit richtete ein Erdbeben schreckliche Verheerungen an. Dann kam infolge von Frost, Hagel und Nässe ein Missjahr. Das arme Volk verzagte und verlor den Mut. Nur der Erzbischof blieb ungebeugt, tröstete, unterstützte und half, so viel er konnte. Seine Bestürzung und der Schmerz seiner Diözesanen waren gleich groß, als aus Rom die Nachricht kam, Papst Gregor XVI. wolle den Erzbischof nach Imola versetzen. Es half jedoch kein Sträuben. Der Erzbischof musste Spoleto verlassen und im Jahre 1832 nach Imola gehen.

Nach acht Jahren gab ihm Papst Gregor XVI. den höchsten Beweis seiner Anerkennung, indem er ihn unter die Zahl der höchsten Kirchenfürsten, unter die Kardinäle aufnahm. Als Kardinalpriester gehörte er fortan zu den Kurfürsten der römischen Kirche, welche allein das erhabene Vorrecht haben, bei Erledigung des Heiligen Stuhles den neuen Papst zu wählen. Er besuchte, wie zuvor, die Schulen, die Waisenhäuser, Spitäler, Krankenhäuser und die Armen. Im Mai des Jahres 1846 hielt er seinen Priestern heilige Übungen in Imola. Da traf plötzlich die Trauerbotschaft ein: „Der greise Papst Gregor XVI. ist im Herrn entschlafen.“

Seine Wahl zum Papst

Am Abend des 12. Juni kam der Kardinal Johannes in Rom an; am 14. Juni begann die Wahl des neuen Papstes.

Am 16. Juni abends wurde zum vierten Mal abgestimmt und der Kardinal Mastai zum obersten Hirten der Christenheit erwählt. Somit hatte sich Gott den Kardinal Johannes als sein Werkzeug ausgesucht, auf daß dieser das Schifflein des heiligen Petrus im furchtbarsten Sturm, der seit vielen Jahrhunderten wütete, mit sicherer Hand leite. Wohl weigerte sich Kardinal Johannes anfangs die hohe Würde anzunehmen, er flehte und vergoß bittere Tränen; als aber dies nichts nützte, erhob er sich und sprach: „Herr, dein Wille geschehe!“ Zum Andenken an Papst Pius VII., der auch Bischof von Imola gewesen war, nannte sich der Neugewählte ebenfalls Pius. Er brachte einen ernsten Willen, die unbedingte Hingabe an seinen hohen Beruf mit auf den Thron. In den Tagen heftiger bürgerlicher Unruhen bestieg so Papst Pius IX. den päpstlichen Stuhl. Gleich nach seiner Wahl zeigte er seinen Brüdern seine Erhebung zur höchsten Würde an, verbot ihnen aber, nach Rom zu kommen.

Als Papst Pius im Jahre 1846 gekrönt worden war, hatte man ihm nach alter Sitte zugerufen: „Die Jahre des heiligen Petrus wirst du nicht erreichen.“ Wir wissen, daß der heilige Petrus fünfundzwanzig Jahre in Rom die katholische Kirche regiert hat, daß aber nach ihm keinem Papst die Ehre einer so langen Regierung zu Teil geworden ist. Es hat sich deswegen die Meinung gebildet, es sollte nie ein Papst die Jahre des heiligen Petrus erleben. Silvester I., Hadrian I., Pius VII. vollendeten das dreiundzwanzigste, Pius VI. das vierundzwanzigste Jahr. Bei Pius IX. kam es nun anders. Für uns ist dies ein neuer Beweis, daß Papst Pius ein auserwähltes Werkzeug in der Hand des Allerhöchsten war. Am 16. Juni des Jahres 1870 waren es fünfundzwanzig Jahre, daß der heilige Vater die Bürde der dreifachen Krone trug. Pius selbst gab diesem Tage eine besondere Weihe, durch ein Rundschreiben, worin er der Christenheit dieses Jubiläum ankündigte, allen Gläubigen einen vollkommenen Ablass verlieh und sie zum inbrünstigen Gebet aufforderte. „Der Aufforderung des heiligen Vaters“, schreibt das Piusbuch, „entsprach die ganze katholische Welt. Schon längst hatte man in Italien und Deutschland, im Morgen- und Abendland, diesseits und jenseits des Weltmeeres das Fest vorbereitet; es ward in der Tat zu einem Familienfest der katholischen Kirche, welches die treuen Kinder mit dem viel geliebten Vater an dem bedeutsamen Tage des Herz-Jesu-Festes begingen; von allen Seiten kamen die Glückwünsche nach Rom, die reichsten Geschenke wurden dem Papst dargebracht. Abgesandte verschiedener Nationen eilten nach Rom. Von allen Ländern Europas, aus Asien, Afrika und Amerika trafen Glückwunsch-Telegramme ein. Die Römer aber gingen mit wahrhaft katholischer Begeisterung voraus. Trotz der Piemontesen, die sich Roms bemächtigt und ihre Wachen vor den Toren des Vatikans aufgestellt hatten, feierten Geistlichkeit und Volk, Fürsten und Bürger, Reiche und Arme, Beamte und Soldaten, Künstler und Handwerker, Männer und Frauen, Greise und Kinder das Fest.“…

Der Erdkreis hatte gejubelt, als Pius die Jahre des heiligen Petrus erreicht hatte. Der Papst selbst hatte sich gefreut und in der Liebe seiner Kinder einen süßen Trost gefunden.
Das war sein Palmsonntag. Seine Feinde aber sorgten auch für den Karfreitag…

Opferwillige Hingabe an den Papst

Im Jahre 1827 zum Bischof geweiht, waren es im Jahr 1877 fünfzig Jahre geworden, daß Pius der bischöflichen Würde teilhaftig wurde. „Noch ist in unser aller Gedächtnis“, schreibt ein neuerer Schriftsteller, „die wunderbare Großartigkeit jener Begeisterung, mit welcher der gesamte katholische Erdkreis, von den entferntesten Missionsstationen Norwegens und Nordamerikas bis nach Japan und Australien, von den weiten Gegenden des Morgenlandes bis zu den Weltgestaden der Neuen Welt im Frühling des Jahres 1877 das fünfzigjährige Bischofsjubiläum des heiligen Vaters begangen hat. Die Zahl der Pilger, die an jenen Festtagen Rom besuchten, betrug über eine Million. Die kostbarsten Gaben aller Art wurden im Wert auf acht bis zehn Millionen geschätzt. Aber mehr noch als diese bezeugten die zahllosen Kommunionen, die glühenden Gebete, die strahlenden Feste, wie innig und warm die katholische Christenheit an Pius hing.“ Die gesamte Christenheit hat sich zur opferfreudigsten Hingebung für den heiligen Vater empor geschwungen. Ihm brachten jung und alt, vornehm und gering mit heiligem Wetteifer die Gaben der reichsten Liebe dar. „Ihn zu sehen, seine Stimme zu hören, seinen Segen zu empfangen, war die Sehnsucht von Millionen, vor ihm gekniet zu sein, seine Hand geküßt zu haben, die süßeste Erinnerung zahlloser Gläubigen, die über Berge und Meere und aus den entlegensten Gegenden kamen, angelockt durch den heiligen Zauber, mit welchem der greise Gefangene eine Welt zu seinen Füßen zu sammeln vermochte.“ Dieser Zauber lag zum Teil in der gewinnenden Erscheinung des Papstes und seiner Leutseligkeit. Aber er lag noch mehr in etwas Höherem, nämlich in der lebendigen Überzeugung, daß Pius den Geist Gottes in hohem Grade besitze, auf daß er weit hinaus leuchte in die sturmbewegte Welt.

Papst Pius IX. liegt im Sterben

Dieses war also das große Fest, aber auch die letzte Huldigung für den heiligen Vater. Er konnte nur noch eines erreichen: die Regierungsjahre des heiligen Petrus im allgemeinen. Petrus hat sieben Jahre im Morgenland und fünfundzwanzig in Rom regiert. Das sind zweiunddreißig Jahre Regierungsjahre. Pius hatte bereits das einunddreißigste erreicht. Man dachte bereits, er werde auch diese Jahre des heiligen Petrus noch erleben. Aber es war anders im Rat der Vorsehung bestimmt. Das Maß der Leiden auf Erden sollte für den heiligen Vater bald voll werden. Es nahte die Stunde der Auflösung, jene Stunde, in welcher der Edle heim gehen sollte zu seinem Herrn und Gott, dessen Sache er auf der Welt so treu verteidigte.

„Pius liegt im Sterben!“ Dieser Ruf scholl plötzlich durch die Welt. Während die Feinde des Papstes sein Ende herbei wünschten, beteten die Gläubigen um die Verlängerung des teuren Lebens. Zu Anfang Dezember des Jahres 1877 verschlimmerte sich der körperliche Zustand des heiligen Vaters so, daß der Kardinalvikar von Rom öffentliche Gebete anordnete. Der König von Italien, Viktor Emanuel, hielt bereits im Quirinal einen Ministerrat, um sich zu entscheiden, was man im Fall des Ablebens des Papstes tun soll. Auch die Gesandten der einzelnen Regierungen hatten sich Verhaltungs-Maßregeln für den voraussichtlichen Sterbefall erholt. Wie ganz anders kam es? Pius sollte noch ein denkwürdiges Ereignis erleben, an dessen Möglichkeit niemand dachte. Es kam der 8. Dezember, das Fest der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter Maria. Gerade dieser Tag hatte eine Wendung zum Besseren im Befinden des Papstes eingeleitet. Pius begann wieder die gewöhnlichen Arbeiten, feierte das heilige Weihnachtsfest und hielt nach demselben zwei Beratungen, in welchen mehreren Bischöfen der Kirche der Kardinalshut verliehen und erledigte bischöfliche Sitze besetzt wurden.

Am Neujahrstag konnte Pius noch die üblichen Glückwünsche entgegen nehmen. Am Fest Mariä Lichtmess erscheinen seit unvordenklichen Zeiten die Ordensgenerale, die Pfarrer der Stadt Rom und die Vorsteher der Bruderschaften vor dem heiligen Vater. Wider aller Erwarten befand sich Pius an diesem Festtag so wohl, daß er die genannten Priester feierlich empfangen konnte. Nicht infolge der Anstrengung am Fest Mariä Lichtmess, sondern infolge des hohen Alters trat aber am 6. Februar des genannten Jahres bei dem Papst eine übergroße Schwäche ein, die so zunahm, daß Pius nicht mehr säumte, am Vormittag des 7. Februar die heiligen Sterbesakramente zu empfangen. Von jetzt an machte die Schwäche solche Fortschritte, daß die Kardinäle sich versammelten und einer derselben die Sterbegebete begann. Kaum hatte dieser die Worte gesprochen: „Scheide hin, christliche Seele!“ als Pius mit schwacher Stimme beifügte: „Ja, scheide hin!“ Das sind die letzten Worte, die der Papst gesprochen hat. Bald hernach brach sein Auge und das große Herz hörte auf zu schlagen. Eben gaben die Abendglocken Roms das Zeichen zum „Engel des Herrn“. Pius war eingegangen in eine bessere Welt, um von seinem Schöpfer, dem er treu gedient hatte im Leben, den Lohn seiner guten Werke zu empfangen, er war eingegangen zur ewigen Ruhe seines Gottes. –
aus: Chrysostomus Stangl, kath. Weltpriester, Die Statthalter Jesu Christi auf Erden, 1907, S. 727 – S. 743

 

Großartig gestaltete sich die 1800jährige Feier des Martertodes der heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus im Jahre 1867… Die über aller Erwarten großartige Teilnahme der Gläubigen erfreute das Herz des edlen Papstes so sehr, daß er mit bewegter Stimme ausrief: „Am Abend meines Lebens wird mir so viel Süßes und Freudiges zuteil, daß ich fast fürchten muss, es werde beim Richterstuhl Gottes heißen: Du hast deinen Lohn dahin.“ Am 2. Februar 1877 gab er noch die gewöhnliche große Audienz, zu welcher die Pfarrer und Ordensvorstände Roms dem Hl. Vater Kerzen darbringen. Fünf Tage hernach, am 7. Februar, hauchte der edle Dulder und große Papst still und ruhig seine Seele aus, eben als es auf der Peterskirche zum Angelus (…) läutete. Er hatte das Alter von 86 Jahren erreicht und war 31 Jahre, 7 Monate und 22 Tage Papst. –
aus: Andreas Hamerle C.Ss.R., Geschichte der Päpste, III. Band, 1907, S. 622

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