Marias Leben alle Kirchen erleuchtet

Die Geburt der heiligen Jungfrau Maria, deren Leben alle Kirchen erleuchtet

Und noch einmal erhebt die Kirche ihre Stimme, und noch einmal ruft sie uns alle auf, diesen Tag festlich zu begehen. Gute Kinder denken am Geburtstag der geliebten Eltern an das ganze bisherige Leben derselben und denken, was die Eltern bisher für sie gearbeitet, verdient, besorgt und gelitten haben, und erfreuen sich im Herzen über diese Liebe und Güte des Vaters und der Mutter. Desgleichen denkt auch die Kirche am Tage der Geburt der Gottesmutter an das ganze Leben derselben und was dieses Leben ihr Gutes gebracht. Schon am Vorabend des Festes in der Vesper spricht sie zu uns: Heute ist die Geburt der heiligen Jungfrau Mariä, „deren Leben alle Kirchen erleuchtet.“ Das hat Maria namentlich durch das Beispiel ihrer erhabenen Tugenden getan, weswegen sie St. Bernhard mit einem Stern vergleicht, der hell hinein leuchtet in das Dunkel der Nacht. Er sagt: „Maria ist jener edle Stern, der aus Jakob aufgegangen ist, dessen Schein den ganzen Erdkreis erhellt, dessen Glanz in der Höhe des Himmels hervor strahlt, die Hölle durchdringt, die Länder der Erde beleuchtet und die Geister mehr als die Leiber erwärmt, Tugenden weckt und die Laster versengt. Sie ist jener helle Stern erster Größe, der über diesem großen und weiten Weltmeer erhoben ward, funkelnd von Verdiensten, Licht spendend durch ihre Beispiele.“

Daran denkt die heilige Kirche, indem sie diese Worte des Gott erleuchteten Lehrers während der Oktav des Festes Mariä Geburt, an ihrem Namenstag, zur Lesung vorlegt. Und sie denkt, wie ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder, das Leben des christlichen Gebetes, das Leben des Glaubens, der Tugenden, des Kampfes und das ganze gesellschaftliche Leben des christlichen Volkes durch die heilige Gottesmutter stets frische Kraft erhält und vor Verfall bewahrt. Oder ist es nicht so?

„Was ist es denn, das den feierlichen und erhabenen Gottesdienst zugleich so heimlich und anmutig macht, und das Feuer, das um den Thron Gottes lodert, wie mit Frühlingsluft durchweht? Das ist die Marienverehrung, die ihre Feste über das ganze Kirchenjahr ausdehnt, und an allen Geheimnissen der Religion die uns zugängliche und ansprechende menschliche Seite hervor kehrt; das ist die Anrufung der hohen und lieben Frau, die Gottes und der Menschen Mutter ist, unsere menschliche Mittlerin bei unserem göttlichen Mittler, unsere Fürsprecherin bei unserem Richter und Herrn.

Wie das Gebetsleben, so wird auch das Glaubensleben der Kirche immer wach und rege und unverletzt erhalten durch den Einfluß Mariä. Nicht umsonst preist die Kirche die Jungfrau Maria in einem schon alten Lobspruch, daß sie „alle Ketzereien unterdrückt habe in der ganzen Welt“. Hangen doch die zwei Angelpunkte der ganzen christlichen Lehre, die göttliche und die menschliche Natur Jesu Christi unzertrennlich zusammen mit der jungfräulichen Mutterschaft und fruchtbaren Jungfrauschaft Mariä. Weil aber in der Heilswahrheit auch alle Heiligungskraft des Christentums liegt, so ist es wiederum Maria, welche diese Heiligungskraft in Bewegung und Wirkung setzt und allezeit als die Königin der Heiligen von einem Gefolge von Heiligen umgeben wird. Kennen wir wohl Heilige aus alter oder neuer Zeit, in deren Tugend-Leben nicht die Einwirkung der heiligsten Gottesmutter sich nachwiese? Was insbesondere jene hohe Gesinnung und reine Sitte der Jungfräulichkeit, welche das Christentum kennzeichnet und wie Frühlingsduft durchwürzt, wo nicht erzeugt, doch verbreitet und erhält, ist es nicht die Anziehungskraft jener Jungfrau, die rein genug war, um den Eingeborenen Gottes in ihren Schoß zu ziehen, und großmütig genug, um die jungfräuliche Unversehrtheit aus Liebe Gottes sogar der ohne solche gedachten Gottesmutterschaft vorzuziehen; demütig genug, um auch als des Herrn Mutter stets seine Dienstmagd zu bleiben, und aufrichtig genug, um auch als seine geringe Magd die großen Dinge, die Er ihr getan, zu bekennen.

Und der große Kampf, den die Kirche mit dem Bösen und seinem Anhang um alle ihre himmlischen Güter zu führen hat, so lange sie durch diese Zeit geht, wird er nicht in allen seinen Hauptwendungen zu ihren Gunsten entschieden durch das starke Weib, die dem Drachen den Kopf zertritt und von ihm angegeifert wird, die durch den Widerspruch der Welt gegen den Heiland ihr Herz durchstochen fühlt, und die Ihm dennoch seinen Sieg durch alle Geschlechter besingt über die erniedrigtenStolzen und die gestürzten Mächtigen.

Ja, nicht allein die Kirche im engeren Sinn, sondern auch die christliche Gesellschaft erfährt beständig diesen Frühlingshauch, diesen erneuenden Einfluß Mariä. Was anders als dieser Einfluß ist es, das die christliche Welt von der jüdischen Starrheit und heidnischen Härte erlöst, mit Milde und Liebe durchdrungen hat? Was hat die Frauen von der Schmach und dem Joch befreit, so selbst in der jüdischen und noch viel mehr in der heidnischen Welt auf ihnen lastete und lastet? Nur die Würde und Hoheit jener Jungfrau, welche die Schande Evas auslöscht, den Trotz Adams brach, beide vom Sturz aufrichtete und einander ebenbürtig machte. Was hat das neugeborene Kind von der Verwerfung errettet, in Frieden gesichert, mit Liebe umhegt am elterlichen Herd? Nur die Macht jener Mutter, die Gott zum Sohn hatte und alle Menschenkinder zu Kindern Gottes machte. Was hat endlich die Menschen auch der verschiedensten Völker und Länder, die wie wilde Tiere einander verfolgten, in gegenseitiger Liebe und Achtung verbunden und zu einer große Familie vereinigt? Nach der Vaterschaft Gottes und der Brüderschaft Christi hat nichts dies mehr bewirkt als die allgemeine Mutterschaft Mariä, als das Bewusstsein aller christlichen Völker auf Erden, im Himmel eine gemeinsame Mutter zu haben, die sie alle unter ihren Muttermantel faßt. Alle diese religiösen und sozialen Güter und Wohltaten, sind es nicht lauter frische unverwelkliche Blüten, womit die jungfräuliche Gottesmutter und allmütterliche Himmelskönigin, dieser lebendige Frühling der göttlichen Gnade, die arme Menschheit beglückt?“ (Bischof Laurent, Marienpredigten)

Siehst du jetzt, was die Christenheit, was auch du der Gottesmutter Alles verdankst, und wie viele Ursachen wir haben, uns über ihre Geburt zu erfreuen?

Diese Ursachen haben alle Tage ihre Gültigkeit; du brauchst also nicht erst auf den 8. September zu warten, um deine Freude und Andacht und deinen Dank gegen Gott wegen der glorreichen Geburt Mariä zu bezeigen; du kannst es an jedem Tag auch heute und jetzt tun, und der Lohn dafür wird dir heute ebenso werden wie zu Mariä Geburt. Auf diesen Lohn macht uns die Kirche ausdrücklich aufmerksam; sie will, er soll uns ein letzter Grund und Antrieb sein, die Geburt der Gottesmutter in aller Andacht zu begehen. –
aus: Franz Ser. Hattler SJ, Christkatholisches Hausbrod für Jedermann, der gut leben und fröhlich sterben will., II. Band, VI. Teil, 1892, S. 43 – S. 45

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