Humanität im christlichen Mantel

V. Die Humanität in „christlichem“ Mantel

Seit dem Jahre 1738, als der damalige Kronprinz und nachherige König Friedrich II. von Preußen zu Braunschweig in die Freimaurerei aufgenommen worden war, fand die Brüderschaft der Humanität im Großen und Ganzen bei den Hohenzollern unausgesetzt ausgiebigen Schutz gegen Gefahren von Innen und Außen. So konnte der Br.-. Redner in der Loge zu Görlitz (Preußische Lausitz) am Königsfest, 22. März 1872, seinen Vortrag in die beiden Punkte einteilen: 1. „daß die Maurerei ihre Einführung und Verbreitung in Deutschland recht eigentlich den Hohenzollern verdankt“; 2. „daß die sämtlichen Brüder aus diesem Fürstengeschlecht, und unter ihnen namentlich die Regenten, wahre und echte Maurer gewesen sind.“ (1)

Aber es fehlte auch in Deutschland nicht an Versuchen, die Humanität auf dem politischen Gebiet praktisch zu machen und eine durchgreifende Revolution nicht nur jenseits, sondern auch diesseits des Rheins vorzubereiten. Sehr tätig für diesen Zweck war J. A. Weishaupt, Professor in Ingolstadt, und die von ihm 1776 gestifteten und über ganz Deutschland ausgebreiteten Illuminaten. Letztes Ziel dieses Geheimordens war die antitheistische Humanität auf kirchlichem, staatlichem und gesellschaftlichem Gebiet durchzuführen; bei der absoluten Unabhängigkeit des Menschen wurde natürlich nach Erlaubtheit oder Unerlaubtheit der Mittel gar nicht gefragt. (2). Der Wilhelmsbader Kongress der deutschen Logen (1781) anerkannte den Illuminatenorden als Angehörigen der Freimaurerei. Weil jedoch die geistige Verderbnis in Deutschland noch zu wenig fortgeschritten war, so erregten die weitgehenden Pläne der Geheimen gerechtes Aufsehen. Selbst Friedrich II. nahm wahr, daß seine „Mitbrüder“ nicht nur mit ihm an Niederwerfung des positiven Christentums, sondern auch hinter ihm am Umsturz der staatlichen Ordnung arbeiteten; er trug daher durch seine Mitteilungen am bayerischen Hof wesentlich zur Unterdrückung des Illuminatentums bei. Deshalb klagt der Revolutions- und Logenmann Mirabeau in seiner „Geschichte der preußischen Monarchie“: „Es ist Schade, daß Friedrich II. seinen Eifer (für die Loge) nicht soweit trieb, Großmeister aller deutschen, oder wenigstens aller preußischen Logen zu werden: seine Macht hätte hierdurch einen beträchtlichen Zuwachs gewonnen . . ., und viele militärische Unternehmungen hätten einen ganz anderen Gang genommen, wenn er sich niemals mit den Häuptern dieser Verbindung überworfen hätte.“ (3)

Jedoch blieben die Beziehungen zwischen beiden Teilen immer freundlich, und selbst in den gefährlichsten Augenblicken zeigte sich immer ein Helfer in hohen Kreisen, welcher vom Geheimbund den Schlag abwehrte. Insbesondere haben die „Brüder“’ nach außen als national-liberale Partei Ungewöhnliches zur Vergrößerung Preußens geleistet. Gerade weil man diese innige Verwandtschaft der rührigen Partei übersieht, kommt ihr Benehmen der profanen Welt national servil vor. Sie schieben und werden geschoben; sie scheinen zu dienen, und dienen am Ende doch nicht, sondern lassen sich bedienen.

(1) Leipziger „Freimaurer-Zeitung,“ 1872, N. 16 vom 13. Apr.

(2) S. Freiburger Kirchen-Lex., u. d. W. Der fleißig gearbeitete Artikel hätte mehr Einheit gewonnen, wenn der Verfasser den hier aufgestellten Fundamentalzweck zum Ausgangspunkt gewählt hätte. — Im J. 1785 gab der Illuminate Cosaudry bei der gerichtlichen Untersuchung zu Protokoll: „Pflicht ist alles, was dem Orden Vorteil bringt, das Gegenteil ist Laster und schwarze Verräterei. Der Zweck heiligt die Mittel. Alle Schandtaten, Verleumdungen, Giftmischereien, Totschläge, Verrätereien, Empörungen u. dergl. sind erlaubt, wenn sie zum Zweck führen.“ — S. Dr. Scheeben, Period. Bl. 1873, S. 166.

(3) Mirabeau, histoire de la monarchie prussienne, 1788, tome III.
S. A. Neut, la Franc-Maçonnerie soumise .…. Gand, 1866, 67, tome II.,
p. 246, ‘note.

Diese innige Vereinigung zwischen der Loge und der preußischen Politik wurde vorzüglich durch Feßler befördert. Nachdem derselbe, ein apostasierter Ordensmann, den Kaiser Joseph II. zur Verfolgung der katholischen Kirche aufgehetzt hatte, kam er nach Preußen und wurde daselbst später mit einer Reform der Logen beauftragt. Im Jahre 1796 hatte er bereits eine „Humanitäts-Gesellschaft“ gegründet und sollte nun mit dem Philosophen und Br.-. Fichte die Statuten der Berliner Groß-Loge „Royal York“ verbessern. Sein „Evergetenbund‘“ missglückte, nachdem er ihn 1792 in Schlesien gestiftet hatte, schon nach sechs Jahren 1798 durch Auflösung. (4)

Feßler war überhaupt sehr tätig für Ausbreitung der Humanität, welche den christlichen Glauben verdrängen und ersetzen sollte. (3) Er war die Seele jenes nächtlichen Bundes, welcher zu diesem Zweck in der Nacht vom 31. Dez. 1800 auf den 1. Jan. 1801, „an des Jahrhunderts Wende ‘‘, zu dem genannten Zweck geschmiedet worden war. Feßlers Logen-Reform wurde am 13. Sept. 1801 vollzogen, und Br… Klein, Rektor der Universität Halle, später geheimer Obertribunalrat und tätiger Mitarbeiter für die Gesetzgebung in Berlin, als Großmeister begrüßt. Sein und Feßlers Einfluss reichten weit über Preußens Grenzen hinaus, bis nach S. Petersburg und in das Herz von Russland. Nicht leicht hat ein Freimaurer das tiefste Wesen des geheimen Ordens so gründlich erfaßt und aus dem umhüllenden Kerne des farbenreichen Formelwesens so richtig herausgeschält, als der apostasierte Kapuziner aus Wien. Was Fichte philosophierte, Krause entwickelte (1), und später Hegel in Berlin unter größtem Beifall als die Spitze der Wissenschaft vortrug, das war von Feßler längst als Grundlage des Maurertums erkannt, und der Logen-Reform zu Grunde gelegt worden: — die göttliche Menschheit ohne und gegen den persönlichen Gott.

(1) Über den Einfluss der Loge auf den Gang des siebenjährigen Krieges s. Hist.-polit. Blätter, B. 16, S. 473 ff.; 29, 577 ff. —
Über ihren Einfluss auf die Wahlen ebenda s. B. 50, S. 427 ffff.

(2) Die Statuten dieser humanistischen Verbindung wurden von Feßler (Freiburg 1804) veröffentlicht.

(3) Ignaz Aurel Feßler, geb. zu Preßburg 1756, Sohn eines verabschiedeten Wachtmeisters und Gastwirts, ward 1773 zu Mödling Kapuziner, 1781 in das Kloster zu Wien versetzt. Von seiner Haftzelle aus, wo er ein größeres Vergehen büßte, wußte er einen Brief an Joseph II. gelangen zu lassen. Der Kaiser interessierte sich für den Mann, machte ihn 1783 zum Lektor und (nach seiner Beförderung zum Dr. theologiae) zum Prof. der Hermeneutik und orientalischen Philologie an der Universität zu Lemberg. Zu gleicher Zeit erhielt der Mann seine Entlassung aus dem Kapuziner-Orden, wurde Freimaurer und flüchtete, wegen seines irreligiösen Trauerspiels „Sidney“ nach Schlesien, wurde 1791 protestantisch und heiratete bald darauf, zog nach Berlin, erhielt ein Gehalt als Konsulent für die katholischen (!) Angelegenheiten der polnischen Provinzen, arbeitete aber besonders für die Freimaurerei und deren atheistischen Humanismus.

Im J. 1809 wurde er, zum Zwecke der maurerischen Propaganda, Prof. der Philosophie in S. Petersburg, musste jedoch, von einem griechischen Priester des Atheismus beschuldigt, diese Stelle aufgeben und wurde Korrespondent bei der Gesetzkommission, 1820 Superintendent zu Saratow (don. Kosaken) und sogar Bischof, 1834 Kirchenrat zu S. Petersburg, wo er starb. Außer seinen Logenschriften arbeitete er für maurerische Ideen in vielen Schriften, von welchen wir anführen: Mark Aurel, Bresl. 1790—92, 3 Bde., 3. A. das. 1799, 4 Bde.; Aristides und Themistokles, Berl. 1792, 3. A. das. 1818; Matth. Corvinus, Bresl. 1793, 3 Bde., 2. A. 1806; Attila, das. 1794, Eunomia, Zeitschr., Berl. 1801—5; Schriften über Freimaurerei, das. 1801—7, 3 Bde.; Gesch. der span. Nation, das. 1810, 2 Bde.; Gesch. der Ungarn, Leipz. 1812—25, 10 Teile; Christl. Reden, Riga, 1822, 2 Bde.; Liturgisches Handb., das. 1823; eine Autobiographie als „Rückblick auf meine 70jähr. Pilgerschaft“, Bresl. 1824. — Über seinen Streit mit Br.-. J. G. Fichte bezüglich des Logenwesens s. „Allgemeines Handb. der Freim.“ u. d. W. Fichte.

(4) Über sein philosophisches System, den Panentheismus, s. Stöckl, Gesch. der Philos., S. 772 ff.

Allerdings zogen im Anfang dieses Jahrhunderts die Siege Napoleons auch über Preußen und Österreich die Augen aller zu sehr auf sich, als daß man sich viel um das humanistische Ideal bekümmert hätte. Aber die Apostel dieser Idee wußten der Zeit Rechnung zu tragen und ihren Gedanken, welcher bis zum heutigen Tage herrschend geblieben ist, je nach der Lage umzukleiden und in der Mode zu bewahren.

Sogar im Tugendbund von 1806 und 1807 ist derselbe unschwer zu erkennen. Zur Zeit der tiefsten Erniedrigung Deutschlands traten preußische Patrioten, welche größten Teils auch der Loge angehörten (1) unter ihnen Freiherr von Stein, Scharnhorst , Schill, Fichte, Jahn, Arndt, Niebuhr, zusammen, um durch Wort, Schrift und Beispiel in Preußen und ganz Deutschland „christlich-deutsche Begeisterung“, Vaterlandsliebe und Gemeingeist zu wecken, das Vaterland zu regenerieren und so vom fremden Joch zu befreien. Als Mittel hierzu galten: Hebung des Selbständigkeitsgefühls im deutschen Volk, Aufhebung der Hörigkeit und Erbuntertänigkeit, der Adelsvorrechte, eine freiheitliche Verfassung im liberalen Sinne, Emanzipation des Bauernstandes.

Kurz, wir haben im Tugendbund einfach eine Verquickung der Logen-Humanität mit dem freiheitlichen Patriotismus und der Loyalität zum Zweck der patriotischen Erhebung Deutschlands. Daß wir aber keine Gespenster sehen, ist daraus klar, daß man auch an eine religiöse Einigung Deutschlands auf der nämlichen humanistischen Grundlage dachte, und die Philosophie, Philologie und Naturwissenschaft als die wahre Dreieinigkeit der werdenden deutschen Nationalkirche begrüßte. So sollte wieder einmal das Christentum Unglaube und der Unglaube Christentum werden, alles zu Ehren des Vaterlands. Denn der Patriotismus ist zu allem nütze.

(1) Sicher waren Freimaurer: von Stein, Scharnhorst, (aufgenommen in der großen Landesloge zu Berlin), Fichte, Turnvater Jahn, Staatsrat Justus Gruner.

Aber gerade dieser nationale Patriotismus schien der Maurerei Anfangs ein Verstoß gegen ihren kosmopolitischen Charakter. Kein Wunder , daß kurzsichtigere Brüder in den Provinzen erst von Berlin aus näher aufgeklärt werden mussten. Der Professor Krug (Wesen und Wirken des sog. Tugendbundes, Lpz., 1816, S. 22) sagt: „Freimaurer zeigten anfangs viel Widerwillen gegen den Verein, weil sie ihn bei seinem Entstehen für einen dem ihrigen ähnlichen Orden hielten; allein sie kamen bald von dieser Ansicht zurück. Es nahmen daher auch viele Maurer am Verein wirksamen Anteil“, d. h. nachdem sie innerhalb des Ordens die Weisung zum Eintritt bekommen hatten. –
aus: Georg Michael Pachtler SJ, Der Götze der Humanität, 1875, S. 140 – S. 145

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