Erste Gerichtsverhandlung bei Kaiphas

Das Leben und Leiden und der Tod am Kreuz, das kostbarste Blut Jesu am Kreuz vergossen; Jesus hängt, halb nackt und mit einer Dornenkrone "geschmückt", mit ausgebreiteten Armen am Kreuz, geschunden durch die Marter der Geißelung und der Wunden, und verspottet

Das Leben und Leiden und der Tod Jesu

Die erste Gerichtsverhandlung bei Kaiphas

Joh. 18,12. Die Wache aber, der Oberhauptmann und die Diener der Juden ergriffen Jesum und banden ihn. – 13. Und sie führten ihn zuerst zu Annas; denn er war der Schwiegervater des Kaiphas, welcher in diesem Jahr Hoherpriester war. – 14. Es war aber Kaiphas derjenige, welcher den Juden den Rat gegeben hatte: Es ist gut, wenn ein Mensch für das Volk stirbt. – 19. Der Hohepriester aber fragte Jesum über seine Jünger und über seine Lehre. – 20. Jesus antwortete ihm. „Ich habe öffentlich vor der Welt geredet, ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammen kommen, und ich habe nichts im Verborgenen geredet. – 21. Was fragst du mich? Frage diejenigen, welche gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe: siehe, diese wissen, was ich gesagt habe.“ – 22. Als er dieses gesagt hatte, gab einer von den Dienern, der dabei stand, Jesu einen Backenstreich und sprach: „Antwortest du so dem Hohenpriester?“ – 23. Jesus antwortete: „Habe ich unrecht geredet, so beweise, daß es unrecht sei; habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich?“ – 24. Und Annas schickte ihn gebunden zum Hohenpriester Kaiphas.

Luk. 22,54. Die Soldaten und Priester aber ergriffen und führten Jesum in das Haus des Hohenpriesters.

siehe auch:

Matth. 26,57 – 26,66

Mark. 14,53 – 14,64

Der Heiland wurde nun, wahrscheinlich auf demselben Weg, den er zum Ölberg eingeschlagen hatte, in die Stadt gebracht und zuerst bei Annas vorgestellt (Joh. 18,13), weil er der Schwiegervater des Kaiphas und ein angesehener Mann war (Ag. 4,6)… Der Hohe Rat war durch alle Stände, die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und Ältesten, vertreten (Matth. 26,57; Mark. 14,53). Ob er der Zahl der Mitglieder nach auch ganz vertreten war, ist ungewiß. Es heißt, alle hätten den Heiland in dieser Sitzung verdammt (Mark. 14,64). Wie es scheint, waren also die Freunde Jesu, Nikodemus und Joseph, nicht anwesend vielleicht gar nicht geladen. Eine solche Gerichtssitzung des Synedriums bot folgenden Anblick. Die Mitglieder sitzen im Halbkreis, so daß sie sich gegenseitig sehen können. Vor ihnen haben zwei Schreiber Platz genommen, einer links, der andere rechts, um die Reden für und gegen den Angeklagten niederzuschreiben. Vor denselben sitzen in drei Reihen die Schriftgelehrten. Der Angeklagte erscheint in Trauerkleidern. Zur Abstimmung steht jeder auf; das jüngste Mitglied stimmt zuerst. –
Die ganze Verhandlung spielte sich in drei Hauptzügen ab.

Das persönliche Verhör Jesu durch den Hohenpriester

Die Verhandlung begann gleich mit einer Umgehung der gebräuchlichen Gerichtsform. Statt dem Heiland einen Verteidiger zu geben und zu seinen Gunsten Aufnahmen vorzunehmen und die Anklage bestimmt zu fassen und durch Zeugen erhärten zu lassen, fing der Hohepriester zunächst, wahrscheinlich aus Verlegenheit, mit einem Verhör des Heilandes über seine Lehre und seine Jünger an. Der Heiland selbst sollte sich aussprechen über seine Lehre und seine Jünger (Joh. 18,19). – Das war nun vor allem ein überflüssiges Verhör, denn die Verurteilung Jesu war ausgemachte Sache; es war ferner sehr ungerecht, weil kein Angeklagter sich selbst anklagen muss; endlich sehr arglistig, weil man in seinen Antworten nur etwas gegen ihn zu finden hoffte.

Über die Jünger sagt der Heiland nichts, weil er sie stets schont; bezüglich seiner Lehre antwortete er, er habe stets öffentlich gelehrt und und nicht im geheimen; der Hohepriester möge deswegen diejenigen fragen, die ihn gehört (ebd. 18,20 u.21). Die Antwort war sehr demütig, denn sie erkannte die Gerichtsbarkeit des Hohenpriesters an; sie war auch sehr gerecht, weil kein Gerichtsverfahren den Angeklagten zwingt, sich selbst anzuklagen; sie war endlich sehr weise und ruhig, weil niemand erwarten kann, der Angeklagte werde so über sich aussagen, daß man ihn anklagen kann, und weil die Antwort in schonendster Weise Zeugenverhör forderte.

Auf diese Antwort gab ein Soldat, wahrscheinlich aus Augendienerei und ermutigt durch die Unzufriedenheit und Gereiztheit, welche die Antwort bei dem Hohenpriester erweckt hatte, dem Heiland einen Faustschlag ins Antlitz mit den Worten: „So antwortest du dem Hohenpriester?“ (ebd. 18,22) Die Schwere dieser Mißhandlung wird einigermaßen klar, wenn man erwägt, worin sie bestand: wir würden es eine öffentliche Ohrfeige nennen, also Schmach und Schmerz zugleich; dann, wenn man bedenkt, wer es war, dem solches zugefügt wurde; von wem? Von einem gemeinen Menschen; vor wem und wo? In öffentlicher Ratssitzung und vor dem ganzen Rat; und warum? Wegen der gerechtesten und sanftmütigsten Antwort. Gewiß war es traurig und schmerzlich zu sehen, wie die gefesselte Gestalt des Herrn bei dem gewaltigen Schlag wankte, und wie vielleicht Blut aus dem Mund schoß, und wie der ganze Hohe Rat zu dem gemeinen Streich seinen Beifall gab und hohnlachte.

Der Heiland wandte sich nun ganz gelassen zu dem Menschen und sagte: „Wenn ich nicht recht geredet habe, so beweise es; habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich?“ (Joh. 18,23) Der Heiland weist die Mißhandlung als eine ungerechte ab, um den Vorwurf der Unehrerbietigkeit gegen den Hohenpriester nicht auf sich ruhen zu lassen; ferner um uns durch sein Beispiel zu belehren, daß eine Verteidigung in den rechten Schranken statthaft ist; und endlich, um auf bescheidene Weise zu sagen, daß er auf dem Zeugenverhör bestehe. So musste denn der Hohe Rat die Zeugen vernehmen.

Das Verhör der Zeugen

Die Hohenpriester und der Rat mussten nun zum Zeugenverhör schreiten; denn zwei Zeugen wenigstens, die genau übereinstimmten, waren vom Gesetz erfordert (Num. 35,30; Deut. 17,6; 19,15). Sie hatten sich auch schon um Zeugen umgesehen, und zwar um falsche (Matth. 26,59; Mark. 14,55); der Tod Jesu war ja beschlossene Sache. So kamen denn nun gedungene Belastungszeugen und viele. Es ist nicht gesagt, was sie alles gegen den Heiland bezeugten. Was sie aber aussagten, war falsch, boshaft, verdreht oder erfunden. Da man jedoch nach üblichem Rechtsverfahren die Zeugen einzeln verhörte, war der Erfolg ein kläglicher. Die Aussagen stimmten selbst dem Wesentlichen nach nicht und konnten zu nichts gebraucht werden (Matth. 26,60; Mark. 14, 56 u. 59). Zuletzt traten zwei Zeugen auf, die aussagten, er habe verächtlich vom Tempel geredet, er werde den Tempel zerstören und in drei Tagen einen anderen, aber nicht von Menschenhänden, herstellen (Matth. 26,61; Mark. 14,57 u. 58). Es sollte dieses die Antwort sein, die der Heiland am ersten Osterfest seines öffentlichen Wirkens auf die Frage der Priester gegeben, in welcher Gewalt er es gewagt, den Tempel zu reinigen (Joh. 2,19). Auch dieses Zeugnis war falsch dem Wortlaut und dem Sinn nach. Die Antwort damals lautete: „Löset diesen Tempel“, nicht: „Ich werde ihn lösen“. Dem Sinn nach verstand der Heiland unter dem Tempel aber seinen Leib.

Was tat nun der Heiland gegenüber diesen Zeugnissen? Er schwieg und erwiderte nichts. Auch dann, als der Hohepriester, um ihn zu einem Geständnis zu vermögen, fragte, was er zu sagen habe auf diese Zeugenaussagen, antwortete er kein Wort und schwieg (Matth. 26,62 u. 63; Mark. 14,60 u. 61). Warum antwortete dem der Heiland nichts? Es war so weise und vernünftig; denn jede Antwort und Verteidigung war bei diesem Widerspruch und bei dieser Haltlosigkeit der Zeugenaussagen unnötig (Ps. 26,12) und bei dieser Stimmung des Rates ganz unnütz; endlich war es so starkmütig, selbständig und demütig. Der göttliche Heiland wollte uns damit das Beispiel geben, nicht so bedacht zu sein auf unsere Verteidigung, und wollte genugtun für das, was wir bei dieser Sucht, uns zu verteidigen, fehlen.

Veranlassung zur Beschwörung Jesu durch Kaiphas

Die Veranlassung zur Beschwörung war erstens die peinliche Verlegenheit und Verzweiflung, in welcher der Hohe Rat sich gegenüber den Zeugenaussagen befand. Zweitens blieb nach dem Gerichtsverfahren nichts übrig als der Versuch mit dem Eidschwur. Der Hohepriester fragte deshalb unter der üblichen Form der Forderung des gerichtlichen Eides, bei Gott, ob er der Sohn Gottes, der Messias sei (Matth. 26,63; Mark. 14,61). Vielleicht gab die letzte Anklage Anlass zu dieser Frage, weil der Messias allein in Religions- und Kultussachen Änderungen einführen konnte; vielleicht hatte die Anklage auch unter den Zeugenaussagen eine bedeutende Rolle gespielt; der Heiland selbst hatte sich wiederholt deutlich genug als Messias und Gottessohn ausgegeben, und viele Heilsuchende hatten ihn so genannt; so ließ sich am schnellstens eine Entscheidung herbeiführen, denn schon der Anspruch auf die Messias- oder Prophetenwürde war ihnen eine Gotteslästerung (Deut. 18,20; Lev. 24,16). Deshalb stellte Kaiphas diese Frage und ergriff damit den Kern der ganzen Sache. – Die Form der Frage war ganz amtlich und die feierlichste, die sich finden ließ. Er beschwor den Heiland beim lebendigen Gott, im Namen Gottes, als Hoherpriester und Stellvertreter Gottes und des ganzen Volkes. Der Heiland mußte darauf eine Antwort geben. Stillschweigen wäre eine Verneinung der Frage gewesen. – Die Absicht des Kaiphas bei dieser feierlichen Beschwörung war die möglich schlechteste, nämlich den Heiland einem sicheren Tod zu überliefern, und einen schmach- und qualvollen auf Grund der Gotteslästerung.

Die feierliche und majestätische Antwort Jesu

Auf eine so feierliche Anrufung und Beschwörung gab nun der Heiland auch eine klare, feierliche und majestätische Antwort. Er bejaht die Frage des Kaiphas. „Du hast es gesagt“, oder „Amen“ war die bejahende Antwort beim gerichtlichen Eid (Deut. 27,15). So klar und unumwunden hatte er sich noch nie ausgesprochen vor dem Volk. Jetzt tut er es, und seine Antwort, die nichts an Klarheit zu wünschen übrig läßt, richtet er an den Hohenpriester, an den Hohen Rat, und weil sie eben die Vertreter des Volkes sind, an das ganze Volk und an die ganze Menschheit. – Es geht aber noch weiter. Er bestätigt sein Zeugnis durch die Voraussagung der Glorie, in welcher er sich offenbaren würde als Messias und Sohn Gottes, und er droht ihnen mit dem Gericht, zu dem er erscheinen wird als ihr höchster Richter. „Außerdem“, oder „jedoch (trotz des Zustandes der Erniedrigung, in welchem ich jetzt hier als Angeklagter stehe, und trotz eures Unglaubens) sage ich euch, von nun an (bald) werdet ihr den Menschensohn zur Rechten Gottes sitzen und in den Wolken des Himmels kommen sehen“ (Matth. 26,64; Mark. 14,62). Unverkennbar spielt der Herr hier an die Prophezeiung Daniels an (Dan. 7,13 u. 14; Ps. 109).

Kaum war diese Antwort erfolgt, da erhob sich der Hohepriester und rief: Gotteslästerung! „Er hat Gott gelästert!“ Und um seiner Entrüstung Ausdruck zu geben und die Anwesenden mit gleichem heiligen Zorn zu erfüllen und sie nach sich zu ziehen, zerriß er sein Obergewand vom Hals bis zum Gürtel, wie dies oft geschah bei Anlässen großer Trauer und großen Entsetzens (4. Kön. 18,37; 1. Makk. 11,71; Apg. 14,13). Dann wandte er sich an den Rat und rief: „Habt ihr die Gotteslästerung gehört? Was brauchen wir noch Zeugen? Was scheint euch? Und alle riefen: Er ist des Todes schuldig“; „und ihr Urteil ging dahin, daß er des Todes schuldig sei“ (Matth. 26,65 u. 66; Mark. 14,63 u. 64). Damit war die Untersuchung geendet, der Tatbestand festgestellt, die Schuld auf das Zeugnis des Heilandes selbst als Gotteslästerung zuerkannt, und die Todesstrafe für dieselbe ausgesprochen (Lev. 24,16). Man konnte mit dem Erfolg dieser Nacht zufrieden sein. Für die Entscheidung des Hohen Rates, die am Tag fallen mußte, war nun alles eingeleitet und bereit gestellt.

Diese ganze Verhandlung eine traurige Komödie

Die ganze Verhandlung war eine traurige Komödie an Recht und Gerechtigkeit, eine wahre Ratssitzung der unverschämtesten Bosheit und Heuchelei, eine Versammlung, in welcher Leidenschaft, Verwirrung, Überstürzung, Haß, Rachegelüste, Unglauben und alle bösen Geister der Hölle den Vorsitz führten und die Leitung gaben. Wie weit Neid, Unehrlichkeit und Verblendung es bringen können, davon gibt diese Ratssitzung Zeugnis. Wie ließen diese getretenen Pharisäer und gebrandmarkten Sünder nun ihren lang verhaltenen Groll und ihre Wut an dem Herrn aus, da er in ihrer Gewalt lag? Gebunden, zerrauft und gebeugt steht er da unter ihnen, zu ihren Füßen, ein ohnmächtiges Lamm, ihren Zähnen und Klauen preisgegeben. Und doch überragt er sie um eines Gottes Höhe, und auf dem stürmischen, schwarzen Hintergrund dieser Gerichtsszene leuchtet seine Gestalt in herrlichen Zügen, seine Würde und Ruhe, seine Weisheit und Mäßigung, seine Demut und Sanftmut bei den unerträglichen Unbilden, sein Starkmut und seine Liebe zur Wahrheit und zu uns in dem herrlichen Zeugnis seiner Gottheit. –

Das Zeugnis Jesu war von höchster Wichtigkeit

Es ist dieses Zeugnis von der höchsten Wichtigkeit und Bedeutung, vor allem für die Juden. Sie mussten dieses Zeugnis haben, sonst hätte sich ihr Unglaube immer hinter die weniger deutlichen Aussprüche Jesu über seine Gottheit geflüchtet. Jetzt hatten sie eine Antwort, eine klare, unumwundene, eine so amtliche und feierliche, daß nichts zu wünschen übrig blieb. Mit der Antwort beleuchtet und bestätigt der Heiland dem Wesentlichen nach alle Seiten der Prophezeiungen über den Messias, den Zustand seiner Erniedrigung, seiner Erhöhung und namentlich das Richteramt, das er fast mit den Worten des Propheten Daniel schildert (Dan. 7,13 u. 14). Äußerst wichtig war das Zeugnis auch für den Heiland. Es ist der Inbegriff seiner Lehre, die Erklärung seiner Wunder und das Siegel seiner Heiligkeit, seiner Wahrhaftigkeit, seines Gehorsams und seiner Liebe gegen den Vater, seiner Standhaftigkeit und seines Starkmutes; denn es war nichts Geringes, im gegenwärtigen Zustand seiner Schwäche und seiner Erniedrigung seine Gottheit zu bekennen. Das Zeugnis war endlich von unendlicher Wichtigkeit für die ganze Schöpfung. Der Himmel schlug in Freude und Jubel auf, die Hölle zitterte und bebte und fühlte ihr Gericht in diesen Worten, und die fernsten Zeiten und Enden der Erde fingen an, im schönen Licht dieser heilbringenden Wahrheit sich zu sonnen und zu beleben. Das ist das gute Zeugnis, das der Heiland abgelegt hat. Ihm sei dafür ewiger Dank. –
aus: Moritz Meschler SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi des Sohnes Gottes in Betrachtungen Zweiter Band, 1912, S. 322 – S. 328

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