Die türkische Herrschaft unter Murad II.

Der Untergang des griechischen Reiches (1453) – Teil 1: Die türkische Herrschaft unter Murad II. (1422-1451)

Murad II., der Sohn Mohammeds I., war erst neunzehn Jahre alt, als ihn im Jahre 1421 der Tod seines Vaters auf den Thron rief; nichts desto weniger zeigte er sich sofort als tüchtiger Herrscher…

Gleich nach seine Thronbesteigung hatte Murad II. Kämpfe gegen seinen Oheim Mustapha und seinen Bruder Mustapha zu bestehen, welche ihm die Herrschaft streitig zu machen suchten, und das die durch dieselben erregten Aufstände bei dem byzantinischen Hof Unterstützung gefunden, brach er im Jahre 1422 zur Belagerung von Konstantinopel auf. Ein am 24. August unternommener Sturm wurde zwar mit dem Mut der Verzweiflung abgeschlagen; dennoch würde vielleicht schon damals die letzte Stunde des byzantinischen Reiches geschlagen haben, hätte nicht ein Aufstand in Kleinasien den Griechen Luft gemacht. Während Murad denselben niederschlug, starb Kaiser Manuel (1425), und sein Sohn Johann VII. konnte sich nur dadurch auf dem Thron behaupten, daß er dem zurückgekehrten Murad einen jährlichen Tribut von dreißigtausend Dukaten zusagte und auf alle Städte am Schwarzen Meer und am Strymon zu Gunsten der Türken Verzicht leistete.

Um an den Fürsten des Abendlandes eine Stütze für seinen wankenden Thron zu finden, knüpfte Johann VII. mit dem Papst Eugen IV. Unterhandlungen wegen der Wiedervereinigung der griechischen Kirche mit dem römischen Stuhl an, und im Jahre 1439 kam in der Tat zu Florenz, wohin das Konzil von Ferrara verlegt worden, ein Unionsvertrag zu Stande; aber das mühevolle Werk hatte keine Dauer. Die Gegner der Union hatten nicht versäumt, in Konstantinopel den Fanatismus der Massen wach zu rufen, und daher wurden die von dem Konzil zurückkehrenden Bischöfe mit Hohn und Schmähungen empfangen. Mehrere derselben sagten sich in Folge dessen von den zu Florenz eingegangenen Verpflichtungen wieder los, und nachdem die Patriarchen von Alexandria, Antiochia und Jerusalem über die Union das Anathem ausgesprochen, zeigte sich auch der Kaiser, der anfangs regenEifer für die Durchführung der florentinischen Beschlüsse an den Tag gelegt, lauer ins einen Bemühungen, denselben die allgemeine Anerkennung zu verschaffen, und trat zuletzt selbst von der Union zurück.

Unterdessen hatte Murad II., von den Fürsten der Serben und der Wallachen als seinen Vasallen begleitet, verschiedene erfolgreichen Kreuzzüge gegen Ungarn unternommen, dessen Krone seit Albrechts II. Tod der König Wladislaw von Polen trug, und immer dringender wurde für dieses Land die Gefahr, dem türkischen Reich als Provinz einverleibt zu werden, bis im Jahre 1441 der tapfere Woiwode von Siebenbürgen, Johann Hunyadi, den Oberbefehl in den Städten an der ungarischen Südgrenze erhielt. Mit nur 15000 Mann, die geschworen hatten, zu siegen oder zu sterben, erfocht derselbe 1442 bei Vassag über ein türkisches Heer von 80000 Mann einen glänzenden Sieg. Dieser unerwartete Erfolg, der den gesunkenen Mut der Ungarn neu belebte, bewog den König Wladislaw, der feurigen Aufforderung des Papstes Eugen IV. zur Fortsetzung des Krieges Folge zu leisten, für welche ihm der päpstliche Legat, der Kardinal Julian Cesarini, die Unterstützung eines Kreuzzuges in Aussicht stellte, den Eugen IV. im ganzen Abendland predigen ließ.

Im Sommer zog ein ansehnliches Heer, aus Ungarn, Polen, Serben, Wallachen und deutschen Kreuzfahrern bestehend, unter Wladislaws und Hunyadi`s Führung über die Donau. In der Nacht vom 3. November überraschte Hunyadi die Osmanen bei Nissa und brachte ihnen eine blutige Niederlage bei, worauf die Städte Bulgariens sich den Ungarn anschlossen. Ein zweiter, am Weihnachtstag 1443 bei Kunowiza über die Türken erfochtener Sieg eröffnete dem christlichen Heer die Pässe des Mämus; da jedoch die eingetretene strenge Kälte Krankheiten unter demselben hervor gerufen und es überdies an Lebensmitteln zu fehlen begann, beschlossen die Führer, den Rückzug nach Ungarn anzutreten und den Kampf im folgenden Jahr zu erneuern. Ihre Siegeshoffnungen wurden erhöht durch die von allen Seiten zugesagten Unterstützungen. Der Papst, der Herzog von Burgund, Genua und Venedig versprachen, ihre Flotten nach dem ägäischen Meer und dem Hellespont zu senden, um den Türken die Verbindung zwischen Europa und Asien abzuschneiden. Indessen bewogen die erlittenen Niederlagen dem Sultan, dem König Wladislaw Friedensvorschläge zu machen, die von diesem auf Hunyadi`s Rat angenommen wurden. So kam im Juli 1444 zu Szegedin ein Waffenstillstand zu Stande, in welchem Murad II. die Zurückgabe Serbiens und der Herzegowina an ihre Fürsten, sowie die Anerkennung der ungarischen Oberhoheit über die Wallachei zusagte und für die Freilassung seines Schwagers Mahmud Tschelebi, der in der Schlacht bei Kunowiza in die Hände Hunyadi`s gefallen, 70000 Dukaten zu zahlen versprach.

Nach dem Abschluss dieses Waffenstillstandes legte Murad, verstimmt über den Gang der Ereignisse, zu Gunsten seines 14jährigen Sohnes Mohammed II. die Regierung nieder und zog sich, nachdem er dem jungen Sultan einen Regentschaftsrat beigegeben, mit seinen vertrautesten Gesellschaftern nach Magnesia zurück, wo er sich, fern von allem Weltgetriebe, einem ungestörten Lebensgenuss hinzugeben gedachte.

Während Murad II. durch den abgeschlossenen Waffenstillstand die Ruhe des Osmanenreiches gesichert zu haben glaubte, überwog an dem ungarischen Hof die Hoffnung, nach dem Rücktritt des tatkräftigen Sultans die Macht der Türken in Europa gänzlich vernichten zu können, verbunden mit dem Drängen der übrigen christlichen Mächte, den günstigen Augenblick nicht unbenutzt vorüber gehen zu lassen, die Rücksicht auf den geschlossenen Vertrag, und zwar um so mehr, als die Verbündeten Ungarns denselben, weil ohne ihre Zustimmung abgeschlossen, für ungültig erklärten, und so wurde die unverzügliche Wiederaufnahme des Krieges beschlossen. Als Vorwand für dieselbe diente der Umstand, daß die Osmanen einige Festungen an dem im Frieden bestimmten Tage nicht geräumt hatten. Die Leitung des ganzen Feldzugs übernahm Hunyadi, dem als Preis des Sieges Bulgarien als eigenes Königreich zugesagt wurde.

Obgleich das zusammen gebrachte ungarische Heer nur 15000 Mann stark war, überschritt dasselbe voll Siegeszuversicht im September 1444 die Donau; denn es zählte auf bedeutende zugesagte Verstärkungen und auf die Unerfahrenheit des jungen Sultans. Da die vielen mitgeführten Wagen den Durchzug durch die Balkanpässe zu sehr erschwerten wurde der Weg längs des schwarzen Meeres eingeschlagen. Als das Heer von Varna anlangte, erhielt es die Nachricht, Murad II. rücke mit erdrückender Übermacht heran. Er war auf die Kunde von der Erneuerung der Feindseligkeiten durch die Ungarn sogleich von Magnesia aufgebrochen, um seinem Sohn zu Hilfe zu eilen und den begangenen Friedensbruch blutig zu rächen, und genuesische Kauffahrer hatten ihn verräterischer Weise um schnödes Geld mit seinem Heer über den Bosporus gesetzt.

In der Nacht vom 9. November 1444 sahen die Ungarn beim Schein des Mondes das heranziehende türkische Heer, und da dasselbe dem ihrigen wohl vierfach überlegen war, entstand im ungarischen Lager die Frage, ob man eine Schlacht wagen oder sich zurück ziehen solle, um Verstärkungen zu erwarten. König Wladislaw und Hunyadi erklärten sich entschieden für das Erstere, und so wurde der Beschluss gefaßt, den Feind am folgenden Morgen anzugreifen. Die Schlacht begann für die Ungarn unter düsteren Vorzeichen: ein Sturmwind riss alle Fahnen und Feldzeichen im Lager zu Boden.. Dennoch kämpften die Christen mit der heldenmütigsten Tapferkeit, und der Sieg schien sich ihnen zuwenden zu wollen; denn die türkische Schlachtreihe wurde durchbrochen, und Murad selbst wandte sein Ross zur Flucht. Allein zum Unglück für die Christen ließ sich König Wladislaw durch das Drängen seiner polnischen Leibwache zu einem verfrühten Angriff auf die Janitscharen hinreißen und erlag nach tapferem Kampf der Übermacht. Nachdem er von seinem verwundeten Pferd gestürzt, hieb ihm ein Janitschar das Haupt ab, das nun, auf eine Lanze gesteckt, als Siegeszeichen durch die Reihen der Türken getragen wurde. Dieser Anblick verbreitete Bestürzung und Entmutigung unter den Christen, während er die Türken zu neuer Kampfbegier entflammte, und bald war die Niederlage der Ersteren entschieden. In verworrener Flucht aufgelöst, zerstreuten sich die Ungarn nach allen Seiten. Der Kardinal Julian, der das Heer begleitet und bis zum letzten Augenblick mutig ausgehalten, wurde auf der Flucht erschlagen.

Murad entsagte, nachdem er auf dem Schlachtfeld ein Siegesdenkmal hatte errichten lassen, nochmals zu Gunsten seines Sohnes der Regierung und kehrte nach Magnesia zurück; doch entriss ihn schon im folgenden Jahr ein Janitscharen-Aufstand, den Mohammed II. nicht zu bewältigen vermochte, zum andern Mal seiner Einsamkeit. Auch kam es bald zu einem neuen Krieg mit Ungarn, dessen Stände den 15jährigen Ladislaus, Albrechts II. nachgeborener Sohn, als König anerkannt und für die Dauer seiner Minderjährigkeit den tapferen Hunyadi zum Reichverweser erwählt hatten. Auf den Feldern von Kossowa, wo schon einmal die türkischen Waffen einen glänzenden Sieg erfochten hatten, kam es am 17. Oktober 1448 zum anderen Mal zu einer mörderischen Schlacht, die an den beiden folgenden Tagen erneuert und am 19. durch den verräterischen Übergang der Wallachen zu den Türken zum Nachteil der Christen entschieden wurde, obgleich diese im Kampf gegen den achtfach überlegenen Feind Wunder der Tapferkeit gewirkt. So groß waren die Verluste der Ungarn, daß sie für längere Zeit jedem Gedanken an eine Fortsetzung des Kampfes entsagen mussten.

Durch die Schwäche der Ungarn vor weiteren Angriffen von Norden her geschützt, wandten die Türken ihre ganze Macht gegen das kriegerische Gebirgsvolk der Albanesen, die unter dem heldenmütigen Georg Castriota (Skanderberg) das türkische Joch abgeschüttelt hatten, dem sie in einem früheren unglücklichen Krieg zum größten Teil anheim gefallen…

Als Murad nach dem Sieg bei Kossowa im Mai 1449 mit 150000 Mann und zahlreichem Geschütz selbst in Albanien erschien, schreckte Skanderberg auch vor dieser gewaltigen Übermacht, die seine kleine Schar von 15000 Mann ohne Mühe zu vernichten gedachte, nicht zurück. Nachdem er den türkischen Vortrab von 40000 Mann in die Flucht geschlagen, zog er sich in das Gebirge und schnitt den Türken die Zufuhren ab, überfiel, rasch wie der Blitz bald hier, bald dort erscheinend, die einzelnen Abteilungen des feindlichen Heeres und ermüdete dadurch den Sultan, dem kein Sturm gelinge wollte, so sehr, daß er voll Verdruss den Kampf aufgab und nach Adrianopel zurück kehrte, wo er im Januar 1451 im Alter von 49 Jahren starb. Noch fünfzehn Jahre setzte Skanderberg, von ganz Europa als der größte Feldherr des Jahrhunderts bewundert und gepriesen, den Kampf für die Unabhängigkeit seines Landes fort und starb unbezwungen im Jahre 1466. –
aus: F. J. Holzwarth, Weltgeschichte, 4. Bd., 1886, S. 507 – S. 512

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