Über die sittlichen Kardinaltugenden

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

Was sind die sittlichen Kardinaltugenden

Welches sind unter den sittlichen Tugenden die vier Grund- oder Haupttugenden, welche die übrigen in sich schließen?

1. Klugheit,

2. Gerechtigkeit,

3. Mäßigung,

4. Starkmut.

Unter der großen Zahl von sittlichen Tugenden gibt es einige, welche wegen ihrer besondern Wichtigkeit und ihres entscheidenden Einflusses auf das sittliche Leben auch einer ganz besonderen Berücksichtigung bedürfen. Es sind dies die soeben aufgezählten Grund- oder Haupttugenden, welche auch Kardinaltugenden genannt werden. Dieselben heißen Grundtugenden, weil sie die Grundlage, das Fundament des sittlichen Lebens bilden, gleichsam ebenso viele Grundpfeiler sind, auf welchen der ganze sittliche Lebensbau ruht. Sie heißen auch Haupttugenden, weil sich alle übrigen auf diese vier zurückführen lassen. Auf ähnliche Weise werden auch gewisse Farben Grund- oder Hauptfarben genannt, weil die andern alle aus der Mischung derselben erzeugt und auf dieselben zurück geführt werden können.

Der Name „Kardinaltugenden“ hängt zusammen mit dem lateinischen Wort cardo, die Türangel. Wie nämlich eine Tür in ihren Angeln befestigt ist und um dieselben sich bewegt, so sind auch alle sittlichen Tugenden auf die vier Haupttugenden gestützt und bewegen sich gleichsam um dieselben. Lösen sie sich von diesem Stütz- und Angelpunkte los, so arten sie in Fehler aus. So ist z. B. der Eifer für die Ehre Gottes eine herrliche Tugend, aber er hörte auf, es zu sein, wenn er nicht mehr von der Klugheit geleitet würde. Vortrefflich ist die Tugend der Freigebigkeit, aber sie darf nicht die Gerechtigkeit verletzten; die Bußfertigkeit ist eine notwendige Tugend, allein würde sie ohne Mäßigung geübt, so würde sie in Verzweiflung ausarten. Und was würde endlich aus jeder andern Tugend werden, wenn ihr die Stütze des Starkmutes fehlte? –

Wer demnach die vier Haupt- oder Kardinaltugenden besitzt, dem wird es auch nicht an den übrigen sittlichen Tugenden gebrechen; gebricht es aber jemand an jenen, so werden diese bei ihm nur Scheintugenden, nur gleißendes Flitterwerk sein. –
aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Ein Hilfsbuch für die Christenlehre und katechetische Predigt, 2. Band Lehre von den Geboten, 1912, S. 379 – S. 380

Verwandte Beiträge

Heiliger Geist der Geist der Liebe
Heiliger Erhard Bischof von Regensburg
Menü