Die Kardinaltugend der christlichen Klugheit

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

Über die Kardinaltugend der christlichen Klugheit

Die Klugheit besteht darin, daß wir erkennen, was wahrhaft gut und Gott wohlgefällig ist, und uns nicht durch den Schein des Guten zum Bösen verführen lassen.

Klug nennen wir im allgemeinen denjenigen, der zu seinen Zwecken die geeigneten Mittel zu finden weiß. Ein Arzt z. B. hat den Zweck, den Kranken, die sich an ihn wenden, die Gesundheit wieder zu geben. Versteht er es nun, für die verschiedenen Krankheiten die rechten Heilmittel zu verordnen, so ist er ein kluger Arzt. Der Zweck, den wir als Christen hier auf Erden haben, besteht in der Erstrebung eines vollkommenen, ewigen Glückes. Das rechte Mittel, diesen Zweck zu erreichen, ist ein wahrhaft gutes gottgefälliges Leben. Verstehen wir es nun, in den verschiedenen Lagen und Vorkommnissen des Lebens stets die Handlungsweise zu wählen, die wahrhaft gut und Gott wohlgefällig ist, dann besitzen wir die christliche Klugheit, von der hier die Rede ist. Sie unterscheidet sich von der weltlichen Klugheit hauptsächlich dadurch, daß sie kein irdisches, sondern ein himmlisches Ziel im Auge hat. Während jene weltliche Klugheit wohl eine gewisse Tüchtigkeit, aber keine Tugend ist, wird wird die christliche Klugheit mit Recht eine Tugend genannt, weil sie unseren Willen auf das Gute hinrichtet. Eine Kardinaltugend ist sie, weil alle andern Tugenden von ihr gelenkt und geleitet werden müssen, damit sie auf keiner Seite vom rechten Wege abirren. Deshalb nennt sie der hl. Bernhard (Rede 2, über das Hohelied) „die Ordnerin und Lenkerin der übrigen Tugenden“. „Nimm die Klugheit hinweg“, fügt er bei, „und die Tugend ist nicht mehr Tugend, sondern ein Fehler.“

Die Klippe, an welcher der Christ auf seiner Fahrt durchs Leben am häufigsten scheitert, sind die Scheingüter dieser Welt. Durch ihren trügerischen Schimmer läßt er sich leider nur zu oft verleiten, seinen Blick von den himmlischen Gütern abzuwenden und durch Anwendung selbst der verwerflichsten Mittel nach dem Besitz der irdischen zu streben. Ein solcher Christ handelt höchst unklug, weil er sich durch den schein des Guten, den er an den vergänglichen Gütern wahrnimmt, bestechen und zur ungeregelten Begierde danach fortreißen läßt. Nicht selten wird aber auch das wirklich Gute zur Klippe, indem man bei der Wahl der Mittel, es zu erreichen, unbesonnen und beim Gebrauch derselben unvorsichtig und ungestüm verfährt. So geschieht es z. B. Nicht selten, daß jemand aus unbesonnenem Eifer für die Ehre Gottes seine Mitmenschen verletzt und so das Gute, das er fördern will, tatsächlich hindert. Vor diesen beiden Klippen müssen wir uns mit aller Sorgfalt hüten. Zuerst müssen wir unser wahres Ziel, die himmlische Glückseligkeit, stets im Auge behalten und uns bewußt bleiben, daß die irdischen Güter uns nur als Mittel dienen können, jenes Ziel zu erreichen, daß sie aber keineswegs imstande sind, uns durch sich selbst wahrhaft glücklich zu machen. Zweitens müssen wir auch im Streben nach unserm ewigen Ziel, in der Übung des Guten, stets mit Umsicht und Besonnenheit voran gehen: uns nicht in gefahren begeben, denen wir nicht gewachsen sind; nicht auf einmal erzwingen wollen, was nur langsam und allmählich erreicht werden kann; bei allem, was wir angreifen, die Umstände der Zeit, des Ortes und der Personen berücksichtigen, mit denen wir es zu tun haben. „Seid klug wie die Schlangen“, mahnt uns deshalb der Heiland. (Matth. 10, 16) Mögen der Schlange auch noch so viele Hindernisse im Wege liegen, sie weiß sich geschickt zu wenden und zu drehen, um ohne Verletzung daran vorbei zu kommen, und obgleich sie bald nach rechts, bald nach links den Hindernissen ausweicht, hält sie doch stets die Richtung auf ihr Ziel fest und eilt unaufhaltsam demselben zu. Ähnlich machen es auch die Weltkinder in ihren irdischen Angelegenheiten, während wir Christen in der unvergleichlich wichtigeren Angelegenheit unseres Seelenheiles gar oft eine solche Klugheit vermissen lassen. Nur zu wahr ist das Wort unseres göttlichen Lehrmeisters: „Die Kinder dieser Welt sind in ihrer Art klüger als die Kinder des Lichtes.“

Verdammen wir also von Herzensgrund jene Klugheit der Welt, die mit erstaunlichen Scharfsinn alle Mittel aufsucht und mit großer Geschicklichkeit und regem Eifer sie anwendet, um sich unerlaubter Weise Reichtümer, Ehren und Genüsse zu verschaffen; erflehen wir uns aber von Gott die christliche Klugheit, welche uns bereit und geneigt macht, unser wahres, ewiges Ziel durch Gott wohlgefällige Mittel und auf eine Gott wohlgefällige Weise anzustreben. Zur Übung dieser christlichen Klugheit fordert uns auch der Apostel auf mit den Worten: „Machet euch dieser Welt nicht gleichförmig, sondern prüfet, was der Wille Gottes, was gut, wohlgefällig und vollkommen sei.“ (Röm. 12, 2) Mag auch die Welt ihre Klugheit anpreisen, trauet ihren Reden nicht; denn „fleischliche (weltliche) Klugheit führt zum Tode“ (Röm. 8, 6), zum Tode der Seele und zum ewigen Tode. Deshalb warnte auch Christus seine Jünger (Matth. 7, 15): „Hütet euch vor den falschen Propheten“; und der Völkerapostel schreibt an die Korinther (1. Br. 3, 19): „Die Weisheit dieser Welt ist bei Gott Torheit.“ In der Tat, welch größere Torheit kann es geben als dem Vergänglichen nachjagen und darüber das Ewige verlieren?

aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Ein Hilfsbuch für die Christenlehre und katechetische Predigt, 2. Band Lehre von den Geboten, 1912, S. 379-381

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