Proklamation der Theokratie ohne Gott

Alle Irrtümer fließen aus der Zerreissung und Verstümmelung der Wahrheiten (2)

Die Proklamation der Theokratie ohne Gott

Dieses ist, wie jeder einsieht, die Proklamation des göttlichen Rechtes des Menschen, das ist die moderne Theokratie, die Theokratie ohne Gott, der moderne Götzendienst, wo der menschliche Geist selbst sein eigener Götze ist. – Füllt diese Lehre nicht alle Seiten der Bücher der Broschüren, der Zeitschriften, der Tagesblätter, die heutzutage die Welt überschwemmen? Ist sie nicht das tägliche Brot unserer Zeit? Sagen uns nicht ihre Apostel und Lehrer offen und ohne Scheu: Unsere Gedanken sind wechselnd, unsere Lehren verändern sich und bleiben nicht dieselben, unsere Sitten und Gesetze sind eben so wandelbar als unsere Lehren; aber gerade das wollen wir, denn das ist unsere Offenbarung, daß es keine verpflichtende und fest stehende Wahrheit gibt: denn die Wahrheit sind wir selbst!

Ist das nicht die sakrilegische Nachäffung jenes Wortes: Ich bin die Wahrheit?

Ist das nicht die absurde Theorie einer Wahrheit, die immer wird und niemals sein wird, weil sie nicht ist?

Ist das nicht die Bejahung der Verneinung und das Glaubensbekenntnis des Nichts?

Allein Gott hat allezeit seine Macht am meisten dadurch offenbart, daß das Böse dem Guten, der Irrtum der Wahrheit dienen musste, und so wird er auch nochmals in dem großen Kampf des Rationalismus zeigen, daß der wahre Glaube allein unüberwindlich ist. Das ist die Mission des Irrtums in seiner radikalen Form. Die nicht christlichen Religionen werden dieser Prüfung nicht widerstehen. Das Heidentum und der Mohammedanismus fristen ihr Leben nur hinter den Schutzwällen, welche die äußere Gewalt um ihre Schwäche gezogen hat, um sie gegen das Licht zu schützen. Eben so wenig werden das Schisma und die Häresie dem Angriff des menschlichen Geistes widerstehen. Die Erfahrung hat dies überall, wo es möglich war, bewiesen: so wie die Logik das Schisma berührt, drängt sie dasselbe fort zur Häresie; die Häresie aber wird von der Logik zum Unglauben gedrängt. So wird der Rationalismus alles zerstören, was Menschenhand gepflanzt hat: Jede Pflanzung, die mein Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerottet werden. (Matth. 15,13)

Seine eigene Bewegung aber, die er Fortschritt nennt, wird nichts anderes sein, als die Bewegung der Selbstauflösung, und seine verzehrende Tätigkeit nichts, als die Tätigkeit des Todes und der Verwesung. Zuletzt wird er allein dem Katholizismus gegenüber stehen und beide werden von einem Ende der Welt bis zum anderen mit einander kämpfen: der Glaube für Gott, der Mensch geworden aus Liebe, der Rationalismus für den Menschen, der Gott sein will aus Hoffahrt; der Glaube für die Offenbarung Gottes an den Menschen, der Rationalismus für die Offenbarung des Menschen an Gott, ja, des Menschen an Gott, denn man darf nicht vergessen, daß der falsche Gott des radikalen Rationalismus oder des Pantheismus nur durch den Menschen sich selbst offenbar wird!
Das ist also in seiner wahren Gestalt, in seiner scheußlichen Nacktheit, der ungeheure Irrtum, der von allen Seiten der Welt in tausend Stimmen tönt, die Stimmen der Dichter und Romantiker nicht ausgenommen. (*)

Die Zeit der Sekten, der partiellen Irrtümer, der National-Religionen geht zu Ende; in die lokalen und nationalen Vorurteile ist überall Bresche geschossen und durch diese Bresche, breit wie die Welt, werden der Irrtum und die Wahrheit in ganzer Größe eindringen, die volle oder katholische Wahrheit, der volle Irrtum oder die völlige und allgemeine Negation.

Während so die geistige Welt dieser doppelten Einheit, der Einheit des Glaubens und der Einheit der Negation, zusteuert, arbeitet die materielle Welt, dieses Laboratorium des Menschengeistes, unter dem Auge und der Hand der Vorsehung unermüdlich daran, dieser großen Scheidung den Boden zu bereiten: die Völker vermischen sich, Wahrheit und Lüge dringen mit Blitzesschnelle von einem Ende der Welt zum anderen, Alles verkündet uns, daß wir uns einem Entscheidungs-Kampf nähern. Es ist Zeit, daß Jeder seine Stellung nehme, sich Heer und Fahne wähle.

(*) So beantwortete ein gefallener großer Dichter, Victor Hugo, die an ihn ergangene Einladung zum ökumenischen Konzil der Freidenker in Neapel: „Gegenüber dem Konzil der Dogmen ein Konzil der Ideen zu vereinigen, das ist, geehrter Herr, ein praktischer und erhabener Gedanke. Auf der einen Seite die theokratische Halsstarrigkeit, auf der anderen der menschliche Geist. Der menschliche Geist ist der göttliche Geist; der Strahl ist auf Erden, der Stern ist dort oben. Hauteville-House, den 20. April 1869.“ –
aus: Victor August Dechamps, Die Unfehlbarkeit des Papstes und das allgemeine Concil, 1869, S. 98 – S. 100

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