Hohe Würde der seligsten Jungfrau Maria

Zwei himmlische Wesen mit Flügeln, das eine mit Palmzweigen in den Händen, das andere läßt aus dem Gewand Rosen nieder fallen

Maria als Himmelskönigin steht auf einer Wolke, eine Krone auf ihrem Haupt, eine Lilie in der Hand, die Hände über der Brust gekreuzt, hinter ihr eine helle Lichtkuppel wie im Petersdom

Die Andacht zur seligsten Jungfrau Maria

Erstes Hauptstück

Zweiter Beweggrund zur andächtigen Verehrung der seligsten Jungfrau

Die hohe Würde der seligsten Jungfrau Maria

Der Maßstab ihrer hohen Würde

Der ganze Wert einer Muschel besteht in der schönen Perle, welche sie vermöge eines geheimnisvollen Verkehrs mit dem Himmel in ihrem Schoße empfing, der sonst für niemand anderen sich öffnet. So liegt auch das ganze Maß der Ehre, welche wir Maria schulden, in dem göttlichen Kinde, das sie in Kraft des heiligen Geistes in ihrem Schoße empfing; aber nicht, um es geizig nur für sich zu behalten, wie die Muschel ihren Schatz hartnäckig festhält, sondern um damit vielmehr binnen kurzer Zeit der Welt ein Geschenk zu machen zur allgemeinen Erlösung.

Dieses Maßstabes bediente sich der heilige Thomas, um die unvergleichliche Höhe dieser großen Frau zu bemessen. Die Würde der Gottesmutter, sagt er, trägt etwas Unendliches in sich; denn sie erhebt sich zu einer solchen Größe, daß Gott selbst sie nicht größer machen kann: „Die seligste Jungfrau hat, insofern sie Gottes Mutter ist, eine Art von unendlicher Würde – aus dem unendlichen Gute, welches Gott ist; und in dieser Beziehung kann nichts Besseres gemacht werden, da es nichts Besseres geben kann als Gott.“

Damit die seligste Jungfrau an Würde zunehmen könnte, müsste Gott selbst an Vollkommenheit wachsen; so lange es also keinen Gott gibt, der größer ist als der, welchen sie in ihrem Schoße trug, wird man auch keine Mutter finden, die größer wäre als die Mutter Gottes. Indem er sie schuf, hat der Allmächtige die höchste Tat seiner unendlichen Macht vollbracht. Denn wohl kann er augenblicklich ein Himmelsgewölbe schaffen, das viel reicher ist an Sternen, ein Hochgebirge, das viel höher, einen Ozean, der viel weiter, ein Festland, das viel grüner ist; eine Mutter aber, die erhabener wäre als die seligste Jungfrau Maria, kann er niemals schaffen. Indem er sie schuf, hat er dem bloßen Geschöpfe schon alle jene Vorzüglichkeit gegeben, deren es fähig ist, wenn es ein bloßes Geschöpf bleiben soll.

Dieser hehre Titel „Gottesmutter“ ist daher ein wahrer Abgrund von Vollkommenheit, und wie aus einer unversieglichen und unerschöpflichen Quellader fließen daraus alle die Ehren für Maria, welche ihr sozusagen ohne Ende gebühren. Denn gleichwie darin, daß Christus von Natur aus Gottes Sohn ist, die Quelle aller außerordentlichen Ehren liegt, welche wir Christo schulden, so liegt auch eben darin, daß Maria wahrhaft die Mutter Gottes ist, die Quelle aller außerordentlichen Ehren, welche sie von Rechtswegen zu genießen verdient.

Unbegreiflich ist ihre hohe Würde

Wer wäre demnach im Stande, sich einen vollständigen Begriff von ihrer hohen Würde zu bilden? Nur Gott allein kann dies. „So groß ist die Vollkommenheit der seligsten Jungfrau“, sagt wieder der heilige Bernhardinus, „daß ihre Erkenntnis Gott allein vorbehalten ist.“

Es dürfen sich daher nicht einmal die Engel Hoffnung machen, daß sie je ganz und vollständig begreifen, was Maria ist. Sie ist für jedes Auge fast eben so unerfaßlich, als die göttliche Sonne selbst, welche mit ihrem ganzen Sein sie erfüllt.

Es überwältigte auch das Auge der seligsten Jungfrau selbst. Denn obwohl sie ein so wunderbar großes Fassungsvermögen hatte, daß sie einen menschgewordenen Gott in ihrem Schoß umfangen konnte; so war sie dessen ungeachtet nie im Stande, mit ihrer Denkkraft vollständig zu begreifen, was es Großes sei, einen Gott im Schoße zu tragen.

Als sie daher durch die Pflicht der Dankbarkeit getrieben war, die hohe Würde, zu welcher sie sich erkoren sah, zu bekennen, da vermochte sie, wie der heilige Augustinus bemerkt, keine Ausdrücke zu finden, um dieselbe angemessen zu schildern: „Nicht einmal sie selbst konnte erklären, was sie zu umfangen vermochte.“ Sie musste das Ganze mit einer Art von Geheimsprache kurz andeuten, indem sie sagte: „Großes hat an mir getan, der mächtig ist“ (Luk. 1, 49); gleich als ob man vergeblich nach einem anderen Maßstab, als Gottes Allmacht, sich umsehe, um die Größe jenes herrlichen Tempels zu bemessen.

Obwohl nun die Würde der seligsten Jungfrau in ihrer Art unendlich ist, und obwohl deshalb jede Hoffnung, sie in ihrem innersten Wesen zu durchschauen, vergeblich bleibt, weil, wie der große Philosoph des Altertums sagt, das Unendliche stets unbegreifbar ist; so erscheint es doch immer als Pflicht ihrer Verehrer, daß sie sich bemühen, dieselbe so vollkommen als möglich zu erkennen und ihr durch eben diese Bemühung die erste Ehre zu erweisen…

Deshalb gebührt der seligsten Jungfrau auch eine ganz besondere und eigentümliche Verehrung, eine Verehrung, die ohne Vergleich höher ist als die, welche man jedem andern Heiligen erweist, weil ihre Würde einem ganz anderen Bereich angehört, einem Bereiche, das gewissermaßen zum Gebiet der hypostatischen Vereinigung gerechnet werden muss und mit dieser im notwendigsten Zusammenhang steht.

Daher bildet auch die seligste Jungfrau in der himmlischen Herrlichkeit eine ganz eigene Rangstufe, wie ich schon oben bemerkt habe. Sie steht viel erhabener über der ganzen Menge aller Fürsten des Himmels, als der höchste Himmel selbst, der Gott zur Wohnung dient, über alle jene niederen Himmel, welche zum Nutzen des Menschen da sind, weit emporragt…

Der heilige Bernhardinus deutet dies an, indem er sagt: „Daß ein Weib Gott empfing, war ein Wunder über alle Wunder. Es musste demnach die Jungfrau sozusagen zu einer Art von Gottesgleichheit erhoben werden, durch eine gewisse Unendlichkeit und Unermesslicheit der Vollkommenheiten, welche nie ein Geschöpf noch erlangt hatte.“ –
aus: P. Paul Segneri SJ, Die Andacht zur seligsten Jungfrau Maria, 1858, S. 69 – S. 99

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