Besondere Liebe Gottes zu Maria

Zwei himmlische Wesen mit Flügeln, das eine mit Palmzweigen in den Händen, das andere läßt aus dem Gewand Rosen nieder fallen

Die Andacht zur seligsten Jungfrau Maria

Erstes Hauptstück

Erster Beweggrund zur Andacht gegen die seligste Jungfrau

Maria als Himmelskönigin steht auf einer Wolke, eine Krone auf ihrem Haupt, eine Lilie in der Hand, die Hände über der Brust gekreuzt, hinter ihr eine helle Lichtkuppel wie im Petersdom

Die besondere Liebe Gottes zu Maria

Eine ist meine Vollkommene, nur Eine

Ich sage demnach: die seligste Jungfrau ist die große Erstgeborene im Reiche der Natur, im Reiche der Gnade und im Reiche der ewigen Verherrlichung; und als solcher ist ihr daher nicht bloß der größte und beste Teil des väterlichen Erbes, sondern auch der größte und beste Teil der väterlichen Liebe zugefallen: „Eine ist meine Vollkommene, nur Eine.“
Sehen wir dies zuerst, wie es sich gebührt, im Reiche der Natur.

I.

Das erste Mal, da das ewige Wort bei der Ausscheidung und Ausbildung der geschaffenen Dinge sprach, rief es das Licht: „Es werde Licht!“ und es rief dasselbe mit jener gewaltigen Stimme, welche von den Dingen gehört wird – auch wenn sie so ferne stehen, daß sie noch nicht einmal sind: „Es werde Licht und es ward Licht.“ (Gen. 1, 3)

Man kann daher in gewissem Sinne sagen, daß das Licht das erstgeborene Wesen aus Gottes Munde sei, „das Erstgeborene aus dem Munde des Allerhöchsten“ (Ekkl. 24, 5), da es das erste Erzeugnis seiner Stimme war.

Ist dem aber so, dann darf es euch nicht Wunder nehmen, daß es das schönste unter allen übrigen Geschöpfen war, welche später durch dieselbe Stimme in das Dasein traten. Es ist weder Geist noch Körper, sondern ein Mittelwesen zwischen beiden, und es ist so recht mit Absicht geschaffen, um als wechselseitiges Verkehrsmittel zwischen der Erde und dem Himmel zu dienen.

Wer sieht aber nicht, wie dies alles darauf hinweist, daß das ewige Wort schon vom Anfange an in dem Lichte wundervoller Weise Maria habe sinnbilden wollen? Sie ist weder ein göttliches noch, wenn wir so sagen dürfen, ganz und gar ein menschliches Wesen, sondern gleichsam ein die Mitte haltendes Geschöpf einzig und allein dazu bestimmt, seiner Zeit die Erde mit dem Himmel zu verbinden? „Als die Erstgeborene bin ich“ – kann sie deshalb mit viel mehr Grund von sich sagen, – „als die Erstgeborene bin ich hervorgegangen aus dem Munde des Allerhöchsten vor allem Geschöpfe.“ (Ekkl. 24, 5)

Es ist offenbar, daß sie vor den übrigen Geschöpfen nicht die Erstgeborene war der Zeit nach, da sie so viele Jahrhunderte nach dem Entstehen der Welt geboren wurde; nichts desto weniger heißt sie die Erstgeborene und wird von ihr sogar gesagt, sie sei vom Anfang an geschaffen worden. (Ekkl. 14) Denn war sie auch nicht die Erste der vollziehenden Tat nach, so war sie es doch dem Ratschluss nach – in dem Sinn des schaffenden Gottes. Sie ist das erste Werk Gottes in dem Bereiche der reinen Schöpfung, und als solches ist es auch das Ziel der übrigen Werke. „Wegen ihr“, sagt der heilige Bernhard, „wegen ihr ist die ganze Welt geschaffen worden.“

Ihretwegen wurde alles geschaffen; nicht zwar, als ob sie das letzte Ziel der Dinge wäre, sondern weil sie in zweiter Reihe als Ziel dieses großen All`s dasteht, welches von seinem Schöpfer in der besonderen Absicht in`s Dasein gerufen und gleichsam gebaut wurde, um es ihr, als seiner Königin, zu unterwerfen.

Wer bei diesen Worten staunen wollte, würde sich in der Kenntnis des hohen Wertes der Gottesmutter sehr unbewandert zeigen…

Die Erstgeborene im Reich der Gnade

II.

So sind wir, ohne es recht zu gewahren, schon in die herrlichsten Besitztümer jenes großen Erstgeburtsrechtes der seligsten Jungfrau eingetreten. Nur etwas Kleines wäre es, daß ihretwegen anfangs die Welt erschaffen, daß sie ihretwegen dann erhalten wurde, wenn dieselbe nicht auch, wie im Reiche der Natur, so im Reiche der Gnade die einzig Geliebte wäre: „Eine ist meine Vollkommene, nur Eine.“ …

Betrachten wir nur den ersten Umriß ihres Wesens in dem unergründlichen Buche der göttlichen Vorherbestimmung, wo sie sicher den ersten Platz einnimmt, indem sie unter allen übrigen bloßen Geschöpfen zuerst vorherbestimmt zur Gnade war: „Als die Erstgeborene bin ich hervorgegangen aus dem Munde des Allerhöchsten.“
Als Grund dieses Vorzuges der Erstgeburt muss man voraussetzen, daß die seligste Jungfrau in den Ratschlüssen Gottes niemals eine andere Stelle hatte, als die, welche dem Range der Mutter eben desselben Gottes entsprach. Dies war der Platz, den sie von Ewigkeit her in dem Reiche der Geschöpfe einnahm.

Der Gott dem Vater vorher bestimmt ist als Sohn – weißt du, wer dieser ist? Es ist derselbe, der ihm geboren wurde aus David`s Samen, wie der Apostel von Christus sagt (Röm. 1, 3), um uns die sichere Erkenntnis zu geben, daß gleichwie Christus in den Ratschlüssen der Ewigkeit niemals anders, denn als Sohn Maria`s, als der aus David`s Samen Entstandene erscheint, so auch Maria in denselben Ratschlüssen stets als die Mutter Christi dasteht…

„Wäre Christus nicht Fleisch geworden, wozu wäre dann Maria in die Welt eingeführt worden?“ schreibt der heilige Ephräm der Syrier zur Bekräftigung jener Wahrheit. Der große Heilige will damit sagen: da Maria bloß für das fleischgewordene Wort geschaffen ist, so könnte sie, wie ohne Christus nicht ihren Zweck erreichen, so auch ohne ihn nicht ihr Dasein haben, gleichwie das Adlernest, weil für den König der Vögel bestimmt, für keinen anderen kleineren jemals sich eignet.
Aber dies ist noch nicht alles. Denn nicht bloß ist die Vorherbestimmung dieser Mutter des Herrn in der Vorherbestimmung ihres Sohnes eingeschlossen, sondern sie ist auch ganz nach demselben Bilde geschaffen, so zwar, daß, wie Christus seiner leiblichen Gestalt nach als Sohn niemanden ähnlicher erscheint als seiner Mutter, so auch Maria der Gestalt ihrer Seele nach niemanden ähnlicher erscheint als ihrem göttlichen Sohne; und man kann sagen, daß sie ebenso nach dem Hochbild des Herzens Jesu Christi gestaltet ist, wie Christus nach dem Hochbild ihres Antlitzes…

Und wie daher Christus der Erstgeborene von Natur aus ist, so ist auch die seligste Jungfrau die Erstgeborene, wiewohl in einer anderen, minder erhabenen Ordnung, welche durch die Annahme an Kindesstatt sich begründet…
„Hoch erhebt meine Seele den Herrn“, sprach sie von sich selbst (Luk. 1, 46) (*). Wie aber kann sie dies sagen? Sie erhebt und vergrößert ihren Schöpfer nicht seinem Wesen nach – wer wüßte dies nicht? – wohl aber macht sie ihn größer in unserer Anschauung, gleichwie die Atmosphäre den Körper der Sonne für unsere Augen vergrößert.

Und Maria tat dies in zweifacher Beziehung.
Für`s erste verschaffte sie Gott den größten Vorzug, welchen er äußerlich besitzt: die Ehre nämlich, der Gott Gottes zu sein. Denn bevor sie die Mutter seines Sohnes geworden, war er bloß der Gott Abraham`s, der Gott Isaak`s, der Gott Israel`s, der Gott der übrigen Gerechten; nun aber ist er der Gott Christi und somit der Gott Gottes.
Für´s zweite – um die seligste Jungfrau zur würdigen Genossin eines solchen Sohnes zu machen und sie dem unendlich Würdigen würdig an die Seite zu stellen, bedurfte es eines solchen Übermaßes von Gnade, daß bei der ganzen Ausstattung aller übrigen Heiligen zusammen genommen kein größerer Schatz derselben verwendet worden ist.
Wenn daher die Herrlichkeit der Wirkungen stets auf eine größere Macht ihrer Ursache hinweist, so kann man mit Recht sagen, daß Maria den Herrn hoch erhebt, da er an dieser Seele allein viel größer erscheint, als dies bei allen übrigen bloßen Geschöpfen, die ihm ihr Dasein verdanken, der Fall ist. „Hoch erhebt“ – kann sie also auch deshalb in Wahrheit laut vor allen singen – „hoch erhebt meine Seele den Herrn“. „Denn so groß ist die Jungfrau“, können wir in vollem Chor ihr antworten – ermutigt durch den heiligen Petrus Chrysologus, „so groß ist die Jungfrau, daß, wer ihren Geist nicht anstaunt, wer ihr Gemüt nicht bewundert, wahrlich nicht weiß, wie groß Gott ist.“

(*) Bedeutung des Wortes magnificare – groß machen

Die Erstgeborene im Reich der Verherrlichung

III.

Endlich, wenn die Natur um der Gnade und die Gnade um der himmlischen Herrlichkeit willen da ist, so wird es uns leicht werden, den Schluß zu ziehen, daß die seligste Jungfrau, gleichwie sie in der ersten und in der zweiten Beziehung die große Erstgeborene ist: „Als die Erstgeborene ging ich hervor aus des Allerhöchsten Mund“, so auch in der dritten Beziehung die große Erstgeborene, die Einzige, die Bevorzugte, die Herrschende sein müsse: „Eine ist meine Vollkommene, nur Eine.“

Im Reich der himmlischen Herrlichkeit gibt es keinen Sitz so hoch, daß er ihrem Thron zum Fußgestell dienen könnte: „Zwischen der Mutter Gottes und den Dienern Gottes ist ein unermeßlicher Abstand“, sagt der heilige Johannes von Damaskus. Erhaben also über alle Häupter der Seraphim – weit höher, als der Seligkeits-Himmel über allen anderen Himmeln steht – bildet sie ganz für sich allein eine eigene Rangstufe, alle Übrigen erleuchtend und von Niemand anderen erleuchtet, als von der Urquelle des Lichtes selbst…

Wir würden sehen, wie ihr Glanz so außerordentlich ist, daß er keinem anderen ähnlicher erscheint, als dem Glanz eben Desjenigen, in dessen Nähe sogar das Licht, das ihn umgibt, nur Finsternis ist: „Sie hat den Glanz Gottes.“ (ebd.,11)

Wir würden sehen – oder besser gesagt, welche Schönheit würden wir nicht sehen bei solchem Anblick? Aber es ist noch nicht Zeit für uns, so hoch hinauf zu schauen. Wenn daher das Auge seinen Blick da hinauf noch nicht heften darf, so senke es ihn ehrfurchtsvoll zur Erde und begnüge sich damit, daß für jetzt der Glaube das Schauen ersetzen muss.
In der Tat, wie vermöchten wir unser Leben besser zu verwenden, als indem wir es benützen, um jene himmlische Frau, in welcher Gott selbst so groß erscheint, auf das Höchste zu verehren? Diese Jungfrau, stets liebenswert und stets geliebt, Regenbogen des Heiles, ganz das Erzeugnis der reinsten göttlichen Sonne, Spiegel seiner Allmacht, Tempel seiner Gnade, Schauplatz seiner Herrlichkeit, nicht bloß nach ihres Schöpfers Bild gemacht wie die anderen Geschöpfe, die ihm nur sehr unvollkommen ähnlich sind, sondern ihres Schöpfers schönstes Bild selbst, weil sie wunderbar ihm ähnlich ist; aus des neuen Adam Rippe gebildet, das heißt, mehr als Alle dem Herzen Christi nahe und daher mehr als Alle geeignet, in unzertrennlicher Gemeinschaft mit ihm zu leben, sowohl im Pilger-, als im Heimatland: – mit einem Wort, seine Mutter, seine Schwester, seine Braut, seine Einzige!

Wir sind sicher, in der Liebe zu ihr nicht zu irren, da die Erste Liebe unsere Führerin in dieser Liebe ist. „Ein großer Ruhm ist es, dem Herrn zu folgen.“ (Ekkl. 23,38) –
aus: P. Paul Segneri SJ, Die Andacht zur seligsten Jungfrau Maria, 1858, S. 30 – S. 69

Bildquellen

  • Maria Himmelskoenigin: Bildrechte beim Autor
  • Bitschnau Engel Rosen Streuend: Bildrechte beim Autor

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