Der Rosenkranz ist der Panzer der Gerechtigkeit

Ein wunderschönes eingerahmtes Bild der Muttergottes Maria sowie ein Rosenkranz mit einem goldenen Kruzifix

Der Rosenkranz des Christen Waffenrüstung

Der Rosenkranz wird dem Christen zum Panzer der Gerechtigkeit

Der Rosenkranz wird drittens dem Christen zum Panzer der Gerechtigkeit. Der Panzer war jener Teil der alten Ritterrüstung, welcher die Brust und den oberen Leib umschloß, so daß der ganze Mann geschützt war. Was aber der Panzer für den Leib, das ist nach der Lehre des hl. Paulus die Gerechtigkeit für die Seele: sie umhüllt sie derart, daß der Seele niemand etwas anhaben kann, daß ihr deshalb auch das Wort des Psalmisten gilt: kein Übel vermag dir zu nahen und keine Plage an deine Hütte heran zu kommen. Wohl dem also, indessen geistigem Hausinventar auch die Gerechtigkeit verzeichnet steht: „Lorica indutus est, er hat einen Panzer an“. Aber was ist denn das für eine Gerechtigkeit, die dem Christen ein geistiger Panzer ist? Auf dem Grabdenkmal des Kaisers Heinrich des Heiligen im Dom zu Bamberg steht, im Bilde ausgehauen, die Gerechtigkeit mit einer Waage in der Hand, an welcher das Zünglein nicht ganz die Mitte hält, sondern sich zur Linken neigt. Auf solcher Waage aber mit schief stehendem Zünglein gibt`s kein richtiges Gewicht. Man sieht es also schon dem Stande des Züngleins an jener Waage auf dem Grabmal Heinrichs II. an, daß die Gerechtigkeit, die dort im Bilde ausgehauen ist, nicht allwegs rechtes Gewicht wägt. Wann wird denn aber das einmal auf Erden geschehen, daß überall alles gerecht hergeht in der Welt, und an jeder Waage das Zünglein genau die Mitte hält? –

Die alten Heiden wähnten, das ganze Weltgebäude ruhe auf vier gewaltigen Säulen; würde auch nur eine davon bersten oder brechen, so gäbe es an dem ganzen Gebäude umgeheure Risse und Sprünge, Einstürze und Trümmer. Was nun aber da am natürlichen, körperlichen Weltgebäude nicht der Fall ist, gilt ganz und voll von der sittlichen Weltordnung, sie ruht auf vier Säulen, den sogenannten vier Kardinal-Tugenden, Klugheit, Mäßigkeit, Starkmut und Gerechtigkeit. Bricht also die eine oder andere dieser Säulen zusammen, so droht Gefahr, daß das ganze sittliche Weltgebäude, die ganze sittliche Weltordnung einstürzt und in Trümmer geht. Aber es ist bereits allgemein anerkannt, daß jetzt alle vier Grundpfeiler der sittlichen Weltordnung angebohrt, wurmstichig, morsch und faul geworden, doch keine so sehr als die Gerechtigkeit. Denn gerecht sein, sagt der alte Rechtsgelehrte Ulpian, heißt jedem das Seine geben. Wer hat denn aber an uns etwas zu fordern?

Die bekannten drei: Gott, unser Nächster und unsere eigene Seele. Dann also sind wir gerecht, wenn wir Gott geben, was Gottes ist, und dem Nächsten, was des Nächsten ist, und unserer Seele, was der Seele ist. Aber nach alledem, was man jetzt in der Welt sieht und hört, haben alle drei Ursache, zu klagen, daß ihnen ihr Recht verkümmert, verweigert und weg genommen wird. So viele Klage über erlittenes Unrecht hat man noch selten so allgemein in der Welt gehört, wie gerade jetzt. Daher wird die Sage, die sich an die steinerne Waage auf dem Grabmal des Kaisers Heinrich des Heiligen knüpft, vollauf bestätigt, daß, wann einmal das schiefe Zünglein gleich wird stehen, sogleich die Welt wird untergehen.

Wo nun aber ein Christ die Gerechtigkeit besitzt, da ist er stets darauf aus, niemand etwas schuldig zu bleiben, sondern Gott zu geben, was Gottes ist, dem Nächsten, was des Nächsten ist, und der Seele, was der Seele ist. Er ist dann also mit der Gerechtigkeit wie mit einem Panzer bekleidet, und es gilt ihm das schöne Wort: Dicite justo, quoniam bene, saget dem Gerechten, daß es ihm wohl ergehe.

Aber gerade die Gerechtigkeit ist es, die demjenigen, der den Rosenkranz im Geist und in der Wahrheit betet, als das Ziel seines Strebens und Betens vor die Seele tritt. Werfen wir hier nur einen vorläufigen Blick auf einen Hauptbestandteil des Rosenkranzes, auf das „Familiengebet der Christenheit“, wie der Graf von Galen das Vaterunser nennt, und wir werden es sogleich bestätigt finden, daß der Rosenkranz den Panzer der Gerechtigkeit in sich schließt. Denn das Vaterunser ist ja nicht bloß ein Gebet, sondern auch eine Mahnung, eine Predigt, die der Christ im Auftrage Gottes täglich einige Male an seine Seele hält. Diese Predigt aber schärft dem Betenden ein, daß vor allem Gott gegeben werde, was Gottes ist, nämlich, daß Gottes Name geheiligt, Gottes Reich komme, Gottes Wille geschehe; daß sodann der Seele gegeben werde, was der Seele ist, nämlich, daß Gott uns unser tägliches Brot gebe, uns unsere Sünden verzeihe, uns nicht in Versuchung führe; daß endlich dem Nächsten gegeben werde, was des Nächsten ist, nämlich, daß wir ihn als Kind unseres Vaters, der im Himmel ist, als Bruder unsers Erlösers, als unsern Anverwandten behandeln, daß wir ihm so verzeihen, wie wir wünschen, daß Gott uns verzeihe, und daß Gott ihn und uns vor Allem Übel behüte und bewahre. Im Rosenkranz also zieht der Christ den Panzer der Gerechtigkeit an.

An einer Kaserne zu Innsbruck in Tirol steht oben die Inschrift: Militi recta tueri, des Soldaten Pflicht ist es, das Recht zu schützen. Das Menschenleben ist ja aber nach der Auffassung des großen Dulders Job nichts anderes als ein Kriegsdienst, und jeder Christ ist Soldat. Wenn also der hl. Paulus den Befehl erteilt: „Arbeite als guter Soldat Christi Jesu“, so heißt das auch: bete fleißig den Rosenkranz, damit du Lust und Liebe bekommst, deinen Soldatenberuf zu erfüllen und Gottes, des Nächsten und deiner Seele Rechte zu beschützen, zu verteidigen! – Die Kreaturen erfüllen ihren Beruf unbewußt: die Sterne stehen auf ihrem Posten und freuen sich, sie leuchten mit Lust vor ihrem Schöpfer. Der Christ aber hat dazu seinen Verstand, daß er seinen Beruf erkenne, und seinen Willen, daß er ihn erfülle. Beim Rosenkranz beten muss ihm also zu Mute werden, wie dem, der so gebetet:

Der Stein, die Pflanze und das Tier,
Sie wissen`s nicht und dienen dir,
Sie wissen`s nicht und tragen bei,
Daß recht im Gang dein Haushalt sei.

Mich aber, Herr, begnadest du,
Das Wissen gabst du mir dazu,
Daß selbstbewußt und freudig still –
Ich, wie ich soll, dir dienen will.

aus: Philipp Hammer, Der Rosenkranz, eine Fundgrube für Prediger und Katecheten, ein Erbauungsbuch für katholische Christen, I. Band, 1896, S. 40 – S. 43

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