Der Götze Humanität gaukelt vor

Der Götze Humanität

Der Begriff Humanität

Seit mehr als einem Jahrhunderte gaukelt das Wort Humanität in den schönen Wissenschaften, in der Philosophie und Politik; es wird desto öfter angewendet, je seltener man es klar und deutlich versteht, je schwieriger sein Begriff zu bestimmen ist. Im Hochsommer 1870 wurde in Deutschland das Stichwort des dritten Bonaparte, Nationalität und Nationalitäts-Prinzip, zur Sonnenhöhe gefeiter Heiligkeit erhoben und beherrschte die Alltagsmenschen während und nach den Siegen über den französischen Usurpator. Aber die Münze, welche von Hand zu Hand wandert, wird bald abgegriffen.

Seitdem von den stillen Mächten auf und unter der Erde der neueste Kampf gegen die hl. Kirche Gottes begonnen worden ist, hat man das Schlagwort wechseln müssen; und nun klingelt uns die „Humanität“ mit ihren Vettern und Basen, Kultur und Kulturstaat, Intelligenz und freiem Menschentum, immer und überall in die Ohren, von dem letzten Wochenblatt eines liberalen Städtchens bis hinauf zu den Staatsreden und Staatsschriften eines Allgewaltigen. Aber was ist denn eigentlich die Humanität?

Humanität (humanitas) war dem alten Römer erstens das Mensch-Sein, die menschliche Natur und Würde, zweitens das menschenwürdige Denken, Wollen und Handeln. Aus dieser letztgenannten Bedeutung ergaben sich zwei untergeordnete:

1. die Güte oder Menschenfreundlichkeit, Milde und Leutseligkeit (1);

2. die echt menschliche, edlere und allgemeine Bildung des Geistes und Herzens, und als Folge derselben im engeren Sinne ästhetisches Gefühl, Feinheit des Anstandes, der Manieren und der Rede.

Daher wurde die Humanität in einer ganz positiven Bedeutung für jene Jugendbildung gebraucht, welche jetzt großenteils von unseren Gymnasien besorgt wird, nämlich für jene Studien, Wissenschaften und Künste, welche nicht für ein bestimmtes Fach des Wissens berechnet sind, sondern für die Wissenschaft überhaupt, für einen gebildeteren Lebensberuf im Allgemeinen vorbereiten, die Humanitätsstudien (2).

Klassische Studien galten als echte Humanität

In der Zeit des Wiederauflebens der klassischen Studien (3) glaubte man die wahre Bildung im Verständnis des Lateinischen und Griechischen, im eleganten Gebrauch der beiden Sprachen und im fertigen Lesen ihrer besten Schriftsteller abschließen zu dürfen. Klassische Studien galten als echte und ausschließliche Humanität, um so mehr, als alles menschenwürdige Wissen des Gebildeten in den Klassikern der Griechen und Römer enthalten und zugleich in der schönsten Form geboten sei. Übrigens lief diese Humanität der Renaissance-Zeit auf die größte Einseitigkeit hinaus; denn genaue Kenntnis des Griechischen und Lateins, der alten Geschichte und Archäologie, nebst der Kunst des fertigen und eleganten Ausdrucks in den beiden Sprachen ist noch keine vollkommene Menschenbildung. Zugleich schmuggelte sich eine gewisse Verachtung gegen Dasjenige ein, was der christliche Geist allerdings in geringerer Formvollendung, aber mit desto größerer Geistestiefe hervor gebracht hatte, gegen die erhabene Kunst und Wissenschaft des christlichen Mittelalters. Und wie es gewöhnlich geht, unterlief eine unchristliche Vorliebe für heidnisches Altertum, nicht bloß für seine schönen Formen, sondern auch für seine Lebensanschauungen und Bestrebungen; eine gedankenlose und unfromme Hochschätzung des Heidentums auf Unkosten der christlichen Religion, wodurch der Verflachung der Geister, der Sittenverderbnis und der widerkirchlichen Revolution des sechzehnten Jahrhunderts die Pfade geebnet wurden. Jammerwürdige Pedanten des Lateinischen und Griechischen hielten sich für Säulen der Gesellschaft und für Leuchten der Wahrheit, vor welchen das Licht des Evangeliums erblassen müsse.

Seit der Renaissance hat das Wort Humanität einen widerchristlichen Sinn

Seitdem hat das Wort „Humanität“ seinen widerchristlichen Sinn nicht mehr abgestreift; man gebrauchte es nicht bloß für menschenfreundliche Güte, für verzeihende Nachsicht gegen menschliche Schwächen, besonders im christlichen Denken und Leben, sondern es wurde geradezu die Devise des Anti-Christentums, vollends im siebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert, als es, abwechselnd mit Philanthropie, bald als Inbegriff aller Tugend, bald als allein berechtigte und über aller Offenbarung stehende Vernunftreligion in göttlichen Ehren gehalten wurde. (4) An eine genaue Definition dachte man auch bei diesem Schlagwort nicht; man jagte ihm desto leidenschaftlicher nach, je mehr es in tausend unbestimmbaren Farben schillerte und darum Alles oder auch Nichts sagte.

Herder, der begeisterte Humanitätsapostel

Herder selbst, der begeistertste Humanitätsapostel in Deutschland, kümmerte sich nicht um eine logische Definition der Humanität, sondern begnügte sich mit einer rhetorischen Entwicklung des Wortes, indem er sie z. B. in seinen „Briefen zur Beförderung der Humanität“ als Inbegriff aller Menschenrechte und Menschenpflichten hinstellt und unter Anderem sagt: „Der Name Menschenrechte kann ohne Menschenpflichten nicht genannt werden, beide beziehen sich aufeinander, nur für beide suchen wir ein Wort. So auch Menschenwürde und Menschenliebe. Das Menschengeschlecht, wie es jetzt ist und wahrscheinlich noch lange sein wird, hat seinem größten Teil nach keine Würde, man darf es eher bemitleiden, als verehren. Es soll aber zum Charakter seines Geschlechts, mithin auch zu dessen Wert und Würde gebildet werden. Das schöne Wort Menschenliebe ist so trivial geworden, daß man meistens die Menschen liebt, um keinen unter den Menschen wirksam zu lieben.

Alle diese Worte enthalten Teilbegriffe unseres Zwecks, den wir gern mit einem Ausdruck bezeichnen möchten. Humanität ist der Charakter unseres Geschlechts, wir bringen ihn aber nicht fertig auf die Welt mit; auf der Welt aber soll er das Ziel unseres Bestrebens, die Summe unserer Übungen, unser Wert sein (!): denn eine Angelität im Menschen kennen wir nicht, und wenn der Dämon, der uns regiert, kein humaner ist, werden wir Plagegeister der Menschen. Das Göttliche in unserem Geschlecht ist also Bildung zur Humanität; alle großen und guten Menschen, Gesetzgeber, Erfinder, Philosophen, Dichter, Künstler, jeder edle Mensch in seinem Stand, bei der Erziehung seiner Kinder, bei der Beobachtung seiner Pflichten, durch Beispiel, Werk, Institut und Lehre hat dazu mitgeholfen. Humanität ist der Schatz und die Ausbeute aller (!) menschlichen Bemühungen, gleichsam die Kunst unseres Geschlechtes. Die Bildung zu ihr ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muss, oder wir sinken, höhere und niedere Stände, zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück.“ —

Soviel geht aus den Worten Herders hervor, daß er mit seiner Humanität jedes übernatürliche Moment in der Menschheit leugnet und die Ausbildung des Rein-Natürlichen, das in uns liegt, als letztes Endziel des Einzelnen und unseres Geschlechtes, als ein wesentliches Moment der Humanität hinstellt. Wenige Sätze darauf versucht er eine, allerdings misslungene, Definition von Humanität, indem er schreibt:

„Sie ist, subjektiv betrachtet, ein Gefühl der menschlichen Natur in ihrer Stärke und Schwäche, in Mängeln und Vollkommenheiten, nicht ohne Tätigkeit, nicht ohne Einsicht. Was zum Charakter unseres Geschlechts gehört, jede mögliche Ausbildung und Vervollkommnung desselben, dies ist das Objekt, das der humane Mann vor sich hat, wonach er strebt, wozu er wirkt.“ —

Darum sprach der heil. Vater in seiner Allokution vom 18. März 1861 die Worte: „Die Denkmale der Geschichte geben beredtes Zeugnis und beweisen wie zu allen Zeiten von diesem hl. Stuhl in die entferntesten und meist barbarischen Gegenden des Erdkreises wahre und echte Humanität, Zucht und Weisheit eingeführt wurde. Da man aber unter dem Namen der Zivilisation ein eigens zur Schwächung, vielleicht sogar zur Vernichtung der Kirche gebildetes System verstehen will, so können dieser hl. Stuhl und der Papst gewiss nie mit solcher Zivilisation übereinkommen.“

(1) Darum die Synonyma: Clementia et humanitas, mansuetudo et b., aequitas et h., facilitas (Umgänglichkeit) et h.

(2) Im Unterrichtswesen ist „Humanität“ (humaniora) der Inbegriff derjenigen Kenntnisse, welche im Allgemeinen eine höhere geistige Bildung vorzüglich durch klassische Studien und Übung des Stils und der Beredsamkeit nach antiken Mustern vorbereiten.

(3) Man glaube doch ja nicht, daß die klassischen Studien im Mittelalter tot gelegen hätten. S. Alzog, Kirchen-G. (7. A.)S. 705 f. 9. A.IT.Bd.S.96.

(4) So nennt die Encyclopédie Diderot’s und d’Alembert’s unter dem Worte Homme (morale, p. 277 der Orig.-A.) die humanité eine „sensibilité précieuse qui est la source de toutes les vertus, et qui peut être celle d’un bonheur constant.“—

Die Definition der Humanität von Kant

Einigermaßen richtiger deutet Kant eine Definition der Humanität an in den Worten: „Der Mensch als Person betrachtet, d. i. als Subjekt einer moralisch-praktischen Vernunft, ist über allen Preis erhaben: Denn als ein solcher ist er nicht bloß als Mittel zu anderer ihren, ja selbst seinen eigenen Zwecken, sondern als Zweck an sich selbst zu schätzen, d. i. besitzt er eine Würde, einen absoluten inneren Wert, wodurch er allen anderen vernünftigen Wesen Achtung für ihn abnötigt, sich mit jedem andern dieser Art messen und auf den Fuß der Gleichheit setzen kann. Die Menschheit in seiner Person ist das Objekt der Achtung, die er von jedem andern Menschen fordern kann, deren er aber auch sich nicht verlustig machen muss.“

Der Mensch ist also nach Kant Zweck an sich selbst, er ist sich selbst Endziel, hat als solcher absoluten Wert, ist bloß von sich selbst abhängig; in der Tat das Hauptmoment im Begriff der modernen Humanität.

Die Defintion des protestantischen Predigers Hartmann

Nur noch eine Definition wollen wir anführen, die des protestantischen Predigers Hartmann, welcher schreibt: „Wenn der Mensch die persönliche Einheit von individuellem Willen und von Bestimmung zum Gesellschaftsleben ist, ein Ich, ein Selbst, das zugleich animal sociale ist, so wird Menschlichkeit ein Verhalten des Menschen zu sich und zu allen anderen sein, das menschlich, menschenartig, des Menschennamens würdig ist, ein Verhalten, bei welchem der Mensch in sich und allen andern eben jene Einheit achtet und daraus die Pflicht ableitet, jeden, der Mensch heißt, als Individuum und als zur Gemeinschaft berechtigt und fähig zu behandeln!“’ (1) — So etwas lässt sich wohl von der subjektiven Menschlichkeit als Pflicht sagen, erschöpft aber durchaus nicht den Begriff, welcher tatsächlich mit der Humanität verbunden wird.

Das Problem einer Definition

Überhaupt lässt sich ein geschichtliches Wort, und das ist die „Humanität“, nicht a priori und nach subjektivem Ermessen definieren. Es wird von Tausenden gebraucht, in einem allerdings nebelhaften Sinn, aber immerhin als Schlagwort einer gewissen Partei, zu einem gewissen Zweck, nämlich als Gegensatz zum positiven Christentum; es bedeutet also nicht nur das Mensch-Sein im Gegensatz zur Tierheit, nicht bloß ein menschenwürdiges Denken, Streben und Handeln, sondern auch das bloße Mensch-Sein im Gegensatz zum Christentum (2); es hat also einen polemischen Sinn, wie schon aus den oben angeführten Sätzen Kant’s und Herder’s hervorgeht und aus den später folgenden Dokumenten noch mehr erhellen wird. Alle Schönfärberei verfängt hier nicht, sondern beweist entweder ein Missverständnis in Betreff der Sache selbst, oder ein stilles Einverständnis mit dem Feind.

Humantität, Humanismus, Menschentum

Die Humanität im tatsächlichen und objektiven Sinne ist jene Lehre, welche die vollständige Unabhängigkeit des natürlichen Menschen auf intellektuellem, religiösem und politischem Gebiete bekennt und ihm jedes übernatürliche Endziel abspricht. Vielleicht wäre für diesen objektiven Sinn das Wort Humanismus am passendsten. Im subjektiven Sinne, als Pflicht, ist sodann Humanität die Anerkennung jener allseitigen Unabhängigkeit und derartige Einrichtung unserer eigenen Handlungen, daß die fremde Unabhängigkeit durch uns nicht gestört, sondern die rein natürliche Vollkommenheit des Menschengeschlechts gefördert werde. Den Beweis für die Richtigkeit unserer Definition wird unsere ganze Schrift zu erbringen suchen. Somit stehen wir hier vor dem Grunddogma des Liberalismus unserer Tage (3).

(1) Dr. J. Hartmann, Humanität und Religion, eine von der Haager Gesellschaft zur Verteidigung des Christentums gekrönte Preisschrift, Leiden , Brill , 1873, S. 7. — Bei dem freikirchlichen Standpunkt des Verfassers ist die Schrift ein manchmal ergötzlicher Eiertanz zur Versöhnung des Christentums mit der neuheidnischen Humanität.

(2) Dieser Gegensatz schwebte auch der „Haager Gesellschaft zur Verteidigung des Christentums““ vor, als sie die Preisaufgabe stellte: „Was haben wir von der Humanität in Ansehung ihres Wesens zu halten ? Welche Früchte sind künftig von ihr zu erwarten, je nachdem sie ganz oder nicht mit der Religion im Allgemeinen und dem Christentum insbesondere sich vereinbaren lässt?“ — Vgl. die vorhergehende Anmerkung.

(3) Wir gebrauchen im Interesse der Abwechslung im Verlaufe dieser Schrift Humanität, Humanismus, Menschentum u. s. f. als gleichbedeutend. –
aus: Georg Michael Pachtler SJ, Der Götze der Humanität, 1875, S. 3 – S. 9

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