Wesentliche Irrtümer zum Begriff Humanität

Drei wesentliche Irrtümer über den Begriff der Humanität

Wir haben drei wesentliche Momente oder Irrtümer, welche dem Begriff der Humanität zu Grunde liegen, etwas näher aus einander zu setzen.

Erster Irrtum: Der Mensch sei von Natur aus gut

1. Der Mensch, wie er heute noch geboren werde, sei von Natur aus gut.

Der Sündenfall und die daraus erfolgte Verderbnis unseres Geschlechtes werden einfachhin geleugnet, und so das Recht der Revolution von vornherein festgestellt; denn wenn das Erdenelend nicht Strafe für die Sünde ist, so kommt es von der falschen Einrichtung der menschlichen Gesellschaft, dann muss also eine vollständige Umwälzung allen Menschen erst den Erdenhimmel bringen.

Weil nun der Mensch gut geboren wird, ist alles Spontan-Menschliche gut, daher bei der Erziehung darauf zu halten, daß die Entwicklung möglichsst frei aus der inneren Natur selbst erfolge, und von Seiten des Erziehers wenig oder Nichts, und besonders keine positive Religion beigegeben werde. Dieser Gedanke fand seinen Ausdruck in Rousseau’s Emil (Émile, ou sur l’éducation) und in den Philanthropien auf deutschem Boden. Der ursprüngliche Zustand und die reine Natürlichkeit des Menschen sei zugleich der Zustand der Unschuld und Glückseligkeit. Überhaupt habe der Mensch einzig auf seine eigene Natur und das, was in ihr liegt, zu achten und spontan aus seinem Menschentum heraus zu handeln. Alles Menschliche sei gut, und alles Moralisch-Gute menschlich, die Natur in uns das eigentlich Göttliche. Hiernach läßt sich die oberste Pflicht im geselligen Verkehr in dem Satz Seneca’s zusammenfassen: „Etwas Heiliges sei dem Menschen der Mensch (homo res sacra homini).“

Zweiter Irrtum: Leugnung alles Übernatürlichen in Glaubens- und Sittenlehre

2. Der zweite Charakterzug der modernen Humanität ist der vollständige Naturalismus, d. h. die Leugnung alles Übernatürlichen in Glaubens- und Sittenlehre, die Leugnung der ganzen Ordnung der Gnade und des übernatürlichen Endziels unseres Geschlechtes.

Im Gegenteil gilt die natürliche Religion, wie sie Jeder im eigenen Herzen liest oder auch nicht liest, als die einzig berechtigte; eine übernatürliche Religion als Unrecht am Menschen und als Unglück für die Kulturgesellschaft. Ebenso kennt man nur eine natürliche Tugend, welche der Mensch durch seine eigene Kraft erringe.

Dritter Irrtum: Die individuelle Souveränität in politischer und moralischer Beziehung sei Merkmal der Humanität

3. Die allseitige Unabhängigkeit des Menschen, die individuelle Souveränität in politischer und moralischer Beziehung, bildet das eigentlich konstitutive Merkmal der Humanität. —

Die intellektuelle Unabhängigkeit schält sich rebellisch los von der unendlichen Vernunft, der göttlichen, und betrachtet die menschliche Vernunft als die Quelle und Schöpferin aller und jeder Wahrheit; im bunten Durcheinander der individuellen Meinungen ehrt man, obgleich sie sich gegenseitig widersprechen und aufheben, dennoch immerhin die persönliche Überzeugung, vorzüglich, wenn sie möglichst weit vom Gott der Offenbarung fern geht.

Daher schwärmt man für Lehr- und Meinungsfreiheit. Ja, die subversivsten Lehren mögen getrost vorgetragen werden, so lange man im Bereich der Theorie bleibt. Ein Professor mag in der Monarchie die rote Sozialdemokratie verherrlichen, der erste Minister eines Königs die Republik als die einzig vernünftige und menschenwürdige Regierung bezeichnen, der Philosoph den Atheismus lehren; sie handeln streng rechtlich; nur wehe dem armen Kerl, welcher des Wahnes lebt, man dürfe auch tun, was als gut gelehrt werde, ja man müsse nach seiner Überzeugung handeln. Der Theoretiker lebt in Ehren, der Praktiker verfällt dem Kriminalrichter. —

Alle Autorität kommt vom souveränen Menschen

Die religiöse Unabhängigkeit empört sich gegen die Offenbarung als eine Knechtung der Menschheit im Erkennen und Wollen, gegen die Kirche als eine Tyrannin der freien Gewissen, gegen das Priestertum, welches im Namen Gottes Gehorsam gegen den Allerhöchsten verlangt, als eine herrschsüchtige, der Vernichtung verfallene Kaste, weil sie dem absoluten Willen des Menschen Gesetze vorschreiben wolle. —

Die politische Unabhängigkeit kennt keine Obrigkeit, welche im Namen Gottes gebieten kann; alle Autorität kommt ausschließlich von dem souveränen Menschen, welcher so lange gehorcht, als er will, Jenem, welchen er mit Gewalt bekleidet, nur darum, weil sein eigener Wille geschieht. Die Monarchie besteht nur von Volkes Gnaden, „durch den Willen der Nation“; folgerichtig, wenn eine Stimme Mehrheit sich bei der allgemeinen Abstimmung für die Republik entscheidet, so muss der legitime Regent seine Krone in die Hände der Nation zurückgeben, wenn nicht, so ist er ein Thronräuber. Jeder einzelne Bürger ist souverän in aller und jeder Beziehung, er beugt sich nur aus gesellschaftlichen Rücksichten vor der jeweiligen Mehrheit, jedoch unter dem Vorbehalt, mit allen Mitteln, nötigenfalls durch Gewalt, morgen für seine Meinung die Majorität zu erringen und dann seinen Willen durchzusetzen. —

Die Humanität kennt nur den Staat als Vertreter des Menschentums

Endlich in kirchlich-politischer Beziehung kennt die Humanität keine unabhängige Kirche, sondern die weltliche Gesellschaft, der Staat als Vertreter des Menschentums, hat unumschränkte Gewalt auch über die Religion und die Gewissen, wenn sie sich gesellschaftlich als Kirche zeigen, also über den engen Rahmen individueller Überzeugung hinausgehen. Als persönliche Meinungen läßt man die kirchlichen Dogmen allenfalls gewähren; weil sie aber als kirchliche Gesellschaft Gehorsam von ihren Angehörigen verlangen, also dem absoluten Menschentum hindernd im Wege stehen, sind sie dem modernen Staat feindlich und gefährlich, ja ein Hochverrat an der göttlichen Menschheit.
aus: Georg Michael Pachtler SJ, Der Götze der Humanität, 1875, S. 9 – S. 12

siehe dazu auch den Beitrag: Die philosophische Humanität eines Voltaire

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