Offenes Bekenntnis des Sohnes Gottes

Das offene Bekenntnis des Sohnes Gottes

9. Mai

„Ich sage euch: einen jeden, der mich vor den Menschen bekennen wird, den wird auch des Menschen Sohn vor den Engeln Gottes bekennen.“ (Luk. XII., 8)

1. Erwäge, was das für eine überaus hohe Ehre ist, welche der Herr auch dir verspricht, der du doch nichts als ein ganz niedriger Erdwurm bist. Er verheißt dir, daß er dich vor der ganzen unzähligen Schar der heiligen Engel, welche am Tage des letzten Gerichtes um seinen Thron stehen wird, bekennen werde, wie du ihm getreu im Leben vor den Menschen bekannt hast.
Daß du ihn bekennst, begreift sich: weil Er dein Haupt, Er dein Beschützer, Er den Fürst, Er dein Lehrer ist; aber daß er dich bekennt, – das scheint nicht bloß wunderbar, sondern vollkommen unbegreiflich zu sein. Wohl hat er also, bevor er diesen Satz auszusprechen sich anschickt, den triftigsten Grund, beinahe eine Art von Schwur vorausgehen zu lassen in dem Worte: „Ich sage euch.“

Christum bekennen scheint hier etwas mehr zu bedeuten, als bloß sich seiner nicht schämen, wie es an anderen Stellen heißt. (Luk. 9, 26) Es scheint noch überdies die Bedeutung zu haben, daß man sich Christi rühme, und deshalb frei und offen erkläre, daß man ihn als den hocherhabenen Lehrer, als Fürsten, als Beschützer und als Führer anerkenne, der er ist. Das Nämliche nun ist es auch, was er gegen dich tun will am Tage des letzten Gerichtes: er wird deiner sich sogar rühmen, und vor dem Angesicht unzähliger hehrer Geister feierlich erklären, er erkenne dich für würdig, daß du als sein wahrer Jünger, wahrer Untertan, wahrer Nachfolger und wahrer Streiter – Platz nehmest auf ihren erhabenen Sitzen.

Und kannst du dir eine Ehre auf der Welt denken, die größer wäre als diese? „Mein Knecht bist du, Israel: in dir werde ich mich rühmen.“ (Is. 49, 3)
Wie man sagt, daß eine „emsige Frau ihres Mannes Krone ist“ (Prov. 12, 4); so wirst auch du deinem Heiland zur Krone, und zwar zur ehrenreichen Krone sein: „Du wirst eine Krone des Ruhmes sein in der Hand des Herrn.“ (Is. 62, 3) Mit dieser Krone in der Hand wird er zum Gericht kommen, da er das vollkommen treue Denkbuch aller deiner Verdienste mit sich bringen wird: und mit dieser Krone um sein Haupt wird er in den Himmel zurückkehren, nachdem er, als gerechter Richter, für alle deine guten Werke dir die volle Vergeltung erteilt haben wird.

Du achtest es für eine so große Ehre, wenn ein hochgestellter Mann dieser Erde deiner sich rühmt, und du willst es für nichts achten, daß dein Gott selbst deiner sich rühmt?

Wie dein Bekenntnis sein muss

2. Erwäge dann: um eine so übergroße Ehre zu verdienen, musst du dich erst dazu fähig machen, indem du deinen Herrn Jesus Christus bekennst. Dies ist nur allzu gebührend. Wie aber soll dieses Bekenntnis geschehen? Es muss geschehen mit dem Herzen, geschehen mit dem Munde, geschehen mit der Tat.

Denn wenn du dich deiner Erlösers bloß innerhalb deines Herzens rühmest, indem du zwar im Innern deinen Glauben als Christ festhältst, aber dich doch schämest, denselben öffentlich zu bekennen, und darum weder als Christ sprichst, noch als Christ dich beträgst, – was für eine Ehre bringst du ihm dann? Keine. Du bringst ihm vielmehr Schmach, da er es für eine viel größere Beschimpfung und Beleidigung ansehen muss, wenn ihm von einem seiner Gläubigen, als wenn ihm von einem ganz Fremden keine Verehrung zu Teil wird.

Darum sagt er ganz überlegt: „Einen jeden, der mich vor den Menschen bekennt“; er sagt nicht schlechthin: Einen jeden, der mich bekennt; sondern setzt noch bezeichnender hinzu: vor den Menschen; damit du erkennst, daß du alle menschliche Rücksicht bei Seite setzen musst, so daß du nicht bloß zwischen den vier Wänden deines Zimmers, sondern auf freiem Platz, am Hofe, in der Kirche, an jeglichem Ort, so öffentlich er auch sein mag, alle deine Ehre darein setzest, Christus dem Gekreuzigten zu folgen.

Was sind das für abscheuliche Ausflüchte, welche du dir erlaubst? Sage deinem Jesus frei und offen: „Es wisse die ganze Erde, daß du der Herr, unser Gott, bist (Bar. 2, 15): meine Gelübde will ich dem Herrn lösen vor all seinem Volke (Ps. 115, 5): meine Gelübde will ich dem Herrn lösen im Angesicht seines ganzen Volkes (Ps. 115, 8): ich will den Herrn überaus preisen mit meinem und, und in Mitte Vieler ihn loben.“ (Ps. 108, 30)

Dieses, ja, heißt ein vollkommenes Bekenntnis des Herrn ablegen: „Du hast ein schönes Bekenntnis vor vielen Zeugen abgelegt.“ (1. Tim. 6, 12) Wenn aber dein Bekenntnis vor keinem Zeugen geschieht, – welch großen Wert kann man ihm dann beimessen? Es wird wohl ein Lob sein, das du deinem Gott zollst: es wird eine Gottesverehrung, es wird ein Ausdruck des Glaubens – aber kein Bekenntnis sein.

Das Bekenntnis, welches Christus hier verlangt, ist die Abgabe einer offenen Erklärung. Weißt du nun aber nicht, daß vor Gericht die Abgabe einer solchen Erklärung keine Geltung hat, wenn die nötigen Zeugen hierfür mangeln?
Der Herr wird dich bekennen – in Gegenwart aller seiner Engel, die weit jede Zahl überschreiten: „vor seinen Engeln“; und du weigerst dich, ihn zu bekennen – in Gegenwart einiger Menschen, deiner Gesellschafter, deiner Bekannten, deren Zahl so gering ist: „vor den Menschen“?

Der Menschensohn wird dich vor den Engeln bekennen

3. Erwäge ferner: nachdem der Herr die Worte vorausgeschickt hatte: „Einen Jeden, der mich vor den Menschen bekennen wird“, scheint nun als Nachsatz folgen zu sollen: Den werde auch ich vor meinen Engeln bekennen. Aber wir sehen, daß Christus hier nicht so sprechen wollte, sondern: „Den wird auch der Menschensohn vor seinen Engeln bekennen.“

Er spricht von sich wie von einer dritten Person: denn dies war seine gewöhnliche Redeweise, besonders aber dann, wann er von sich selbst irgend etwas höchst Ruhmvolles zu sagen hatte. Ja, damit noch nicht zufrieden, pflegte er sich eben alsdann mehr als je zu erniedrigen, indem er sich einen so demütigen, so geringen, so verächtlichen Namen gab, wie der Name Menschensohn.

Betrachte, wie herrlich und zahlreich die Namen sind, welche ihm einhelligen Mundes einst die Propheten gaben: der Aufgang, der Große, der Gerechte, der Starke, der Allerhöchste, der Wunderbare, der Erlöser, der Mächtige, der Liebherzige. Dessen ungeachtet, sage, – welches von allen diesen Namen pflegte er sich je zu bedienen? Er nannte sich gewöhnlich den Menschensohn.

Indessen legte er sich diesen Namen auch noch aus drei anderen Gründen so häufig bei.
Fürs Erste, um dadurch anzudeuten, daß sein heiliges Fleisch nicht neugeschaffen worden sei, wie das des Adam (der daher wohl Mensch, aber niemals Menschensohn genannt werden konnte), sondern daß es wirklich aus einem menschlichen Leib gebildet wurde; und um auf diese Weise seine Menschwerdung zu bekräftigen: „Es sandte Gott seinen Sohn, gemacht aus dem Weibe“ (Gal. 4,4); nicht bloß geboren aus dem Weibe, wie an dieser Stelle einige bösgesinnte Menschen schlau und hinterlistig zu lesen versuchten; sondern auch gemacht, gebildet aus dem Weibe.

Fürs Zweite, wie er redet, da er von den Menschen spricht: „Gehe zu meinen Brüdern (Joh. 20, 17): verkündet meinen Brüdern.“ (Matth. 28, 10)

Fürs Dritte, um anzuzeigen, daß an ihm die alten Verheißungen treu erfüllt sind, welche einst den Vätern der Vorzeit gemacht worden waren, als Gott ihnen den heiligen Schwur tat, daß der künftige Messias unfehlbar aus ihrem Stamm und Geschlecht entsprossen werde: „Von der Frucht deines Leibes werde ich auf einen Thron setzen.“ (Ps.131, 11) Zu dieser Erfüllung aber ist notwendig, daß Christus nicht bloß Mensch, sondern auch wirklich des Menschen Sohn war.

Dies sind die drei vorzüglichsten Gründe, welche ihn bewogen, sich so häufig jenes Namens zu bedienen. Es war ihm dieser Name wert und teuer, weil derselbe von nichts anderem erklang als von dem, was dir nicht bloß zum Nutzen, sondern auch zur höchsten Ehre gereicht; und so bekannte er gewissermaßen dich eher, als du ihn zu bekennen im Stande warst.

Siehe also, wie sehr du verpflichtet bist, ihm dankbar und liebend entgegen zu kommen. Wenn Er sich dir zu Liebe erniedrigen wollte, indem er um deines Heiles willen sich so oft den ihm eigenen Namen des Menschensohnes gab; so erhebe du ihn lobpreisend, indem du ihn immerfort mit lautester Stimme den Sohn Gottes heißest: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der du in diese Welt gekommen bist.“ (Joh. 11, 27)

O wie wert und angenehm wird ihm ein solches Bekenntnis sein! Mache dasselbe bei dir selbst, wann du durch die hochheilige Kommunion ihn in deinem Herzen empfängst: mache dasselbe, wann du ihn auf einem herrlichen Thron ausgesetzt verehrst, wo er, so zu sagen, den Menschen öffentliches Gehör gibt: mache es, wann du ihn anbetend besuchst, da er gleichsam zu stillem Gehör gewohnter Weise im engen Gemach des Tabernakels eingeschlossen ist: mache es endlich nicht bloß bei dir selbst, sondern in Gegenwart aller Menschen, so viele ihrer auch sein mögen, indem du, so oft sich Gelegenheit gibt, Jesus Christus zu nennen, ihn gerne und freudig den Sohn Gottes heißest. – –
aus: Paul Segneri S.J., Manna oder Himmelsbrod der Seele, 1853, Bd. II, S. 265 – S. 271

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