Das Gericht über den Fürsten der Welt

Der Fürst dieser Welt ist schon gerichtet

(13. September)

Nunc judicium est mundi, nunc princeps hujus mundi ejicietur foras; et ego, si exaltatus fuero a terra, omnia traham ad meipsum.

„Jetzt ist das Gericht der Welt, jetzt wird der Fürst dieser Welt hinaus geworfen werden; und ich, wenn ich von der Erde erhöht sein werde, will Alles zu mir ziehen.“ (Joh. XII. 31,32)

Erwäge: zwei waren die höchst glücklichen Wirkungen, welche durch den Tod Jesu Christi erzielt wurden. Erstens wurde dem bösen Geist die Herrschaft entrissen, welche er über das ganze Menschengeschlecht inne hatte; und zweitens wurde Jesus Christus selbst mit dieser Herrschaft bekleidet.

Aber stelle dir die Sache ja nicht so vor, als ob dies alles zufällig oder in willkürlicher Weise vollzogen worden sei; es geschah vielmehr einem höchst gerechten Urteilsspruch gemäß, den Gott als oberster Richter in einem großen und offenen Gericht fällte, das er zwischen Jesus Christus und dem bösen Geist hielt. Und darum sagte Christus, kurz vor seinem Tod, folgende Worte zu seinen Jüngern: „Jetzt ist das Gericht der Welt“, und setzte dann sogleich noch weiter hinzu: „Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinaus geworfen werden; und ich, wenn ich von der Erde erhöht sein werde, will Alles an mich ziehen.“

O welche Gedanken inniger Frömmigkeit kannst du aus diesen wahrhaft erhabenen Worten zum Besten deiner Seele entnehmen, wenn du sie recht betrachten willst! Bemühe dich also, recht tief in ihr innerstes Verständnis einzudringen.

Freiwillige Knechtschaft unter Satan

Erwäge: wie der Mensch sich aus freien Stücken von dem bösen Geist besiegen ließ, indem er zu dessen sündhafter Versuchung seine Einwilligung gab. Darum ward er aber auch von Gott, nach dem Urteil seiner unwandelbaren Gerechtigkeit, sogleich zur unseligen Knechtschaft unter den grausamen Gewaltherrscher verdammt, den er sich selbst zum Herrn erwählt hatte.

Und niemals hätte der elende Mensch aus eigener Kraft sich diesem furchtbaren Joch wieder entziehen können: vielmehr war seine Seele in die äußerste Schwäche gesunken; und indem er deshalb fort und fort allen Versuchungen nachgegeben hätte, welche ihm von dem bösen Feind stets neuerdings bereitet worden wären, würde er während seines ganzen Lebens nichts Anderes getan haben, als jeden Tag Sünden auf Sünden häufen, bis er endlich gestorben und zur Hölle hinab gestiegen wäre, um daselbst die entsetzlichsten Strafen zu dulden, welche in dem ewigen Feuer ihm schon bestimmt waren.

Die Gewalt des bösen Geistes über den Menschen war daher, wie der heilige Augustinus bemerkt, an sich eine gerechte, obwohl der verräterische Wüterich sie mit der ungerechtesten Absicht ausübte.

War sie aber gerecht, so war sie keineswegs deshalb gerecht, weil sie ihm auf irgend einen sachlichen Rechtsgrund hin gebührt hätte, sondern bloß deshalb, weil es Gott gefallen hatte, ihm dieselbe zu übertragen; gleichwie die Gewalt, welche der Henker über einen Verbrecher besitzt, eine gerechte ist, weil sie ihm von dem Fürsten erteilt worden ist.

Gott hätte demnach zweifelsohne, wann es ihm wohlgefällig gewesen wäre, den Menschen begnadigen, und denselben, wie er ihn nach seinem freien Entschluss in die Hände des bösen Geistes überliefert hatte, auch wieder durch eine gleiche Tat seines Willens daraus befreien können, ohne deshalb dem bösen Geist das mindeste Unrecht zuzufügen; wie denn auch jeder Fürst, wann es ihm beliebt, einen verurteilten Verbrecher der Hand des Henkers wieder entziehen kann, ohne dem letzteren irgendwie unrecht zu tun.

Aber Gott wollte nicht auf diese Weise verfahren: „Der Gott des Gerichtes ist der Herr“ (IS. 30,18), sondern er beschloß, diese Sache nicht den Weg der Gnade, sondern der strengsten Gerechtigkeit gehen zu lassen.

Zu diesem Ende ließ er seinen eingeborenen Sohn Jesus Christus selbst, den Heiligsten, Unschuldigsten, Reinsten, Unbeflecktesten, der allein unter allen Menschen der Knechtschaft des Teufels nicht unterworfen war, vom Himmel hinab auf die Erde steigen, um an seinem eigenen Leib die Schulden der Menschheit zu büßen.

Jetzt ist das Gericht der Welt

Auf einmal sah der böse Geist auf der Welt einen so heiligen Mann; das war ihm unerwartet, und deshalb schickte er sich an, über denselben mit gleich frechem und übermütigem Stolz die nämliche Herrschaft geltend zu machen, die er über alle anderen ihm unterworfenen Menschen ausübte. Er wagte es, mit schamloser Keckheit sich ihm in der Wüste zu nahen, ja ihn sogar zur Abgötterei zu versuchen: er verfolgte ihn, er bekämpfte ihn, er stellte ihm nach, er brachte es dahin, daß derselbe endlich durch das Verfahren voll der wütendsten Bosheit zum Tode verdammt wurde; – gleich als ob auch er ein Sünder, und daher des Todes schuldig gewesen wäre.

Der grausame Wüterich erreichte, was er sehnlichst gewünscht, vermöge des höchst gewalttätigen Einflusses, den er auf das jüdische Volk auszuüben wußte, um es zum Haß und zur Ermordung Jesu Christi aufzustacheln. Dieser aber rief deshalb um Recht zu seinem geliebten Vater: „Erhebe dich, o Gott! Und richte meine Sache.“ (Ps. 73,22) Und der Vater hörte ihn, wie es sich geziemte.

Es ward das Urteil wider den bösen Feind gesprochen, der dasselbe wie einen entsetzlichen Donner herab vom Himmel schallen hörte: „Vom Himmel ließest du das Gericht ertönen.“ (Ps. 75,9) Und weil er widerrechtlich den Versuch gemacht, seine Herrschaft auch über Christus auszuüben; so ward augenblicklich auch jene ihm genommen, welche ihm über die übrigen Menschen zugestanden worden war: und es ward erklärt, daß diese Herrschaft fürder Christus dem Herrn allein gebührte, weil er überreiche Genugtuung für die Sünden des ganzen Menschengeschlechtes geleistet hatte, – und nimmer dem bösen Geist, der nur bestrebt war, jene Sünden stets zu mehren, indem er die ihm rechtmäßig zuerteilte Gewalt dazu mißbrauchte, um Unrecht auf Unrecht zu häufen.

Siehe demnach, was Christus der Herr zu verstehen geben wollte, als er, seinem Leiden nahe, sagte: „Jetzt ist das Gericht der Welt.“ Er wollte dadurch aussprechen, daß nun endlich einmal die Stunde nahte, da der große Urteilsspruch ergehen sollte, wem die Herrschaft über das ganze Menschengeschlecht (das hier durch den Ausdruck Welt bezeichnet wird) zu recht gebührte: ob ihm, der so unendlich viel getan, um es zu retten; oder dem bösen Geist, der dasselbe mit so rasender Wut verfolgte.

Was sagst nun du zu dieser Wahrheit, du, der du der Meinung zu leben scheinst, als seiest du der Knechtschaft des bösen Geistes ohne Mühe und ohne Lösegeld entronnen? Bedenke nur recht ernst, daß dies um den Preis unendlicher, nur zu großer Misshandlungen und Leiden geschah, welche der Sohn Gottes selbst sogar von dem bösen Feind erdulden musste, gleich als ob auch er ein elender Mensch gleich dir gewesen wäre: „In Allem, weil er unseres Gleichen ist, versucht, die Sünde ausgenommen.“ (Hebr. 4,15)

Und du solltest dich nicht gedrungen fühlen, gegen den Sohn Gottes wenigstens jene Dankbarkeit zu zeigen, zu welcher du so sehr verpflichtet bist; und zwar werktätig, so daß du mutig gegen den bösen Geist kämpfst, der ihn, wenn er es vermöchte, sogar im Himmel noch anfeinden möchte?

Viele bleiben freiwillig Sklaven Satans

Erwäge: die erste Folge des höchst gerechten Urteilsspruches Gottes war (wie wir bisher gezeigt haben), daß dem bösen Geist seine Gewalt entrissen und ihm die Herrschaft wieder entzogen wurde, welche ihm über das ganze der Sünde verfallene Menschengeschlecht eingeräumt worden war. Dies eben wollte uns Christus kund tun, als er hinzu fügte: „Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinaus geworfen werden.“

Der Fürst dieser Welt (ein glänzender Eigenname, den er führt!) ist der böse Geist, der an mehreren Stellen der heiligen Schrift so genannt wird: „Der Fürst dieser Welt kommt, aber an mir hat er keinen Teil (Joh. 14,30): der Fürst dieser Welt ist schon gerichtet. (ebd. 16,11)“ Aus welch anderem Grund aber wird er mit diesem Namen bezeichnet, als eben wegen der Gewalt, die ihm über die sündige Welt gegeben worden ist? „Er ist der König über alle Kinder des Stolzes.“ (Job 41,25)

Dieser Gewalt nun wurde er durch einen förmlichen Urteilsspruch verlustig erklärt, wegen der ungerechten Behandlung insbesondere, die er sich gegen Jesus Christus erlaubt hatte. Und darum sagte Christus, es sei endlich einmal Zeit, daß ein so schlechter Fürst hinaus geworfen werde, – zwar nicht aus der Welt, weil man dies aus beachtenswerten Gründen nicht tun wollte; wohl aber aus seiner Herrschaft: „Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinaus geworfen werden“; das heißt: hinaus aus seinem Gebiet, hinaus aus seiner Herrschaft, hinaus aus seinem Reich.

Daraus ergibt sich nun die folgende Wahrheit: Jene, welche noch immer unter der Gewalt des bösen Geistes verbleiben, wie zum Beispiel so viele Götzendiener, so viele Juden, so viele Heiden, so viele Mohammedaner, und selbst auch so viele Katholiken, die leider nur all zu gottlos leben, – bleiben nicht deshalb unter dieser Gewalt, weil der böse Feind noch die Macht über sie besitzt, welche er wirklich inne hätte, wenn Christus nicht in unendlicher Liebe für sie in den Tod gegangen wäre; sondern sie verbleiben in jener Knechtschaft nur, weil sie törichten Sinnes selbst darin bleiben wollen, und so sich zu den niedrigsten Sklaven machen, die es je gibt: zu freiwilligen Sklaven nämlich, zu Sklaven, die es gerne sind.

Denn es ist wohl wahr und gewiß, daß die Menschen ohne die Gnade, welche ihnen Christus durch seinen Tod am Kreuz verdient hat, sich niemals aus der Hand des bösen Geistes hätten befreien können; aber nachdem jene Gnade einmal erworben ist, kann man dies nicht mehr sagen.

Ist einmal jene Gnade errungen, so könnten alle Menschen, wenn sie nur möchten, der Gewalt des Bösen sich entziehen: „Jetzt aber sind wir gelöst von dem Gesetz des Todes, in welchem wir gebunden lagen.“ (Röm. 7,6) Und wenn daher der böse Geist als Fürst über sie herrscht, indem er sie noch seiner Herrschaft unterworfen hält, so ist er bloß deshalb ihr Fürst, weil sie ihn selbst dazu machen, indem sie lieber ihm als dem Herrn Jesus Christus gehorchen wollen.

Was hältst du aber nun von einer so frechen Empörung, deren sich immer noch ein so großer Teil des Menschen-Geschlechtes schuldig macht? Scheint es dir nicht gebührend, dieselbe zu beweinen, zu verabscheuen, und auf alle Weise zu streben, daß du sie gänzlich, so weit wenigstens deine Kräfte es dir gestatten, unterdrückst? Was müsste man also sagen, wenn du, im Gegenteil, dich auch unter den Verschworenen befändest, welche bemüht sind, jene Empörung immer ärger zu machen?

Es bliebe nun noch die Aufgabe übrig, auch die andere Wirkung genauer zu betrachten, welche aus dem Urteilsspruch hervor ging, den der ewige Vater, dem strengsten Recht gemäß, zu Gunsten seines Eingeborenen fällte. Diese Wirkung bestand darin, daß Christus mit der Herrschaft bekleidet wurde, welche dem bösen Geist genommen ward: eine Wirkung, welche der Herr selbst mit den Worten ausdrückte: „Und ich, wenn ich von der Erde erhöht sein werde, will Alles an mich ziehen.“

Aber um dieselbe, wie es sich geziemt, mit größerer Muße erwägen zu können, möge es dir gefallen, deren Betrachtung auf den folgenden Tag zu verschieben, an welchem man eben recht zutreffend das Fest der Erhöhung des heiligen Kreuzes feiert. –
aus: Paul Segneri SJ, Manna oder Himmelsbrod der Seele, III. Band, 1853, S. 513 – S. 518

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