Das ewige Leben Jesu vor Zeit und Welt

Vorleben Jesu

Das ewige Leben Jesu vor Zeit und Welt im Schoß des Vaters

Das Vorleben Jesu zerfällt in zwei Teile: in das ewige Leben des Wortes im Schoß des Vaters und das irdische Leben im Schoß der Verheißungen.

1. Im Schoße des Vaters.

Vor Zeit und Welt

Joh. 1, 1. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. – 2. Dieses war im Anfang bei Gott.

Die Vorbereitung der Menschwerdung umfaßt das ewige himmlische Leben des Wortes und das irdische Leben des Gottmenschen von der Erschaffung der Welt bis zu seiner sichtbaren Ankunft, die Zeit nämlich, in welcher er zu leben anfing im Glauben und in Erwartung der Menschen und im Dasein seiner Ahnen und Vorväter dem Fleische nach. Der Heiland ist Gott und Mensch zugleich, und als solcher erfüllt er Zeit und Ewigkeit. – Wir müssen nun zuerst, um den Heiland kennen zu lernen, uns im Geiste erheben zu seinem vorweltlichen Leben und dasselbe nach Möglichkeit zu erfassen suchen.

Beweggründe, das vorweltliche Leben zu betrachten

Der erste Beweggrund, uns mit Teilnahme und Liebe diesem Leben zuzuwenden, ist, weil es das Leben der göttlichen Person und Natur unseres Herrn und Heilandes ist, und zwar ist dieses vorweltliche Leben des Heilandes viel erhabener und bedeutsamer als sein zeitliches Leben, weil es ein durchaus wesentliches, unbedingt notwendiges, glorreiches, ewiges, einfach göttliches Leben ist. Soweit Gott über der Kreatur, so weit liegt dieses göttliche über dem geschaffenen Leben des Gottmenschen. So groß und erhaben dieses auch ist, es wird von allen Seiten von jenem göttlichen Leben getragen, begrenzt und umfangen, und alle Herrlichkeit kommt ihm von jenem.

Zweitens macht uns der Heiland selbst wiederholt aufmerksam auf dieses vorweltliche Leben. „Bevor Abraham ward, bin ich“ (Joh. 8, 58). „Vater, verherrliche mich mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war“ (ebd., 17, 5. 24). Einige beziehen auch auf dieses Leben die Aussprüche des Heilandes: „Ich sah Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen“ (Luk. 10, 18). „Ich bin der Anfang, der ich zu euch rede“ (Joh. 8, 25). Es sind wenige Worte, aber voll Majestät und unendlicher Tiefe erhellen sie wie mächtige Lichtblitze das geheimnisvolle Dunkel des vorweltlichen Lebens und eröffnen Fernsichten in unabsehbare Weiten. – Sehr oft weisen auch die Apostel auf dieses Leben hin, so der hl. Johannes im Anfang seines Evangeliums und der hl. Paulus in seinen Briefen (Kol. 1, 15. 16. 17; Hebr. 1, 2. 8. 10).

Drittens ist dieses Leben nicht ohne Beziehung zu uns. Es ist unser Ursprung und unser großes Ziel, und am Ende unserer Lebenszeit wird es unsere Belohnung und ewige Freude sein.

Beschaffenheit dieses vorweltlichen Lebens 1. Gesichtspunkt

Dieses vorweltliche Leben bietet zwei Gesichtspunkte: erstens dessen Eigenschaften in sich und zweitens dessen Beziehungen zu den Geschöpfen.

Die Beziehungen zu sich offenbart uns in wenigen Worten der hl. Johannes (Joh. 1, 2). Es ist seiner Dauer nach von Ewigkeit. Dieses Kind, das eben geboren im Schoße der Jungfrau ruht, ist ewige Jahre alt. Weit über die Gesetzgebung Sinais hinaus, weit über über die Säkularepochen der Erschaffung und Ausbildung unseres Erdballs, weit über die Schöpfung und den Fall der Engel, weit hinaus über alles Dämmerlicht und die äußersten Nebel der Geschichte, vor aller Geschichte und vor aller Zeit, a Anfang aller Dinge, also vor allen geschaffenen Dingen, selbst nicht geschaffen und ohne Anfang, ist er der Alte der Tage (Dan. 7, 9) und das Α und Ω, der Anfang und das Ende aller Dinge (Offb. 22, 13).

Der Ort dieses Lebens ist keine irdische Heimat, er hat keine Mauern, keine Gestalt, er ist nicht im Raume, weit über die Enden der Welt und über den Aufgang und Niedergang der Gestirne (Job 28, 12. 20). „Das Wort war bei Gott.“ Im Schoße des Vaters ist seine Heimat, das schöne Land, woher alles Gute kommt und wohin alles Schöne geht. Das Licht der Gottheit, der Abgrund der unerschöpflichen Schönheit, das Heiligtum ungestörten Friedens, das Glutmeer der unendlichen Liebe und Freude ist seine Geburtsstätte und seine Wohnung. Da ist er bei Gott als eigene, ebenbürtige Person, als freier Träger und Inhaber der einen göttlichen Natur und Mitbesitzer aller Macht und Ehren und Freuden. „Bei dir ist die Herrschaft im Glanz der Heiligen“ (Ps. 109, 3).

Und zwar in der Eigenschaft als „Wort“. „Gott war das Wort.“ Er ist die Person des Wortes, die zweite Person in der Dreifaltigkeit. Die erste ist der Vater. Er geht von niemand aus und hat die göttliche Natur und das göttliche Leben von sich. Er erkennt sich aber von Ewigkeit, denkt sich, erzeugt ein lebendiges und vollkommenes Bild seiner Wesenheit und spricht es als wesentliches und ewiges Wort, das ihn vollkommen darstellt und erschöpft. Das ist die zweite Person, der Sohn, das Wort, die Weisheit, der Ausdruck und Inbegriff seiner Weisheit. Deshalb nennt die Schrift die Weisheit das Bild seiner Wesenheit, den Strahl des ewigen Lichtes, den Spiegel ohne Makel und das Bild seiner Güte (Weish. 7, 26). Im Verein mit dem Vater bringt der Sohn den Heiligen Geist hervor, als die Person der Liebe und den unendlichen Aushauch des göttlichen Jubels und der Freude und das Siegel des ewigen Friedens. Da lebt nun der Sohn und herrscht im Verein mit den zwei übrigen Personen in ewiger Seligkeit, in geselliger Einheit und in alles übersteigender Freude.

Während der Vater die Hoheit, die Majestät und die Macht ist, der Heilige Geist die Liebe, die Güte, die Freude und Wonne in der Gottheit, ist der Sohn das Leben, die Weisheit und Schönheit. Was gibt es aber Helleres, Friedlicheres, Freudigeres und Freundlicheres als die Weisheit? Was Süßeres als das Leben? Was Lieblicheres als das Licht? Was endlich Herzentzückenderes als die Schönheit? Das alles ist der Sohn. Das sind die Eigentümlichkeiten, die sich für seine Person ergeben aus der Art seines Hervorgehens, das eine wahre Zeugung ist.

Beschaffenheit dieses vorweltlichen Lebens 2. Gesichtspunkt

Eine zweite Beziehung dieses vorweltlichen Lebens ist die zu den Geschöpfen. Gott war in seiner Abgeschiedenheit und Ewigkeit nicht allein. Gott erkannte nicht bloß seine unerschaffene Güte, Schönheit, Macht und Weisheit, sondern auch seine schöpferische und an die Geschöpfe mitteilbare Güte. Er kannte alle Wege und Weisen, wie er sich mitteilen kann, und alle Zielpunkte seiner schöpferischen Macht. Sie umgaben ihn denn als eine andere Seite, eine andere Welt des göttlichen Seins stets unzählige und wunderbare Kreise und Ordnungen von möglichen Schöpfungen, eine höher, herrlicher als die andere. –

Wo befanden sich nun alle diese Bilder und Herrlichkeiten der Mitteilungen Gottes? Im Sohn. Er ist ja Bild seiner Güte, sowohl der unerschaffenen als der erschaffenen. Er ist die Weisheit des Vaters, und in ihm fanden sich alle Ideen möglicher Wesen; da waren sie Leben. Ja er war selbst hervor gegangen auch aus der Kenntnis aller möglichen erschaffenen Dinge. Er war also die Schatzkammer, in welcher die schöpferischen Reichtümer Gottes in ihren mannigfaltigen und wunderbaren Mustern vorlagen; er war der Riesenspiegel, in dem Gottes Herrlichkeit in unzähligen Ordnungen von Geschöpfen widerstrahlte; er war das große Buch des Lebens, das dem Vater stets offen vorlag und in dem er mit unbeschreiblichem Wohlgefallen las. –

Wir sehen, dieses Leben war nicht ohne die innigste Beziehung zu uns. Da waren wir und lebten wir von Ewigkeit. Da wurde an uns gedacht, da wurden wir geliebt als mögliche Ebenbilder, als Ab- und Ausstrahlungen der Herrlichkeit und Güte Gottes. Wie innig ist es, zu denken, daß das Wort auch aus der Erkenntnis unser hervor gegangen, und daß wir ein Teil, wenn auch ein kleiner und winziger, seiner ewigen Betätigung und Freude waren! Wir wie viele andere Geschöpfe waren Tautropfen des himmlischen Regenbogens, der ihn millionenfach umgab und in dem sich sein göttliches Licht brach, kleine Wellen in dem Meer der Möglichkeiten, die das Antlitz seiner Schönheit widerspiegelten, Perlen in der Krone, die seine Weisheit trug. Wie wunderbar und glorreich ist nicht dieses Leben und die Beschäftigung des Wortes inmitten seiner Schöpfungs-Möglichkeiten! Obgleich noch nicht geschaffen, rollten doch unaufhörliche Reihen von Welten mit wunderbarem Pflanzenschmuck, mit fremdartigen Tiergestalten und riesenhaften Gebirgs-Entfaltungen an seinem Auge vorüber; nie endende Meere rauschten ihren Wogengesang; unabsehbar breiteten sich die Heerscharen von Sternen und Sonnen vor seinen Blicken aus und begrüßten ihn mit den blinkenden Waffen ihrer Strahlen und in der Jugendkraft ihres stürmenden Ganges; Seelen, Menschenseelen blühten unzählig und mannigfaltig auf vor seinem Auge, wie Blumen vor der Frühlingssonne, und umschwebten ihn, angezogen wie mit geheimnisvoller Vertraulichkeit als schöne Engelbilder ohne Zahl, und umsäumten dienend seinen Thron. Eine wunderbare Welt, viel größer, mannigfaltiger und herrlicher als die wirkliche Schöpfung, in ewigem Wechsel und sich erneuernder Mannigfaltigkeit. Umgab ihn gleich einem Hofstaat und strahlte seine Herrlichkeit undSchönheit wider.

Das war das vorweltliche Leben, ein wunderbares Leben voll Licht und Dunkel, voll majestätischer Ruhe und Bewegung, voll Einheit, Abgeschiedenheit und Geselligkeit, voll Stillschweigen und erstaunlichen Gespräche, voll Einfachheit und Unermeßlichkeit, voll notwendiger Selbstbestimmung und unbegrenzter Freiheit und Unabhängigkeit, ein Leben im Glanz der unerschaffenen Heiligkeit und im Jubel aller göttlichen Vollkommenheiten – ein anbetungswürdiges, göttliches, Leben, das Vorbild und die Quelle alles Lebens.

Schlussfolgerungen

Der Schlussfolgerungen aus der Betrachtung dieses vorweltlichen Lebens sind zwei:

Erstens schulden wir diesem Leben Bewunderung, Anbetung und die herzliche Teilnahme der Freude und der Beglückwünschung. Es ist wirklich das Leben unseres Gottes, sein eigenstes und wesentliches Leben, unendlich groß, wunderbar und anbetungswürdig in sich. Wir können dieses Leben eigentlich nur ehren mit dem Jubel der heiligen Dreifaltigkeit selbst und mit der Freude, welche das ewige Wort selbst daran empfindet. „Ja, gepriesen seist du, o Herr, und lobwürdig und herrlich und hoch gerühmt in Ewigkeit! Gepriesen sei der heilige Name deiner Herrlichkeit und lobwürdig und hoch gerühmt in Ewigkeit! Gepriesen seist du im heiligen Tempel deiner Herrlichkeit und hoch gelobt und hoch gerühmt in Ewigkeit! Gepriesen seist du auf dem Throne deines Königtums und hoch gelobt und hoch gerühmt in Ewigkeit! Gepriesen seist du über dem Zepter deiner Gottheit und hoch gelobt und hoch gerühmt in Ewigkeit! Gepriesen seist du, der du schauest die Abgründe und thronest auf Cherubim, und lobwürdig und hoch gerühmt in Ewigkeit! Gepriesen seist du, der du wandelst auf den Flügeln der Winde und über den Wogen des Meeres, und hoch gelobt und hoch gerühmt in Ewigkeit! Preisen sollen dich alle Engel und alle deine Heiligen, und loben sollen sie dich und verherrlichen in Ewigkeit! Preisen sollen dich Himmel und Erde und das Meer und alles, was in ihnen ist; loben sollen sie dich und lobpreisen in Ewigkeit!“ (Dan. 3; nach der Liturgie am Quatember-Samstag des Advents.) Mit inniger, traulicher Liebe sollen wir an diesem Leben hangen, weil es auch die erste, älteste und schönste Stätte und Heimat unseres eigenen Lebens ist.

Zweitens müssen wir dieses vorweltliche Leben im Auge behalten im Umgang mit dem göttlichen Heiland, und im Lichte und in der Herrlichkeit dieses ungeschaffenen Lebens sein geschaffenes Leben betrachten. So müssen wir ihn ansehen in der Krippe, in Nazareth, in der Wüste, im Umgang mit den Menschen und sterbend am Kreuz, und jedesmal, wenn wir uns zum Gebet ihm nahen, unsere Knie beugen und ihn in unserem Herzen empfangen. Einen Augenblick alt nach seiner Geburt und sterbend für uns am Kreuz, ist er ewige Jahre alt, der Anfang ohne Angang, unser Schöpfer und unser Gott, hoch gelobt in Ewigkeit! –
aus: Moritz Meschler SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi des Sohnes Gottes, Bd. 1, 1912, S. 22 – S. 27

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