Wahrer Schmerz über die eigenen Sünden

Es gibt keinen wahren Schmerz über die Sünden Anderer ohne wahre, herzliche Reue über unsere eigenen.

Der wahre Schmerz über die eigenen Sünden

Indessen dürfen wir, wie ich vorhin sagte, nicht vergessen, unsere eigenen Sünden zu beweinen, und zwar hauptsächlich, weil dadurch der so unendlich gute und liebende Gott beleidigt wird. „Wenn wir uns wegen unserer Sünden betrüben“, sagt der heilige Chrysostomus, „so vermindern wir die Größe derselben; was groß war, machen wir klein, ja oftmals löschen wir es ganz aus.“ Und der heilige Basilius drückt sich bei Erklärung der Worte: „Du hast meine Tränen in Freude verwandelt!“ so aus: „Nicht in jede Seele gießt Gott seine Freude aus, sondern in diejenige, welche über ihre Sünde einen tiefen Schmerz empfunden und reichliche Tränen darüber vergossen hat, wie wenn sie auf ihrem eigenen Grab weinte; denn solche Tränen verwandeln sich endlich in Freude.“ „Wir müssen unsere Sünden immer vor Augen haben“, sagt ferner der heilige Chrysostomus, „denn dadurch löschen wir dieselben nicht nur aus, sondern wir werden auch sanftmütiger und nachsichtiger gegen andere, und dienen Gott mit größerer Zärtlichkeit, indem wir durch das Andenken an unsere Sünden eine bessere Einsicht in seine unendliche Güte erlangen.“

Die heilige Schrift sagt uns: „Sei nicht ohne Furcht über die nachgelassenen Sünden!“ (Sir. 5,5) und in der Tat wird eine solche Furcht die beste Sicherheit gegen einen neuen Fall sein. Einige Heilige sagen, daß, wenn wir durch göttliche Offenbarung wüßten, daß unsere Sünden vergeben sind, wir dennoch darüber trauern sollten, wie David, als Gott ihm diese Gunst erwies, und der heilige Paulus, welcher in der Gnade bestärkt wurde. Denn ein solcher Schmerz nährt beständig unsere Liebe gegen Gott. Der heilige Udo erwähnt einen sehr interessanten Zug aus dem Leben des heiligen Gerard, welcher nach seiner Bekehrung über die kleinsten Fehler die größte Reue fühlte, gerade wie der heilige Hieronymus uns von der heiligen Paula erzählt. Nun machte Gott dem heiligen Gerard kund, daß ihm die schweren Sünden seines vergangenen Lebens erlassen seien wegen seines heiligen Schmerzes über die lässlichen Sünden, die er seit seiner Bekehrung beging.

Doch dürfen wir diesen Schmerz nicht übertreiben; wir müssen unsere Sünden mehr im Allgemeinen, als im Besonderen betrachten, und vor allem, wie es der heiligen Katharina geoffenbart wurde, soll unser Schmerz eine Erinnerung an die Verdienste des kostbaren Blutes, ein Akt der Bewunderung über das göttliche Mitleid und nicht eine trockene Betrachtung unserer Sünden sein, nach dem Rat des heiligen Bernhard, welcher sagt: „Ich rate euch, meine Freunde, manchmal von der betrübenden und ängstlichen Untersuchung eurer Wege abzustehen, und euch auf den weiteren und freundlicheren Pfaden der göttlichen Wohltaten zu ergehen. Schmerz über die Sünde ist allerdings notwendig, aber er darf nicht immerfort dauern; wir müssen ihn mit dem erfreulichen Gedanken an Gottes Mitleid unterbrechen. Wir müssen Honig in unsern Wermut mischen, sonst ist die Bitterkeit desselben nicht gesund.“

Das Leben ist nur eine ganz kurze Zeit im Vergleich mit der Ewigkeit, und durch alle Ewigkeit werden wir unendlich glücklich sein, und doch nur eine einzige Beschäftigung haben – Gott zu verherrlichen. Dies ist buchstäblich wahr, und diese einzige Aufgabe wird solche Schätze der Seligkeit in sich enthalten, daß uns nichts mehr zu wünschen übrig bleibt.

Warum wollen wir dies Geschäft nicht schon auf Erden beginnen, warum nicht schon jetzt versuchen, die Ehre Gottes mit Liebe zu umfassen, die der Gegenstand unserer Freude und Anbetung im künftigen Leben sein wird! Der besondere Charakter der Güte Gottes besteht darin, daß er es liebt, sich mitzuteilen, und Er teilt sich seinen Geschöpfen unablässig mit in der Natur, in der Gnade und in der Glorie. Wir müssen dies Beispiel nachahmen. Es gibt eine Art selbstsüchtiger Tugend, wo man nur an sich selbst denkt und an seine eigenen Seele. Dies scheint allerdings ein wichtiger Gegenstand, wenn wir so viele Tausende um uns erblicken, welche kaum wissen, daß sie überhaupt eine Seele haben. Aber es ist gefährlich, sich ausschließlich mit seiner eigenen Seele zu beschäftigen. Wer kann das kostbare Blut besitzen, seinen Wert erkennen, die Wirkungen desselben empfinden, und brennt nicht zugleich von dem Verlangen, sein Glück auch andern mitzuteilen?

Ich wünschte, wir könnten immer alles bloß zur Ehre Gottes tun, allein dies ist kaum möglich. Dennoch können wir ohne große Anstrengung viel mehr tun, als bisher, wenn wir nur versuchen wollen, über unsere Sünden und über die Sünden der ganzen Welt zu weinen, weil unser liebevoller Erlöser dadurch so tief beleidigt wird. –
aus: Frederick W. Faber, Alles für Jesus oder die leichten Wege zur Liebe Gottes, 1913, S. 137 – S. 139

Category: Betrachtungen, Faber
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