Vom Lohn des guten Willens

Frohe Botschaft – Ein Büchlein vom guten Willen

Vom Lohn des guten Willens – Was wird uns dafür werden?

Die Frage „Was wird uns dafür werden?“ ist nicht bloß die Stimme des Eigennutzes, es ist eine Frage, die uns doch wohl Gott selber ins Herz gelegt hat und die eben deswegen auch beim besten Menschen und beim besten Werk sich immer wieder vernehmlich macht. Auch jetzt, da wir den Vorsatz fassen, den guten Willen trotz allen Schwierigkeiten nie zu verlieren und ihn wie ein brennend Lichtlein durchs ganze Leben hindurch zu bringen, auch da fragen wir uns wohl: „Was werde ich davon haben? Was nützt es mir?“

Aber dann erschrecken wir selber wieder vor dieser Frage. Dürfen wir sie stellen? Dürfen wir es wagen, dem heiligen Gott, vor dem die Engel trotz ihrer Heiligkeit wie Sünder zittern, statt hoher Tugenden und Heiligkeiten nur einen schlichten guten Willen anzubieten und dafür gar einen Lohn zu begehren? Geben sich doch nicht einmal die Menschen, die selber so unvollkommen mit diesem guten Willen schon zufrieden. Nicht nur, daß sie den guten Willen gar nicht sehen und erkennen, wenn er sich nicht durch äußere Werke und Erfolge betätigt und bestätigt, sondern, auch wenn sie ihn wahrnehmen, der gute Wille allein ist ihnen noch nicht genug. Nur in seltenen Fällen, wo Menschen gegen ihre Nächsten ganz besonders nachsichtig gestimmt sind, nehmen sie auch mit dem guten Willen schon vorlieb.

Der gute Wille macht Gott Freude

Gott aber ist nicht nur der Allwissende und „richtet nicht nach dem Sehen der Augen und nicht nach dem Hören der Ohren“ (Is. 11, 3), sondern er ist auch der Allgütige, nicht weniger gütig und nachsichtig als etwa eine Mutter, die ihr Kind streichelt, auch wenn die Schreibübung auf der Schiefertafel missglückt ist, falls sie nur mit gutem Willen gefertigt ward. So ist auch Gott mit dem Allergeringsten zufrieden; es hat, wenn ich so sagen darf, diese Bescheidenheit und Genügsamkeit des großen Gottes geradezu etwas Ergreifendes. „Wenn der Wille gut ist, so ist er nach dem, was er hat, wohlgefällig, nicht nach dem, was er nicht hat“ (2. Kor. 8, 12). Gott verlangt von keinem Menschen mehr als guten Willen, und wäre dieser gute Wille auch noch so schwach und verborgen.
Ja, eigentlich ist es überhaupt nur der gute Wille, was Gott Freude macht. Nicht die Wunder, die die Heiligen taten, nicht die Kasteiungen, die sie sich auferlegten, nicht die Knie, die sie sich wund beteten, nicht das ist es, was ihm am Leben seiner Heiligen so wohlgefällt, sondern in erster Linie der gute Wille, der in allem dem enthalten ist. Der gute Wille ist eigentlich das einzige Gute und Gott Wohlgefällige in der Welt, denn nicht die guten Werke machen den guten Willen, sondern der gute Wille macht die guten Werke. Wo der gute Wille fehlt, da ist nichts gut, und wäre es auch die herrlichste und nützlichste Tat; wo aber guter Wille da ist, da ist ist alles, und wäre es auch nach außen eine Torheit oder ein Missgriff, ein Irrtum oder ein Missgebilde, doch gut und wohlgefällig in Gottes Augen.

Der gute Wille als geduldiges Leiden

Und gerade jener gute Wille, der des äußeren Erfolges und der allgemeinen Anerkennung entbehren muss, findet dafür Gottes Wohlgefallen in besonderem Maß. Denn dieser gute Wille ist dann nichts anderes als geduldiges Leiden, reine selbstlose Liebe, schlichteste Demut, alles in einem. Es ist ein Leiden, da er ja eine einzige Enttäuschung und unerfüllte Sehnsucht bildet; er ist reine, selbstlose Liebe, da er sich abmüht, ohne sichtbares Entgelt, ohne die Freude des Gewinns, ohne den Jubel des Erfolges; er ist rührende Demut, da es ja kein demütigeres und demütigenderes Leben und Leiden gibt als rein sein wollen und doch nicht rein sein können. Wahrlich, es ist viel verborgene Herrlichkeit in solch gutem Willen! Was ist das doch für eine tröstliche Wahrheit mitten in unserem Erdenelend! Wie tröstlich etwa in unserem Gebetselend! Da möchten wir wohl beten, aber wir sind zerstreut; wir fangen nochmals von vorne an, aber es geht nicht besser. Doch betrüben wir uns nicht: das Gebet, das wir beten möchten und nicht beten können, das Gebet des guten Willens, dieses echte Menschengebet ist doch ein Gebet; der gute Wille ist ja selber ein Gebet vor Gott, ein Gebet so gut und schön wie der himmlische Lobgesang der Andacht glühenden Cherubim, ein Gebet, dem Gott gerne lauscht vom hohen Himmel her.

Oder unsere Kommunionen. Wir gehen zum Tisch des Herrn, wir versuchen uns vorzubereiten, wir beten eine Danksagung, aber das Herz bleibt kalt und gleichgültig wie ein Stein. Und doch, wir brauchen darob nicht zu trauern. Gott kann ja auch aus Steinen Kinder Abrahams machen und hört auch die Felsen der Wüste ein inbrünstig Amen rufen. Gott hat diesen seinen Tisch nicht für die Engel bereitet, sondern für die Menschen. Nicht für die Gesunden ist er gekommen, sondern für die Kranken. Diese sind dem göttlichen Arzt vor allen willkommen, vorausgesetzt, daß sie kommen mit dem Willen, sich helfen zu lassen.

Oder wir sind verstimmt darüber, daß wir wegen Krankheit oder Arbeit so wenig in die Kirche kommen und in unserem schlichten, prosaischen Beruf so wenig tun können für das Reich Gottes. Aber ist denn nicht überall, wo guter Wille ist, sei es in einem Krankenzimmer oder in einer Werkstatt, ist da nicht überall eine Kirche, ein Gotteshaus, ein Gottesdienst, durch den Gott verherrlicht, der Mensch selbst aber reichlich gesegnet, begnadet und mit Verdiensten beladen wird? Hören und glauben wir, was eine mittelalterliche Legende erzählt:

Eine Schwester sah, wie eine andere alte Schwester in ihrem Stüblein plötzlich lauter wurde wie Kristall. Und als sie fragte, ob und was denn die Greisin eben gebetet hätte, erhielt sie von der Begnadeten die Antwort, sie habe jetzt eben vor Krankheit nichts tun können als sich demütiglich vor Gott neigen und denken: „Mein Gott, könnte ich tun, was dir lieb wäre, ich tät es gerne!“ Mehr hatte die gute Seele nicht getan noch gedacht und dabei doch einen Heiligenschein gewonnen.

Ja, der gute Wille, so schwach und gebrechlich und ohnmächtig er auch häufig ist, hat doch etwas von einer Allmacht an sich, wie sie sonst auf Erden sich nicht findet. Ein tiefer Denker und Beter des Mittelalters tröstet sich und uns mit dem Wort: „Mit dem Willen vermag ich alle Dinge. Ich kann aller Menschen Last tragen und alle Armen speisen und aller Menschen Werke tun; fehlt es dir nicht am Willen, dann hast du alles vollbracht und niemand kann es dir nehmen.“

Nein, niemand kann es dir nehmen, nicht einmal die Stunde, die so vieles nimmt, die strenge Gerichtsstunde. Im Gegenteil, diese Stunde ist so recht deine Stunde, die Stunde des guten Willens. Das wird einmal etwas besonders Schönes sein, die Verherrlichung, die der gute Wille vor aller Welt endlich beim Gericht erfährt.

Der Lohn für den guten Willen

Unter den Worten Jesu lautet eines, das nicht viel beachtet wird und doch so tröstlich ist: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ (Joh. 6, 37). Für wen sollte dieses Wort des ewigen Richters gesprochen sein, wenn nicht gerade für den guten Willen? Er, der von den Menschen so oft verkannt und verstoßen wird, von Gott wird er nicht zurückgestoßen, sondern an- und aufgenommen in Frieden, und so werden denn einst die Menschen von Aufgang und Niedergang kommen, nicht nur die Heiligen und Hochbegnadeten, sondern gewiss auch solche, die einst den andern und sich selber als verächtlich, verwerflich und verworfen galten; und da sie sich nicht einzutreten getrauen, wird der Herr jene Einladung wiederholen, die er einst gerade für die Elenden und Schwachen gesprochen, und die die Kirche so sinnreich gerade in der Liturgie des Allerheiligen-Tages wiederholt: „Kommet zu mir, ihr Mühseligen und Beladenen, ich will euch erquicken!“ (Matth. 11, 28) Und dann werden sie, die Beladenen und Belasteten, die Bettler und Krüppel am Geist, Platz nehmen an dem einen großen Gastmahl des himmlischen Vaters – der Schächer und der Zöllner und die Ehebrecherin aus dem Evangelium neben den heiligen Jungfrauen, Märtyrern und Aposteln -, und die Engel mögen dazu singen jene Seligpreisung: „Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden!“ (Matth. 5, 6). Ja, sie werden gesättigt werden.

Diejenigen, die auf Erden nicht durch Heiligkeit, sondern nur durch ihren guten Willen sich auszeichneten, werden nun von ihren heiligen Tischgenossen sich durchaus nicht mehr gar so auffallend unterscheiden. Das wird für sie selbst und für alle andern eine besondere Überraschung sein. Das Gute, das sie im Leben stets erreichen wollten und doch nie ganz erreichen konnten, die Tugenden, um die sie immer gekämpft haben, ohne doch ihrer recht teilhaftig werden zu können, die Demut etwa oder die Liebenswürdigkeit, die Kinderreinheit oder die Sanftmut, all das werden sie jetzt von Gott erhalten als Gastgeschenk und Feierkleid. Da wird, wie der Prophet so schön sagt, „die öde Wüste sich freuen und die Einöde wird frohlocken und blühen wie eine Lilie“ (Is. 35, 1). „Statt des Dornstrauchs wird aufwachsen die Zypresse und statt der Nessel sprossen die Myrte“ (ebd. 55, 13). „Da werden der Blinden Augen sich auftun und der Tauben Ohren sich öffnen; dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch und es wird sich lösen die Zunge des Stummen“ (ebd. 35, 5 u. 6).

Und so wird denn einst der gute Wille es erfahren, daß er doch nicht vergebens so lange sich abgemüht und abgekümmert, so lange gelitten und gestritten, so lange gebeichtet und immer wieder gute Vorsätze gefasst. Kein guter Wille ist von vornherein zum Misserfolg verurteilt; wie im Reich des Sichtbaren kein Atom, so sollte im Reich des Unsichtbaren kein guter Wille je verloren gehen.

Die Gnade, den guten Willen nicht zu verlieren

Zweierlei sind die Menschen und doch der Unterschied sollte nicht groß sein: das eine sind die großen heiligen wie Aloisius und Franziskus und Elisabeth und vor allem die „Königin aller Heiligen“, das andere aber sind jene, deren Name im Buch des Lebens steht und die doch niemals jemand für Heilige hielt. Das eine sind die Menschen der außergewöhnlichen Gnaden, die Menschen der Wunder und Visionen, deren Herz und Hand Gott fühlbar in seinen eigenen Händen hielt, das andere aber die Menschen der unscheinbaren Gnaden, die nur die eine kleine und doch so große Gnade erhielten, wenigstens den guten Willen nicht zu verlieren. Das eine sind jene, die auf Erden beständig Fortschritte machen und der verklärten Heiligkeit immer näher kommen, das andere sind jene Menschen, die erst nach einem Leben voll von Kämpfen, Fehltritten, Beschämungen und Enttäuschungen drüben im Jenseits den Glanz sichtbarer Heiligkeit empfangen. Indessen, Gott, dem auch das Künftige allezeit gegenwärtig ist, hat immer schon diesen Strahlenglanz ihr Haupt umschimmern sehen und hat still für sich ihnen von jeher den Namen gegeben, den sie selber nicht zu tragen und zu träumen wagten, den Ehrennamen „Heilige“. Zu solchen spricht der Herr jetzt schon im geheimen: „Ich kenne deine Drangsal und deine Armut; doch du bist reich“ (Apok. 2, 9). Um so mehr wird sich am Tag des Gerichts das Wort erfüllen: „Der Herr kommt, der auch das im Finstern Verborgene ans Licht bringt und die Absichten der Herzen offenbar macht, und dann wird einem jeden sein Lob werden von Gott“ (1. Kor. 4, 4 u. 5).

Die Frohe Botschaft: Das Evangelium vom guten Willen

Man hat schon manchmal behauptet, das Christentum sei als die Religion der sozial Bedrückten und Betrogenen in die Welt eingetreten, es wolle sein die Religion der Armen. Indes, es ist vielmehr die Religion derer, die unter der seelischen Not des Erdendaseins leiden. Es nicht so sehr die Religion derer, die da hungern nach Brot, als vielmehr die Religion derer, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit.

Der Alte Bund mit seiner Strenge und Werkheiligkeit konnte diese Menschen nicht beruhigen; erst der Neue Bund brachte die Lösung und Erlösung. Da ward den Armen im Geist, den Schwachen und Elenden wirklich eine frohe Botschaft verkündet: das Evangelium vom guten Willen.

Wissen wir jetzt, was der Prophet mit seiner Weihnachts-Verheißung sagen wollte: „Stärkt die erschlafften Hände und kräftigt die geschwächten Knie! Sagt den Kleinmütigen: Seid getrost und fürchtet euch nicht!“ (Is. 35, 3. u4)?

Ja, wir wissen es, und wir wissen nun auch, warum die Welt, diese Welt der Sündhaftigkeit und Hinfälligkeit die heilige Weihnacht so fröhlich feiert. Vor der Krippe knien wir uns in dieser Nacht zusammen mit den schlichten Hirten von Bethlehem und allen, allen Menschen, die eines guten Willens sind, und beten dankbar an die sichtbar gewordene Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, beten dankbar an denjenigen, der das geknickte Rohr des Vertrauens nicht brechen und den glimmenden Docht des guten Willens nicht erlöschen will, beten froh bewegt denjenigen an, in dem das „Wort“, das Wort des himmlischen Vaters, die Frohbotschaft der Engel Fleisch geworden ist das Wort:

„Friede den Menschen auf Erden,
die eines guten Willens sind!“

aus: Abt Bonifaz Wöhrmüller OSB, Frohe Botschaft, 1929, S. 28 – S. 35

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