Vater unser Dein Wille geschehe wie im Himmel

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

§ 1. Von dem Gebet des Herrn

Erklärung der dritten Bitte im Vater Unser

„Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden“

Was begehren wir in der dritten Bitte: „Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden“?

In der dritten Bitte begehren wir, daß alle Menschen auf Erden den Willen Gottes so treu und freudig erfüllen mögen, wie dies die Engel und Heiligen im Himmel tun.

Nachdem uns Christus in der zweiten Bitte zur Sehnsucht nach dem himmlischen Reich angespornt hat, heißt er uns in der dritten auch das begehren, was von unserer Seite erfordert wird, damit wir dahin gelangen. Es ist dies die treue Erfüllung des Willens Gottes. Denn Christus selbst sagt (Matth. 7,21): „Nicht ein jeder, der zu mir Herr, Herr! wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist, der wird in das Himmelreich eingehen.“ Wir begehren also hier zunächst, daß wir und alle Menschen den göttlichen Willen tun mögen, wie es notwendig ist, um in den Himmel zu kommen; daß wir folglich alle Gebote, die Gott selbst oder die hl. Kirche in seinem Namen uns gegeben hat, treu beobachten, desgleichen alle unsere Standespflichten gewissenhaft erfüllen, damit wir nicht verdienen, vom Himmelreich ausgeschlossen zu werden. Dabei bleiben wir aber nicht stehen; wir bitten ferner, daß wir den Willen Gottes auch so vollkommen erfüllen mögen, wie es erforderlich ist, um nach unserm Hinscheiden möglichst bald und möglichst hoch in den Himmel zu kommen. Dazu gehört, daß wir nicht bloß die schweren, sondern auch die geringeren Sünden meiden, ja selbst das vollbringen, was Gott uns nicht streng gebietet, sondern bloß als Rat oder Wunsch zu erkennen gibt. Endlich begehren wir, den Willen Gottes in allen Stücken so zu tun, wie ihn die Engel und Heiligen tun, d. h. aus reiner Liebe, mit größter Bereitwilligkeit, mit unverbrüchlicher Treue und vollendeter Pünktlichkeit.

Wiewohl es nun in gewissem Sinne ganz bei uns steht, den göttlichen Willen zu tun, so haben wir dennoch Ursache genug, Gott zu bitten, daß dies wirklich geschehen möge; denn wir alle bedürfen dazu der helfenden Gnade. Darum flehte David häufig: „Lehre mich, Herr, deinen Willen tun.“ – „Führe mich auf dem Pfade deiner Gebote.“ – „Laß mich nicht abirren von deinen Geboten“ usw. (Ps. 142 u. 118) Infolge der Erbsünde ist ja, wie wir wissen, unser Verstand verdunkelt, unser Wille geschwächt und zum Bösen geneigt. Daher kommt es, daß wir öfters selbst in den wichtigsten Angelegenheiten den Willen Gottes entweder nicht kennen oder trotz der rechten Erkenntnis nicht erfüllen. Deshalb lehrt uns Christus beten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden“, d. h. erleuchte uns, o Herr, daß wir den Weg deiner Gebote und deines heiligen Wohlgefallens stets mit Sicherheit erkennen, und verleihe uns Kraft und Ausdauer, um ihn standhaft und freudig zu wandeln.

Indem wir so beten, bekennen wir zugleich unsere Bereitwilligkeit, uns dem Willen Gottes in allem zu unterwerfen. Vater, so sprechen wir gleichsam, dein anbetungswürdiger Wille geschehe nicht nur von uns, sondern auch an uns und an allen Geschöpfen! Alle deine Fügungen und Anordnungen sind heilig und gerecht; ich bete sie demütig an und unterwerfe mich ihnen von Grund meines Herzens. Mag es dir auch gefallen, mir schwere Prüfungen zu schicken, nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Mögen auch zahlreiche Feinde wider mich aufstehen, mögen sie aus Neid und Bosheit mich verkleinern und verleumden, mögen sie mir Hab und Gut rauben: von deiner Hand will ich diesen Kelch des Leidens annehmen. Denn ich weiß, daß ohne deine Zulassung kein Mensch mir schaden, kein Übel mich treffen kann; wenn du aber ein Übel zuläßt, so tust du es nicht, weil du mußt, sondern weil du willst (S. Augustin (Enchirid. n. 100)), und du willst es, weil du das Übel zu meinem Besten lenken kannst. Diese Gesinnung vollkommener Ergebung in den Willen Gottes liegt in der dritten Bitte. Diese Gesinnung zierte auch stets die Herzen aller wahren Diener Gottes. Nicht alle Heiligen haben Wunder gewirkt, nicht alle himmlische Gesichte und Verzückungen gehabt, nicht alle haben ihr Leben in außerordentlicher Bußstrenge oder in der Einöde zugebracht; aber alle haben aus Liebe zu Gott dessen heiligsten Willen erfüllt und sich demselben in allen Stücken vollkommen unterworfen; denn eben darin besteht die wahre Heiligkeit. Damit nun auch wir diese so kostbare und verdienstreiche Tugend vollkommener Gleichförmigkeit unseres Willens mit dem göttlichen uns aneignen, sollen wir öfters, zumal wenn Leiden und Widerwärtigkeiten über uns kommen, aus ganzer Seele zu Gott sprechen: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden.“

aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Bd. 3, 1912, S. 435-436

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