Unsere Liebe Frau in der Tanne zu Triberg

Eine Prozession christgläubiger Katholiken zu einem Gnadenort der Muttergottes Maria: angeführt von einem Jungen, der das Kruzifix hält, gefolgt vom Priester mit den Messdienern und dem gläubigen Volk

Gnadenorte unserer himmlischen Himmelskönigin

Unsere Liebe Frau, die Gottesmutter Maria, sitzt, umringt von vielen Heiligen, in der Mitte, ihren Sohn Jesus auf dem Schoß, eine Lilie in der linken Hand; unter ihr ist das Häuschen zu sehen, daß von Engeln zum Gnadenort Loreto getragen wird

Unsere Liebe Frau in der Tanne zu Triberg im Schwarzwald

Das Bildnis Unserer Lieben Frau in der Tanne

Um das Jahr 1644 nach der gnadenreichen Geburt Unseres Erlösers grünte ein vielfältiger Tannenbaum auf einem rauhen Felsen nicht gar weit vom Städtchen Triberg. Nahe bei diesem Baum führte von dem Städtchen aus ein schmaler Fußsteig durch wildes Gesträuch und Felsenstücke nach Schonach und zu einigen herum liegenden Bauernhöfen. An der linken Seite des Baumes quillte aus dem Felsen eine frische, reichhaltige Brunnenader hervor, von dessen Wasser die Vorübergehenden sich zu laben pflegten. Der Baum und die Quelle machten auf die Wanderer, die da vorüber gingen, einen gar traulichen Eindruck.

Da geschah es, daß eine bis jetzt unbekannte Hand in dieser, in Größe und Schönheit vor allen andern sich auszeichnenden Tanne eine kleine Öffnung in deren Rinde ausschnitt, und darein mit einer Stecknadel ein anmutiges Bild Unserer Lieben Frau von der unbefleckten Empfängnis, auf Pergament gemalt, in mäßiger Höhe anheftete. Wer nun bei dieser ehrwürdigen Tanne vorüber ging, neigte vor dem Bild, nach katholischem Gebrauch, sein Haupt, rückte den Hut, oder verrichtete ein kurzes Gebet.

Das Bildnis wird gefunden

Mit der Zeit aber wurde das Bild durch die stürmische Witterung von dem Baum herab gerissen und fiel mit der kleinen Bedachung, welche aus Blech oder dem Bild angebracht war, auf den Boden herunter. Da ging bald darnach Anna Kienzler, Ehefrau des Christoph Franz Kienzler, Bürgers von Triberg, mit ihrem siebenjährigen Töchterlein Barbara bei der Tanne vorüber. Das Kind sieht das liebliche Bild auf dem Boden liegen, hebt es sogleich auf, säubert es vom Schmutz, küßt es mit kindlicher Ehrfurcht und bittet die Mutter, es mit nach Hause nehmen zu dürfen. „Nein, mein Kind“, erwiderte die Mutter, „so was darf man nicht wegnehmen; siehst du dort den Ort, wo wir es wieder zur Verehrung hinbringen müssen?“ Allein das Kind hing sich an die Mutter, weinte bitterlich und bat sie rührend, daß endlich die Mutter, auch wider Willen, dem Kind gestattete, das Bild mitzunehmen. Wer war nun glücklicher und vergnügter als Barbara? – Doch ihre Freude sollte nicht lange dauern!

Die Strafe für die Mitnahme des Bildes

Als das Mädchen nach Hause gekommen war, mussten alle Hausgenossen und Nachbarn den gefundenen Schatz sehen, bewundern und mit ihm sich herzlich freuen. Dann ward das Bild in eine kleine Wandhöhlung unter dem Kruzifix in der Wohnstube aufgestellt und der Platz wie ein Altar geehrt und alle Gedanken, Gespräche und Arbeiten des Kindes waren auf die liebe Frau gerichtet. Kaum aber waren drei Tage verflossen, so wurde das Mädchen unvermutet von einem schmerzlichen Augenübel befallen, das so heftig überhand nahm, daß man völlige Erblindung befürchten musste. Tag und Nacht winselte das Kind vor Heftigkeit bei Schmerzen. Die angewandten Hausmittel waren vergeblich. Den Eltern ging dieses große Übel ihres Kindes tief zu Herzen. Doch sie setzten ihr Vertrauen auf die Hilfe des allzeit gütigen Gottes. Sie beteten, machten Gelübde und gaben Almosen, und ihr Gebet fand Erhörung.

Das Mädchen wird wieder gesund

Als das Kind nach langem, übermäßigem Weinen eines Tages eingeschlafen war, kam demselben im Traum lebhaft vor, als höre es eine Stimme rufen, welche ihm die Heilung ihrer Augen und völlige Genesung versprach, wenn es das gefundene und nach Hause getragene Bild Unserer L. Frau wieder zurück tragen und an den großen Tannenbaum bei der Quelle wieder aufhängen würde.

Kaum war Barbara vom Schlaf erwacht, als sie sogleich den Eltern den Traum erzählte. Diese sahen hierin einen Befehl vom Himmel und gingen mit ihrer Tochter noch am nämlichen Tage zur bewußten Tanne hinaus, und hefteten das dort gefundene Marienbild, welches Barbara in der Hand trug, samt dem blechernen Schutzdächlein an den Tannenbaum. Dann fielen sie voll Andacht auf ihre Knie nieder, empfahlen der mächtigen Fürbitte der allerseligsten Jungfrau Maria ihr großes Anliegen und gingen getrost wieder nach Hause. Von der Stunde an verminderte sich das augenübel, und Schmerz und Geschwulst und die Gefahr der Erblindung verschwanden so schnell, daß das Kind zu allgemeinen Verwundern innerhalb von 2 Tagen wieder frisch und gesund war, so daß man hiervon nicht die geringste Spur mehr wahrnehmen konnte. (*)

(*) Die später verheiratete Barbara hat im Jahre 1706 vor dem Wallfahrtsdirektor Dr. Degen diesen oben angeführten Vorfall auf Ehre und Gewissen treu erzählt.

Dieses Ereignis erregte sowohl im Städtchen Triberg als auch in den benachbarten Gemeinden großes Aufsehen und beförderte ungemein die Achtung und Verehrung vor dem Bild der Lieben Frau in der Tanne.

Noch größer ward dieselbe durch folgende auffallende Begebenheit:

Die Heilung eines aussätzigen Bürgers von Triberg

Friedrich Schwab, Bürger und Schneidermeister zu Triberg, hatte in seinem achtundsechzigsten Lebensjahr das Unglück, vom Aussatz behaftet zu werden. Da die gegen diese schreckliche Krankheit angewandten Arzneimittel nichts halfen, so wurde auf Anordnung des Arztes der als unheilbar erklärte aussätzige Mann genötigt, sein Haus und seine Familie zu verlassen und in das allgemeine Siechenhaus zu ziehen.

Sein Gelöbnis bei U. L. Frau in der Tanne

Schmerzlich getrennt von seiner geliebten Familie, abgesondert von seinenMitbürgern und verwiesen zu der bemitleidenswürdigsten Menschenklasse, nimmt der Unglückliche seine Zuflucht zur Fürbitte derjenigen, welche die Kirche als das Heil der Kranken und die Trösterin der Betrübten anruft und preist. Noch war in ihm das frische Andenken, was der gütigste Gott erst vor kurzer Zeit durch die Fürbitte seiner gebenedeiten Mutter an der Barbara Franz gnädigst gewirkt hat. Durch gleiche Hoffnung ermuntert, wandert auch er zur Tanne hinaus, steigt den Berg hinan, wirft sich vor dem Bild nieder, hebt Herz und Hand zum Himmel und fleht zu Maria, sie möge auch für ihn ihre mächtige Fürbitte einlegen, und gelobt mit aufrichtigstem Ernst, im Fall, er vom Aussatz würde gereinigt werden, wolle er ein Bild Unserer Lieben Frau mit dem Jesuskind auf dem Arm aus Holz schnitzen, zierlich fassen, und als ein Dankopfer und Denkmal für seine Genesung hier an der Tanne neben dem kleinen Bild aufstellen lassen.

Die Heilung 

Während er so mit kindlichem Vertrauen betete, wandelte ihn die Lust an, in der neben der Tanne sprudelnden Quelle sich zu waschen. Wirklich wusch er auch sein Angesicht, die Hände und die leidenden Teile seines Körpers, und siehe! Der Aussatz löst sich gleich Schuppen ab und fällt plötzlich ab, der betagte Mann ist gereinigt und ganz gesund. Vor Freude und Verwunderung außer sich, wirft er sich auf sein Angesicht nieder und lobt und preist Gott, und hierauf wendet er sich zum Bild Unserer Lieben Frau und ruft vor Freude weinend aus: „O Heil der Kranken, o Trösterin der Betrübten! Nun erfahre ich, wie mächtig deine Fürbitte bei Gott ist für jene, welche mit kindlichem Vertrauen dich anrufen! Nimmermehr werde ich einer so großen Wohltat vergessen, und so lange ich leben, werde ich dir nach Gott meine so wunderbare Genesung verdanken, ja, daß alle dahier Vorübergehenden sich dessen, was an diesem Baum und an dieser Quelle an einem äußerst Bedrängten Wunderbares geschehen, heilsam erinnern möchten, werde ich, meinem Gelübde getreu, ein Bild Unserer L Frau in der Öffnung des Baumes neben dem kleinen Bild aufstellen.“

Dann geht er frohlockend, Gott und Maria laut lobend, ins Städtchen hinab, und spricht kein anderes Wort als: „Ich bin gesund, ja ich bin ganz gesund!“ – Alles läuft staunend zusammen, den Friedrich Schwab gesund zu sehen. Seine Heilung wird von den Ärzten auf`s genaueste untersucht und vollkommen wahr befunden, Er kehrt wieder glücklich heim zu seiner Familie, die ihn mit Freuden und Dank gegen Gott aufnimmt.

Die Anfertigung eines Bildnisses U. L. Frau in der Tanne

Das Erste, was nun Friedrich Schwab nach seiner Heimkehr tat, war, daß er bei einem Bildhauer ein Bild Unserer L. Frau verfertigen ließ. Kaum war dasselbe vollendet, so trug er es freudig den Berg hinauf bis zur Stätte des Baumes und der Quelle. Allein wie erschrak er, da er das neue Bild in die Öffnung des Baumes stellen wollte und dort das kleine Bildlein nicht mehr fand! Wohin mag doch, dachte er bei sich, dieses mir so teure Bildchen gekommen sein? Er suchte lange hin und her, konnte es aber nirgends finden, und es ist auch nicht mehr zum Vorschein gekommen. Nachdem er nun die Öffnung in dem Tannenbaum gehörig vergrößert hatte, und das neue Bild bequem darin stand, wollte er hier auch der erste Verehrer Unserer L. Frau in diesem Bild sein. Er kniete nieder und verrichtete mit inbrünstiger Andacht sein Dankgebet, dann ging er getröstet und freudig nach Hause.

Weitere Heilungen

Durch die Aufstellung des neuen Bildnisses hörte die Andacht nicht auf, sondern wurde noch mehr angefacht. Die so wunderbare, bei der Tanne erhaltene Genesung des Friedrich Schwab, welche überall bekannt wurde, erweckte in anderen Kranken und Preßhaften den Glauben und das Vertrauen. Einige gingen oder krochen zum Bild in der Tanne, andere schickten andere Leute in ihrem Namen hierher, um durch die mächtige Fürbitte Mariens Hilfe zu erhalten, und niemals kehrten sie ohne Wirkung, Trost und Segen heim. Die frommen Pilger legten auch bei ihren Besuchen neben dem Bild ihre Opfergaben nieder, welche in kurzer Zeit so ergiebig ausfielen, daß über dem Bild ein Schindeldach angebracht werden konnte, um es vor Unwetter, Regen und Schnee zu schützen; über dies wurde ein eiserner Ring um den Baum gelegt und an demselben ein eisernes Opferstöcklein fest gemacht, damit das eingelegte Opfergeld gegen das Diebsgesindel gesichert wäre.

Beginn von Wallfahrten zu U. L. Frau in der Tanne

Durch diese Einrichtung, so arm und einfach sie war, gewann dieser vorher unfreundliche Ort schon einiges ansehen, und schon begannen die Wallfahrten dahin häufiger und mit diesen mehrten sich auch die Opfergaben. Allein nach einigen Jahren, da der Tannenbaum an Umfang zunahm, zersprang der eiserne Ring, der kleine Opferstock ging verloren, auch das Dach fiel herab, und nur von Wenigen wurde das Gnadenbild aus dem nahen Städtchen mehr besucht, worunter Meinrad Ketterer und noch zwei seiner Brüder die eifrigsten waren. Diese drei Brüder, noch kleine Knaben, hatten an einem schmerzlichen Augenübel zu leiden, und besuchten auf Befehl ihrer Eltern öfters mit kindlichem vertrauen das Bild in der Tanne, wuschen ihre kranken Augen in der Quelle, und erhielten dann in kurzer Zeit ihre vollständige Heilung. Diese Tatsache erweckte neuerdings Verwunderung. Die Andacht und das Vertrauen zur heiligen Stätte nahm wieder zu. Man stellte bei der Tanne Alles wieder in den vorigen Zustand; das Opferstöcklein ward von Neuem wieder errichtet, die Besuche vervielfältigten sich, und das Vertrauen ward mit geistlichem und leiblichem Segen belohnt. Allein auch dieser Eifer erlosch wieder nach kurzer Zeit. Liederliches Gesindel durchstreifte die Gegend, in der die Tanne mit dem Bild stand, und plünderte den Opferstock, wodurch der Frommen Andacht gestört wurde. Diesen Raubanfällen ein Ende zu machen, beschloss der damalige Pfarrer Gabriel Schwickart, den Opferstock und alle Einfassungen von außen an dem Bild weg zu nehmen, und nur noch das Bild Unserer L. Frau ohne alle Verzierung in der Öffnung der Tanne stehen zu lassen.

Das Gnadenbild schien vergessen

Dieses Verfahren machte auf das Volk einen widrigen Eindruck und seine vorige Liebe und Andacht zu dem Gnadenort verlor sich beinahe ganz. Mehrere Jahre schwanden dahin, der Baum wuchs immer mehr empor und sein Umfang nahm so zu, daß seine Rinde sich um die Öffnung, in welcher das Gnadenbild stand, so zusammen zog, daß vom Bild kaum mehr von oben die Hälfte sichtbar war, der untere Teil war von Spinnweben bedeckt. Vierzig Jahre gingen vorüber, und das Gnadenbild schien ganz vergessen zu sein, da trat ein neues Ereignis ein, welches der liebe Gott benützte, um die hoch begnadigte Jungfrau Maria auf`s Neue zu verherrlichen. –
aus: Georg Ott, Marianum Legende von den lieben Heiligen, Erster Teil, 1869, Sp. 348 – Sp. 351

Fortsetzung: Wie es zum Bau der Wallfahrtskapelle bei der Tanne zu Triberg kam

Category: Gnadenorte, Ott
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