Das Sendschreiben nach Pergamon

Mahnende Offenbarung über das, was ist, in sieben Sendschreiben

Das Sendschreiben nach Pergamon (Offb. Kap. 2 Vers 12-17)

Dem Engel der Gemeinde in Pergamon schreibe

(12) Und dem Engel der Gemeinde in Pergamon schreibe: Das sagt der, der das zweischneidige Schwert trägt, das scharfe: (13) Ich weiß, wo du wohnst, da, wo der Thron Satans steht. Doch du hältst an meinem Namen fest und hast den Glauben an mich nicht verleugnet, auch nicht in den Tagen des Antipas, meines Zeugen, meines getreuen, der getötet wurde bei euch, wo der Satan wohnt. (14) Doch einiges wenige habe ich wider dich: Du hast dort Leute, die an Balaams Lehre festhalten, der dem Balak beibrachte, den Kindern Israels einen Fallstrick zu legen, Götzenopfer-Fleisch zu essen und Unzucht zu treiben. (15) So hast auch du Leute, die in gleicher Weise an der Lehre der Nikolaiten festhalten. (16) Bekehre dich also! Wenn aber nicht, so komme ich in Bälde über dich und werde gegen sie Krieg führen mit dem Schwert meines Mundes. (17) Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Dem Sieger werde ich von dem verborgenen Manna geben, und ein weißes Steinchen will ich ihm geben und auf dem Steinchen einen neuen Namen geschrieben, den niemand weiß als der Empfänger.

Pergamon oder Pergamum, die ehemalige Hauptstadt des Attaliden-Reiches, war zur Zeit der Apostel Residenz des Statthalters. Seine herrliche Lage, seine Bibliotheken – von Pergamon hat das Pergament seinen Namen erhalten -, seine Kunstschätze und Prachtbauten machten es zu einem Kulturzentrum ersten Ranges im hellenistischen Raum. Hier stand das Heiligtum des Asklepios Soter und zog unzählige Pilger herbei. Hier wurde zuerst dem „göttlichen Augustus“ ein Tempel errichtet, und der Kaiserkult blühte wie in Smyrna. Auf hoher Terrasse erhob sich, das Stadt beherrschend, der gewaltige Altar des Zeus. Sein Wiederaufbau im Pergamon-Museum zu Berlin gibt uns neben den übrigen Fundstücken eine Vorstellung von der Herrlichkeit der Stadt. Die Skulpturen der Gigantenschlacht am Sockel des Altars stellen Glanzleistungen der hellenistischen Kunst dar. Aus Pergamon stammte Galenus (geb. 129 n. Chr.), einer der fruchtbarsten Schriftsteller und berühmtesten Ärzte des Altertums.

Auch in dieser Hochburg des Heidentums hatte die Lehre Christi Wurzel gefaßt. Er ist Herr und Richter. Sein zweischneidiges Schwert (1, 16) ist die siegreiche Waffe gegen alle Feinde, die äußeren wie die inneren (2, 16).

Der Thron Satans

Christus weiß, was es für den Bischof und seine Gemeinde bedeutet, in dieser Stadt als kleine, schwache Gruppe zu wohnen. So kennt er auch die aus der Umgebung erwachsenden besonderen Schwierigkeiten eines jeden von uns. Der Satan selbst hat in Pergamon seinen Thron aufgeschlagen. „Daß es sich bei dem ‚Thron des Satans‘ wohl nur um den Altar des Zeus handeln kann, wird durch den Augenschein nahe gelegt: kein anderes Heiligtum der Bergstadt lag so weithin sichtbar und konnte so im ganzen Land als typischer Repräsentant des satanischen Heidentums gelten“, schrieb Adolf Deißmann, nachdem er unter Führung des Erforschers von Pergamon, Wilhelm Dörpfeld, am Karfreitag 1906 die Stätte besucht hatte (Licht vom Osten, 240). Es könnte aber auch an das Heiligtum des Asklepios oder Askulap gedacht werden. Er führte den Titel „Erlöser“, „Heiland“. Wunder über Wunder erzählten sich die Pilger von ihm. Die Schlange war sein Symbol, wie sie das Symbol des Teufels ist. Trotz allem ließen sich die Christen Pergamons nicht davon abbringen, Christus als den einzig wahren Heiland und Erlöser, den einzigen Kyrios zu verehren. Sie blieben dem Glauben an ihn treu, auch in den tagen höchster Gefahr, als der Hass der Feinde Christi einen aus ihnen, mit Namen Antipas, zum Blutzeugen für seinen himmlischen Herrn werden ließ. Das Wort „Zeuge“ hat zwar in der Apokalypse noch nicht ausschließlich den Sinn „Blutzeuge“, „Märtyrer“. Auch Antipas wird zunächst als mutiger Bekenner Christi durch Wort und Tat aufgetreten sein, vielleicht durch Verweigerung des Kaiserkultes; aber er hat dann seine Zeugenschaft mit dem Blut besiegelt und es dadurch verdient, als erster Märtyrer Pergamons hier besonders erwähnt zu werden. Das gereicht der ganzen Gemeinde zur höchsten Ehre.

Minimalismus im religiösen Leben

Auf so strahlendem Ehrenkleid fallen auch geringe Flecken auf. Nur „einiges wenige“ hat Christus zu rügen, aber er will nicht darüber hinweg sehen. Die Träger seines Namens müssen nach höchster Vollendung streben. Wo sie mit Mindestleistungen sich begnügen, wirkt dieser Minimalismus wie ein lähmendes Gift im religiösen Leben. Die Gemeinde duldete in ihrer Mitte Leute, die an der Lehre Balaams festhielten, theoretisch wie praktisch. Die Leser verstanden, was damit gemeint war, denn sie waren in der alt-testamentlichen Heilsgeschichte bewandert (4. Mos. 25, 1ff; 31, 16). Balaam wußte, daß Gott Israel schützte, solange es treu blieb. Darum riet er dem Moabiterkönig Balak, die Israeliten zur Untreue gegen Jahwe zu verleiten. Balak tat es, indem er sie zu den moabitischen Festen einlud, wobei sie dann Götzenopfer-Fleisch aßen und mit den Moabiterinnen Unzucht trieben. Ähnlich gefahrvoll für die Christen Pergamons war die Lehre, es sei erlaubt, an den Kultmahlzeiten der Heiden teilzunehmen. Ebenso brauche ein Christ sich nicht von dem außerehelichen Verkehr mit dem andern Geschlecht fern zu halten. Die „Freiheit vom Gesetz“ schließe die Freiheit in diesen Dingen ein. Dem Reinen sei eben alles rein, nur die Schwachen fänden etwas darin. Da die Christen ständig in der heidnischen Umwelt lebten, waren solche Lehren verhängnisvoll (vgl. die Erklärung zu 1. Kor. 5, 1ff; 8, 1ff: BD. XIV 195ff; 205ff; 230ff; 249ff; 254f). Der Genuss von Götzenoper-Fleisch verwischte die notwendigen Grenzlinien und führte zu übler Religions-Mengerei. Man aß „vom Tisch der Dämonen“, aber auch „vom Tisch des Herrn“ (1. Kor. 10, 21). In der Unzucht aber entweihte man schamlos die Würde der Glieder Christi (1. Kor. 6, 15). Es genügt hier (Offb. 2, 14) nicht, den Begriff „Unzucht“ im alt-testamentlichen Sinn als Untreue oder Ehebruch gegen den wahren Gott zu deuten. Gerade der Hinweis auf Balaam und die Sünden Israels mit den Moabiterinnen nötigen zur Beziehung auf sexuale Vergehen, ebenso der Wortlaut von 2, 22.

Wo so viel auf dem Spiel steht, tut Umkehr zu gesunden Grundsätzen und reinen Sitten not, und zwar sofort. Sonst wird „in Bälde“ der mit dem zweischneidigen Schwert ausgerüstete Richter und Kämpfer (19, 11f) kommen und durch sein Wort die dringend erforderliche Scheidung zwischen den Schuldigen und Unschuldigen herbei führen. Also wiederum ist der Gedanke kräftig hervor gehoben, daß Christus in seiner Kirche kein grundsatzloses Kompromiss schließen mit widerchristlichen Elementen haben will. Er fordert, daß die Seinen sich bewußt in ihren sittlichen Auffassungen und in deren Befolgung im Leben von den andern unterscheiden. Für die Frage, was wahre Toleranz im Religiösen bedeutet, ist dieses Schreiben nach Pergamon sehr aufschlußreich. Aber auch das ist zu beachten, daß Christus dem Engel der Gemeinde und zugleich von dieser selbst ein strengeres Eingreifen, eine „Bekehrung“, eine Sinnesänderung erwartet. Nicht von außen soll die Besserung kommen, sondern von innen. Laxe Duldung des Bösen ist ein Zeichen verkehrter Grundhaltung und schwachen Glaubensgeistes.

Verborgenes Manna und weißes Steinchen

Zum Siegerspruch wird eine doppelte Auszeichnung verheißen: verborgenes Manna und ein weißes Steinchen mit neuem Namen. Der Sinn ist dunkel und viel umstritten, beim zweiten Bild noch mehr als beim ersten. Während die Nikolaiten nach dem Genuss des Götzenopfer-Fleisches Verlangen tragen, wird dem Sieger Manna, Brot vom Himmel, verheißen. Einst hatte nach jüdischer Überlieferung der Prophet Jeremias die Bundeslade mit dem darin aufbewahrten Manna in einer Höhle des Mosesberges verborgen (2. Makk. 2, 4ff). Am Ende der Tage aber erwartete Israel neues Manna vom Himmel (Syt. Apok. Baruch 29, 8). Christus hat diese Erwartung in weit höherem Sinn erfüllt. Er verhieß den Seinen das „wahre Brot vom Himmel“. Er selbst ist dieses „Brot des Lebens“ (Joh. 6, 30ff; 1. Kor. 10, 3ff). Aber nur der Sieger wird den vollen Lebensgehalt des Mannas verkosten können; dem Feigen und dem, der an den verbotenen Genüssen der Götzenopfer und der Unzucht sich sättigt, bringt es den Tod. „Den Bösen: Tod; den Guten: Leben. – Sieh, das Gleiche wird gegeben, – Doch nicht Gleiches man gewinnt“ (Sequenz am Fronleichnams-Fest). Erst im Himmel kommt die Wirkung des verborgenen Mannas ganz zur Geltung (Joh. 6, 54 u. 58). Was das weiße Steinchen mit dem neuen Namen bedeutet, ist darum schwer zu entscheiden, weil zur Zeit der Abfassung eine vielfache Symbolik dieses Zeichens bekannt war. Ein weißer Stein, bei Gericht abgegeben, bedeutete den Freispruch, ein schwarzer die Verurteilung. Weiße Steine mit geheimnisvollen Zeichen oder dem Namen einer Gottheit wurden als Amulette getragen. Weiße Steine waren Erkennungszeichen bei der Zulassung zu Festfeiern. Am besten entspricht es dem Sinn des Siegerspruches, an die Verleihung der Ehrentäfelchen aus weißem Stein zu denken, wodurch die Sieger in den Wettkämpfen ausgezeichnet wurden. Der Stein trug den Namen des Siegers. Weiß ist auch hier die Farbe der himmlischen Herrlichkeit. Einen neuen Namen empfängt der christliche Überwinder zum Zeichen, daß nun sein ganzes Sein umgewandelt ist (Is. 62, 2ff; 65, 15). Darum erhält der Täufling einen besonderen Namen, und wer sich ganz dem Herrn weiht, wird durch einen neuen Ordensnamen ausgezeichnet. Nur der Empfänger weiß, was sein neuer himmlischer Name bedeutet; nur er kann das Glück des neuen Lebens und die besondere Art der Anteilnahme an der Seligkeit ermessen. Gott schenkt sich einem jeden in individueller Weise, nennt jeden mit eigenem Namen (Is. 43, 1), tritt zu jedem in ein ganz persönliches Verhältnis der innigsten Liebe, und der neue Name ist der Ausdruck dafür, wie wenn zwei Liebende sich mit einem Namen benennen, um dessen Sinn sonst niemand weiß, worin sich aber die ganze Seligkeit ihrer Verbundenheit ausspricht.

Verborgenes Manna und Eucharistie

Die Beziehung des verheißenen verborgenen Mannas auf die heilige Eucharistie kommt in der Liturgie dadurch zum Ausdruck, daß Vers 17 als Antiphon in den Laudes am Fronleichnams-Fest dient. Auch von diesem „verborgenen Manna“ gilt, daß nur der Überwinder dessen innerste Kraft und Süßigkeit empfindet. Gewiß empfängt jeder, der im Stande der Gnade zur Kommunion geht, die sakramentale Gnade des „opus operatum“. Aber nur wer Ernst macht mit der Nachfolge Christi im persönlichen „opus operantis“, wird von dem Himmelsbrot mehr und mehr sittlich umgewandelt und zur Höhe geführt. Die Frage nach würdiger Vorbereitung und herzhafter Danksagung beim Empfang der heiligen Eucharistie und bei der Feier des Messopfers sollte nicht ohne Bezug auf den Siegerspruch des Schreibens nach Pergamon erörtert werden. Amtlicher Vollzug des Mysteriums bewirkt an und für sich noch keine Herzensnähe mit Christus, sondern nur amtliche Nähe. Diese aber weiß nicht, was es um das Geheimnis des neuen Namens ist, das Christus nur jener Seele erschließt, die sich ihm ganz hingibt. Die Verse 2, 1-17 bilden die Lesungen der ersten Nokturn am Montag in der dritten Woche nach der Osteroktav. –
Herders Bibelkommentar Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI/2 Die Apokalypse, 1942, S. 61 – S. 64
weitere Herders Bibelkommentare zur Geheimen Offenbarung siehe: Herders Bibelkommentare zur Apokalypse

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