Soll man in der falschen Religion bleiben?

Indifferentismus gegenüber der Wahrheit

Soll man wirklich in der falschen Religion bleiben?

Sechste Konferenz

Die heutige Konferenz soll mit Gottes Gnade diesen letzten Satz (Anm.: Wir glauben alle an einen Gott) noch mehr im Konkreten betrachten, indem sie wieder ein anderes Schlagwort des Indifferentismus betrachtet, ein Schlagwort, das Sie selbst wahrscheinlich oft schon werden gehört haben. Es heißt:

„Man soll in der Religion bleiben, in der man geboren ist.“

Rousseau, der, wie es überhaupt scheint, der Lehrmeister für viele geworden ist, drückt diesen Satz anders aus. Er sagt: »In der Unwissenheit, in der wir sind, ist es eine nicht zu entschuldigende Anmaßung, die Religion zu verlassen, in der man geboren ist, und auf der anderen Seite ein Betrug, diejenige, die man bekennt, nicht aufrichtig zu bekennen«. Das zweite ist wahr, und es wäre zu wünschen gewesen, daß er dasjenige selbst getan hätte, dessen Unterlassung er einen Betrug nennt.

Gibt es Gründe für das Verbleiben in der falschen Religion?

Meine Herren, es gehört zwar allerdings nicht unmittelbar zu der eben verheißenen Beleuchtung dieses Satzes, aber es stimmt doch im Allgemeinen schon dagegen, wenn man beobachtet, wie dieser Satz: »Man solle in der Religion, in der man geboren ist, bleiben«, beinahe nur dann als geltend angeführt wird, sobald es sich um einen Rücktritt zur katholischen Kirche handelt. Wenn es irgend einem, der die Wahrheit hatte, einfällt, zum Irrtum überzugehen, so soll jener Satz nicht maßgebend sein. Ein solcher Mann wird sogar vergöttert, und die Buchhändler machen mit seinen Werken immer eine gute Spekulation, natürlich zum allgemeinen Besten. Sobald aber der umgekehrte Fall eintritt, kann sich ein solcher Mann auf Spott und Hohn und auf Verachtung aller Art gefaßt machen; man verkürzt ihn, so viel man kann, man entzieht ihm nach Möglichkeit sogar die Mittel der Existenz; denn dann allein, wie es scheint, enthält derselbe Satz eine Wahrheit. Ich meine freilich, man sollte mit gleichem Maße messen und nach allen Seiten hin gerecht sein; weil man es aber nicht ist, so kommt mir das Schlagwort schon von vorne herein etwas verdächtig, und nicht aus der Überzeugung entspringend vor.

Indessen, wie gesagt, das würde an und für sich noch nicht beweisen, daß der zu besprechende Satz falsch wäre, wenn nicht andere Gründe dazu kämen; und so wollen wir denn sogleich einen sehr einfachen und praktischen Gegengrund erwägen. Es setzt manchen, der an das Denken nicht allzu sehr gewohnt ist, immer in Verlegenheit, wenn man bei seinen Behauptungen frägt: »Warum denn?« Fragen wir also: warum soll es denn notwendig sein, in der Religion zu bleiben, in der man geboren ist, selbst wenn es eine andere, bessere, wahre Religion gäbe? Ich meinerseits finde sonst gar kein Lebensverhältnis, wo die Geburt eine Pflicht auflegte, in dem Zustand zu bleiben, in dem man Anfangs war. Mir scheint vielmehr die Natur des Menschen selbst dagegen zu sein; sonst würden wir ja ewig klein bleiben müssen. Oder folgt, wenn Jemand von armen Eltern geboren ist, daraus, daß er sich nicht aus der Armut heraus arbeiten dürfe? Und wiederum, wenn Jemand von niederer Herkunft ist, wird man daraus schließen, daß er nichts tun dürfe, um sich auszuzeichnen und empor zu schwingen? Wird man da sagen: Du bist in armen, niederen Verhältnissen geboren und erzogen, du darfst nicht trachten, dich ihnen zu entwinden? Würde dieses wirklich der Fall sein, dann wäre jeglicher Fortschritt unmöglich; ja wir dürften dann auch keine neuen Erfindungen annehmen, wir müßten sprechen: Unsere Eltern haben sie nicht gekannt. Wir könnten die neuen Entdeckungen durchaus für das Leben nicht verwerten, wir müßten im Gegenteil sagen: Das war unseren Voreltern noch ein Rätsel; ja wir müßten alle Einrichtungen, wie sie sind, beibehalten, sobald die Geburt hier notwendige Regel unseres Verhaltens wäre.Also in anderen Dingen sehen wir, daß diese Norm offenbar eine falsche sein würde. Warum sollte sie allein bei der Religion eine wahre sein? Das sehe ich zum mindesten nicht ein. Noch mehr, wenn ich die Geschichte, und namentlich wenn ich das Wirken Jesu Christi befrage, so finde ich, daß dieses mit jenem Grundsatz durchaus im Widerspruch steht. Nach jenem Grundsatz wäre es eine Art Verbrechen, in dem Geist des göttlichen Meisters den Wilden, die in den Wäldern Nordamerikas herumlaufen, den Glauben zu nehmen, den sie haben; die höchste Tat der christlichen Liebe und die herrlichste Handlung des christlichen Heldenmutes das eigentliche Missionswesen, wäre fast ein Laster und ein Verbrechen; um so mehr, da der Wilde vielleicht recht glücklich ist, wenn er ungefähr das ist, was sich bei seinen Eicheln glücklich fühlt. Warum ihn also aus seinem Glück herausreißen? Sie sehen, daß die Konsequenz eine absurde ist; folglich wird das Prinzip schwerlich ein richtiges sein. Christus der Herr ist gekommen, um ein neues Gesetz der Welt zu predigen – er hat Unrecht getan – er hätte die Juden in der Religion lassen sollen, in der sie geboren sind. Die Apostel, gesendet von Christus, sind aufgetreten und haben den Völkern das Evangelium der Erlösung und Versöhnung gepredigt, sie haben Unrecht getan; sie hätten die Heiden Heiden sein, den Römern, Griechen und Deutschen alle ihre Götter lassen sollen. Alle die Apostel haben Unrecht getan. Ist das denkbar? Ist das vereinbar mit dem Prinzip des aller einfachsten, simpelsten, gesunden Menschenverstandes? Ich meine nicht. Wenigstens haben wir bereits ein ungeheures Vorurteil gegen jenen Satz: »Man müsse in der Religion bleiben, in der man geboren ist.« Wir haben dagegen das Vorurteil der Geschichte und der Zivilisation.

Ist man über das wahre Religionsbekenntnis im Ungewissen?

Prüfen wir aber die Sache noch genauer. »Man soll in der Religion bleiben, in der man geboren ist« Warum? Weil man eben darin geboren ist. Wie aber, frage ich, wenn zufällig diese Religion Irrtum wäre? Wenn diese Religion nicht diejenige wäre, die Gott den Menschen gegeben hat, damit er selig werde? Wenn diese Religion nicht die Wahrheit besäße, die da erforderlich ist, um einmal den Unendlichen zu schauen? Muß ich, weil ich darin geboren bin, auch darin bleiben?

Wenn also der Mathematiker in seinem Kalkül einen Fehler begeht, muß er den Fehler fort behalten und mit ihm weiter rechnen? Wenn der Baumeister sieht: Sobald ich so fort baue, stürzt mir das Gebäude zusammen, muß er deswegen doch fort bauen, wie er angefangen hat? Ich meine nicht. Wo Irrtum ist und ich ihn erkenne, da muß ich ihn bessern. Der Irrtum hat kein Recht, auf der Erde zu existieren; er existiert nur zufällig. Die Wahrheit allein hat den Heimatschein von Gott dem Herrn; wo ich also Wahrheit sehe, muß ich die Wahrheit ergreifen und den Irrtum verlassen.

»Man soll in der Religion bleiben, in der man geboren ist.«

Dieser Satz ließe sich nur dann einigermaßen verstehen, wenn Rousseau Recht hätte, daß man nämlich über das wahre Religionsbekenntnis ungewiß sei. Er mag es allerdings gewesen sein; das merkt man aus seinen Schriften; denn auf der zweiten Seite sagt er nicht selten das Gegenteil von dem, was er auf der ersten gesagt hatte. Aber es frägt sich, ob es an und für sich für einen redlichen, für einen wahrhaft Gott suchenden und die Religion liebenden Menschen unmöglich sei, die volle Wahrheit zu finden oder nicht? Das ist die Frage. Es handelt sich hier nicht darum, ob die Leidenschaft, der Stolz, oder andere Laster die Wahrheit finden werden oder nicht; nein, nur darum, ob der redliche Wille das Mittel hat, um zu deren vollen und sicheren Erkenntnis zu gelangen. Und da ist es schon, meine Herrn, wie man sich ausdrückt, a priori klar, daß, wenn Gott der Herr, wie wir gesehen und bewiesen haben, sich des Menschen erbarmt hat und seiner Schwäche zu Hilfe gekommen ist, um ihn selig zu machen, er ihm auch die Mittel wird gegeben haben, das zu erreichen, was ihn selig machen soll. Folgende zwei Sätze sind eigentlich, genau genommen, nur identisch. Hat Gott dem Menschen eine Offenbarung zu Teil werden lassen , so hat er ihm auch die Möglichkeit verliehen, die Offenbarung zu finden. Denn Jemand etwas offenbaren, heißt so viel, als Jemanden etwas, in unserem Fall, die Wahrheit, mitteilen Wenn also der Mensch sein Ohr öffnen will, so kann er hören, und wenn der Mensch sein Auge auftut, so kann er sehen, und wenn er mit redlichem Herzen strebt, so kann er glauben. A priori ist dieses schon gewiß. Sehen wir aber auch auf die andere Weise, wie man sie nennt, a posteriori und nach der Erfahrung, ob dem so sei oder nicht.

Das Christentum enthält die Vollendung der Offenbarung Gottes

Das Christentum, sagten wir, enthält die Vollendung der Offenbarung Gottes, dort hat er sein Licht über die Menschen ergossen, dort sie die Wahrheit gelehrt, dort hat er alles niedergelegt, was wir an Hoffnung und an Bürgschaft des Lebens besitzen. Nun aber gibt es viele Parteiungen, viele Gemeinschaften, die alle behaupten, sie hätten das Christentum. Es wird also die Frage zu stellen sein: Welche Gemeinschaft, welche Partei hat Anspruch und Berechtigung zu sagen: Ich habe die Hinterlage der Lehre Jesu Christi. –

Darauf antworte ich: Jene Partei, wenn ich sie so nennen darf, denn eigentlich bildet die Wahrheit nie eine Partei – jene Partei wird diejenige sein, die man ergreifen muß, außerhalb welcher nicht die volle Wahrheit ist, und welche mithin die Bedingungen besitzt, die Gott gesetzt hat, damit uns dereinst seine Anschauung verliehen werde. Sie sehen hier, meine Herrn, zugleich, daß der so vielfach verkannte Salz: »Extra ecclesiam nulla salus« (Außerhalb der Kirche kein Heil) aus dem Begriff einer wahren Kirche notwendig folgt. Die Wahrheit Christi allein macht uns frei und selig. Ist der Mensch nicht schuld, daß er die volle Wahrheit nicht besitzt, so ist er ihr gegenüber auch nicht verantwortlich. Hat er nie Gelegenheit gehabt, sie kennen zu lernen, hat er vielmehr den Willen, sie, wenn sie sich ihm zeigte, anzunehmen, so hat er sich auch gegen sie nicht gesträubt und nicht gefrevelt, er haßt und verwirft sie nicht; er achtet sie vielmehr und besteht so in der Wahrheit. Auf den mithin wendet man jenen ernsten Satz nicht an; wohl aber auf jeden, der sich gegen die Wahrheit stemmt, der sie auch aus dem Munde Gottes nicht annehmen will, der sein eigenes Urteil über die Autorität des Ewigen setzt, oder der etwas anderes mehr liebt, als die Wahrheit. Die Wahrheit ist der Weg; gehe außer diesen und du wirst nicht zum Ziel kommen, wenn nur ein Weg zu demselben führt. Die Wahrheit ist die Bedingung Gott zu besitzen Erfülle die Bedingung nicht und du darfst dich nicht beklagen, wenn du Gott nicht erreichst. Es handelt sich also bei dem erwähnten Grundsatz der Kirche um weiter nichts, als um Schuld oder Nichtschuld, die Entscheidung über die Einzelnen hat kein Mensch, sondern Gott allein. Ich meinerseits glaube gern, daß sehr viele Menschen ohne ihre Verschuldung im Irrtum sind, und von allen diesen habe ich die Überzeugung daß sie gerettet und selig werden können. Aber wer aus Verachtung, indem er andere Götter vorzieht, der Wahrheit widerstrebt, der widerstrebt Gott, und wer Gott widerstrebt, der kann sich nicht beklagen, wenn er dereinst Gott nicht anschaut, Gott nicht erhält, wenn er sich ausschließt vom Besitz Gottes. Dies im Vorübergehen.

Wo befindet sich das wahre Bekenntnis unter den Christen?

Aber wo ist, um zur eigentlichen Frage zurückzukehren, das wahre Bekenntnis unter denen, die sich Christen nennen? Sehen wir uns, meine Herrn, vor allem die Person Jesu Christi selbst an. Wir finden, daß er, der Heiland, Mensch und daß er zugleich Gott ist, daß er Gott ist, der Mensch geworden ist aus Erbarmung gegen uns. Er ist in diese Sichtbarkeit aus der Unsichtbarkeit des ewigen Lebens getreten; er ist geworden, was wir sind, er ist unser Bruder und unser Haupt geworden, und hat uns alle mit dem Vater in sich vereinigen wollen, Er hat aber nicht nur dieses getan, nicht nur auf diese Weise den ganzen Menschen geehrt und die menschliche Natur in sich erhoben, sondern er hat auch Menschen eingesetzt, die nach ihm die Wahrheit lehren sollen; er hat gesagt: »Sehet, ich die Wahrheit, ich der Allmächtige, ich das Leben, bin bei euch und werde bei euch sein, bis an’s Ende der Zeiten«. Ich werde meine Sendboten nie verlassen, wenn auch alles andere sich verändert, ich werde bei euch mit meiner Wahrheit und meiner Macht bleiben, auf daß ihr die Lehre, die ich euch gebracht habe, der Nachwelt zu ihrem Heil überliefert. Ich werde nie von euch gehen, meine Wahrheit wird nie von euch weichen, denn ich werde euch schirmen und schützen, auf daß der Irrtum wider das Wort, das ihr predigt, nichts vermag.

Wir sehen also, daß er Menschen, sichtbare Zeugen seiner unsichtbaren Lehre ausgewählt, daß er diese Menschen zu Menschen gesendet, und ihnen den Auftrag gegeben hat, Menschen zu sammeln und zu seinen Schülern zu machen. Es ist somit – und das ist die erste Folgerung – die wahre Gemeinschaft Jesu Christi eine sichtbare; die Lehre, sie ist erkennbar, und die Gläubigen sind ebenfalls den Sinnen zugänglich, wie denn überhaupt die Religion nicht ein Kern ist, der bloß in das Herz versenkt, unbemerkbar fort arbeitet; nein, notwendig strebt der Glaube nach außen, und zeigt sich in Handlungen, in dem Dienste des Herrn, in äußerer Gottesverehrung. Darum nennt Christus seine Kirche eine Stadt, die auf dem Berg ist, und darum verweist er die Gläubigen an die Kirche, als an ein Tribunal. Die Kirche ist doch wohl also ein sichtbares Tribunal.

Sehen wir weiter, meine Herrn, wie Christus seine Wahrheit verbreitet hat, und vielleicht werden wir so auf einem etwas von der gewöhnlichen Art verschiedenen Weg mit Evidenz finden können, wo die volle und ganze Wahrheit hinterlegt ist. An und für sich verlangt Christus der Herr den Glauben, der Glaube aber ist, wie wir schon erkannten, die Unterwerfung seines Verstandes unter ein äußeres Zeugnis. Christus sendet auch wirklich seine Jünger als seine Zeugen aus. Nicht anders redet Paulus. Er sagt: Der Glaube kommt vom Gehör. Wie aber wird man glauben, wenn nicht gepredigt wird, und wie kann man predigen, wenn man die Sendung nicht hat? Also der Weg der Zeugenschaft ist der Weg, auf dem Christus der Herr der Welt die Wahrheit bringen sollte. Er verlangt, daß man denen, die da seine Sendung haben, einfach Vertrauen schenke und die Lehre annehme, die sie verkündigen. In der Tat, er konnte kaum anders.

Meine Herrn, die Offenbarung ist eine Tatsache; Alles, was Christus getan, gewirkt und gelitten hat, ist Tatsache, ja fast möchte ich jedes Wort Christi eine Tatsache nennen, insofern es ein konkretes Ereignis ist, das freilich auch ein rechtes Verständnis verlangt. Nun werden Tatsachen nur durch Zeugnisse gelehrt und auf Zeugnisse hin geglaubt, das Verständnis selbst aber am sichersten durch jene verbürgt, denen es Christus mitgeteilt und zu bewahren verheißen hat. Es ist somit der Weg der Zeugnisse der einzige Weg, auf dem die Lehre Jesu Christi wirklich verbreitet worden ist. Wo also dieser Weg verlassen wird, da kann unmöglich die volle Wahrheit sein, und man ist nicht auf dem rechten von Christus angewiesenen Wege, wo sich ein jeder erst mühsam zusammen suchen soll, was der Erlöser gelehrt hat. Das sehen wir schon hier ein. Indessen prüfen wir weiter. Diese Zeugnisse müssen natürlich vor allem übereinstimmend sein. Denn die Wahrheit ist Eine, und wo die Bürgen nicht übereinstimmen, kann auch die Bürgschaft nicht vorhanden sein. Deswegen muß die wahre und volle christliche Lehre in allen Jahrhunderten dieselbe sein; wo also Veränderungen eintreten oder auch nur eintreten können, da kann die Lehre Jesu Christi wenigstens nicht ohne mögliche Verfälschung sein. Wohl bemerkt, meine Herrn, ich sage: Veränderungen.

Veränderung in der Lehre Möglichkeit der Verfälschung

Veränderung ist, wie ein heiliger Vater sich ausdrückt, wenn etwas anderes aus dem Früheren wird; Entwicklung ist, wenn dasselbe in seinem innersten Sein sich fort bildet. Die Lehre kann sich entwickeln, sie soll, sie muß sich entwickeln, weil sie Leben ist und Leben bietet, aber verändern darf sie sich nie. Es darf heute nicht als irrig erklärt werden, was gestern als wahr gepredigt worden war; es darf heute nicht als unnütz gelten, was gestern als notwendig erschien. Wo also immer eine Veränderung in der Lehre auch nur möglich ist, da ist nicht die Wahrheit Jesu Christi. Gehen wir noch weiter. Diese Zeugnisse müssen nicht nur übereinstimmend sein, sondern sie müssen sich auch als wirklich beglaubigte, von Gott beglaubigte, erweisen. Allerdings ist es wahr, daß wenn durch 18 Jahrhunderte z. B. in allen Ländern, im Norden und im Süden, im Osten und im Westen dasselbe beglaubigt wird, da schon mehr als die bloße Wahrscheinlichkeit der richtigen Lehre ist. Und wenn bei der Verschiedenheit der Menschen, bei dem Wechsel der Verhältnisse, bei der Veränderlichkeit der Ereignisse, dennoch immer ein und dasselbe Wort gepredigt ist, da hat man sicher einen Grund, dasselbe für wirkliche Offenbarung Gottes zu halten. Allein ich verlange noch mehr. Die Zeugnisse müssen auch geordnet sein, und zwar nach dem Willen dessen geordnet sein, der zuerst Zeugnis gegeben hat. Die Bürgen sollen nicht nur Zeugen, sondern auch Lehrer sein; es muß mithin dort, wo volle Wahrheit sein soll, ein Lehramt sein, aber ein Lehramt, welches Anspruch macht und welches das Bewußtsein hat und bei jeder Gelegenheit bekundet, daß es als göttliches Lehramt, nicht als menschliches auftritt, als eines, das Macht hat und das die Sendung von oben besitzt.

Wo sich mithin kein solches Lehramt zeigt, wo die Unfehlbarkeit desselben, um geradezu dieses Wort zu gebrauchen, nicht angenommen ist, da ist auch nicht die volle Wahrheit Jesu Christi. Denn das Lehramt, das wirklich von Gott ist, kann nicht anders, als über den Irrtum erhaben sein. Handelt es sich hier doch nicht zunächst um tiefe Spekulationen, sondern um treue Überlieferung dessen, was gesagt worden ist, um die weitere Belehrung des Menschengeschlechtes, nicht über neue Dinge, sondern über das, was früher Christus gelehrt hat. Wenn nun Gott der Herr will, daß seine Lehre für immer bestehe, so muß er notwendig dieses Lehramt vor Irrtum schützen und ihm die Einsicht in das rechte Verständnis verleihen. Das liegt auf der Hand. Wirklich hat auch der Heiland gesagt: »Ich bin bei euch bis an das Ende der Welt« und: »Die Pforten der Hölle werden meine Kirche nicht überwältigen.« Und wiederum spricht Paulus: „Die Kirche ist eine Säule und Grundfeste der Wahrheit. Wo also ein solches Lehramt gar nicht oder nur zagend auftritt, wo es als Lehramt auftritt, das man allenfalls auch bei Seite sehen kann, da fehlt das Bewußtsein der göttlichen Sendung, da ist auch keine göttliche Sendung vorhanden«. Noch mehr, diese Zeugnisse sollen nach Paulus in die ganze Welt ausgehen. Das Evangelium soll aller Kreatur gepredigt werden. Natürlich wenn es Menschen tun, muß dieses Wort in menschlicher Weise genommen werden. Aber man muß doch bei diesen Zeugnissen sehen, daß sie sich ausdehnen, so weit sie können, daß das Wort hallt, wie weit die menschliche Stimme zu reichen vermag.

Wo ist die Wahrheit?

Nun fragen wir: wo ist die Wahrheit? Dort einmal sicherlich nicht, wo man einem Jeden es überläßt, sich die Dogmen, die er will, heraus zu lesen; sondern nur dort, wo man von Anfang bis auf diese Stunde dasselbe glaubt und glauben muß, wenn man in der Gemeinschaft bleiben will; das ist allein in der katholischen» Kirche. Wo ist die Wahrheit? Dort, sagten wir, wo ein Lehramt ist. Nur wir Katholiken haben Lehramt. Es ist die ganze lehrende Kirche von Anfang bis jetzt, die da unter einem Oberhaupt, dem Nachfolger dessen steht, dem der Herr gesagt hat: »Du bist ein Fels, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen«. Auf diesem, auf dem römischen Papst, da beruht das Lehramt; das haben alle Väter zugegeben, das haben selbst die heidnischen Kaiser bekannt, denn sie haben sich immer dorthin gewendet, wenn sie wollten, daß die Christen belehrt würden; das haben sämtliche Irrlehrer eingestanden, denn bevor sie sich offen getrennt, haben sie sich immer erst an den römischen Stuhl gewendet; das ist der Glaube aller Christen, die Katholiken heißen, das beweist die Wut aller Christenfeinde, die am meisten gerade gegen den römischen Stuhl anzustürmen pflegen. Warum denn an diesem Felsen rütteln wollen, wenn er kein Fels ist? Warum dorthin immer die Angriffe zuerst hinrichten? Man weiß es; weil er der Mittelpunkt der katholischen Wahrheit ist. Jedenfalls haben wir also ein solches Lehramt. Ist dort nicht die volle Wahrheit; so existiert überhaupt gar kein Lehramt Christi, oder ja es existiert eines, nämlich ein jeder Einzelne, der das Wort Gottes predigt, ist dann ein unfehlbarer Lehrer. Da ist mir denn doch viel lieben, der ganzen Kirche und ihrem Haupt zu glauben, als einem einzigen Privatmenschen, der sich leichtlich ändern und täuschen kann. Wir sagten ferner, die Zeugnisse des Herrn müßten in die ganze Welt ausgegangen sein. Meine Herrn! Allerdings gibt es viele Katholiken, von denen man leider nicht wissen würde, daß sie katholisch sind, wenn es nicht im Taufbuch stünde. Aber relativ ist immer noch die Anzahl der Katholiken die größte, und wenn Jesus Christus König ist, so ist er sicherlich der König unserer Kirche. Er hat nicht bloß ein kleines Häuflein, er hat noch eine gewaltige Macht um sich, seine Erlösung ist nicht auf einen oder den andern Erdstrich beschränkt, sein Reich ist nicht durch Zollschranken umgrenzt, sondern umfaßt die ganze Erde. Daher gibt man uns den Namen: katholisch, d. h. allgemein, und indem man unserer Kirche diesen Namen gibt, erteilt man ihr das Zeugnis, daß dort die Wahrheit ist.

Die Früchte des wahren Bekenntnisses

Was endlich, meine Herren, die Früchte betrifft, die das wahre Bekenntnis des Erlösers tragen soll, so sage ich nicht, daß alle, welche außer der Kirche sind, schlecht sind. Nein. Ich kenne die fremden Konfessionen sehr wohl, und habe manche ehrenwerte Personen unter ihnen gefunden; habe auch umgekehrt in der katholischen Kirche manche sehr unehrenwerte Personen kennen zu lernen Gelegenheit gehabt. Dennoch muß ich gestehen, daß ich nirgends etwas über das Gewöhnliche sich Erhebende entdeckt und bemerkt habe, außer in der katholischen Kirche. Man sieht außer dieser wohl eine gewisse Frömmigkeit, seine lobenswerte Rechtschaffenheit; aber Heiligkeit findet man nirgends.

Man zeige mir einen heiligen Franz Xaver, einen hl. Vinzenz von Paul, einen hl. Franz von Sales außerhalb unseres Bekenntnisses. Sehen Sie, hier ist die Saat aufgegangen, und hier hat sie Früchte gebracht, nach dem Gleichnis Jesu Christi. Es ist hier nicht eine Tugend sichtbar, wie man sie vielleicht auch bei den Heiden gekannt, nein eine Tugend, die, indem sie sich so hervor tut, so hervor leuchtet, wie bei jenen und hundert anderen Männern und Frauen, offenbar den Stempel und die Signatur der Gottheit an sich trägt. Das läßt sich nicht leugnen. Aber vergessen wir hierbei nicht, daß diese Heiligkeit keine bloß zufällige ist; sie muß aus dem Dogma hervorgehen; dieses, um es nochmals zu betonen, muß in sich die Kraft bergen, alle zu heiligen, die ihm huldigen. Wenn also ein Dogma diese geheimnisvolle Macht nicht hat, oder gar Prinzipien ausstellt, welche der Heiligkeit des Lebens widerstreiten, oder sie als etwas Indifferentes behandeln und den Aufschwung zu ihr gegenüber den Leidenschaften hemme; da hat es sich selbst verurteilt und sich des Charakters einer göttlichen Offenbarung begeben. Eine Lehre mithin, die z. B. leugnet, daß der Mensch frei ist, schließt sich aus der Reihe der wahren Lehre aus; wie nicht minder ein System, welches da als obersten Grundsatz hinstellt, daß der Mensch die Gerechtigkeit, wenn er sie einmal besitzt, nicht mehr zu verlieren im Stande ist, unmöglich ein heiligendes Bekenntnis oder ein Bekenntnis der Wahrheit genannt werden kann.

Nehmen Sie dagegen die ganze katholische Lehre – Sie werden finden, daß sie nicht nur das lehrt, was zum Heil gehört, sondern Sie werden finden, daß sie zu den herrlichsten Werken der Nächstenliebe, des Opfermutes, des Martyriums ermuntert und auffordert; Sie werden wahrnehmen, daß sie nicht nur gewöhnliche Tugend verlangt, sondern daß sie anrät, übermenschliche Tugend zu üben. Wo die evangelischen Räte nicht sind, da kann auch nicht die volle Wahrheit Jesu Christi sein.

Ich konnte natürlich in dieser Zeit diese Gedanken nur andeuten; ausführen konnte ich sie nicht. Aber so viel ist klar, daß, wenn das Christentum sichtbar und verkörpert, wie es sein muss, auf der Erde existiert, dieses nur die katholische Kirche ist. – Wer daher durch seine Schuld dieser Wahrheit widerstrebt, entsagt dem Reiche Gottes. Wer das im Einzelnen ist, darüber richtet Gott allein.

Nach allem Gesagten ist es also falsch, daß man in der Religion bleiben müsse, in der man geboren ist; es ist aber, um es nochmals zu wiederholen, wahr, daß es Betrug ist, wie Rousseau sagt, »die Religion nicht treu und redlich zu üben, zu der man sich bekennt.« Nun, meine Herren, meine Absicht ist nicht gewesen, eine Kontroverse zu halten, sonst würde ich die Sache noch schärfer aufgefaßt haben. Mein Zweck war nur Ihnen zu zeigen, wie sehr wir Gott dem Herrn danken müssen, daß er uns zu seiner Kirche berufen hat. Heute habe ich mir es gedacht, als ich wieder den herrlichen Dom mir ansah – daß dieser Dom allein als ein Beweis der Wahrheit der katholischen Kirche gelten könne.

Dieser herrliche Bau aus was für einer Idee entspringt er? Aus der Idee der Wahrheit. Er stellt gleichsam materiell und den Sinnen im Kleinen dar, was die katholische Kirche geistig und dem Auge des Glaubens ist. Denn sie ist wahrhaft, meine Herrn, ein Tempel Gottes. Seine Fundamente liegen gar tief, denn sie gehen bis zu den Uranfängen des Menschengeschlechtes; und der Gipfel ist hoch, denn er reicht bis in den Himmel hinein. Die Länge dieses Tempels ist die Zeit und seine Breite sind die Völker, die sie umfaßt. Dort ist der Altar, wo das Lamm, das, wie Johannes sagt, von Anfang an ist geschlachtet worden, täglich für uns dem himmlischen Vater geopfert wird; dort ist das Brot des Lebens im Tabernakel, welches uns nährt, auf daß wir auf dem Weg zur Heimat nicht darben und verhungern; dort ist die heilige Lehrkanzel, der Stuhl der Wahrheit; dort wartet unser die Vergebung der Sünden; dort sind wir vor den Stürmen des Lebens sicher. Es werden noch viele Wetter über diesen Bau hinweg gehen, wie schon viele hinweg gegangen sind; er selbst wird nicht erschüttert werden; er wird bleiben bis zum Ende der Zeiten. Dort, ja dort allein meine Herren, ist der Quell der religiösen Wahrheit, dort ist die Hinterlage unserer frohen Hoffnung, dort die Bürgschaft des ewigen Heiles. Amen. –
aus: Theodor Schmude SJ, Conferenzen über den religiösen Indifferentismus, 1863, S. 66 – S. 78

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