Ist der Teufel an allem Bösen schuld

Die wahre Lehre vom Teufel

Teil 4: Ist der Teufel an allem Bösen schuld?

Ja, es gibt einen bösen Geist. Er war ursprünglich so wenig böse als jedes andere Geschöpf Gottes. Aber durch seine eigene Schuld hat er sich ins Böse verkehrt. Und nun ist er der geschworene Widersacher Gottes und alles Guten. Darum sucht er Steine in Gottes Garten zu werfen und Gottes Pflanzung zu verderben, soviel es seine Macht erlaubt. Ist diese auch nicht übergroß, so ist sie doch nicht weniger als zu verachten. Wäre nicht das Entgegenkommen der Menschen, so wäre es freilich mit seinem Entschluss in der Welt übel bestellt. So aber wird es ihm leicht gemacht, seine verderblichen Absichten auszuführen.

Diese Lehre stimmt mit allem zusammen, was wir in der Geschichte der Menschheit und in der eigenen Erfahrung all überall wahrnehmen. Es gibt Taten, so schwarz, so gemein, daß man allen Glauben an die Menschheit verlieren müsste, könnte man dabei nicht an die Einwirkung einer mehr als menschlichen Verruchtheit denken. Wir selber fühlen uns manchmal so zum Bösen gereizt, nicht aus innerer Lust, nein, wie zum Trotz gegen das Gute, gerade als ob es uns ein Trost wäre, uns selber zu widersprechen, uns unglücklich zu machen, andere zu ärgern und alles Bestehende und Geordnete zu zerstören, kurz, so unnatürlich, daß wir uns selber diesen Stachel nicht mehr völlig zurechnen können, auch wenn wir von unserer Schwäche und Verderbnis noch so tief überzeugt sind.

Dessen ungeachtet läßt sich gewiß kein wahrheitsliebender Geist den Gedanken hingehen: Was kann ich dafür, daß ich dies Laster an mir habe? Es muss mir angetan sein, der Feind hat`s getan. (August., Sermo 29, 3). Sei Gott vor, daß wir glauben, jede Sünde, die geschieht, und jede Versuchung zu ihr stamme einzig von der alten Schlange! Unsere eigenen bösen Begierden sind es, die der Feind im höchsten Fall noch mehr entflammt (Jak. 1, 14; Origen., Princ. 3, 2, 2 u. 3; Basil., Reg. Brev. 75), der Zunder der vernachlässigten Leidenschaften, dem er das Feuer nähert, die eigene Lust, ohne deren Hilfe er kraftlos ist. (Prudentius, Hamartigenia 553ff) Des Menschen Trägheit und Untätigkeit trägt die Schuld, daß Satan so übermächtig wird (Chrysost., Ad Stagirium 1, 5; In Acta Apostol. Hom. 54, 3), daß er zum Fürsten, zum Gott dieser Welt geworden ist. (Estius, In 2 Cor. 4,4) Und wie oft kommt ihm der Mensch sogar noch zuvor, so daß jener das unnötigste von der Welt tun würde, wenn er die Mühe des Versuchens übernehmen wollte! Wie oft spielt der Mensch selber an seinem Mitbruder die bedauerlichste aller Rollen, die Rolle des Bösen, die Rolle des Verführers, des Versuchers!

Wir können und dürfen also nicht den Feind entschuldigen oder gar sein Dasein und seinen Einfluss leugnen. Wir dürfen aber auch nicht zugeben, daß der Mensch sich selber entschuldige und auf jenen mehr Schuld schiebe, als er verdient. (Chrysost., Ad Stagirium 1, 5) Wir dürfen nicht schweigen, wenn man ihm allein alles Böse zuschreibt. (Gennadius Massil., Dogm. Eccl. 49 (al. 82). Thom., De malo q. 3, a. 5; Summ. Theol. 1, q. 114, a. 3; 1, 2, q. 80, a. 4) Wir müssen darauf dringen, daß der Mensch erkenne und gestehe, wie er selbst meistens sich oder seinem Nächsten die Schlinge legt. Es ist gut, auch die unsichtbaren Mächte zu fürchten; aber die nächste Gefahr ist meist weit mehr von den Sichtbaren zu besorgen. Denkt der Mensch stets daran, sich vor allem mit Vorsicht und Kraft gegen die sichtbaren Gefahren, gegen die sichtbaren Versucher und Verführer zu waffnen, dann werden die unsichtbaren bald ihrer Hauptwaffe gegen ihn beraubt sein.

Dies ist die Wahrheit über die Bedeutung und den Einfluss des bösen Feindes, und dies die Anwendung, die wir davon auf unser Verhalten zu machen haben.

Solange das Böse nicht durchweg als eins mit dem Menschen betrachtet wird, braucht man an diesem nicht zu verzweifeln. Wenn es aber einmal so weit kommt, daß der Mensch den Teufel aus seiner Überzeugung verdrängt oder gar ersetzen zu sollen glaubt, dann ist der ärgste Pessimismus, die Verteufelung und Verdammung des Menschen nicht bloß begreiflich, sondern notwendig.

Gleichwohl läßt sich kaum darüber streiten, daß jene die Menschheit noch mehr herab würdigen, jene, sagen wir, die den Teufel vollständig leugnen und behaupten, er sei nichts als eine sinnbildliche Vorstellung für das Böse, das einzig vom Menschen selber ausgehe. Nun begreifen wir, wie es Menschen geben konnte, die das Böse geradewegs zum Wesen des Menschen rechneten. Denn wenn es keine böse Macht außer dem Menschen gibt, so fällt alles Böse in der Welt ausschließlich diesem zur Last.

Aber nein! Gewiß ist, daß man den Anteil, den der Mensch selbst am Bösen hat, hoch anschlagen muss, und daß man keineswegs alle seine Fehler ohne weiteres dem Satan zuschreiben darf. Aber daß unser Geschlecht alle die Teufeleien, von denen seine Geschichte berichtet, ohne allen Abzug auf seine Rechnung übernehmen müsse, das können wir nicht zugeben. Wenn wir, um bloß dieses Beispiel anzuführen, wenn wir denken sollten, daß der Menschheit allein alle im Namen der Religion verübten Gräuel, alle die Mordtaten, die Ausschweifungen, die Gotteslästerungen zur Last fielen, welche die Opfer und den Gottesdienst der Babylonier, der Phönizier, der Kanaaniter, der Mexikaner entweiht haben, müssten wir uns nicht schämen, den Namen Menschen für uns in Anspruch zu nehmen? Dasselbe gilt aber von tausend ähnlichen Dingen.

Es hängt also offenbar für den, der ein wahres Verständnis von der Geschichte erlangen will, viel nicht bloß davon ab, daß er die richtigen Anschauungen über Gott und über das Gute im Menschen besitze, sondern auch davon, daß er die Macht des Bösen, die sich im Menschen, die sich durch den Menschen, die sich außerhalb des Menschen kund gibt, recht zu würdigen verstehe. Das Christentum lehrt uns in diesen drei Stücken maßvoll denken und die Schuld gleichmäßig verteilen.

Die Abirrungen von dessen echter Lehre aber machen die Welt zu einem Berg entweder von Scheinheiligkeit oder von Gräueln, weil sie das Böse maßlos auf einen Punkt zusammen häufen, entweder auf Satan oder auf die menschliche Natur und auf den freien Menschen selbst.

Nun freilich, wenn einer ohne den Leitstern des christlichen Glaubens und der christlichen Milde die Zustände in der Welt betrachtet, dann ist es begreiflich, wenn er fragt, ob man denn die Schuld des Menschen auch groß genug denken könne, und was denn eigentlich die Menschen dem Teufel noch zu tun übrig lassen.

Es ist eine furchtbare Verirrung, wenn der Mensch dazu kommt, dem Geist der Finsternis göttliche Verehrung zu erweisen. Aber ist es nicht noch entsetzlicher, wenn er selbst die Dienste des Teufels tut?

Diese traurige Rolle spielt aber der Mensch wirklich, und er spielt sie in großem Maßstab und spielt sie mit Stolz, mit Selbstzuversicht, mit kunstvoller Berechnung. Vor dem Teufelsdienst zeigt er Grauen und Abscheu, den Dienst des Teufels besorgt er ohne Gewissensbisse. Den ersten überläßt er rohen oder überfeinerten Kulturen, den letzten übt er durch eine falsche Bildung und Kultur, durch zahlreiche Einrichtungen und Übungen des modernen öffentlichen Lebens, auf die wir nicht wenig stolz sind.

Nur mit Widerstreben berühren wir diesen Punkt. Es bleibt uns aber kein Ausweg übrig, wenn wir den Geist der Gott entfremdeten, mit dem Christentum verfeindeten Welt vollständig schildern wollen. Denn hiermit berühren wir den letzten Punkt, der zur Darstellung dieses Geistes gehört, die ärgste Ausartung des Humanismus.

Wir haben im voraus gehenden Stufe für Stufe den Weg verfolgt, den dieser eingeschlagen hat. Wir haben gesehen, wie die erste Abweichung von den Lehren der ewigen Wahrheit immer tiefer in Irrtümer hinein führt, wie die Leugnung des Sündenfalls mit jedem neuen Schritt vorwärts eine größere Verwüstung dessen mit sich bringt, was die menschliche Natur Gutes bewahrt hat. Hier aber kann man nicht mehr in Abrede stellen, daß der Humanismus, wenn er beharrlich auf seinem Wege bleibt und jede Umkehr verweigert, zuletzt zum Kampf gegen alles Gute führen muss. Es handelt sich dann nicht mehr um eine zufällige Verirrung, sondern um bewußte Verleugnung der Wahrheit und um beabsichtigte Verführung der Welt zum gleichen Verderben. –
aus: Albert M. Weiß, Apologetik, Bd. II Humanität und Humanismus, 1908, S. 552 – S. 557

Category: Kulturgeschichte, Weiß
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