Hegels Philosophie der Staatsvergottung

Die zersetzenden Lehren der Philosophie

Hegels Allmacht des Staates als letzte Weisheit

Die Philosophie der Selbsterlösung

Die Philosophie, die unter Loslösung von den letzten Bindungen an die christliche Glaubenswelt auf den Boden der Selbsterlösung zum Prinzip der Eigengesetzlichkeit gelangte, musste in zwei verhängnisvollen Zielen münden: beim Antichristentum und bei der Staatsallmacht. Das Antichristentum hat die Gottesleugnung zur Folge, wie Nietzsche selbst aus sicherem Instinkt heraus gegenüber P. Deussen schon in seiner Jugendzeit angedeutet hat. „Wenn du Christus aufgibst, wirst du auch Gott aufgeben müssen.“ Diesen von Gott geräumten Platz nimmt nun der Übermensch ein, der Mensch der Selbsterlösung, der Mensch, der in Selbstherrlichkeit sich selbst Gesetzgeber ist (Philos. Jahrbuch, Bd. 56, S. 107)…

Die Allmacht des Staates als letzte Weisheit

Es ist für die Kirche und den Staat des Mittelalters bis weit in die Neuzeit herein vom größten Segen gewesen, daß Staat und Kirche in bewußter und gewollter Abhängigkeit einander ergänzten, gewissermaßen kontrollierten im Glauben an die göttliche Gerechtigkeit, auf den Grundlagen der in den zehn Geboten Gottes nieder gelegten Sittengesetze. Mit dem Grundsatz des Staatskirchentums kam die Staatsallmacht zum Durchbruch, die protestantische Kirche wurde zum Machtinstrument des Staates. Dieser Grundsatz des Staatskirchentums im Sinne der Untertänigkeit, des unbedingten Gehorsams gegen die Obrigkeit, im Sinne der Staatsallmacht fand frühzeitig in der Philosophie seine Grundlegung und bei den Staatsmännern eine geradezu selbstverständliche Zustimmung.

Von dem Philosophen Friedrich II. von Preußen, führt eine gerade Linie über Kant, Fichte, Hegel bis zu Nietzsche, Bismarck und Hitler, für die alle der Macht- und Gewaltstaat die tragende Staatsidee gewesen ist. „Kant -“ schreibt Hugo Ball (Die Flucht aus der Zeit, S. 16) „das ist der Erzfeind, auf den alles zurück geht… Er hat die preußische Staats-Raison zur Vernunft erhoben und zum kategorischen Imperativ, dem sich alles zu unterwerfen hat. Sein oberster Grundsatz lautet: Raison muss a priori angenommen werden; daran ist nichts zu rütteln. Das ist die Kaserne in ihrer metaphysischen Potenz.“ Der sogenannte kategorische Imperativ Kants ist nüchternster Pflichtfanatismus im Sinne des Kadaver-Gehorsams. Auf dem katholischen Glaubens- und Geistesboden ist eine solche Totenblume wie der Kantsche kategorische Imperativ unmöglich.

Auf der Linie der Staatsallmacht steht auch der Philosoph Fichte, der in seinen viel genannten aber wenig bekannten „Reden an die Deutsche Nation“ die Grundsätze z. B. der Hitlerjugend vorweg genommen hat. Ihren Höhepunkt und ihre stärkste Ausprägung fand der Grundsatz der Staatsallmacht in der Staatsvergottung durch den Philosophen Hegel. Er hat den Staat zum Gott erklärt. Für Hegel ist der „Staat die höchste der vielen Formen, in denen sich die Vernunft offenbart“ (Schnabel, deutsche Geschichte im 19. Jh., S. 12). Der Staat ist für Hegel „die Verwirklichung der sittlichen Idee, die sichtbar gewordene Vernunft, der in Erscheinung getretene objektive Geist, ein Irdisch-Göttliches“. Die Einzelpersönlichkeit bedeutet nichts; nur wegwerfend spricht Hegel vom „Tiergarten der Menschheit“. Hegels Rechts- und Geschichtsphilosophie lehrt, daß „der einzige Gedanke, den die Philosophie mitbringt, der sei, daß die Vernunft die Welt beherrsche, daß es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei.“ Ferner lehrt er, „was vernünftig ist, das ist wirklich und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Mit Recht bemerkt hierzu Degkwitz (Das Alte und das Neue Deutschland, S. 257):

„Kann die Vergötzung des Staates und das Opfer des Gewissens und der Persönlichkeit zu seinen Gunsten noch weiter getrieben werden? Und kann man ein Volk gründlicher narkotisieren und lähmen, als durch die Versicherung, daß alles was besteht und alles was geschehen ist, vernünftig sei und daß es keinen Widerspruch zwischen dem bestehenden Recht und dem Gewissen geben könne? Fortschritte sind auf menschlichem politischem Gebiet doch nur dadurch zustande gekommen, daß das Erreichte nicht als vernünftig, sondern als unzulänglich und unvernünftig angesehen, abgelehnt und abgeändert wurde, weil sich das Gewissen gegen das Bestehende regte. Die Weltgeschichte wäre bestimmt noch wesentlich ‚unvernünftiger‘ verlaufen, als das der Fall war, wenn sie nicht immer wieder revidiert und durch diese Revisionen Vernunft in sie hinein getragen worden wäre.“

Hegel hat den Staat zum Gott gemacht, indem er das Recht zum Erzeugnis des Staates, nicht zu seinem Herrn machte. Der jeweils stärkste Staat hat auch das absolute Recht für sich. Dieser Rechtsauffassung gegenüber sind daher alle anderen Völker rechtlos. Daher gibt es für Hegel weder ein Natur- noch ein Völkerrecht. Eine Grenze für die Wirksamkeit dieses Staates gibt es daher grundsätzlich nicht. Allen Wert, den der Mensch hat, hat er allein durch den Staat. Daher ist das höchste Instrument für den Staat die staatliche Bürokratie. An einer Stelle in Hegels „Philosophie der Geschichte“ heißt es: „Die Regierung ruht in der Beamtenwelt und die persönliche Entscheidung des Monarchen steht an der Spitze; denn eine letzte Entscheidung ist schlechthin notwendig.“ Das war die philosophische Begründung für die Allgewalt des Staates, für den Blut- und Eisenstaat Bismarcks und für die Vergewaltigung durch Adolf Hitler.

Die Staatsvergottung

Die Staatsallgewalt in der Lehre Hegels schaltet da Naturrecht das göttliche Recht aus und ist in ihrer Zuspitzung Alleingeltung und höchste Einsicht. Ihr ist auch die Religion rechtlos unterworfen. Hegel hat, wie Degkwitz bemerkt, seine Anschauungen „in äußerst subjektiver Weise auf das Germanentum, den lutherischen Protestantismus und den absolutistischen preußischen Staat angewandt. Er hat zum Schaden des protestantischen Christentums Staat und Kirche glatt identifiziert.“ Diesem Ideal, schreibt Schnabel (Bd. 3, S. 13), „war in der Geschichte bis dahin der lutherische Territorialstaat am nächsten gekommen. Hegel war von der weltgeschichtlichen Rolle der Reformation aufs tiefste überzeugt, die protestantische und die deutsche Sendung war ihm ein und dasselbe. Das Entstehen von Kirchen an Stelle der einen Kirche der alten christlichen Gemeinschaft ist die Voraussetzung für die Allmacht des Staates. Der Protestantismus, betont Hegel mit Recht, hat sich den ihm gemäßen Staat geschaffen, in welchem zwischen Religion und Staatsgebot kein Zweifel obwalten kann. Es ist eine Obrigkeits-Religion. Mit der katholischen Religion aber ist nach Hegels Meinung keine vernünftige Verfassung möglich. Bei Hegel war der deutsche lutherische Obrigkeits-Begriff zur moralischen Selbstherrlichkeit des Staates gesteigert und diese als eine höhere Art der Sittlichkeit gepriesen. In seiner Philosophie der Geschichte sagt Hegel: „Es gibt kein heiliges, kein religiöses Gewissen, das vom weltlichen Recht getrennt oder ihm gar entgegen gesetzt wäre.“ Angesichts dieser Grundhaltung ist es begreiflich, daß Hegel in seiner Rede anläßlich des 300jährigen Jubiläums der Augsburger Konfession der katholischen Kirche die Zerstörung des Staates und die Untergrabung der wahren „fürstlichen Souveränität“ vorwirft. Die staatliche Erziehungs-Diktatur, der ausschließlich Staatszweck, der preußische Absolutismus hatten in der katholischen Kirche keinen Platz. Diese Staatsauffassungen Hegels mussten, wie Degkwitz zutreffend bemerkt, „Musik für die Ohren von Tyrannen“ sein und Bismarck und Hitler haben nach diesen Rezepten gearbeitet und der extreme Nationalismus und Marxismus mussten aus dieser Einseitigkeit des staatlichen Machtprinzips folgerichtig heraus wachsen.

Diese Lehre von der Staatsvergottung Hegels kennt keinerlei Bindungen an andere göttliche Gewalten, wie sie das Christentum für das Verhältnis von Staat und Kirche zum Heil des Staates beansprucht. Der Staat ist bei Hegel die höchste Autorität und die letzte Verantwortlichkeit. Nach der Gewaltlehre Hegels kann aus einem Vertrag plötzlich „ein Fetzen Papier“ werden, wie der Reichskanzler von Bethmann-Hollweg zu Beginn des ersten Weltkrieges den Neutralitätsvertrag zwischen Deutschland und Belgien bezeichnet. Erst recht hat Hitler alle Verträge nur solange geachtet, als sie ihm für seine Gewaltpolitik „nützlich“ zu sein schienen, so vor allem auch das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl. Macht und Gewalt waren für Hegel zugleich Geist und Recht, „als ob so etwas wie das Christentum oder überhaupt eine Gottheit und Gerechtigkeit Gottes gar nicht vorhanden wären“ (Schnabel, S. 16) Diese Staatsphilosophie war dem Geist des Machtstaates der Hohenzollern auf den Leib zugeschnitten, wo die Bürokratie als „höchste Einsicht“ bestimmt wurde. Wenn die Hegelsche Philosophie auch später in einen „Verwesungs-Prozess“ ausartete, so fand der später überspannte Nationalismus „die geistigen Waffen in Hegels Staats- und Rechtsauffassung in seinem ausschließlichen Staatszweck, seiner Gewaltlehre…, in Hegels Umkehrung des Freiheits-Begriffs, in seiner Kriegsphilosophie, in seiner Auffassung der Monarchie und der Bürokratie als einer Diktatur der Vernunft; so führt eine unmittelbare Linie von dem preußischen Staatsphilosophen über den im machtpolitischen Sinn umgedeuteten Nietzsche und über die imperialistische Publizistik, den ’stato totalitario‘ Mussolinis“ (Schnabel, S. 26) bis zum Nationalsozialismus Adolf Hitlers, der die Staatsvergottung und die Staatsgewalt in die greifbarste Wirklichkeit umsetzte.

Die Staatsvergötzung in der Sozialdemokratie

Den Hegelschen Glauben an die „Vernunft in der Geschichte findet man auch bei seinem berühmtesten Schüler, bei Karl Marx wieder, in seiner Lehre von der Zwangsläufigkeit der Wirtschafts-Entwicklung. Auch Marx ging von einer Diktatur aus, die auf dem Sieg der materialistischen Staats- und Wirtschafts-Auffassung aufgebaut war. Hatte Hegel die Bürokratie zum endgültigen Werkzeug des Staatsgötzen gemacht, so erblickte Marx sein Heil in der Faust des Arbeiters und in der Beherrschung der irdischen Stoffwelt ohne an eine moralische Revolution zu denken, „die jeder Revolutionär vorbereiten muss, der die Bedeutung der menschlichen Persönlichkeit und die Vorherrschaft des Geistes begriffen hat. Daher unterdrückte er in seiner politischen Taktik die Freiheit des Einzelnen zugunsten der Masse. Seine politischen Ziele: Die Diktatur des Proletariats und der internationale sozialistische Staat, schlossen eine Staatsvergötzung ein, wie sie Luther und Hegel gelehrt hatten und wie sie von seinenFeinden Bismarck und Hitler ebenfalls betrieben wurden“ (Degkwitz, S. 257). Mit der Vertiefung und Ausbreitung des materialistischen Denkens ging dann der sittliche Gedanke überhaupt verloren. Er wurde, wie Degkwitz bemerkt, „von der biologischen, völlig unmoralischen Weltanschauung der ‚Führer‘ ersetzt, die den Massen durch ihre Agenten die Staatsvergötzung ebenso predigen ließen wie Friedrich II. den preußischen Staatsprotestantismus durch seine Kirche.“ –
aus: Hans Rost, „Die katholische Kirche, die Führerin der Menschheit“, o.J., S. 135 – S. 137

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