A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T Ü V W Z

Naturrecht

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Naturrecht

Naturrecht im christlichen Sinne ist die Summe derjenigen Normen des moralischen Naturgesetzes, die sich auf das menschliche Gemeinschaftsleben beziehen. Als Ausschnitt aus dem natürlichen Sittengesetz ist es mit diesem im Willen Gottes (lex aeterna) objektiv und unveränderlich gegeben.Nach der christlichen Naturrechtslehre ist das Naturrecht nicht ein mehr oder minder willkürliches Produkt der menschlichen Vernunft, sondern besteht unabhängig von ihr im Willen Gottes, „der den menschen die Einhaltung der natürlichen Ordnung gebietet und deren Übertretung verbietet“ (Augustinus, Contra Faustin. I 22 c. 27); die menschliche Vernunft ist nur Erkenntnisquelle des Naturrechts (vgl. Röm. 2, 14f). Durch die Beziehung des Naturalismus auf den Willen Gottes unterscheidet sich die christliche Naturrechtslehre sowohl von der antiken wie von der der Aufklärung.

Nach Aristoteles ist Naturrecht das, was durch die menschliche Vernunft als der Natur der Dinge entsprechend erkannt wird; es hat überall Geltung ohne Rücksicht darauf, ob es im Einzelfall dem Menschen angenehm ist oder nicht (Nikomach. Ethik V c. 7ff). Das Justinian. Recht des Corpus Juris Civilis hat sich über das Naturrecht keine eindeutige Vorstellung gebildet; es bezeichnet als Naturrecht bald den alle Lebewesen beherrschenden Naturtrieb, bald das „Selbstverständliche“ im Sinne des gesunden Menschenverstandes, bald das infolge natürlich-vernünftiger Überlegung bei allen Menschen geltende Recht, „das jus gentium genannt wird“; im Verhältnis zu letzterem ist das bürgerliche Recht (jus civile) jenes, „das sich weder ganz vom Naturrecht entfernt noch in allem ihm dient“ (6 D. 1, 1).

Die ersten hervorragenden Vertreter der christlichen Naturrechtslehre waren Ambrosius und Augustinus, ihr Ausgestalter Thomas v. Aquin (S. th. 1, 2, p. 94 u. ö.), dessen Auffassung von der ganzen späteren Scholastik festgehalten und namentlich durch die großen katholischen Rechtsphilosophen des 16. Jahrhunderts Cajetan, Franz v. Vitoria, Dominikus de Soto und Franz Suarez verbreitet wurde. Diese christliche Naturrechtslehre unterscheidet sehr wohl zwischen Recht und Moral, trennt sie aber nicht, sondern betrachtet die Rechtsordnung als einen Teil der sittlichen Ordnung. Darum darf jene dieser nicht widersprochen und nur solche positiven Normen können im gewissen verpflichten, die dem natürlichen Sittengesetz nicht entgegen sind. Das Naturrecht enthält dabei nur die allgemeinsten Normen des menschlichen Gemeinschaftslebens, die eben deshalb durch die Vernunft erkennbar sind; Aufgabe des positiven Rechts ist es, sie auszulegen, zu ergänzen und auf die vielgestaltigen Einzelfälle anzuwenden. So wird auch das positive Recht letzten Endes auf den Willen Gottes als des obersten Gesetzgebers zurück geführt und auf seine Autorität gegründet. Das Naturrecht ist aber nicht lediglich ein „sein sollendes Recht“ oder eine bloße Rechtsidee, die erst der Anerkennung durch das positive Recht bedürfte, sondern ein vor allem positiven Recht existierendes objektives Recht, das zwar der Ausgestaltung im einzelnen bedarf, aber die Grundlage alles positiven Rechts bildet.

Verschieden von der christlichen Naturrechtslehre ist die der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert: Hugo Grotius hält zwar im allgemeinen noch an der scholastischen Grundlage des Naturrechts fest, doch ist seine Lehre bereits schwankend; Thomas Hobbes, Sam. Pufendorf und Christian Thomasius haben dann das Naturrecht ganz im rationalistischen Sinn umgewandelt. Danach ist das Naturrecht lediglich eine Schöpfung der menschlichen Vernunft, unabhängig vom Willen und auch vom Dasein Gottes, unabhängig auch von der sittlichen Ordnung, wie besonders Kant betonte. Harmlose Theorien, aber auch Revolution und Umsturz wurden aus diesem Vernunftrecht begründet. Der Rechtspositivismus der historischen Schule (Gustav Hugo, F. K. v. Savigny, Karl Friedr. Eichhorn, Georg Friedr. Puchta u.a.) ist auf der einen Seite eine Reaktion gegen das Vernunftrecht, das er nicht gelten läßt, nach dem Grundsatz „omne jus est positivum“; auf der andern Seite verkündigt er ebenfalls die Unabhängigkeit des rechts von der sittlichen Ordnung: Recht ist nach ihm jede Norm, die auf dem verfassungsmäßigen Wege gesetzt und in rechtmäßiger Weise verkündet ist; ob ihr Inhalt mit der sittlichen Ordnung in Einklang steht, ist ohne Belang. „Auch das niederträchtigste Gesetzesrecht muss als verbindlich anerkannt werden, sofern es nur formell korrekt erzeugt ist“ (Bergbohm). Wird der Rechtspositivismus auch nicht immer in dieser schärfsten Form vertreten, so ist der Grundgedanke der Unabhängigkeit des Rechts von der sittlichen Ordnung doch noch weit verbreitet, nicht zuletzt deshalb, weil über die christliche Naturrechtslehre ganz falsche Auffassungen bestehen… Das, was an ihr das Wesentliche ist, nämlich die Einordnung der Rechtsordnung in die sittliche Ordnung und ihre Unterordnung unter den ewigen Willen Gottes, bildet aber allein die Grundlage, auf der eine dauernde Ordnung des Staates und der menschlichen Gesellschaft aufgebaut werden kann. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. VII, 1935, Sp. 453 – Sp. 455

Buch mit Kruzifix
Naturgesetz
Buch mit Kruzifix
Gregoriusmesse

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Synedrium

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Synedrium Synedrium bezeichnet zunächst eine Sitzung einer Versammlung, die über öffentliche Angelegenheiten berät, ist daher seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. auch Name für bestimmte politische Körperschaften und ihre Versammlungen in der späteren Gräzität…
Buch mit Kruzifix

Dereser

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Dereser Dereser, Johann Anton, kath. Aufklärungs-Theologe, * 3.2.1757 zu Fahr a. Main, † 16.6.1827 zu Breslau; studierte in Würzburg unter Berg und Oberthür, 1776 Ocarm dort (Klostername: Thaddäus a Sancto Adamo), 1780 Priester und…
Buch mit Kruzifix

Geißler

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Geißler Geißler oder Flagellanten, auch Kreuzbrüder (Flagellarii, Flagellatores, Cruciferi), anfangs von ernstem Pathos durchdrungene schwärmerische Laien aller Stände und jeden Alters, welche die „disciplina flagelli“ (Geißelung) von den Klöstern auf die Straße trugen und…
Buch mit Kruzifix

Antinomismus

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Antinomismus Antinomismus (Anomismus), im allgemeinen soviel wie Bestreitung und Verwerfung des Gesetzes, in der Theologie besonders jene praktische Irrlehre, die unter dem Schein christlicher Wahrheit die Verpflichtung zur Beobachtung des Sittengesetzes leugnet. Antinomistische Richtungen…
Buch mit Kruzifix

Strauß

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Strauß Strauß, David Friedrich, freigeistiger protestantischer Theologe, * 27.1.1888 zu Ludwigsburg (Württ.), † 8.2.1874 ebd. Im Seminar zu Blaubeuren war F. Chr. Baur sein Lehrer. Winter 1831/32 kam er zu Berlin in persönliche Beziehung…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Galiläa

Antike
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Galiläa Galiläa. I. Landschaft in Palästina, das Bergland westlich des Jordan von der Bene Esdrelon und dem Tal des Nahr Dschalûd im Süden bis zur Senke Merdsch Ajjûn am Knie Nahr-el-Kāsimîje im Norden; wasserreicher und fruchtbarer als das judäische Bergland. Höchste Erhebung des fast nordsüdlich verlaufenden Gebirgskammes ist der…
Buch mit Kruzifix

Unitarier

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Unitarier Unitarier (Ein-Gott-Leute) heißen in der Reformationszeit auftretende Antitrinitarier, die in Gott nur eine Person, demnach bloß den Vater als den einen wahren Gott anerkannten. Unitarier war schon der von den Mennoniten hergekommene Taufgesinnte Adam Pastoris, eigentlich Roelf (Rudolf) Martens; er wollte die Hl. Schrift grammatikalisch-wörtlich erklärt wissen, die…
Buch mit Kruzifix

Katakomben

Kirchenhistorie
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Katakomben Katakomben, altchristliche Begräbnisstätten mit größeren unterirdischen Anlagen, für Rom typisch aber auch in Neapel und besonders häufig in Sizilien, Nordafrika, Malta, Kleinasien, Trier, Paris usw. nachweisbar, gleichbedeutend mit der alten Bezeichnung Coemeterium, die aber ganz allgemein die Ruhestätte der Christen, auch die oberirdischen Boden- oder Sarkophag-Gräber, andeutete. Ursprünglich…
Buch mit Kruzifix

Judäa

Heilige Schrift AT
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Judäa Judäa (so 2. Makk. ausschließlich, in 1. Makk. daneben häufiger das hebräisierende), in gräzisierte Form aus aramäisch = Jude, bezeichnet zunächst den nachexilischen Wohnsitz der Juden. Politisch genommen, bedeutet es im Zusammenhang mit den Eroberungen der Makkabäer das Hasmonäer-Reich, später das Reich des Herodes d. Gr., weiterhin und…
Buch mit Kruzifix

Bibelforscher

Irrlehrer und Irrlehren
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Bibelforscher Bibelforscher, Ernste, chiliastische Sekte, gegründet von dem amerikanischen Kaufmann Charles T. Russel (* 1852, † 1916), der im Calvinismus erzogen, in der Reaktion gegen dessen Prädestinationslehre ins Extrem geriet, die Hölle leugnete und das Millenium für eine 2. Prüfungszeit der in der Sünde Verstorbenen hielt. Durch die Adventisten…
Buch mit Kruzifix

Menander

Gnostiker
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Menander Menander (Menandros), gnostischer Sektenstifter, *zu Kapparetäa in Samarien, Schüler Simons des Magiers, von dem er jedoch in der Auffassung von der Erlösung (Unsterblichmachung durch die ihm eigene Taufe) und in der Ablehnung des Libertinismus abwich. Er wirkte in Antiochia; seine kleine Sekte erhielt sich bis ins 6. Jahrhundert.…
Consent Management Platform von Real Cookie Banner