Heilige Maria Euphrasia Pelletier

Christus mit dem Buch des Lebens in der Mitte, links der heilige Joseph mit der Lilie sowie den heiligen Mönchen; rechts sind die heiligen Jungfrauen, vorne knien auf der linken Seite Jünglinge und ein Mann, rechts Mädchen und eine Frau, Christus anbetend

Heiligenkalender

24. April

Heilige Mutter Maria Euphrasia Pelletier – Gründerin der „Schwestern Unserer Lieben Frau von der Liebe des guten Hirten“

(31. Juli 1796 – 24. April 1868)

Heiliggesprochen am 2. Mai 1940

Der heilige Franz von Sales schreibt einmal: „Es ist unleugbar, daß eine an sich gleiche Gnade, von Gott mit der gleichen Barmherzigkeit verschiedenen Menschen gegeben, von den einen mehr ausgewertet wird als von den anderen.“ Gewiß sind die Heiligen Menschen, die von Gott sehr geliebt wurden und deshalb große, zuvorkommende Gnaden erhielten, aber sie waren es auch, die sehr treu mit seiner Gnade mitgewirkt und großen Nutzen daraus gezogen haben.

Das Geheimnis des Zusammenwirkens der bevorzugenden Liebe Gottes und der hochherzigen Treue der Menschenseele zeigt sich klar im Leben der heiligen Gründerin der Kongregation „Unserer Lieben Frau von der Liebe des Guten Hirten“. Sie hatte schon außergewöhnliche Naturanlagen mitbekommen: einen überaus klaren und scharfen Verstand, eiserne Willenskraft, ein erstaunliches Gedächtnis, überragendes Organisationstalent, unermüdlichen Arbeitseifer, große Ordnungsliebe und liebenswürdige Umgangsformen. Dank einer guten Erziehung wurden diese herrlichen Anlagen nicht zum Stolz missbraucht und nicht in Eitelkeiten vertan, sondern in den Dienst der Übernatur gestellt und bildeten so eine günstige Voraussetzung für das Werk und Wirken der Gnade.

Maria Euphrasia wird Klosterfrau

Rosa Virginia Pelletier wurde geboren im Revolutionsjahr 1796 auf der Insel Noirmoutier, wohin ihr Vater, der Arzt war, sich nach dem Ausbruch der französischen Revolution geflüchtet hatte. Da die Revolutionäre auch auf der Insel alle Priester getötet hatten, wurde das Kind zu Hause vom Vater getauft. (siehe dazu den Beitrag: Gemeinden ohne Seelsorger Taufe) Die Eltern liebten ihre heilige Religion um so mehr, je mehr sie um ihretwillen gelitten hatten. Sie flößten diese Liebe auch ihren Kindern ein. Nach dem frühen Tod des Vaters (1806) kehrte die Witwe Pelletier in ihr Heimatstädtchen Soullans (in der Vendée) zurück, Rosa Virginia aber kam in das Internat der Ursulinen in Tours, wo sich bald ihre hohe Intelligenz, aber auch ihr feuriger Charakter bemerkbar machte. Doch schon in Noirmoutier hatte ihr eine Lehrerin gesagt: „Gib acht, Rosa Virginia, denn du wirst entweder ein Engel oder ein Teufel werden.“ „Ich“, so hatte das Kind erwidert, „ich werde Klosterfrau werden.“ – „Du mit deinem Charakter?“ – „Ich weiß es, ich werde mich bezwingen müssen, aber ich werde Klosterfrau werden.“ Bei der ersten heiligen Kommunion (1807) hatte sie schon den Zug zum gottgeweihten Leben verspürt.

Ihre große Willensstärke zeigte sich gerade in ihrer Berufswahl. Sie hatte manche Freundin unter den Ursulinen und Karmelitinnen in Tours, und diese drängten sie zum Eintritt in ihr Kloster. Doch sie selbst bewunderte vor allem die Arbeit der Schwestern Unserer Lieben Frau von der Zuflucht, deren Gründung auf den heiligen Johann Eudes (1601-1680) zurück ging und die sich der verirrten und gefährdeten Mädchen annahmen und das Beispiel des Guten Hirten der Seelen nachahmten, nach dessen Worten im Himmel größte Freude herrscht über ein verirrtes Schäflein, das wieder gefunden wird. Trotz des Widerstandes auch ihrer Verwandten führte Rosa Virginia ihren Entschluss durch und trat am 20. Oktober 1814 in das Kloster der „Zuflucht“ in Tours ein. Bei der Einkleidung erhielt sie den Namen „Maria von der heiligen Euphrasia“. Mit der ganzen Großmut ihres Willens folgte sie dem Gesetz der Selbstverleugnung, das der Heiland als Grundbedingung seiner Nachfolge aufgestellt hat; und in dem Maße, wie sie sich selbst aufgab, überwand und vergaß, eilten ihre Gedanken zu Gott hin und blieb ihr herz mit ihm liebend vereint. Kraft dieser Vereinigung erlangten auch ihre Gebete immer neue, kostbare Gnaden des Lichtes und der Erkenntnis, besonders über den Wert der unsterblichen Seelen und über die Wichtigkeit des Gehorsams. So konnte sie später aus eigener Erfahrung sprechen, wenn sie den Schwestern erklärte: „Wenn eine Seele sich treu dem gebet hingibt, und wenn sie Gott nichts mehr verweigert, so findet sie sich wie selbstverständlich gesammelt, sobald sie sich ihm im Gebet nahen will, und der Himmel schenkt ihr seinen Gnadensegen, ohne daß sie dabei ermüdet… Gott führt sie sozusagen auf einen hohen Berg, indem er sie loslöst von den Geschöpfen und sie über die menschlichen Stimmungen und Launen erhebt.“

Im Hinblick auf ihre hohen Tugenden und Fähigkeiten wurde Schwester Maria Euphrasia schon bald nach ihren Gelübden (1817) trotz ihrer Jugend mit der Leitung eines Teiles der Ordensgemeinde, der sogenannten „Büßerinnen“ betraut. Ihr Verhalten in dieser heiklen Stellung hatte zur Folge, daß sie im Jahre 1825 einstimmig zur Oberin des ganzen Klosters gewählt wurde, obwohl sie erst 29 Jahre alt war und einer Dispens vom vorgeschriebenen Alter bedurfte.

Mutter Euphrasia gründet eigene Gemeinschaften innerhalb des Klosters

Die neue Oberin erweiterte nicht bloß die baulichen Anlagen und verbesserte die Lebensbedingungen der Schwestern, sie gewann auch das Herz der Büßerinnen und gründete für jene aus ihnen, die sich dem Ordensleben widmen sollten, eine eigene Gemeinschaft innerhalb des Klosters, die sie „die Magdalenen“ nannte. Die Gründung dieses Institutes ist sicher einer der schönsten Ruhmestitel der Heiligen. Da sie aber im Lichte der Gnade vom hohen Wert der unsterblichen Seelen durchdrungen war, wollte sie auch den Segen der so notwendigen Arbeit der Klöster der „Zuflucht“ verbreiten und vermehren. Sie griff deshalb entschlossen zu, als sie im Jahre 1829 von Priestern in Angers gebeten wurde, dort die Leitung eines Hauses zu übernehmen, das früher unter dem Namen des „guten Hirten“ segensreich gewirkt hatte, aber infolge der Revolution eingegangen war. Nach Ablauf ihrer Amtszeit in Tours (1831) wurde sie dann Oberin des Hauses in Angers, das unter ihrer umsichtigen und energischen Leitung, gestützt auf ein großes Gottvertrauen, sich vorbildlich entwickelte und wieder den Namen des „Guten Hirten“ annahm. Neben der Gemeinde der Ordensfrauen führte sie dort drei verschiedene, voneinander getrennte und von den Schwestern betreute Abteilungen ein, nämlich Büßerinnen, Magdalenen und Waisenmädchen oder sonstige Pflegebefohlene. Rasch verbreitete sich der gute Ruf des Klosters, es mehrten sich die Berufe, und so konnte Mutter Euphrasia auf Bitten der zuständigen Bischöfe hin ähnliche Anstalten gründen in Le Mans, Poitiers, Grenoble und Metz. Doch das Kloster in Tours erhob Einwände und wollte keine Schwestern für solche Gründungen freistellen, da ja in jener Zeit die einzelnen Frauenklöster voneinander unabhängig und selbständig waren. So glaubte die Heilige es als Gottes Willen zu erkennen – und es wurde ihr im Gebet bestätigt-, daß sie das Kloster von Angers zu einem Mutterhaus und Generalat mache, von dem die einzelnen Gründungen abhängig bleiben und mit dem sie in enger Verbindung stehen sollten. Der damalige Bischof von Angers billigte das Vorhaben, doch bald erhoben sich erbitterte Widerstände gegen den Plan. Man erklärte, daß damit das Institut des heiligen Johannes Eudes geändert werde und daß die Eudisten keinen Einfluss mehr auf die einzelnen Klöster hätten. Manche Bischöfe wollten ihre Autorität über die Klöster nicht schmälern lassen und waren deshalb ganz gegen die Errichtung eines Generalats. Es fehlte auch nicht an gehässigen, persönlichen Verdächtigungen, daß sich die Gründerin nur von Ehrgeiz und Herrschsucht leiten lasse. Mutter Euphrasia war sich aber bewußt, daß sie nur Gottes Willen und Gottes größere Ehre suchte, und ließ sich deshalb durch keine Anfeindung von ihrem Vorhaben abbringen. Sie erlangte schließlich in einem apostolischen Schreiben des Papstes Gregor XVI. Vom 3. April 1835 die Bestätigung des Generalats und der erweiterten Konstitutionen, wobei der neuen Gründung der Name gegeben wurde: Kongregation der Schwestern „Unsrer Lieben Frau von der Liebe des Guten Hirten“.

Weitere Klostergründungen folgen

Mit dem Amt der Generaloberin eröffnete sich dem Seeleneifer der Heiligen ein weites Feld. Gründung folgte auf Gründung, nicht bloß in Frankreich, sondern auch im Ausland: 1838 in Rom auf Betreiben des heiligmäßigen Kardinalprotektors Odescalchi, 1839 in London, 1840 in München, 1843 in den Vereinigten Staaten, 1853 in Österreich, dann in Indien, Australien, Algerien, Ägypten. Beim Tode der Heiligen (am 24. April 1868) zählte die Kongregation sechzehn Provinzen mit 110 Häusern und fast 3000 Ordensfrauen, 1000 Magdalenen, 6000 Büßerinnen und 8000 Kindern. Alles dies bedeutete für die Gründerin eine Unsumme von Sorgen und Mühen; doch sie besaß das tiefste Geheimnis der apostolischen Wirksamkeit: die volle Sammlung und die ständige Liebesvereinigung mit Gott inmitten aller Arbeit oder, wie ein Zeuge im kirchlichen Prozess sich ausdrückte: „Während sie für alles sorgte, schien es, daß sie sich allezeit im Gebet befand.“ Dabei blieben ihr auch jene großen und schweren Prüfungen nicht erspart, die in besonderer Weise zur Läuterung, Heiligung und Gottvereinigung der Seele beitragen, wenn diese liebend und großmütig den schmerzlichen Kreuzweg bejaht.

Ihre Schwierigkeiten mit geistlichen Autoritäten

Wohl am schmerzlichsten waren für Mutter Euphrasia die Schwierigkeiten, die sie mit geistlichen Autoritäten hatte, Schwierigkeiten, die freilich fast unvermeidlich und von beiden Seiten unverschuldet waren, wenn so ausgeprägte und autoritäre Charaktere einander gegenüber standen, wie es nicht bloß Mutter Euphrasia Pelletier, sondern auch Pater Moreau (der spätere Gründer der Kongregation vom Heiligen Kreuz) und der Bischof Angebault von Angers waren. Jener hat das erste Kloster vom Guten Hirten, das mit seiner Hilfe in Le Mans gegründet worden war, wieder vom Mutterhaus in Angers losgerissen; und der eifrige und fromme Bischof von Angers, der seine Befehlsgewalt über die Klöster seiner Diözese nicht einschränken lassen wollte, hat der Generaloberin der „Gut-Hirten-Klöster“ 26 Jahre lang ungezählte Schwierigkeiten bereitet. Schon die Tatsache, daß die Heilige in diesen Widerwärtigkeiten 26 Jahre lang durchhielt, macht es begreiflich, daß zum Beispiel ein Priester von ihr sagte, sie hätte das Zeug, um ein Königreich zu regieren. Ein hoher Regierungsbeamter hat übrigens das gleiche von ihr behauptet, was man auch ihrer Zeitgenossin, der seligen A. M. Javouhey nachrühmte; er erklärte nämlich: „Die Oberin vom Guten Hirten (in Angers, also Maria Euphrasia Pelltier) ist in den Revolutionstagen von 1848 der einzige Mann in Angers gewesen, denn alle anderen hatten den Kopf verloren.“ Die Erklärung dieser ihrer Festigkeit und ihres ganzen Wirkens lag aber – wie bei allen Heiligen – in ihrer alles überwindenden Liebe zu Gott, die bei ihr in besonderer Weise eine doppelte Form annahm: innige Verehrung der heiligen Eucharistie und der heiligen Kommunion, die sie geradezu als ihre „Seligkeit auf Erden“ bezeichnete, und dazu ein lebendiges Bejahen und Umfangen des göttlichen Willens, wie immer auch dieser sich ihr zeigen mochte. Ihr oft wiederholtes Lieblingswort war gerade dieses: „Ich drücke den Willen Gottes an mein Herz.“ Dieses Wort hat man daher auf ihre Grabplatte geschrieben. –

Gott hat ihr bestätigt, daß sie mit dieser Losung den besten Teil erwählt hat, da ja auch Christus der Herr und seine heiligste Mutter keine andere Lebensregel kannten. –
aus: Ferdinand Baumann SJ, Pius XII. erhob sie auf die Altäre, S. 17 – S. 21

Bildquellen

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Category: Ordensstifter
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