Wie die Calvinisten P. Fidelis ermordeten

Pater Fidelis – Wie die Calvinisten P. Fidelis ermordeten

Pater Fidelis der Getreue

Die Mörder bereiten sich vor

Samstag war`s vor dem Palmsonntag im Jahre 1622. Die Kinder und auch manche Erwachsene streiften im Walde umher, um sich auf den folgenden Tag Zweige zur Palmweihe zu holen. Es war ein herrlicher Frühlingstag; die Lust und Freude desselben spiegelten sich auf allen Gesichtern wider. Doch nicht auf allen – denn tiefer im Walde stand ein Dutzend Männer beisammen, denen stand weder Freude noch Liebe auf den Gesichtern geschrieben.
Eben hatte einer einen mächtigen, schweren Eichenknüttel sich geschnitten. Er faßte ihn am dünnen Ende, schwang ihn und ließ ihn sausend durch die Luft fahren.
„Der tut`s bei Gott“, sagte er , „ich wollte, ich hätte die verdammte Mönchskutte schon vor mir.“
Die übrigen lachten. Auch sie hatten sich ähnliche Knüppel, schwere Stöcke und Prügel geschnitten. Einer von ihnen sagte: „Heute Abend bringt ihr die Stöcke mit, dann will ich die Nägel noch drei schlagen, damit es richtige Sternkolben sind – vor denen haben die Feinde Respekt.“

Friedliche Kinder singen ihre Lieder

Friedlich zogen die Kinder mit ihren Palmzweigen heim, sie jetzt schon tragend wie in der Prozession; ihre Lieder klangen süß und unschuldsvoll durch die Luft.

„Tochter Sions, sieh, dein König
Kommt sanftmütig her zu dir!
Auf, empfang ihn untertänig,
Tritt hervor in deiner Zier…“

klang es von der einen Seite her. Und wieder andere sangen:

„Aber siehe, all dein Grüßen,
All dein Jubel freut ihn nicht,
Und die hellen Tränen fließen
Übers heilige Angesicht.“

In diesem Augenblick kam ein Kapuziner des Wegs daher. „Pater Fidelis, Pater Fidelis, segne uns!“ riefen die Kinder und sprangen ihm entgegen, um vor ihm nieder zu knien, damit er sie segne. Der Pater tat es. Eine sonderbare Wehmut schien seine Züge zu umspielen. Dann sagte er: „Wisset ihr noch einen weiteren Vers von dem schönen Lied?“
Die Kinder verneinten. P. Fidelis blickte auf wie in prophetischem Schauen zu den mächtigen Riesenbergen Graubündens, welche ringsum in feierlicher Majestät in das Tal herab schauten, und sagte dann den Kindern noch folgenden Vers:

„Hörst du, Sion, seine Klage,
Hörst, wie du sein Kummer bist?
‚Ach, daß du an deinem Tage
Wüßtest, was dein Friede ist!‘
Jetzt führst du den Eingebornen
Mit Hosanna in dein Haus!
Drinnen krönst du ihn mit Dornen,
Und führst ihn zum Tod hinaus!“

Calvinistische Rebellen mit ihren Brandreden

Hell klangen die Worte in die blaue Luft hinaus; sie drangen auch hinüber nach jener Seite des Tales, auf welcher jene finstern Gestalten, die wir im Walde kennen gelernt haben, langsam dahin wandelten. In einem einsam gelegenen Haus am Bergabhang verschwanden sie samt ihren aus dem Wald geholten Prügeln. Hier war noch eine weitere Anzahl Männer versammelt. Als die letzten eingetroffen waren, stand einer auf, der hatte ein langes, schwarzes Gewand an, um zu reden. Es war dies der calvinische Prädikant (Prediger) Michael Gojan; der sprach: „Jetzt ist die Geduld zu Ende, das Gefäß ist voll zum Überlaufen. Der papistische Mönch verführt alles Volk mit seiner Heuchelei, daß sie wieder dem römischen Aberglauben nachgehen, von welchem sie doch kaum durch das reine Evangelium und seine Prediger befreit worden sind. Schon Dutzende von angesehenen und edlen Männern hat er durchs eine Reden dazu gebracht, daß sie wieder abgefallen sind von der Reformation, und mit ihnen haben sich Hunderte von gemeinen Leuten zur römischen Kirche zurück bringen lassen. Wenn das so fortgeht, dann werden wir Protestanten mit Gewalt unterdrückt. Die österreichische Regierung, welche über uns ist, ist ohnehin auch katholisch und hält es mit den Papisten. Ich habe Briefe des Erzherzogs in meine Hände bekommen, welche befehlen, daß alle Protestanten mit Blut und Eisen, mit Schwert und Gewalt sollen wieder katholisch gemacht werden.“ (*)
„Halt!“ rief da einer; „das kann nicht wahr sein. Ich habe noch am letzten Sonntag gehört, wie von der Kanzel eine Erklärung der Regierung verlesen wurde durch den P. Marcus, daß niemand gezwungen sei, den katholischen Glauben anzunehmen und den seinigen abzuschwören, ehe er überzeugt sei; auch dürfe niemand gezwungen werden, zur Messe oder Beicht zu gehen, wenn er nicht von selbst solle.“
„Das sind alles nur Lügen und Verstellungen, um euch zu täuschen“, schrie eifrig der Prädikant welchen schon die Entgegnung überhaupt zornig gemacht hatte. „Die Regierung ist uns feindlich gesinnt; sie will uns verderben und uns die Segnungen der Reformation rauben – sollen wir das dulden?“
Eine große Stille entstand.
Endlich fragte einer: „Sollen wir denn gar noch gegen die rechtmäßige Obrigkeit aufstehen?“
„Was? Rechtmäßige Obrigkeit`“ schrie der Prädikant. „Das ist keine wahre Obrigkeit! Wir brauchen keinem Papisten zu gehorchen; wenn man sich diese vom Hals schüttelt, so ist das ein gutes Werk und Gott gefällig. Darum auf, zu den Waffen gegen die Sendlinge Roms und unsere Todfeinde, gegen die Österreicher und vor allem gegen den betrügerischen Mönch! Wer ihn tötet, tut ein gutes Werk! Ja, hört mich“, rief der Prädikant mit erhobener Stimme, „ich schwöre euch, daß es wahr ist: es ist mir unser Herr Jesus erschienen als ein schönes Lämmlein, und hat mir geweissagt, daß wir einen großen Sieg über die Katholischen davon tragen. Darum auf, zu den Waffen gegen die Kaiserlichen und vor allem den falschen Mönch, der alles Volk verführt! – Und nun haltet euch in Bereitschaft“, fuhr de Sprecher nach kurzer Pause fort, „sammelt euch, schärft und bereitet die Waffen bis zu dem tage, wo der Goliath unserer Feinde, der papistische Mönch, fallen und die Katholischen überall geschlagen werden sollen, wie mir Gottes Geist gesagt hat!“
Noch lange sprachen die Rebellen zusammen, während einer der gehauenen Eichenknüppel schälte, ein anderer sie im Feuer härtete und ein dritter lange Nägel durch ihre Enden trieb, um sie dadurch für den kommenden Kampf zu furchtbaren „Morgensternen“ zu gestalten.

Was war so gefährlich an Pater Fidelis?

Unterdessen kniete P. Fidelis im alten Antoniuskirchlein des Ortes Grüsch einsam und allein vor dem Tabernakel. Was war doch so Gefährliches an diesem Mann? Sein Angesicht war bleich vor Anstrengung und Fasten, seine Füße halb wund, seine rauhe, arme Kutte zeugte deutlich von den mühseligen Wanderungen des Apostels. Aber sein Auge glänzte tief und klar, und seine Hände waren fromm gefaltet, während sein Mund leise flüsterte im Gebet und auf seinen Zügen der Frieden des Himmels lag. War es ein Wunder, daß Hunderte von Protestanten wieder zum katholischen Glauben zurück kehrten, wenn sie diesen Mann sahen, seine heilige Sprache hörten, sein armes, abgetötetes Leben sahen, das so ganz die Nachahmung der Armut des Heilandes war; wenn sie ihm anvertrauten, wenn sie seine Gottesweisheit,s eine Güte und Milde, seine demütige und doch so übernatürlich erhabene geheimnisvolle Größe den polternden, leidenschaftlich hetzenden und nur von Hass gegen Rom predigenden protestantischen Prädikanten vorzogen? Ja, es war freilich ein Rise, dieser einzige arme Mönch; und obgleich er nicht hatte, wohin er sein Haupt legen konnte, obgleich er manchmal in einem verlassenen Kapellchen oder gewöhnlich auf einem Heubündel „um Gottes willen“ in der Scheune des nächsten besten Bauern übernachtete, so hatte er doch mehr Einfluss und Ansehen beim Volk, das seinem gesunden Menschenverstand folgt, als hundert protestantische Prediger. Das bloße Beispiel eines einzigen wahrhaft frommen Ordensmannes, welcher alles dahin gegeben hat, Geld und Gut, Lust und Vergnügen, Bequemlichkeit und Familie, Vater, Mutter, Schwester und Bruder und selbst seinen eigenen Willen, welcher gleich Christus ganz arm, in vollständiger Enthaltsamkeit und Keuschheit und in willenlosem Gehorsam bis zum Tode sein Leben führt: das bloße Erscheinen eines solchen vollkommenen Christen predigt tausendmal eindringlicher als die schönsten Worte von andern, welche nicht so leben. Wenn in solche Gegenden, in welchen alles protestantisch ist und die Leute noch gläubig und guten Willens sind, einmal wirklich fromme Ordensleute kämen – das protestantische Volk würde gewiß aus eigener Anschauung eine bessere Meinung von ihnen gewinnen als aus den falschen Vorstellungen, mit welchen es von jeher gegen den Ordensstand erfüllt worden ist. Es würde einsehen lernen, daß das Leben, welches die protestantischen Geistlichen führen, zwar im allgemeinen ein rechtschaffenes und oft auch ein wirklich frommes Leben eines Laien ist, aber immer noch keine solche Nachahmung Christi, wie sie seine Apostel, seine Jünger und Tausende der ersten Christen in Armut, Keuschheit und Gehorsam geführt haben, und wie erst solche eine Nachahmung vollkommen ist. Das weiß man sehr wohl, und deshalb wird bei den Protestanten vor allem die Abneigung und der Hass gegen das Ordenswesen geschürt. So ging es auch schon damals, als die Geschichte passierte, die wir erzählen wollen. Daher erklärte sich auch die Todfeindschaft und der Hass der protestantischen Prädikanten gegen den armen Kapuziner. War der Pater noch länger in der Gegend, dann war Graubünden in kurzer Zeit wieder ganz katholisch – diese Gefahr erkannten sie wohl, und darum hieß es: Um jeden Preis zuerst diesen verhaßten Mönch vernichten!
Der Pater ahnte das, aber er wich nicht von seinem Platz. –

Die letzte Strophe des Palmsonntag-Liedes

Der vierte Sonntag nach Ostern, der 24. April des Jahres 1622, nahte heran. Der Aufstand gegen die alte Regierung und der Hass gegen den armen Kapuziner war von den protestantischen Prädikanten zur höchsten Hohe entflammt. Der Übertritt der Edelleute, des Amtmannes, des Statthalters und des Stadtwaibels samt ihren Familien zur katholischen Kirche, sowie die Ohnmacht der protestantischen Prediger gegenüber dem Wissen und der Sprache des Kapuziners hatte ihrem Hass und Neid die Krone aufgesetzt. Das Maß war voll. Der Tag des Herrn war ausersehen zu dem schrecklichen Schlag, welchen sie gegen die Katholiken führen wollten.
Am Samstag Abend trat der Pater langsam, tief in seinen Gedanken versunken, aus dem Kirchlein zu Grüsch. Wieder waren es die Kinder, welche sofort auf ihn zusprangen und um seinen Segen baten. Der Pater sah angegriffen und bleich aus. Er hatte sich, nachdem er viele katholische Soldaten zur Osterbeicht und fast ebenso viele protestantische durch eine einzige Predigt zum Übertritt in die Mutterkirche gebracht, noch auf seine eigene Beicht vorbereitet und innig gebetet. Eine Ahnung mochte ihm sagen, was der morgige Tag ihm bringen werde.
Einen prächtigen Knaben ins Auge fassend, sagte er: „Kannst du das Lied vom Palmsonntag noch, das ich euch damals gelehrt habe?“
„Gewiß, o ja!“ riefen alle zusammen, Knaben und Mädchen, und drängten sich eifrig um den Gottesmann.
„Schon recht, nun will ich euch auch noch den letzten Vers lehren, hört einmal!“
Und mit wundersam trauriger Stimme sprach der Mönch den lauschenden Kindern das Verslein vor:

„König mit der Dornenkrone,
Mit den Wunden ohne Zahl,
Herr, bedeckt mit Schmach und Hohne,
Sei gegrüßt vieltausendmal!
Deine Tränen sind gefallen
Mir ins tiefe Herz herab;
Laß mich ziehen, laß mich wallen
Mit zum Kreuz – mit zum Grab!“

Nunmehr zog sich der Pater zurück, aber nicht um zu ruhen. In tiefem Gebet kniete er in der Nacht an einem einsamen Plätzchen und bereitete sich vor auf den Tod. Gott allein weiß, was zwischen ihm und dem armen Mönch in diesen Stunden vorgegangen ist.

Der Sonntagmorgen im Kirchlein zu Grüsch

Des andern Morgens begab er sich zu seinem Genossen, dem ihm beigegebenen Pater, kniete nieder und beichtete ihm mit tiefstem Ernst.
Eine Stunde später stand er am Altar in dem Kirchlein zu Grüsch, das sich mit Andächtigen gefüllt hatte. Es war wunderbar zu sehen, mit welcher Andacht und Hingebung der Gottesmann das heilige Opfer darbrachte. Als er bei der heiligen Wandlung den göttlichen Leib und das wahre und wirkliche Blut Jesu Christi in seinen zitternden Händen hielt, da konnte er sich nicht mehr halten im Übermaß der Freude, Anbetung, Ehrfurcht und Rührung ob dieses höchsten aller Wunder: die Tränen rollten ihm über die Wangen – er schluchzte laut.
Und alles Volk weinte mit ihm ob des unaussprechlichen göttlichen Geheimnisses.
Und als er dann den Leib und das Blut Jesu Christi genossen hatte und so ganz und gar vereinigt war mit dem Herrn in seligster Gemeinschaft, da erfaßte es ihn wieder: ei heiliger Schauer der Wonne und Freude ging sichtlich über ihn dahin, und unbeweglich stand er lange, lange in überirdischer Ruhe an dem Altar.
„Wenn das kein Heiliger ist, dann gibt`s keinen mehr“, sagte einer, der mit einem andern unter der Türe stand.
Und der andere, ein Protestant, erwiderte tief ergriffen: „Ja, wenn`s bei euch Heilige gibt, dann ist der sicher einer.“
Die heilige Messe war vorüber, das einfache Lied zum Schluss verhallt, da wendete sich der Pater zum Volk, das Evangelium in der Hand. Es war dasjenige, welches seit Urzeiten jeden vierten Sonntag nach Ostern in der ganzen katholischen Welt verlesen wird, aber wie hatten diese Worte heute einen ganz andern Klang als sonst!
„In jener Zeit“ – begann P. Fidelis zu lesen, und seine Stimme klang wie die eines Propheten, wie die eines sterbenden Vaters an seine Kinder -, „in jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ich gehe zu demjenigen, der mich gesandt hat, und niemand aus euch fragt mich: Wo gehst du hin? Und weil ich das gesagt habe, hat Traurigkeit euer Herz erfüllt; aber ich sage euch die Wahrheit… Und wenn der Heilige Geist kommen wird, so wird er die Welt anklagen über die Sünde und die Gerechtigkeit und das Gericht. Über die Sünde, weil sie nicht geglaubt haben an mich; über die Gerechtigkeit, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr sehen werdet, und über das Gericht, weil der Fürst dieser Welt schon gerichtet ist. Ich hätte euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es noch nicht ertragen… Er aber – der Heilige Geist – wird mich verherrlichen…“
Und nach dem Evangelium las P. Fidelis noch die Epistel. Und wiederum klang es wie eine Gottesstimme, als er daraus mit seiner klaren, ruhigen Stimme einfach und schlicht die Worte verlas: „Es sei aber jeder Mensch zum Hören, langsam aber zum Reden und langsam zum Zorn. Denn der Zorn wirkt nicht die Gerechtigkeit, wie sie Gott will. Daher werfet ab alle Unreinheit und die Fülle der Bosheit, und nehmt in Sanftmut auf das ausgestreute Wort, welches eure Seelen retten kann.“
Ob P. Fidelis wohl ahnte, welch ganz besondere Beziehung Evangelium und Epistel auf ihn selber hatten und auf das, was der heutige Tag ihm noch bringen sollte?
Wir wissen es nicht. Gott aber gab ihm wundersam zu erkennen, was auf ihn warte.
P. Fidelis predigte nach verlesenem Evangelium. Er sprach von der Heiligung des Namens Gottes und eiferte gegen das Entehren des heiligen Namens.
Plötzlich verstummte er. Alles Volk schaute auf ihn. Der Pater war dieser Welt entrückt. Da stand er mit ausgebreiteten Armen und halb geöffnetem Mund, die Augen starr nach oben gerichtet – vorgebeugt, schauend, lauschend.
Der Herr stand vor ihm. Er sagte ihm, daß er heute noch sterben werde – für ihn als sein Bekenner.
Totenblässe überzog das Angesicht des Paters. Es war nicht die Angst, sondern das Entzücken über die Auserwählung zur Märtyrerwürde, welche ihn also übergoss.
Mit Staunen hatte in atemlosem Schwiegen das Volk den geheimnisvollen Vorgang gesehen. Jetzt sank der Arm des Paters wieder herab, der Blick senkte sich nieder, die Brust hob sich. Der Pater blickte einen Augenblick umher, dann fuhr er in seiner Predigt weiter.

Nun will ich nach Seewis zum Predigen gehen

Nach dem „Amen“ kniete er nieder, während das Volk sich verlief, und betete. Dann stand er auf und trat hinaus. Draußen sagte er zu seinem Genossen: „Nun will ich nach Seewis gehen; du weißt, Bruder, daß ich dorthin bestellt worden bin von den Leuten zum Predigen. Bete für mich; bis Abend, so Gott will, werde ich zurück sein.“
In wenigen Minuten war der Pater auf dem Weg nach Seewis. Es war ein wunderbar schöner Frühlingsmorgen. Die heilige Sonntagsruhe lag über Tal und Höhen, die Vögel sagen und jubilierten,d er Himmel war wolkenlos und wundersam blau, die Bäume standen zum Zeil schon in duftender, schimmernder Blütenpracht da, und über die stille Sonntagsflur klangen die Glocken von Seewis und Grüsch und riefen auch die Menschen zum Lob und Preis des Herrn.
In heiligen Gefühlen, in süßer und doch wieder ernster Andacht wandelte der getreue Sohn des hl. Franziskus dahin, Gott sich weihend, denn er ahnte, er wußte es, daß dieser freundliche Morgengang sein Gang zum Tode sei. In Seewis angelangt, bestieg er die Kanzel. Auf dem Rande derselben lag ein Blatt Papier. P. Fidelis nahm es und las: „Heute noch wirst du predigen und morgen nicht mehr.“ Einer der Mörder hatte es geschrieben in trunkenem Übermut des bereits gelungenen Mordplanes; denn die protestantischen Bauern hatten die Einladung zur Predigt nur als Vorwand benutzt, um den armen Pater in ihre Gewalt zu bringen. Es war ihnen gelungen. Das edle Wild war ins Netz gegangen.
Nachdem P. Fidelis das Blatt gelesen hatte, legte er es ruhig beiseite. Dann verlas er wie in Grüsch das ergreifende Evangelium und die Epistel. Wenn die armen verhetzten und verführten Aufrührer noch ein wenig menschliches Gefühl gehabt hätten, so hätten sie sich noch besinnen und besänftigen müssen. Aber es war unmöglich bei ihrem Zustand. P. Fidelis ging zur Predigt über. Er begann sie mit dem Spruch des Apostels: „Ein Herr ein Glaube, eine Taufe“ (Eph. 4, 5). Noch nie waren die Worte mit solch heiliger Kraft und Begeisterung aus dem Mund des Predigers gedrungen, er sandte wahrhaft glühende Pfeile auf die Herzen seiner Zuhörer ab. Aber alles war umsonst. „Pharaos Herz war verhärtet.“ Die Gesichter blieben hart, unheimlich schaute einer auf den andern, ob man nicht endlich anfangen wolle.

Blutiger Überfall in der Kirche zu Seewis

Auf einmal erhob sich ein furchtbarer Lärm. Unter wildem Schreien und Toben stürzte ein Haufe Bewaffneter in die Kirche. Ein Schuss streckte den an der Kirchentür Wache haltenden Soldaten zu Boden, eine zweite Kugel zischte, ihr Ziel verfehlend, an dem Prediger vorüber. Eine stimme schrie gellend: „Aus mit der Predigt, herab von der Kanzel!“ Die wenigen Katholiken flohen, die zum Schutz des Paters in der Kirche anwesenden Soldaten griffen zu den Waffen und wurden in dem vor der Kirche entstandenen Kampf durch die Übermacht der Empörer teils getötet teils gefangen. Es war ein entsetzlicher Tumult.
P. Fidelis hatte unterdessen die Kanzel verlassen und kniete, sein Leben Gott und der heiligen Jungfrau empfehlend, betend vor dem Altar. Da nahte sich ihm, von Mitleid erfaßt, der calvinische Mesner und bat ihn ängstlich, sich zu retten. Der Heilige erwiderte: „Seid ohne Sorgen, guter Mann! Ich fürchte nicht für mein Leben, welches ich ganz in die Hände Gottes und seiner Mutter verschrieben habe.“ Dann stand er auf und verließ die Kirche, um sie vor Entweihung durch sakrilegisches Blutvergießen zu bewahren; draußen beachtete ihn augenblicklich niemand. Er begab sich auf den Weg nach Grüsch zurück – zwischen prächtigen Gärten und blühenden Obstbäumen zieht sich der Weg dahin. P. Fidelis war aber kaum einen Pfeilschuss weit von der Kirche weg, da wurden die Empörer seiner ansichtig. Wütend stürzten sie dem Ordensmann nach. In drei Minuten war er umringt von den Rasenden, deren furchtbare, durch Nägel zu schrecklichen Waffen verwandelte Knüppel ihm deutlich die Art des Martertodes ankündigten, welchen er in den nächsten Augenblicken zu erleiden hatte.

Pater Fidelis Märtyrerleiden durch die Calvinisten

„He, Spitzbube!“ schrie ihm einer zu, „du willst uns einen andern Glauben lehren? Widerrufe, was du gegen Calvin gesprochen!“
„Sprich!“ schrie ein anderer dazwischen, „willst du unsern Glauben annehmen oder nicht?“
Ruhig antwortete Fidelis: „Ich bin nicht gekommen, Irrlehren anzunehmen, sondern sie auszurotten, und ich mache mir Hoffnung, daß ihr vielmehr meine Religion annehmet.“
Die Mörder waren betroffen über die mutige Antwort des Kapuziners. Einer schrie: „Gib dich gefangen, oder du musst es auf der Stelle büßen!“ Der Heilige erwiderte: „Als Religiose, der seine Rechte und Freiheiten kennt, kann und darf ich mich nicht Aufrührern gefangen geben.“ Dann warf er ihnen mutig ihre Tyrannei und ihre Widerspenstigkeit gegen die Obern vor. Zuletzt sagte er einfach und ruhig: „Es liegt bei euch, ob ihr mich töten wollt. Ich habe mein Leben und mein Sterben Gott und seiner heiligsten Mutter zum Opfer gebracht.“ Da schrie einer: „Wofür diese langen Reden? Jetzt genug!“ Und mit einem fürchterlichen, entsetzlichen Fluch holte er aus. Ein dumpfer Krach, und der Kapuziner sank hintenüber in die Knie. Er war am Hinterhaupt tödlich getroffen, die Hirnschale war zerschmettert. Der arme Pater hob Augen und Hände zum Himmel empor und rief: „Jesus – Maria! O Gott, erbarme dich meiner!“ Noch hatte er nicht ausgesprochen, so fiel ein zweiter Streich auf sein Haupt. Ein weiterer folgte, die Blutgier war erwacht. Keiner blieb mehr zurück, alle schlugen mit ihren Knüppeln auf den armen Kapuziner los. Welch ein Heldenmut, einen wehrlosen Mann zu Dutzenden anzugreifen und tot zu schlagen! P. Fidelis war beim zweiten Streich vollends zu Boden gesunken. Das Blut drang aus Mund und Nase, das Angesicht war ganz überrieselt von Blut, die Haare damit getränkt. Die Mörder glaubten, P. Fidelis sei schon tot. Da erhob er sich noch einmal: „Verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ kam es deutlich aus seinem Mund. Dann sank er zusammen. Ein einziger wurde betroffen durch diesen Vorfall. Die andern aber schlugen aufs neue auf ihn los. Gegen zwanzig Wunden, wovon eine ganz die Gestalt der Seitenwunde Jesu hatte, durchbohrten die Brust; die Rippen der rechten Seite waren alle eingeschlagen, eine klaffende Wunde blutete am linken Fuß. Er war aber noch nicht tot.
Noch einmal hob er die Augen flehend zum Himmel, dreimal atmete er tief auf. Dann sank das Haupt hintenüber, sich etwas zur Seite wendend; die Hände streckten sich; P. Fidelis, der Getreue, hatte vollendet.
Es war der 24. April 1622, 10 Uhr morgens.

Wer war näherhin unser Pater Fidelis?

Kein anderer als der hl. Fidelis von Sigmaringen. Er hieß von Haus aus Marcus Roy, war Doktor der Rechte und ausgeeichneter Advokat, wurde aber mit etwa zweiunddreißig Jahren Kapuziner und Priester und erhielt am Franziskustag 1612 in Freiburg den Namen Fidelis, „der Getreue“, und dabei sprach der Guardian die prophetischen Worte zu ihm: „Esto fidelis usque ad mortem – „Sei getreu bis in den Tod“, so will ich dir die Krone des Lebens geben. – Er ist der erste Heilige, welcher nicht durch heidnische, sondern christliche, d. h. protestantische Hände das Martyrium erlitt. (siehe den Beitrag: Heiliger Fidelis von Sigmaringen Märtyrer)

(*) Diese Lügen wurden tatsächlich von protestantischen Predigern unter dem Volk verbreitet; namentlich war der Prädikant Gojan einer der wütendsten Feinde des Erzherzogs, der katholischen Obrigkeit und es P. Fidelis.
aus: Konrad Kümmel, An Gottes Hand, Viertes Bändchen: Osterbilder, 1912, S. 174 – S. 187

Siehe auch den Beitrag: Die neunzehn heiligen Märtyrer von Gorkum

Category: Erzählungen

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