Zwei Märtyrer der Nächstenliebe

Zwei Märtyrer der Nächstenliebe (*)

„Wer kann der Menschheit den Frieden bringen, den wahren, dauernden Frieden?“ so fragte auf der Kanzel der Prediger, und er gab selbst die Antwort darauf: „Das ist allein die Liebe. Aber nicht die weltliche Liebe, die nur sich selbst und die eigenen Interessen liebt; nein, die aus der Liebe zu Gott wachsende wahre Liebe zum Nächsten.“ Und er führte dies dann gar schön und ergreifend durch.

Unter den Zuhörern saß auch einer – es war ein Kaufmann -, der hörte wohl auch auf die Predigt, aber als das Amt vorüber war, sagte er auf dem Heimweg für sich hin: „Schön gesprochen, aber wo ist so eine Liebe zu finden, die uneigennützig ist und umsonst dient? Das gibt`s nicht auf der Welt. Wohlfeil einkaufen und teuer verkaufen: danach geht`s auf der Erde und bei uns Leuten, es wird wohl bei dem geistlichen Herrn auch nicht viel anders sein. Etwas Schönes wär`s um solch eine Nächstenliebe, aber sie ist unmöglich.“
So sprach der Mann und ging heim. Er war sonst ein rechter, redlicher Mann und auch im Kirchengehen pünktlich, aber das Krämerwesen hatte sein Herz vertrocknet, und seine Kalkulationen standen ihm fast genau so hoch wie die zehn Gebote. Das Gute war nur, daß seine Frau und seine Kinder durch ihr tägliches Gebet sein mageres Glaubens-Gewächs etwas begossen, und daß er seit einem halben Jahr wieder die Predigt besuchte. Da fiel doch manches für ihn ab, was ihm zu denken gab, und das zeigte, daß er doch noch nicht in Hochmut und Selbstgerechtigkeit verknöchert war.

Nach dem sonntäglichen Amt kehrte er auf dem Heimweg auf ein Stündchen im Wirtshaus „zum Schatten“ ein. Das hielt er regelmäßig so; da besprach man mit den Bekannten die Neuigkeiten der Woche bei einem Glas Wein. Diesmal aber war große Aufregung in dem gewohnten Kreis der Gäste. Einer hatte eine große Neuigkeit aus Freiburg mitgebracht, das etwa zehn Stunden weit weg von dem Ort unserer kleinen Erzählung liegt. Er wußte folgendes zu berichten: „Vorgestern ist der Vikar B. gestorben, ein noch junger Mann; er hat sich den Tod geholt bei einem protestantischen Gipsermeister.“
„Bei einem protestantischen?“ riefen die andern; „was hat denn der katholische Vikar bei ihm zu tun?“
„Laßt mich nur reden! Der Weißputzer hat die schwarzen Pocken bekommen, und man hat ihn aufgegeben. Da schickt er zu seinem Geistlichen, er solle kommen und ihn auf protestantisch versehen oder wie man da sagt, ich weiß es nicht; kurzum, der Mann hat eben noch seinen Geistlichen an seinem Sterbebett haben wollen, aber der ist nicht gekommen, hat sich gefürchtet vor den Pocken.“
„Ist das auch wahr?“ fragte einer.
„So geh nach Freiburg, da kann man dir`s sagen“, war die Antwort. „Morgen begräbt man den Vikar B., kannst ihm zur Leiche gehen, und wenn`s nicht wahr ist, zahl` ich dir den Taglohn.“
„Ja, wie ist denn das weiter gegangen?“

„Wie der protestantische Pfarrer sich geweigert hat, zu dem Pockenkranken zu gehen, und dieser immer mehr gerufen und gejammert hat nach einem Geistlichen, so hat man zu dem katholischen geschickt. Und da hat nun dem Münsterpfarrer sein Vikar sich sogleich auf den Weg gemacht und hat mit dem Sterbenden gebetet, wie es gepaßt hat, und so ist der Weißputzer ruhig gestorben. Der katholische Vikar aber ist heim, hat sich gelegt und hat die Pocken auch gehabt, und nach drei Tagen ist er gestorben. Morgen wird er begraben. Die ganze Stadt geht mit, katholisch und evangelisch, auch der ganze Stadtrat; es wird ein Leichenbegängnis werden, wie wenn der Erzbischof selbst gestorben wäre.“

Der Kaufmann ging diesmal nachdenklich zum Mittagessen heim. Diese Erzählung hatte ihn außerordentlich gerührt, ja noch mehr: sie hatte ihn tief erschüttert. Es musste also doch etwas an der selbstlosen christlichen Liebe sein. Über Tisch war er besonders schweigsam.
„Bist du vielleicht nicht ganz gesund, Papa?“ fragte seine Frau besorgt.
Da erzählte er seiner lauschenden Familie den ganzen Hergang mit dem Kooperator von Freiburg und schloss dann mit den warmen Worten: „Der ist sicher in den Himmel gekommen; wer auch solch einen Tod hätte!“
Leuchtendes Blickes hörte seine älteste Tochter zu, ein Mädchen von etwa achtzehn Jahren in blühendster Jugendschöne. „Papa“, sagte sie, „ich würde an deiner Stelle morgen nach Freiburg fahren und dem Leichenbegängnis anwohnen. Das muss ja ganz großartig werden.“
„Das wäre kein so übler Gedanke“, meinte der Vater, „es geht indessen doch nicht. Aber wenn ich sonst einmal wieder nach Freiburg komme, so lasse ich mich den weiten Gang zum Gottesacker nicht reuen und gehe ans Grab des opferwilligen Mannes.“

Ein paar Tage später waren alle Zeitungen voll der Beschreibungen des glänzenden, fast einzigartigen Leichenbegängnisses des Kooperators, und zugleich kam die Kunde, daß die Stadt Freiburg auf ihre Kosten ein Grabdenkmal für den Toten bestellt habe.
Und eine Woche später musste der Kaufmann nach Freiburg reisen. Abends kam er freudig erregt wieder daheim an und legte ein kleines altes Messerchen auf den Tisch.
„Hast du das gefunden?“ fragte seine Frau.
„Nein, gekauft“, war die Antwort, „und zwar um teures Geld. Es hat mich fünf Gulden gekostet.“
„Was?“ rief seine Frau schier entsetzt.
„Höre! Als ich bei Tisch war, da erfuhr ich, daß heute die Versteigerung des Nachlasses des verstorbenen Kooperators stattfinde. Der Zudrang sei sehr groß, da viele Leute ein Andenken an den Verstorbenen erhalten wollen. Die Neugierde trieb mich hin, und so kam ich ins Steigern hinein und habe mir das Messerchen ergattert. Ich will`s in Ehren halten; es soll mir eine ständige Predigt sein, besonders gegen die Habsucht und Herzlosigkeit.“ –

Es war an einem Sonntag-Nachmittag, die Mutter und die kleinen Kinder waren in der Kirche, der Vater und seine älteste Tochter befanden sich allein daheim. Der Vater saß in seinem Ladenstübchen und las die Zeitung, Gertrud aber kniete oben in ihrem Kämmerlein und betete inbrünstig auf den Knien vor dem Bild des hl. Aloysius, welcher dargestellt war, wie er die Krone abgelegt hat und, auf den Totenschädel blickend, eine Lilie und eine Geißel in den Händen trägt. Es war ein heiliger Entschluss, den sie jetzt gefaßt hatte. Und nun trat sie hinunter zum Vater, feierlichen Ernst auf dem Angesicht, und bat ihn um Gehör. Der Vater wurde ernst – er wußte, was kam. Aber er ließ Gertrud reden. Und mit einer Begeisterung und Wärme, die aus dem Innersten kam, bat sie ihn um die Erlaubnis, glücklich, wahrhaft glücklich werden zu dürfen, sich verloben zu dürfen für immer und ganz dem Dornen gekrönten Heiland als seine Braut für hier in Schmerzen und Entsagung, für ewiges seliges Leben aber dort im Jenseits. Und wie sie so redete von der Armseligkeit dieser Welt und von der Kürze und Nichtigkeit dieser irdischen Freuden und von dem einzigen Ziel eines glücklichen Todes – da begann auch sein Herz weich zu werden, und nach einer Stunde hatte Gertrud das Jawort von ihrem Vater. Und jubelnd im Innern eilte sie jetzt der Kirche zu, die leer war, um am Altar ihren Dank ausströmen zu lassen.

Der Vater aber sagte abends, als sie ihm nochmals dankte: „Du musst dich eigentlich bedanken bei dem verstorbenen Kooperator von Freiburg – der hat mich bekehrt, und daß ich wieder in die Predigt gegangen bin seit einem Jahr, das hat mich auch wieder mit christlichem Wissen und Denken erfüllt. Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden seither. Du aber, Kind, laß deine Dankes-Bezeigungen für mich – und denk an dich: es ist die Dornenkrone, die du wählst.“
„Kurz ist das Leid, und ewig der Lohn!“ rief das Mädchen aus.
Es sollte ein prophetisches Wort sein.

Dritthalb Jahre später stand Gertrud, jetzt „Schwester Caritas“ genannt, vor ihrer Oberin. „Mein Kind“, sprach diese, „zehn Stunden von hier liegt ein Sterbender, den wegen seiner abstoßenden Krankheit niemand pflegen will. Wollen Sie hingehen und dies tun?“
„Gewiß, ehrwürdige Mutter.“ – „Aber die Krankheit dieses Sterbenden soll in der Tat höchst ekelerregend sein; das ganze Gesicht ist nur eine Wunde, und zudem ist das Übel ansteckend. Der Arzt sagt es offen, daß seine Pflege mit der größten Gefahr verbunden sei, und doch muss der arme Mensch jemanden haben, der ihn pflegt.“
„Meine Mutter, ich bin dazu bereit.“
„So geh, meine Tochter; Gott ist mit dir.“
Und Schwester Caritas ging und pflegte den Kranken bis zum Tode. Als sie aber wieder heim kam, hatte sie die Krankheit geerbt, und alle Kunst vermochte sie nicht zu retten. Ein Vierteljahr lang rang der Tod und die Zerstörung mit dem jungen, unverdorbenen Leben der Jungfrau; dann starb sie, ein Opfer ihres Berufes, eine Märtyrerin der heiligen Nächstenliebe.

Und merkwürdig: der Vater, dessen Herz fast gebrochen war beim Abschied, er blieb ruhig und gefaßt, als er vor der offenen Bahre stand, in welcher sein Kind, gekleidet ins heilige Ordensgewand, lag, bis zur Unkenntlichkeit aber selbst im Angesicht zerstört von der grauenhaften Krankheit. Festen Auges betrachtete er dieses sein Kind fast mit zärtlichem Stolz, und als die Oberin mit einem Trosteswort heran trat, sprach er ruhig: „Der liebe Gott tröstet mich so wundersam in diesem Augenblick, und mir kommt immer wieder das Osterlied in den Sinn mit den Worten:

„Voll Glauben beten wir ihn an,
Ihn, der auch uns erretten kann,
Ihn, der dich einstens aus der Gruft
Zum ewig schönen Leben ruft!“

Und als der Sarg, gefolgt von einer großen Menge, von den Ordensschwestern der Verstorbenen hinaus getragen wurde zum Gottesacker, und die Vögel sangen, die Blüten von den Blumen dufteten und die ganze Welt in süßer Frühlingspracht stand, da war`s nicht Schmerz, sondern ein freudig hoffnungsvolles „Alleluja!“, das über das Grab der Jungfrau hinweg durch die Herzen der Ihrigen, in seligem Trost sie erhebend, zum Himmel hinan schwebte. –
aus: Konrad Kümmel, An Gottes Hand, 4. Bd. Osterbilder, 1912, S. 96 – S. 102

(*) Originaltitel: Vater und Tochter

Category: Erzählungen

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