Der Christenfeind Kara Mustapha

Weihnachtserzählungen

Was an Weihnachten 1683 mit dem Christenfeind Kara Mustapha geschah (*)

Es war Ende Juli des Jahres 1683; die ganze Christenheit war in Jammer, Not und Aufregung; von einem Ende Europas zum andern hallte der Ton der Türkenglocke und mit ihm das flehentliche Gebet von Millionen: „Aus der Hand der Feinde errette, o Herr, dein Volk!“
Wien, des deutschen Kaisers Residenz, war seit dem 14. Juli von einem riesigen Türkenheer eingeschlossen, und Kara Mustapha, der Großwesir, hatte geschworen, Ehre und Leben daran zu setzen, um den Halbmond auf den Wällen Wiens aufzupflanzen und die reichste Beute zu holen.
Stolz stand er vor seinem Risenprachtzelt, welches mit den kostbaren Teppichen, dem Goldschmuck und der palastartigen Einrichtung mehr als eine Million Taler wert war, und übersah das unglückliche belagerte Wien, das, umgeben von einer leichten Rauch- und Staubwolke, in erhabener Ruhe inmitten seines dichten Wall-, Schanz- und Festungs-Kranzes vor ihm lag.
Schweigend stand Kara Mustapha da, neben ihm der Gesandte des türkischen Sultans, der dem Feldherrn zum Lohn für die rasche Einschließung einen herrlichen Ehrensäbel, eine große Goldmedaille und andere Kostbarkeiten überbracht hatte.
„Der Beherrscher aller Gläubigen dankt es dir besonders“, sagte der Gesandte zu Kara Mustapha, „daß du stets so gehorsam an ihn denkst. Die Gold- und Silberschätze aus den Kirchen und Klöstern hat er mit Wohlgefallen entgegen genommen; namentlich aber ist er erfreut über die Menge der jungen Christen-Sklaven und -Sklavinnen, die du ihm übersandt hast.“

„O, sage deinem Herrn und Gebieter“, war Mustaphas stolze Antwort, „es warten seiner noch viel reichere Geschenke. Bereits sind wieder 5000 Christen und Christinnen auf dem Transport nach Stambul begriffen. Ha, den Jammer und das Heulen hättest du hören sollen in den Städten und Dörfern, die wir bis hierher durchzogen haben, als ich die Alten und die Kleinsten zu töten befahl, die Jungen aber für den Sultan und mich aussuchte: die einen zu Schanzarbeiten gegen ihre eigene Hauptstadt Wien; die andern, die schönsten, zu Sklaven in die Paläste! Lieber wollen sie sterben mit ihren Eltern, schrien die Christinnen – ha, das war ein Anblick! Wohl an die 300000 Christenleichen zeichnen meine Spur von Belgrad nach Wien, und eben so viele Chriten wandern den Weg in die Sklaverei: das ist der Zorn des Propheten und mein Arm!“ –

Damit unsere Leser sich überzeugen, daß dieser Satz nicht zu viel sagt, mögen sie hören, was einer der größten Geschichtsschreiber der Gegenwart, Onno Klopp, berichtet. In nur vier kleinen Gerichtsbezirken wurden von den Türken auf diesem Zug erschlagen: 229 Eheleute, 46 Kinder, 89 Dienstboten; zusammen 364 Personen. In die Sklaverei wurden abgeführt: 215 Eheleute, 518 Kinder und 275 Dienstboten; zusammen 1008 Personen. Im ganzen als 1372 Christen! Häuser wurden nieder gebrannt 284. Und was so in ein paar Ortschaften geschah, das wiederholte sich überall. Ganze Dörfer flohen in die Wälder und Einöden, aber die Türken führten zahlreiche abgerichtete große Hunde mit sich, welche alles ausspürten. Die Behandlung der Sklaven zu schildern, sträubt sich die Feder. Glücklich, wer dem sofortigen Tod durch die Türken verfiel! Was mag aus den Tausenden von unglücklichen Kindern, Jünglingen und Jungfrauen geworden sein, welche nach Konstantinopel etc. geschafft wurden? Und die Verbündeten und Helfer dieser Räuber, Mordbrenner und Bluthunde waren mit dem französischen König (Anm.: Ludwig XIV.) die meisten protestantischen Fürsten Deutschlands – aus Hass gegen den katholischen Kaiser -, besonders aber der Führer der ungarischen Protestanten, Graf Tököly, welcher mit einem eigenen Heer den Kara Mustapha unterstützte. Doch genug hiervon.

Kara Mustapha schloss seine selbstgefällige Rede an den Gesandten seines Herrn mit den Worten: „Und nun, Ali Aga, bleibe noch fünf Tage hier; dann sollst du meinem erhabenen Herrn, dem Sultan, melden können, wenn nicht, daß Wien gefallen, so doch, daß sein Fall nahe ist. Wenn aber Wiens Tore sich öffnen, dann öffnet sich uns ganz Europa: wir werden durch Deutschland an den Rhein, nach Italien und Spanien ziehen, und dort werden unsere Brüder aus Afrika uns die Hand reichen, so daß aus der ganzen Welt der Name des verhaßten Christengottes ausgetilgt ist und von Stambul bis Gibraltar Allah und sein Prophet allein noch verehrt werden. Ja, sage dem Sultan, unserem Herrn: an jenem Tage, als er mich in Belgrad zum Feldherrn ernannt und mir die große Fahne des Propheten übergab, habe ich geschworen, das Christentum müsse aus Europa vertilgt, der Christengott vergessen und seine Kirchen in Moscheen Mohammeds verwandelt werden, und das werde ich durchführen; ich, Kara Mustapha, des Großherrn Großwesir, ich will das Reich des Knaben aus Bethlehem zerstören!“
Ali Aga, der Gesandte des Sultans, lauschte und blieb noch fünf Tage da, und er blieb noch länger, bis zum 30. Juli. Aber er sah keine Triumphe Kara Mustaphas. Im Gegenteil: er sah, wie alle Angriffe der Türken mißglückten.
Kara Mustapha war außer sich vor Wut über diese schlechten Erfolge.

Eines Tages war wieder Kriegsrat wegen dieser Niederlagen. Man brachte einen Spion, und der gab Aufklärung über die Sache, warum in Wien solch heldenmütiger Widerstand sich zeige.
„O Herr!“ sagte er, „daran ist noch mehr als Starhemberg ein anderer schuld.“
„Und wer ist das?“ schnaubte Kara Mustapha.
„Es ist Graf Kollonitsch“, teilte der Spion mit, „der ist Bischof von Wiener Neustadt. Dieser hält alles zusammen und ist dir gefährlicher als ein ganzes Heer. Er hat Soldatenblut im Leib und hat schon manchen Türken erschlagen. Dann ist er Geistlicher geworden und Bischof, und jetzt ist er Herr von Wien. Als die andern aus der Hauptstadt flohen, zog er ein. Für sich braucht er nichts; sein Kleid ist geflickt, und mittags hat er oft nicht mehr als ein Ei zu Tisch. Durch sein Beispiel und seinen Mut entflammt er auch die Feigsten; es ist unmöglich, Zweitracht zu stiften unter den Wienern, solange er da ist, da er immer wieder Frieden und Einigkeit herstellt; er leitet die Pflege der Verwundeten, und er hat unermessliche Summen Geldes, mit denen er Sold, Mehl, Wein und was sonst notwendig ist, bezahlt. Vom Palast hat er sicher eine halbe Million Taler in Händen, von dem alten Primas von Ungarn, Erzbischof Szeleptseny, 400000 Gulden, vom Fürsten Schwarzenberg 50000 Gulden, und man erzählt sich noch anderes! (Anm.: Diese Zahlen sind aktenmäßig festgestellt.) Die Wiener sagen: Solange Kollonitsch lebt, fällt Wien nicht.“
So der Spion.

Kara Mustapha war bei diesem Bericht bleich geworden wie die Leinwand seines Zeltes.
Wütend riß er den Säbel aus der Scheide und schrie: „So hört, ihr Osmanen, die ihr hier anwesend seid: So wahr Allah lebt und Mohammed sein Prophet ist, und so wahr ich Gottes Krieger bin, so gewiss will ich diesem Bischof mit diesem meinem Säbel sein verdammtes Haupt abschlagen (Anm.: Diesen Schwur hat Kara Mustapha getan.); und ich gebiete, daß ihm keiner von euch ein Haar krümmt, damit ich ihn strafen kann!“
So schwur der Türke.

Kollonitsch aber, der Mann Gottes, der Bischof, betete in seinen Ruhestunden, die ihm von dem anstrengenden Dienst des Tages übrig blieben. Und mit ihm beteten Tausende morgens, mittags und abends. Wenn die Aveglocke durch alle christlichen Lande hin das größte Geheimnis und Wunder von Berg zu Berg, von Tal zu Tal weiter trug, das Geheimnis: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“, da kniete die gesamte Christenheit auf die Erde nieder, ob daheim oder auf dem Felde, auf der Straße oder dem Markt, hob die Hände zum Himmel empor und flehte um Befreiung aus der Türkengefahr.

Jesus Christus als Christkindlein steht auf einer himmlischen Wolke, umstrahlt von einem hellen Licht; unter dem weihnachtlichen Bild stehen die Worte: Gloria in excelsis Deo

Und das Gebet siegte; das Kind von Bethlehem zeigte dem Barbaren, daß es allein den Zepter führe in der Welt.
Am 12. September desselben Jahres, nachdem die Türken neun Wochen vor Wien gelagert, rückten der Herzog von Lothringen, der Kurfürst Max von Bayern und König Sobieski von Polen über den Kahlenberg hinab, schlugen die Türken unerhört, so daß sie flohen wie die Hasen und entsetzten Wien; und unter den eroberten unermesslichen Reichtümern, welche der Polenkönig Sobieski erbeutete, war auch die Prachtfahne, welche Kara Mustapha beim Ausmarsch in Belgrad vom Sultan selbst erhalten hatte.

Kara Mustapha floh mit all den Seinen, setzte sich in Gran fest, wurde auch von da und von Pest vertrieben und kam wieder in Belgrad, von wo er wenige Monate vorher mit Glanz und Pracht ausgezogen war. Alle diese entsetzlichen Niederlagen hatten ihn nicht milder gestimmt. Ehe er von Wien abzog, ließ er noch mehrere tausend Kinder, Jünglinge und Jungfrauen in einem Massenmord umbringen, da er sie nicht mehr mitnehmen konnte. Türkische Soldaten, die man nachher gefangen nahm, erzählten selbst: sie haben, um mit der Metzelei bald fertig zu sein, die kleinen Kinder an den Beinen genommen und mit dem Kopf gegen die Säulen des kaiserlichen Lustschlosses „Favorita“ bei Wien geschlagen.

Kara Mustapha war grausam, aber er war ein Türke. Noch hundertmal schlechter, erbärmlicher, ehrloser und gemeiner als er war Graf Tököly, der sich als Führer der protestantischen Ungarn aufspielte. Als er gemerkt hatte, daß die Sache schlimm gehe, ließ er den Kara Mustapha feig im Stich, und dann ging er heuchlerisch zum Sultan und belog diesen, um sich zu rechtfertigen und den Kara Mustapha weg zu bringen, den er allein fürchtete. Es gelang ihm.
Kata Mustapha wurde das Schlachtopfer Tökölys, damit dieser sich vor dem Sultan heraus lügen und dessen Gunst behalten konnte.

Es war der heilige Christtag 1683. Dem Großwesir Kara Mustapha wurde gemeldet, es seien drei Abgeordnete vom Sultan da. Er empfing sie. Es waren zwei Beamte: der Tschausch Baschi und der Kapiglier Kiaja, samt dem Hauptmann der Janitscharen.
Stumm traten sie vor; es waren die Todesboten.
Der Sultan hatte sich von dem Verräter Tököly einreden lasen, Kara Mustapha sei schuld an den Niederlagen, und hatte das Todesurteil unterzeichnet. Drei Befehle lagen vor.
Der erste Befehl des Sultans lautete: das große Siegel ausliefern.
Der Großwesir tat es.
Der zweite Befehl: Die Heerfahne ausliefern. Auch das geschah. Es entstand eine Pause.
„Habt ihr noch etwas zu sagen?“ fragte Kara Mustapha todesbleich. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Fielen ihm die Hunderttausende von Christen ein, die er unglücklich gemacht oder gemordet hatte?
Schweigend reichte man ihm ein Blatt.

Sein Todesurteil stand darauf: erdrosselt sollte er werden. Kara Mustapha bat noch um einige Augenblicke Zeit, um sein Gebet als Türke zu verrichten; dann bat er, daß sein eigener Sklave ihn töten dürfe.
Das wurde gebilligt, und Kara Mustapha ward also erwürgt. In ein paar Minuten war alles vorbei.
Nach der Erdrosselung trennte der Henker die Haut vom Kopf und schickte sie dem Sultan. Der nackte Schädel aber samt dem übrigen Leib wurde begraben in einer Moschee zu Belgrad, welche Kara Mustapha selber hatte bauen lassen aus geraubten christlichen Geldern.

Das geschah, wie aktenmäßig feststeht, am 25. Dezember, also gerade am heiligen Christfest, 1683.

Fünf Jahre nachher erhielt Bischof Kollonitsch, damals schon Kardinal, in Wien eine Sendung; zwei Ordensmänner überbrachten sie. Einer von ihnen sprach zum Bischof: „Gnädigster Herr! Wie Euch wohl bekannt ist, hat der Kurfürst Max Emanuel bei der Eroberung von Belgrad vor zwei Monaten die Moschee Mustaphas unserem Orden geschenkt, damit wir das türkische Bethaus in ein christliches Gotteshaus umwandeln. Das ist auch geschehen. Nun aber wurden wir vor wenigen Wochen nachts geweckt: eine Anzahl Soldaten war in die Kirche gedrungen, hatte das Grab geöffnet, in welchem der Leib des unseligen Kara Mustapha liegt, und die darin liegenden Schätze heraus genommen. Den Schädel des Christenfeindes, die Schnur, mit welcher er erdrosselt worden, und die ihm mitgegebenen Sprüche aus dem Koran nahmen wir den Soldaten ab. Und da man sich überall im Reich des Schwures von Kara Mustapha erinnert, daß er Euch,, gnädigster Herr Bischof, eigenhändig das Haupt abschlagen wollte, so glaubten wir nichts Besseres tun zu können, als diese Dinge Euch zuzustellen – als die handgreiflichen Beweise der Vorsehung Gottes, die über der Kirche und ihren Gesalbten wacht.“

Damit öffnete der Sprecher das Kistchen, und der weiße Schädel des furchtbaren Kara Mustapha ward sichtbar.
Der Kardinal stand einen Augenblick in sprachloser Betrachtung versunken vor diesen Überresten menschlichen Hochmuts. Er mochte sich noch einmal vergegenwärtigen die ganze Sündflut von Wehe und Leiden,, welche, in diesem Kopf geplant, über die Christenheit dahin gegangen war. Er mochte sich vorstellen, wie Kara Mustapha beim Auszug zur Verheerung Deutschlands in Belgrad von dem Sultan mit den höchsten Ehren überhäuft wurde, und zwar gerade am 25. Dezember, am Geburtstag des „Knaben von Bethlehem“, dessen Reich er zu vernichten geschworen hatte. Und jetzt! –

Dann überwies Bischof Kollonitsch den Schädel dem Zeughaus in Wien, wo ihn der Besucher neben andern Andenken an die schreckliche Türken-Belagerung Wiens heute noch sehen kann.
Die große Fahne aber, das Heiligtum des Türkenheeres, welche Kara Mustapha bei seinem Zug nach Wien in Belgrad vom Sultan erhielt, übersandte Sobieski an den Papst, und dieser ließ sie in der Kirche des heiligen Hauses von Loreto aufhängen; dort hängt sie vor der Schwelle des hochheiligen Gemäuers, in welchem der Sohn Gottes, der Christengott, Mensch geworden ist und in welchem seine heiligste Mutter, die demütigste von allen Frauen, gewohnt und gelebt hat. –
aus: Konrad Kümmel, An Gottes Hand, 2. Bd. Weihnachts- und Neujahrsbilder, 1916, S. 97 – S. 105

(*) Originaltitel der Erzählung: Weihnachten Anno 1683

Bildquellen

  • jesus-christus-kind: Bildrechte beim Autor
Category: Erzählungen

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