Kolumbus und sein Feind Bobadilla

Christoph Kolumbus und sein Feind Bobadilla (*)

Mein ist die Rache, spricht der Herr

Es war im Anfang des Monats Juni im Jahre 1502, als Kolumbus sich mit vier kleinen Schiffen dem Hafen von San Domingo in Amerika näherte. Es war die vierte und letzte Reise, die der Held nach seinem neuen Weltteil machte. Gram uns Sorge und übermenschliche Anstrengungen hatten dem majestätischen Mann fast alles Imponierende in seiner Erscheinung genommen; nur seines Willens Festigkeit hatten sie ihm gestählt statt geschwächt, und so blitzte aus den Augen des Greises ein Vertrauen und eine Zuversicht auf Gott und seine Hilfe, welche jedem Ehrfurcht einflößte. Sinnend stand Kolumbus auf dem Verdeck und schaute hinüber nach der herrlichen Insel, welcher seine Schiffe durch die kaum bewegte See im hellen Sonnenglanz zusteuerten. Er dachte daran, wie er das vorige Mal Abschied genommen hatte von dieser Insel – in Ketten!

Kolumbus muss durch Bobadilla schwere Demütigungen erfahren

Bobadilla, sein Todfeind, und dessen Genossen waren aus Spanien angekommen, sie hatten den kurzsichtigen und unselbständigen König hintergangen, Kolumbus war abgesetzt worden als Statthalter, und Bobadilla, der seiner Lebtage nie etwas weder vom Seewesen noch von der Verwaltung, dafür aber um so mehr vom Lügen und Gelderwerben verstand, war von dem schwachen Regenten an die Stelle des großen Kolumbus gesetzt worden! Und zwar ohne Grund, ohne Beweis, nur auf die Verdächtigungen, Verleumdungen und Täuschungen Bobadillas und seines Anhangs hin. Bobadilla hatte sogar von dem König eine Anzahl noch unbeschriebener Urkunden erhalten, auf denen der König zum voraus seinen Namen gezeichnet hatte, so daß Bobadilla alle möglichen Befehle darauf setzen konnte, die er dann als vom König ausgegeben veröffentlichen durfte! Kolumbus erinnerte sich jetzt wieder lebhaft, wie Bobadilla ihn angefahren, da er bei ihm erschienen, als wäre Kolumbus der geringste seiner Diener, wie er, der Lügner und Betrüger an seinem König, den ehrlichen und selbstlosen Kolumbus einen Verräter am König genannt und ihm Handschellen hatte anlegen lassen, gleich dem geringsten Galeeren-Sträfling.

Kolumbus hatte sich da nicht mehr ruhig halten können; er hatte, die Hand wie zum heiligen Schwur erhebend, gerufen: „Der Herr über Stürme und Meere ist mein Zeuge, daß ich nie etwas anderes gewollt als seine Ehre, und daß ich nie an meinem König zum Verräter geworden; er möge richten zwischen uns!“

Kolumbus wieder auf dem Weg nach Amerika

Bobadilla hatte damals ihm ins Gesicht gelacht und gesagt: „Der Herr des Sturmes und der Meere bin ich vorderhand, als Statthalter von West. Indien, und ich habe auch über dich zunächst allein zu richten.“
Und Kolumbus ward darauf stumm ins Gefängnis gegangen, hatte sich eine Reihe schmachvollster Erniedrigungen ruhig gefallen lassen, war, mit Ketten beladen, auf sein Schiff befördert und in Ketten nach Spanien heimgebracht worden. Die edle Königin war die erste gewesen, welche dem schwer Gekränkten Genugtuung leistete. Der König hatte Bobadilla melden lassen, er sei seines Dienstes enthoben, aber die bittere Pille ward versüßt genug; denn nicht Kolumbus wurde nun wiederum der rechtmäßige Statthalter der neuen Welt, wie jedermann hoffte, sondern Ovando, ein Mann, welcher Kolumbus tief verachtete – bloß weil Kolumbus kein geborener Spanier war! Bobadilla aber war bis zur Stunde noch in Amerika und eilte nicht sehr, nach Spanien zu kommen; denn er fürchtete den König nicht und hoffte, sich mit leichter Mühe durchzulügen und Kolumbus neu anzuschwärzen. Kolumbus erwog all das im Geist, derweil sein Schiff langsam durch das Meer dahin steuerte. Er war nicht ohne Besorgnis, ob ihn Ovando und Bobadilla nicht mit neuen Tücken empfangen würden. Doch war er auch ohne Furcht.

Schweigend setzte er sich am Ruder nieder und faltete betend die Hände.

Ovando verbietet Kolumbus die Landung in den Hafen

Näher und näher rückte man dem Land. Schon hoben sich die blauen Berge hinter dem dunklen Ufer ab, die schattigen Streifen der Waldungen traten hervor, einzelne Bäume am Ufer wurden sichtbar; mit jedem Wellenschlag begann das Land klarer heraus zu treten. Da tauchte plötzlich ein Bott auf. Zwei Männer standen darin und winkten, man solle anhalten und sie aufnehmen. Man brachte sie an Bord. Der eine übergab Kolumbus ein Schreiben vom Statthalter Ovando. Kolumbus erbrach das Siegel, las und ward bleich und rot.

„Ist das Ernst?“ fragte er, die Männer forschend anblickend. Stumm wiesen sie auf das große Siegel, das am Brief hing.
„Gottes Wille geschehe!“ seufzte der Greis. Die Leute verabschiedeten sich, bestiegen ihr Bott wieder und ruderten dem Hafen zu, von woher sie gekommen waren. Kolumbus aber befahl, das Schiff zu drehen.
„Wie, Admiral?“ fragte der Steuermann erschrocken.
„Das Schiff drehen, habe ich befohlen.“
„Machst du Spaß, Christophoro?“ fragte Kolumbus` Bruder, der wetterfeste Bartolomeo, lachend; „willst du wieder nach Spanien zurück, ohne das Land betreten zu haben?“
„Sieh und lies!“ sprach Kolumbus düster.
Bartolomeo nahm den Brief und las. Es stand mit dürren Worten darin, im Namen des Königs verbiete Ovando, der Statthalter, dem Kolumbus, zu landen! Wenn er in den Hafen einzulaufen wage, dann werde sein Schiff sofort beschossen werden. Sprachlos vor Grimm über diese unerhörte Tyrannei stand Bartolomeo da.
„Das hat Bobadilla noch angerichtet, bevor er nach Spanien heimkehrt“, murmelte Kolumbus; „er haßt mich mit unauslöschlichem hass und sucht mich mit jedem Mittel zu verderben.“
Man fuhr etwas seitwärts dem Land näher und warf den Anker aus. Das Schiff hielt angesichts des Festlandes auf offenem Meer an. Man vermochte den Hafen zu sehen, das ersehnte Ziel der wochenlangen furchtbaren Fahrt, man sah, wie darin Fahnen wehten, Wimpel flatterten und Segel ausgespannt wurden.
Nicht lange nachher dröhnten Geschosse, und eine Flotille von etwa sechs Schiffen fuhr stolz aus dem Hafen.
„Was soll das bedeuten?“ fragte Bartolomeo; „wollen sie am Ende uns gefangen nehmen?“
„Das wohl nicht“, sagte Kolumbus; „sie hätten uns für diesen Zweck ja nur in den Hafen einzulassen brauchen.“
Die Flotille kam näher und näher; auf der vordersten größten Karavelle flatterte das Admiralsbanner. Man sah bereits die Leute auf den schiffen, so nahe waren sie; jetzt fuhren sie dicht an Kolumbus` Schiff vorüber. Es war Bobadilla und seine Genossen die eben nach Spanien absegelten. Sie standen alle in einer Reihe auf dem Verdeck und riefen Kolumbus höhnisch Grüße zu.
„Willkommen, edler Held im neuen Land!“ schrie einer.
„Warum gehst du nicht ans Land, Entdecker?“ rief ein zweiter.
„An dein Land, Statthalter, König, Verräter!“ schrie Bobadilla selbst.
Lautes Gelächter erschallte, die Spötter schüttelten sich vor Schadenfreude, ihre Matrosen tanzten betrunken auf dem Verdeck und brüllten viehisch darein. Es waren fast lauter ehemalige Verbrecher und Sträflinge.
Die Leute des Kolumbus wollten mit ähnlichen Reden erwidern, aber Kolumbus verbot es ihnen streng.
„Hat nicht auch David geschwiegen, als ihn Semei lästerte, da er in seiner Königstadt keine Heimat mehr hatte?“ sprach er würdevoll und ruhig. „Diese Worte verwehen wie der Wind und vergehen wie die Wellen auf dem Meer; einer aber ist, der richtet; der hat gesagt -“
„Glückliche Fahrt, Verräter, und gute Landung, frommer Heiliger!“ gellte es nochmals herüber aus Bobadillas Mund.
„Der hat gesagt“, vollendete Kolumbus ruhig: „Mein ist die Rache, auf ihn allein verlasse ich mich, ihm übergebe ich meine Sache.“ Damit wendete er sich ruhig und erteilte dem Steuermann den Befehl, mehr nördlich den Kurs zu halten, da der Wind, der sich zu erheben begann, günstig war.
„Glückliche Fahrt und gute Landung!“ tönte es nochmals höhnisch zurück von dem Schiff Bobadillas, das östlich steuerte und nach und nach in der Entfernung kleiner wurde.
„Was wollen wir tun?“ fragte Bartolomeo. „Die Leute verlangen um jeden Preis endlich einmal ans Land zu kommen, um auszuruhen, und wir können es ihnen nicht verargen.“
„Wir fahren eine Strecke weiter hinauf“, sagte Kolumbus; „es ist gar kein zweifel, daß wir bald einen andern günstigen Hafen finden; dort bergen wir uns, und gewiß lenkt Gott dies noch zu unserem Besten. Vielleicht entdecken wir das Goldland, von dem die Indianer sprachen.“

Damit waren auch die Matrosen zufrieden; denn sie bauten auf Kolumbus` Wort wie auf Felsen. Und so fuhr denn das Schiff rasch und rascher dahin in den endlosen Fluten, dem Nordosten zu, einige Meilen vom Land entfernt.“Es wäre gut, wenn wir bald ans Land können; ich meine, es naht ein schwerer Sturm“, mit dieser Meldung trat nach etwa einer halben Stunde Bartolomeo zu Kolumbus in die Kajüte. Kolumbus sprang auf und stieg an Deck.

Ein gefährliches Unwetter kommt auf

Bartolomeos Vermutung war nicht unbegründet. Die fahle Blässe des Horizonts hatte schon seit einigen Stunden dessen Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Nach und nach war Stille eingetreten, schwül und dumpf lag`s auf dem Meer. Bartolomeo blickte besorgt zu Kolumbus auf und sagte: „Wenn nicht alles trügt, so haben wir den Sturm in einer Stunde.“
Kolumbus sah mit unendlichem Schmerz über das alte, schwache Schiff hin und auf die Leute, die todmüde umher lagen; endlich blieb sein Blick lange und bedeutsam an Fernando hängen, dem etwa vierzehn-jährigen blühenden Sohn.
„Bobadilla ist auf offener See“, murmelte er; „vielleicht ist Ovando barmherziger als er und läßt uns in den Hafen einlaufen, bevor wir zu Grunde gehen.“
Damit ließ er nochmals das Schiff dem Hafen zu drehen. Aber kaum war dies bemerkt worden, so wurde die Streitfahne aufgehißt, und eine Kanone donnerte drohend zu Kolumbus` Schiff herüber.
„Herr der Meere und des Sturmes“, schrie da Kolumbus und hob die Hände empor, indem er auf die Knie nieder sank, „nun haben wir keine Hoffnung mehr als auf dich allein. Sei du unser Arm und Schutz und rette uns, verschone uns!“
„Wir werden nicht untergehen“, wandte sich nun Kolumbus an seine Leute mit einer Zuversicht, welche überirdisch war; „wendet das Schiff gegen Nordost, weg von der Küste, ins Meer hinaus, so schnell als möglich!“

Es geschah, der beginnende Wind fiel ihnen gerade in den Rücken und sie wurden mit Macht aufs Meer hinaus getrieben. Bald sahen sie kein Land mehr. Der Wind drohte zum Sturm zu werden. „Alle Segel reffen!“ gebot Bartolomeo; „die Taue verdoppeln, den Notanker heraus, haltet euch dem Hauptmast fern, wenn`s zu blitzen beginnt!“ gebot Kolumbus, der jetzt all seine Kraft wieder gefunden hatte. Der Himmel im Südwesten war plötzlich dunkel geworden, mit Riesenschnelle dehnte sich die Finsternis aus. Totenstille ward es. Jetzt war der Sturm da. In einer halben Minute war das Meer zu einem Chaos von schäumenden, turmhoch überspritzenden und sich kreuzenden Wogen verwandelt, welche zischten, wie wenn sie lauter Feuer wären. Ein geradezu unbeschreibliches Tosen, Brüllen, Heulen, Dröhnen, Krachen erfüllte die Finsternis. Das Schifflein war wehrlos dem Sturm übergeben. Mit rasender Eile jagte es durch das Meer hin, meilenweit durch Sturm und Schaum, Blitze und Finsternisse – zu Glück nicht gegen das Land, sondern in die offene See hinaus.

Herr, dein Wille geschehe

„Mein Gott, was ist das!“ schrie Kolumbus mit einemmal auf, seinen todblassen Fernando an die Brust pressend, wie ein ganzes Bündel von Blitzen gleich einer ungeheuren Feuergarbe vor dem Schiff ins Meer fuhr und einen Abgrund in den Wellen beleuchtete. Es war der erste sogen. Wirbelsturm, den Kolumbus erlebte. Hundertfach fuhren die Blitze an den Mastbäumen nieder; wiederholt waren ganze Berge von Wasser auf das Schiff gestürzt, so daß alles meinte, das Schiff versinke in die Tiefe des Ozeans. Doch immer wieder erhob sich das Schiff; immer wieder flog es dahin in der riesigen Bahn des Sturmes. „Lange kann`s nicht mehr dauern“, seufzte Kolumbus; „Herr, dein Wille geschehe!“ Zehn gewöhnliche schwere Stürme zusammen hatten nicht die entsetzliche Wut dieses Orkans – des tropischen Zyklons, wie man einen solchen Wirbelsturm bezeichnet.

Kolumbus hatte den Mut nicht einen Augenblick verloren. Er wußte sich von schwerer Schuld und Sünde frei; er war sich seiner guten Absichten zur Ehre Gottes bewußt, und so ergab er sich völlig in Gottes Willen und betete.
„Hoiho, ein Schiff!“ rief plötzlich Bartolomeo mit furchtbarer Stimme. Im gleichen Augenblick flammte minutenlang ein ungeheurer Blitzstrahl breit und großmächtig zwischen Meer und Himmel dahin und wandelte alles zu hellsten Tag um. Fünf Schiffe kämpften, kaum tausend Fuß entfernt, mit den Wellen. Kolumbus hatte alle erkannt: es waren Bobadillas Schiffe. Ein Krachen erdröhnte, daß man meinen konnte, die ganze Erde berste, die Wogen öffneten sich und schossen turmhoch auf…
„Gott sei mir armen Sünder gnädig!“ betete Kolumbus und wohl jeder seiner Leute. Er sah schon den Tod. Aber dieser ging vorüber. Ein zweiter furchtbarer Blitz beleuchtete mit grellster Helle das Meer; Kolumbus ward erschüttert bis ins Innerste: die fünf Schiffe, die er noch vor einer Sekunde in unmittelbarer Nähe gesehen hatte, waren sämtlich verschwunden! Es war unzweifelhaft: Bobadilla lag mit all seinen Schiffen und seinen Leuten in den Abgründen des Meeres begraben!
Das war der, welcher noch vor kurzem gesagt hatte: „Vorderhand bin ich der Herr des Meeres!“
Allmählich ließ der Sturm nach, es begann zu dämmern. Kolumbus kreuze noch lang auf der Unglücksstelle, um etwa einen Verunglückten zu retten – umsonst. Balken, Stangen und andere Gegenstände sah er – einen Menschen nicht. Sie waren all in der Tiefe, stumm, still, tot.

Gott hat gerichtet

„Gott hat gerichtet!“ sagte Kolumbus hoheitsvoll und mit unaussprechlichem Ernst zu seinen Leuten; „er hat uns behütet in unserer Nussschale und das große, reiche Admiralsschiff in den Grund gebohrt; er wird nun auch weiter helfen.“
Und nun fuhr man wieder der Küste zu, aber nicht mehr gegen den Hafen von San Domingo, sondern weiter westlich. So kam es, daß Kolumbus diesmal zum ersten Mal das Festland von Amerika betrat, während er bisher nur Inseln entdeckt hatte. Und nach kurzer Zeit entdeckte er Veragua, das Goldland. So war er, der Demütige, wieder hoch empor gehoben, der Stolze aber war von Gott selbst gestürzt worden, als er eben im begriff war, Kolumbus völlig zu verderben; er ruhte jetzt starr und stumm auf dem Grund des Meeres.
Wäre Kolumbus in den Hafen von San Domingo eingelassen worden, dann wäre das gerade sein Verderben gewesen, denn fast alle Schiffe, die im Hafen lagen, wurden vom Sturm an das Ufer geschleudert und zerschellt, und in der Stadt selbst waren viele Leute ums Leben gekommen.
„Denkt ihr noch an das höhnische Rufen Bobadillas: Gute Landung, glückliche Reise!“ fragte einige Tage später einer von Kolumbus` Leuten den andern, während sie es sich an Land bequem machten.
„Jawohl, und ebenso, wie unser Admiral im gleichen Augenblick sagte: Mein ist die Rache, spricht der Herr“, entgegnete ein zweiter; „das Wort hat sich schrecklich erfüllt, Bobadilla und all seine Genossen liegen nun drunten, und wir haben das Goldland entdeckt.“
„Rühmen wir uns nicht“, sagte Kolumbus; „Gott allein sei die Ehre, ihm, dem Herrn über Sturm und Meer!“ –
aus: Konrad Kümmel, An Gottes Hand, Bd. 4, Osterbilder, 1912, S. 48 – S. 56

* Originaltitel: Gerichtet und vernichtet

Bildquellen

Category: Erzählungen

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