Die Hand der allerseligsten Jungfrau

Die Hand der allerseligsten Jungfrau bei der Bekehrung von P. Passaglia

Ein gemaltes Bild von Papst Pius IX.

Es war im Jahr 1858, da war eines Tages im päpstlichen Palast zu Rom, im Vatikan, eine kleine Feierlichkeit. Der Saal, welcher den Namen ‚Stanza della Concezione‘ (Saal der Unbefleckten Empfängnis) (*) trägt, war in seinen Malereien vollendet, und der Heilige Vater Pius IX. betrat denselben zum ersten Mal, um die Bilder zu besichtigen. Im Glanz der Farbenpracht strahlten Wände und Decke. Sichtlich erfreut ging Pius durch den Saal und betrachtete alles aufmerksam. Auf der einen Seitenwand links war groß gemalt die Beratung über den Lehrsatz von der Unbefleckten Empfängnis; gegenüber auf der anderen Seite jener erhebende Moment, wie Pius IX. am 8. Dezember 1854 im St. Petersdom nach der Verkündigung des Dogmas der Marienstatue in der Chorkapelle eine goldene, von Edelsteinen besäte Krone aufs Haupt setzt; auf der dritten Seite (wo die Fenster sind) und an der prachtvollen Decke waren die Vorbilder der allerseligsten Jungfrau angebracht; die vierte und Hauptwand der Halle aber trug das Riesenbild der Verkündigung des Glaubenssatzes durch den Heiligen Vater in der Peterskirche. Unter dem Thronhimmel und vor dem Throne steht Pius in den päpstlichen Gewändern und verkündet mit verklärtem Angesicht das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis, rechts und links auf den Stufen die Kardinäle, Bischöfe, der Hofstaat, die Vertreter des römischen Volkes, und endlich rechts, ganz im Vordergrund, die hauptsächlichsten gelehrten, welche sich um die wissenschaftliche Begründung und Erklärung des Dogmas besonders verdient gemacht haben.

(*) Anmerkung: Bilder des Saales sind zu finden auf der Website: viajar et descobrir Vaticano – Musei Vaticani – Sala Dell’Immacolata Concezione

Pius betrachtete das Riesenbild lange. Mit einem kurzen Blick hatte er sein eigenes Bild dabei gestreift, um so aufmerksamer hing sein helles Auge an der Gruppe der Gelehrten.

„Ah, Perrone, der fromme Perrone“, sprach er, „und hier zuvorderst Passaglia, unser großer Passaglia!“

Es war so.

Der Maler, Meister Podesti, hatte zu allervorderst hin den Jesuitenpater Passaglia gemalt. In sein schwarzes Gewand malerisch gehüllt, die Rechte am Kinn, den Kopf etwas vorgeneigt, sinnend das Auge niedergeschlagen, steht er in wahrhaft Ehrfurcht gebietender Größe da; die Linke aber hält ein Buch – es ist jenes einzig dastehende (dreibändige) Werk über die Unbefleckte Empfängnis, welches den ganzen Glaubenssatz in all seiner Tiefe und Wahrheit darlegt.

Pius lobte den Meister über die treffliche und treue Porträtierung des großen Gelehrten im Dienst der allerseligsten Jungfrau.

„Ich habe mir ihn gedacht als riesigen Wächter“, erwiderte Podesti geschmeichelt, „oder als die gewaltige Säule des Dogmas.2

„Das Dogma stützt sich nicht auf Passaglia und nicht auf Pio“, sagt der Heilige Vater lebendig, „es stützt sich allein auf die Wahrheit selber; wir Menschen sind alle schwach und veränderlich. Aber Ihr hat recht getan, Passaglia hierher zu stellen: er verdient es, er hat Großes getan zur Ehre der seligsten Jungfrau mit seinen reichen Geistesgaben.“

Damit schritt Pius weiter.

Podesti, der Maler, aber und ein anderer flüsterten sich zu: „Was soll doch das Wort des Heiligen Vaters heißen: ‚… wir sind veränderlich‘? Pius wird doch nicht meinen, Passaglia könne eines Tages aufhören…“

Und kopfschüttelnd folgte er hinterdrein.

Die Menschen sind schwach und veränderlich, das erfuhr Pius IX: eben in jenen Tagen. Bereits hatte Napoleon III., der sich als Beschützer des Heiligen Stuhles auszugeben pflegte, mit dem König von Sardinien ein Abkommen getroffen, um ihm Italien ganz zu überantworten; im nächsten Frühjahr war der Krieg im Lande und darauf die Revolution, und ringsum sah Pius die Menschen zu Tausenden und Hunderttausenden von der rechtmäßigen Obrigkeit zu den Gewalttätern und Revolutionären abfallen. Und im eigenen Land des Heiligen Vaters regten sich die Verräter offen und mehrten sich emsig; solche, die ihm am meisten zu verdanken hatten, waren die wütendsten Feinde geworden.

Pius nahm die täglich sich mehrenden Kreuzesbotschaften mit tiefem Schmerz, aber auch mit ruhiger Ergebung auf.

Eines Tages aber entfärbte sich sein Angesicht, als man ihm ein neues Buch vorgelegt hatte; von tiefstem Schmerz übermannt, ließ er die Hände gefaltet sinken.

Lange schwieg er; eine Träne stahl sich aus seinem Auge, als er auf die Statue der Unbefleckten Empfängnis den Blick richtete, die, aus weißem Marmor wundervoll schön geformt, über seinem Schreibtisch stand, und er seufzte. „Ja, wir alle sind veränderlich; auf keines Sterblichen Kraft ist Verlass, nur Gottes Gnade und deine Fürbitte, o Jungfrau, halten uns stark und aufrecht.“

Passaglia, der Jesuitenpater, der glühende Verteidiger und Lehrer des Satzes von der Unbefleckten Empfängnis, der felsenfeste Theologe, war – abgefallen, zum Feind übergegangen; offen hatte er in einem Buch sich losgesagt und zu den Verrätern und Aufrührern gesellt.

Der Heilige Vater befahl, ihn mit aller Liebe und Schonung zu behandeln. Passaglia blieb hartnäckig; eine Schrift gegen den Papst folgte der andern; seine eigenen Ordensbrüder mussten ihn aus ihrer Mitte entfernen, ihn, der einstens ihr Stolz gewesen war. Sie konnten sich trösten, denn der Orden hatte noch Männer genug, welche reich an Wissen und Talent waren; aber die armen Menschen, die durch Passaglia irre wurden? …

Zwei Jahre nachher war Passaglia geflohen aus Rom, hatte sich von der Regierung der Revolution und Freimaurer eine Stelle in Turin geben lassen und gab eine Zeitung heraus gegen den Römischen Stuhl. Drei, vier, fünf Jahre gingen dahin, Passaglia blieb, was er geworden: ein Abtrünniger, ein aus der Kirche Ausgeschlossener.

Da kam eines Tages der Maler Podesti und bat um Audienz bei Pius IX.

„Heiliger Vater“, begann er, „ich habe vieles zu bekennen und abzubitten.“ Und nun erzählte er, wie er seiner Zeit die Worte Pius` vor dem Bilde in dem Saal der Unbefleckten Empfängnis nicht habe verständlich finden können. Nun sei er widerlegt, und die Weisheit des Heiligen Vaters habe recht behalten: Passaglia habe sich als schwach und verräterisch erwiesen.

„Und nun“, fragte Pius lächelnd, „soll ich Dir eine Buße auferlegen?“

„Ja, Heiliger Vater“, erwiderte Podesti, „und zwar bitte ich im Namen aller Freunde des Stuhles Petri, daß Eure Heiligkeit mir befehlen möge, das Bild Passaglias von dem Ehrenplatz in dem großen Wandgemälde auszutilgen und irgend einen anderen verdienten Mann dafür hinzumalen. Dieser Mensch ist nicht mehr wert, daß er unter solcher Gesellschaft figuriert.“

„Und wenn dann sein Nachfolger im Bild auch schwachwird?“ fragte Pius.

Schweigen entstand.

„Nein“, sprach der Papst ernst, „das Bild bleibt unversehrt. Die Verdienste, wegen deren Passaglia auf das Bild kam, bestehen, und sie werden wieder erwachen und werden ihm ewig angerechnet werden, wenn er Buße tut. Er hat für die Ehre der seligsten Jungfrau jahrelang gearbeitet; und darauf baue ich meine Hoffnung, daß er nicht für immer verloren ist. Sie wird ihm helfen, daß er wiederkehren kann zur Mutter, die er verlassen. Ich darf keinen verdammen, solange er noch lebt. Widersteht er aber der Gnade und stirbt er unbußfertig – nun dann, Signor Podesti – wie viele Apostel sind auf den Abendmahls-Bildern angebracht?“

„Alle zwölf, heiligster Vater – ich verstehe, ich unterwerfe mich Eurer Weisheit“, sprach gerührt der Meister.

Und das Bild blieb unversehrt. Passaglias Gestalt ist noch heute darauf zu sehen wie im Jahr 1858.

Die Hoffnung Pius` IX: hatte sich nicht getäuscht, der Heilige Vater hat auch hierin recht behalten; Passaglia hat sich gründlich bekehrt. Er ist am 8. März 1887, 73 Jahre alt, in Turin gestorben, ausgesöhnt mit der Kirche und unter innigster Anrufung der Fürbitte der unbefleckt empfangenen seligsten Jungfrau. Maria hat ihn gerettet.

Anmerkung von K. Kümmel:

Über seinen Tod veröffentlichte die erzbischöfliche Kanzlei von Turin seiner Zeit folgende Mitteilungen:

Der Pfarrer der Karlskirche, der hochw. P. Franz Faccio, welcher dem P. Passaglia die Sterbesakramente reichen sollte, fand ihn schon vollkommen bereit, alle Bedingungen zu erfüllen. Überdies erklärte P. Passaglia, daß er seit Oktober 1882 durch einen seiner früheren Ordensgenossen dem Papst einen ausdrücklichen Widerruf der Adresse übergeben habe, welche so viel Ärgernis erregt hatte, sowie aller seiner Schriften, welche er verfasst hatte, um den Heiligen Vater und die Kirche zu beleidigen. Er fügte hinzu, daß ihm der Wortlaut dieses Widerrufs vom Heiligen Stuhl selbst vorgelegt worden sei, und daß der Heilige Stuhl ihn angenommen habe. Jetzt aber glaube, er diesen Widerruf und seine Erklärungen vom Jahr 1882 nochmals bekräftigen zu sollen. Sodann gab er dem P. Faccio noch folgende Erklärung ab:

„Ich, Karl Passaglia, Priester, erkläre vor Empfang der heiligen Sakramente, und um mich gut auf den Tod vorzubereiten, daß ich von Herzen all das verdamme, was die Kirche an mir verdammt hat. Turin, 8. März 1887.“

Dem Herrn Erzbischof, der den Sterbenden besuchte, beteuerte er mit lauter Stimme, daß er in der Religion, in welcher er geboren sei, sterben wolle, in der Einheit der katholischen Kirche, im Gehorsam gegen die kirchlichen Oberen, in den Gesinnungen eines katholischen Priesters und wahrer Buße. –

Ferner schrieb damals der Pfarrer von St. Karl der Unita cattolica: „In dem Augenblick, als er die heilige Kommunion aus den Händen eines meiner Vikare empfing, stand ich am Sterbebett Passaglias. Nachdem ‚Misereatur‘ reichte ich ihm die Stola zum Empfang der heiligen Kommunion. Der Anblick der Stola bewegte ihn aufs tiefste, er ergriff sie mit zitternden Händen, und mit Tränen in den Augen rief er aus: ‚Bin ich denn noch würdig, mich zum letzten Mal mit dieser Stola zu bekleiden!‘ Nach der heiligen Kommunion betete er über eine Stunde lang aufs andächtigste, indem er mit lauter Stimme die göttliche Barmherzigkeit und den Schutz der allerseligsten Jungfrau anrief. Als der Tod herannahte, erkannte er noch die Stimme des Pfarrers, und er nickte beifällig, als dieser ihn einlud, nochmals Reue und Leid über seine Sünden zu erwecken und mit Ergebung den Tod zur Sühne dafür hinzunehmen. Gott sei Dank für seine Barmherzigkeit!“ –
aus: Konrad Kümmel, An Gottes Hand, Fünftes Bändchen, Muttergottes-Erzählungen, 1914, S. 29 – S. 34

Category: Erzählungen

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