Der Besuch der Kommunionkinder

Der Besuch der Kommunionkinder bei dem Dechanten

Der Kulturkampf in Deutschland

Es war in der Kulturkampfszeit, Mitte der siebziger Jahre. Jeder Tag brachte neue Verfolgungen den ihrer Kirche treuen Geistlichen, angefangen von den Bischöfen bis herab zu den „gesperrten“ jüngsten Priestern. Mit unsäglichen Gefühlen las das vergewaltigte katholische Volk Deutschlands jetzt die Einzelheiten über die Gefangennehmung des Erzbischofs von Köln, dann die Steckbriefe wider andere Bischöfe, die von der weltlichen Beamtenschaft als „abgesetzt“ erklärt worden waren; es erfuhr heute von der Verurteilung eines pflichttreuen Priesters, weil er die heilige Messe gelesen hatte und einem Sterbenden im letzten Seelenkampf beigestanden war, und tags darauf vernahm es, daß ein anderer während der heiligen Handlung in der Kirche selbst von Schergenhand verhaftet worden war. Die älteren Geistlichen erlagen vielfach der doppelten und dreifachen Arbeit, Neugeweihte gab es nicht, da Seminare und Konvikte staatlich geschlossen waren, und so nahm die Zahl der verwaisten Gemeinden in furchtbarem Maße zu. Stundenweit, selbst bei tiefer Nacht, in bitterem Frost, mussten die Leute zum nächsten Geistlichen gehen, wenn es sich um einen Sterbenden, um ein Begräbnis und selbst um die österliche Beichte handelte. Aber in jenen furchtbaren Jahren hat das katholische deutsche Volk erfahren, daß es einen Priesterstand sein nannte, welcher treu bis zum letzten Atemzug bei seiner Pflicht der Seelsorge ausharrte, und damals sind die Bande zwischen dem Volk und seinen Geistlichen so fest geknüpft worden, daß keine Macht der Welt sie zerreißen vermochte. Auch der „Blut-und Eisen“-Kanzler, der zwei große Mächte in den Staub warf, daß sie froh sein mussten, Frieden zu erhalten, konnte hier nichts ausrichten. Das katholische Volk, das schweigend, duldend, in passivem Widerstand wie eine eherne Mauer ihm gegenüber stand, ohne Lücke, ohne Schwäche: es hat ihm zu, ersten Mal auf seinem Siegeslauf ein „Halt!“ zugerufen, und nicht nur da: es hat ihn in vierzehnjährigem Kampf sogar genötigt, umzukehren.

Es waren das schwere Tage, aber auch Tage großer Tugenden, des intensivsten Glaubenslebens im katholischen Volk, der unsterblichen Verdienste und Ehren des katholischen Deutschlands im Kampf um sein Heiligstes, seinen uralten heiligen Glauben, und um sein kostbarstes Gut, die Freiheit seiner Kirche. –

Eine Bitte des Dechanten an den Bürgermeister

Bei dem Bürgermeister eines Städtchens der Rheinprovinz stand ein geistlicher, der schon die Fünfziger überschritten haben mochte, und sprach in ernster Weise zu ihm.

Der Bürgermeister, auch kein „Junger“ mehr, war sichtlich unangenehm und peinlich berührt. Er warf den Kopf zurück und folgte, indem er mit den Knöcheln der Finger energisch auf den Tisch stieß: „Ich muss Sie dringend ersuchen, Herr Dechant, Ihre Besuche in diesem Ort zu unterlassen und keinerlei amtliche Funktionen in Schule und Kirche vorzunehmen, zu welchen Sie nicht befugt sind. Andernfalls bin ich genötigt, Sie zur Anzeige zu bringen.“

Mit klarem Auge hatte der Geistliche den Bürgermeister angeschaut, als wollte er ihn bis ins Innerste hinein prüfen. Dann blickte er einen kurzen Moment nach oben und erwiderte: „Herr Bürgermeister, ich weiß ja gewiß zu berücksichtigen, welche Verantwortung Sie vor dem Landrat und in letzter Linie vor dem Regierungspräsidenten haben. Ich kenne auch recht wohl die geheime Überwachung des Vereins der Denunzianten, unter der Sie als Katholik besonders stehen. Aber trotzdem appelliere ich an Sie. Es handelt sich für mich nicht darum, daß ich ich um Strafe und Gericht herum drücken möchte. Vielleicht hätte ich es selbst im Gefängnis besser, als ich es gegenwärtig habe, da ich meine eigene große Pfarrei besorgen muss, ungewöhnlich viele Geschäfte als Dechant habe und keinen Augenblick bei Tag und Nacht sicher bin, stundenweit hin gerufen zu werden, wo kein Geistlicher mehr im Ort ist. Diesmal handelt es sich um die Kinder, um die Erstkommunikanten, und zwar hier in Ihrem eigenen Ort. Sie wissen, Ihr Pastor ist im Gefängnis und der Kaplan ist krank; sonst ist niemand hier, der die Kinder zur ersten heiligen Kommunion vorbereitet. Eltern und Lehrer tun ihre Pflicht, aber nun muss der Seelsorger vor allem eintreten. Ich muss von jetzt an bis zur Erstkommunion wöchentlich allermindestens einmal hierher kommen und die verwaisten Kinder unterweisen. Es handelt sich um ihr ganzes Leben, um ihren Glauben, um ihr Glück in Zeit und Ewigkeit. Zur ersten Kommunion werden die Kinder von hier in meine Pfarrkirche hinüber kommen: da bin ich noch Herr und darf ihnen das Taufgelübde abnehmen und ihnen die erste heilige Kommunion reichen. Aber zum Vorbereitungs-Unterricht müssen Sie mich hierher kommen lassen.“

Die Reaktion des Bürgermeisters

Und als der Bürgermeister ihn halb trotzig halb scheu anblickte, sprach der Geistliche: „Herr Bürgermeister, ich bitte Sie um Ihrer eigenen ersten heiligen Kommunion willen, um der Mutter willen, welche Sie einst zu derselben geführt hat: lassen Sie mich gewähren! Tun Sie es nicht um meinetwegen, sondern aus Liebe zu den guten, braven Kindern Ihres Ortes, – machen Sie keine Anzeige! Nachher – wenn die Kinder beim Abendmahl waren – wenn Sie glauben mich anzeigen zu sollen wegen diesem und jenem: tun Sie es dann, wenn Sie es nicht lassen können – aber nur jetzt lassen Sie mir die Zeit für die Kinder! Und seien Sie überzeugt“, fügte er ruhig an, „Sie werden gewiß nicht denunziert. Hören Sie nur, was fast alle die Polizisten und Gendarmen sagen – das Volk weiß es recht gut: auch ihnen wäre es das Liebste, wen sie nur nie etwas mit der Verhaftung und Anzeige eines Geistlichen zu tun hätten. Unser Herrgott wird es Ihnen gewiß vergelten. Ich bitte Sie um Ihrer eigenen Seele, um des göttlichen Segens für Ihre Familie willen: sagen Sie wenigstens nicht nein zu meinem Verlangen, wenn Sie mir auch nicht ausdrücklich zusagen wollen. Sollte je mir die Misshelligkeit drohen, so nehme ich alles ausschließlich auf mich.“

Der Bürgermeister hatte ruhig zugehört; jetzt sprach er mit gesenktem Blick: „Ich bin zwar persönlich der Überzeugung, daß die Regierung recht hat und daß die deutschen Bischöfe nur selbst schuld sind an den traurigen Zuständen – allein ich wünschte doch auch nicht, daß schon die Kinder darunter leiden. Damit, glaube ich, dürfte diese Sache abgemacht sein.“

Und indem er den Dechanten bedeutungsvoll anschaute, reichte er ihm die Hand. Der letztere wußte, daß er erreicht hatte, was er wollte. Und als er in der Folge regelmäßig aus seiner Stadt herüber kam in den großen Ort zum Kommunion-Unterricht, so erfuhr er jedesmal, daß an diesem Nachmittag der Bürgermeister – nach auswärts verreist war.

Der Kommunion-Unterricht darf durchgeführt werden

So ward der Unterricht vollendet, und am Weißen Sonntag zog eine große Prozession von etwa hundert Kindern, darunter wohl sechzig Erstkommunikanten, mit den Eltern, Paten und sonstigen Angehörigen feierlich zur nächsten Stadt, um dort zum ersten Mal selbst das Taufgelübde abzulegen und daraufhin den heiligsten Leib des Herrn vom Dechanten zu empfangen.

Die Not und die außerordentlichen Umstände, unter welchen die Kinder dieser Gemeinde den schönsten Tag ihres Lebens feierten, trugen nicht wenig dazu bei, ihnen denselben ganz unvergeßlich zu machen, und die Eltern und Angehörigen taten das Ihrige, um ihnen alles recht tief einzuprägen. Denn in jenen Tagen sprach man ja von nichts anderem als von der dauernden Verfolgung der katholischen Kirche im neuen Reich. Der Refrain von allen Betrachtungen aber war der: Dem Herrn Dechant, der so oft zu uns herüber kam, um die Kinder vorzubereiten, der dabei jedesmal Gefängnis wagte, der die Kinder so erfüllte mit dem Glauben und der Liebe zum heiligsten Sakrament: ihm soll es unsere Gemeinde nie vergessen, was er ihr und ihren Kindern getan hat. Wenn er unser eigener Seelsorger gewesen wäre, so hätte er nicht mehr tun können.
Und am Abend dieses Tages, als die Erstkommunikanten mit den Ihrigen wieder daheim waren, betete alles noch besonders für den eifrigen, aufopferungsvollen Dechant in der Stadt.

Zwanzig Jahre später bei dem Dechanten

Es sind Jahre vergangen und Jahrzehnte. Der Kulturkampf, wenigstens der offene und gewalttätige, ist eingestellt; „die Waffen sind auf dem Fechtboden nieder gelegt“, wie der Kanzler damals sagte – der stille Kulturkampf freilich dauert um so mehr fort. An die Stelle der offenen, rohen Gewalt und Verfolgung ist die stille, unkontrollierbare und weniger faßbare der Verwaltung getreten, und die Katholiken haben die Pflicht, sich zur gemeinsamen, beharrlichen Abwehr der letzteren zu organisieren, fast noch mehr als gegenüber dem eigentlichen Kulturkampf. –

Anderthalb Stunden entfernt von dem Ort, in welchen wir den Leser geführt haben, und etwas zwei Stunden von der Stadt, in welcher der Dechant amtiert hat, liegt am Abhang von Rebenhügeln ein stilles, herrlich gelegenes Dörfchen. Während in seinem Rücken gegen Norden schützend der Berg mit der alten Burg sich erhebt, ist seine Südseite offen; Gärten und Wiesen grenzen es ab gegen den Strom, und wegen seiner geschützten Lage ist es bekannt in weitem Umkreis.

In einem kleinen Häuschen am Bergabhang, das fast versteckt ist hinter Spalierbäumen, lebt jetzt der alte, emeritierte Dechant. Als 75-jähriger, gebrochener Mann hat er sich hierher zurück gezogen, um den kleinen Rect von Kraft, der noch in dem gebrechlichen Leibe wohnt, zur Ehre Gottes zu benutzen. Täglich kann er noch das heilige Messopfer im kleinen Klösterlein feiern, täglich kniet er noch stundenlang vor dem Allerheiligsten und betet in stiller Andacht. Er bereitet sich vor auf den letzten entscheidenden Augenblick des Lebens. Und was gibt es da besseres, als wenn man sich denjenigen, welcher uns allen als Richter im Tode gegenüber steht, zum Freund macht, indem man täglich ihn besucht und verehrt ins einem heiligsten Sakrament?

Es ist der Tag nach dem Weißen Sonntag

Heute ist der alte Herr besonders lebendig und rüstig. Er weiß, daß es ein Freudentag ist, welchem er schon lange entgegen sah. Die Erstkommunikanten von jenem Ort, in welchem er vor Jahren während des Kulturkampfes den Unterricht aushilfsweise erteilte, machen ihm heute ihren Besuch. Zwar sind die damaligen Erstkommunikanten groß geworden und meistens selbst schon Väter und Mütter, aber es ist zur Sitte geworden, daß die Kommunikanten-Jugend dem Herrn Dechant seither jährlich ihren Besuch abstattet, zum Zeichen, daß Eltern, Lehrer und Seelsorger und die ganze damals verwaiste Gemeinde es nicht vergessen hat, was er einst an ihr getan unter Gefahr schwerer Strafen an Eigentum und Freiheit. Und auch nachdem er sich hierher hatte zurückziehen müssen wegen Gebrechlichkeit und hohen Alters, sind sie ihm treu geblieben. Im letzten Jahr haben sie ihn besucht, haben den ganzen nachmittag bei ihm verbracht und ihm die größte Freude gemacht, und dieses Jahr sind sie für heute angekündigt. Da gilt es, sie auch entsprechend zu empfangen.

Im benachbarten großen Gartensaal ist alles schon bereit zur Bewirtung der Jugend, die sich der greise Dechant nicht nehmen läßt. Zuerst aber ist Begrüßung bei ihm selbst, dann geht`s in die Kirche, und den Schluss erst bildet die Bewirtung.
Jetzt kommen sie schon daher auf der Landstraße: eine stattliche Schar, Knaben und Mädchen, mit ihnen die Lehrer, der Herr Kaplan,d er Gemeindevorsteher und verschiedene Beigeordnete und eine Reihe von Vätern und Müttern. Festlich gekleidet ziehen die Kinder jetzt vor das kleine, Reben bewachsene Haus; der Garten daneben hat keinen Raum für die Besucher alle; drei blühende Paare aus der Mitte der Erstkommunikanten holen den Jubelgreis in seiner Wohnung ab, und er tritt nun aus der Türe und überschaut alle mit glückstrahlenden Augen und grüßt sie mit de innigen lauten Zuruf: „Gelobt sei Jesus Christus!“
„In Ewigkeit, Amen!“ erwidern sie.

Erinnerung an den Kulturkampf

Und jetzt tritt der gleichfalls im Dienst ergraute Lehrer vor, erinnert den Herrn Dechant an die Zeit vor zwanzig Jahren und an den damaligen Weißen Sonntag, dankt ihm im Namen der ganzen Jugend von damals für seine Aufopferung und Hingabe und empfiehlt ihm auch die unterdessen nachgewachsene Jugend, deren Blüte heute vor ihm steht, um ihm mit Dank und Verehrung zu huldigen.

Der alte Herr hat ernst zugehört; jetzt spricht auch er. Er dankt herzlich und innig. „Das waren böse Zeiten“, spricht er; „aber das was unsere Feinde bös zu machen gedachten, hat Gott zum guten gewendet. Er verläßt uns nicht, wenn wir nicht ihn verlassen und seine Kirche. Als man den Erzbischof von Köln ins Gefängnis holte, da standen viele Tausende und Tausende von treuen katholischen Männern vor seinem Palais und folgten ihm und füllten die Straßen, und sie alle begannen laut und feierlich zu singen: ‚Fest soll mein Taufbund immer stehn‘, daß es brauste wie das Meer. Das war eine Huldigung vor dem Erzbischof, die mehr wert war als alle Orden und Ehren der Welt, und sie hat ihm seine Kerkerhaft leicht gemacht. Und ich glaube, wenn heute die gleiche Prüfung wieder käme – es ist alles möglich auf dieser Welt -. das katholische Volk und seine Priester würde sie wieder mit Ehre bestehen durch Gottes Gnade.“ Und dann wendet er sich an die Jugend und ermahnt sie, treu zu bleiben der heiligen katholischen Kirche, treu zu bleiben bis zum letzten Hauch im Glauben, im Bekenntnis, im ganzen Leben, in allem, allem, allem. Und er segnet die Kinder und die Erwachsenen.

Fest soll mein Taufbund immer stehn

Der Gemeindevorstand aber dankt jetzt dem greisen Priester und verspricht im Namen der ganzen Gemeinde und aller Männer, vom ersten bis zum letzten: katholisch wollen wir leben und katholisch sterben, katholisch wollen wir sein und katholisch wollen wir bleiben mit allen Fasern unseres Herzens.

Und auf ein Zeichen des Lehrers beginnt die ganze Schar, einhundert zwanzig Kinder, mit hellen, schmetternden Stimmen das Lied: „Fest soll mein Taufbund immer stehn.“ Auch die Alten stimmen kräftig ein, und der ganze Zug setzt sich, in der Mitte den greisen Geistlichen, nach der Pfarrkirche in Bewegung. Und weithin klingt der feierliche, schöne Gesang:

„Fest soll mein Taufbund immer stehn,
Ich will die Kirche ehren;
Sie soll mich allzeit gläubig sehn
Und folgsam ihren Lehren.
Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad`
Zur wahren Kirch` berufen hat,
Nie will ich von ihr weichen!“

Eine Nachricht für den Dechanten

Da naht plötzlich der Ortsgeistliche und wendet sich an den emeritierten allen Dechant, noch ehe sie in der Kirche sind.
„Herr Dechant“, flüstert er ihm zu, „ich muss Sie einen Augenblick stören; es handelt sich um eine Seele. Droben beim Kurhaus liegt ein Sterbender; mich hat er abgewiesen, aber seine alte Dienerin sagte, vielleicht könnte der Herr Dechant noch etwas ausrichten, der sei persönlich bekannt mit dem Sterbenden, und dieser habe immer viel auf ihn gehalten.“
„Wer ist es denn?“ fragte der Greis.
„Es ist der frühere Bürgermeister des Ortes, aus dem die Erstkommunikanten her sind“, ist die Antwort.
„Ja, wie kommt denn der hierher?“
„Seit einem Vierteljahr ist er hier eingemietet; er ist pensioniert und kränklich, und so hat er hier Ruhe und Heilung gesucht.“
„Ja, da will ich gehen“, erwidert der Dechant rasch und wendet sich, nachdem der ganze Zug in die Kirche getreten ist, an die Kinder und die Erwachsenen.
„Betet, Kinder, betet alle“, ruft er, „für den Herrn, der es vor zwanzig Jahren möglich gemacht hat, daß der Kommunion-Unterricht in eurer Gemeinde ungestört gehalten werden konnte, betet für euren früheren Bürgermeister; Gott selbst hat euch heute dazu hergeführt!“
Und er eilt in den priesterlichen Gewändern und mit dem heiligsten Sakrament zu dem Sterbenden.

Der frühere Bürgermeister liegt im Sterben

Von diesem wollen wir kurz berichten, daß er schwere Heimsuchungen erlitten hat. Seine Frau, eine ehrgeizige Person, welche ihn gehindert hat, gleich andern katholischen Männern im Kulturkampf festzustehen, brachte ihn durch Genusssucht und wahnsinnigen Luxus um alles Vermögen; getrennt von ihm war sie vor einigen Jahren gestorben. Seine Kinder starben auch früh. Er war ein kranker, einsamer, vergessener Mann, der sich frühzeitig pensionieren lassen musste, fast mittellos, mit sich und dem lieben Gott hadernd und grollend. Und nun war er dem Ende nahe.
Der greise Dechant trat ein. Erstaunt, zornig, blickte ihn der Sterbende an, doch der Geistliche nahte sich ihm ruhig und sprach: „Herr Bürgermeister, wir kennen uns schon lange, Sie müssen mir gestatten, Sie zu besuchen und Ihnen zu danken.“
„Wofür denn?“ fragte dieser rasch; „ich wüßte nicht.“
Aber der Dechant erinnerte ihn nun an das Werk der geistlichen Barmherzigkeit, das er im Kulturkampf geübt, und dann fügte er an: „Danken Sie Gott und preisen Sie seine Güte, er spendet Ihnen viel Gnade; Sie werden sterben unter denselben Umständen, wie ein Heiliger starb, nämlich der hl. Franz von Sales.“
Ein Lächeln, halb spöttisch hab wehmütig, umzog die Lippen des Leidenden, indem er sagte: “Sieh da, das wäre ja ganz christlich!“ Und er lachte kurz auf.

Die Gebete der Kinder sind das größte Wohlgefallen bei Gott

„Es ist mir ernst, Herr Bürgermeister“, war die Antwort. „Der hl. Franz von Sales starb in dem Augenblick, in welchem zum dritten Mal gebetet wurde: ‚Alle heiligen unschuldigen Kinder, bittet für ihn!‘ Und für Sie beten in diesem Augenblick 120 Kinder, welche gestern zur ersten heiligen Kommunion gingen, welche im Stande der heiligmachenden Gnade, der Reinheit der Seele, des größten Wohlgefallens Gottes sind, und ihr Gebet ist eine Macht, der nichts widersteht. Die Kinder beten für Sie: Gott hat es so gefügt; er will Ihnen lohnen, was Sie einst an den Kommunion-Kindern Gutes getan haben, nehmen Sie seine Hand an, lieber Herr, er ist gekommen, um zu verzeihen, zu tilgen, was Sie gefehlt haben, und um Sie zu retten.“
„Ist das – wahr?“ fragte der Sterbende erstaunt, und seine Augen standen voll tränen. „Wie ist das möglich?“Kurz berichtete ihm der greise Dechant alles und sagte: „In dieser Stunde knien in der Pfarrkirche dieses Ortes die Kinder jener Gemeinde und beten für Sie, beten – bis ich wieder zurück kehre.“
Da brach das Eis in der Seele des Sterbenden, und er hob die Hände bittend auf und begann laut zu beten.

Und als die Kommunion-Kinder an diesem Abend heimkehrten, ernst und doch freudig, da konnten sie ihren Eltern erzählen, daß sie für den früheren Bürgermeister gebetet haben und daß derselbe andächtig die heiligen Sterbesakramente empfangen und ihnen tausendmal habe danken lassen, ehe er gestorben sei; ihr Gebet habe ihn gerettet für die Ewigkeit. –aus: Konrad Kümmel, Osterbilder, 1912, S. 257 – S. 267

Category: Erzählungen

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