Friede den Menschen auf Erden

Friede den Menschen auf Erden!

„Kommt, lasset uns anbeten,
Kommt, lasset uns anbeten,
Kommt, lasset uns anbeten
Den König, den Herrn!“

So klang`s am späten Nachmittag der Weihnachtsvigil – es wollte schon dunkel werden – in hellem Singen prächtiger Kinderstimmen aus dem oberen Zimmer des Pfarrherrn herab in den Hausflur, erst ein- und zweistimmig flötenweich, dann schmetternd in vollem Jubel des dreistimmigen Chores, daß es hallte und schallte. Jetzt öffnete sich die Tür, und die Treppe herunterkamen etwa dreißig Kinder, Mädchen und Knaben, drängten sich rasch an dem unten stehenden Mann, der eben die Treppe hinauf wollte, vorüber und waren im nächsten Augenblick draußen vor dem Hause und nach allen Seiten hin verschwunden.

Der Mann aber hatte unten wohl schon fünf Minuten gelauscht; jetzt stieg er hinauf und trat beim Pfarrherrn ein. Der schaute den Eintretenden an, als traue er seinen Augen nicht.

„Gulthofbauer!“ kam`s erstaunt von seinen Lippen.

„Der ist`s, Herr Pfarrer!“ sprach der Angeredete. „Gelobt sei Jesus Christus!“

„In Ewigkeit“, war die Antwort. „Nehmt Platz, da – auf dem Kanapee!“

„Will nicht stören“, versetzte der mächtige, wenn auch schon greise Mann, der in seinem Mantel, den hohen Stiefeln und der ganzen Erscheinung Respekt gebietend dastand; „hätte nur eine kleine Bitte, nämlich: ob Sie nicht drei – nein, sieben heilige Messen lesen könnten.“

„Ganz recht; für wen?“

„Für – für – für den Franz selig“, war die Antwort.

Der Pfarrer wandte rasch das Haupt und wollte etwas sagen, allein der Bauer kam ihm zuvor und sprach: „Ja, schauen Euer Hochwürden mich nur an. Der Franz ist jetzt tot, und wenn wir auch nicht gut gefahren sind im Leben – jetzt hat mir`s keine Ruhe mehr gelassen; er soll wissen, daß ich nichts mehr gegen ihn hab`, darum will ich die Messen zahlen. Kann`s bald besorgt werden?“ fügte er bei.

„Gleich nach den Feiertagen“, entgegnete der Pfarrer; „das freut mich aber von Herzen, daß Ihr ihm wenigstens jetzt verziehen habt.“

„Ja, das ist eine lange Geschichte“, antwortete der Bauer; „seit Wochen treibt`s mich herum, und heut Abend hat`s mir, wie gesagt, keine Ruhe mehr gelassen, bis ich vom Hof weg bin und da herein zu Ihnen… Ich glaub`, ich hätt` nicht schlafen können. Soll ihm alles verziehen und vergessen sein, was er mir und meinem Kind getan hat, der – nein, ich sag`s nicht mehr; verziehen soll`s sein in Gottes Namen; da sind zehn Mark für die Messen.“

Dabei legte er ein Goldstück auf den Tisch.

Der Pfarrherr schob es zurück und sagte: „Das gehört den Armen.“

„So geben Sie`s ihnen“, erwiderte der Bauer, „Hochwürden wissen besser wohin damit.“

„Nein, Ihr selbst sollt es austeilen, Gulthofbauer, das hat einen besonderen Segen. Und ich will auch gleich sagen, wem: nämlich der armen Leutnerin mit ihrem kranken Buben. Wenn Ihr heimwärts oben hinübergeht, dann kommt Ihr ja an der Hütte vorbei. Was wird das für eine Freude sein am heiligen Abend! Ja, ja, das tut Ihr; Gott wird`s Euch lohnen.“

„Meinetwegen“, brummt der Bauer, „kann zwar mit den armen Leuten nicht umgehen.“

Und so ging er; es war schon Nacht. Da und dort glänzte bereits hell ein Christbaum aus einem Hause des Fleckens. Schnee bedeckte weit und breit die Flur, der Mond stand am Himmel. In sich gekehrt watete der Greis den Berg hinan durch den Schnee. Dann und wann hielt er und schaute auf- und umwärts, als dächte er über etwas nach. Ja, schwere Erinnerungen standen freilich vor ihm. Sein einzig Kind, das prächtige Röschen, die reiche Erbin, hatte sich vor sechs Jahren an einen armen Teufel gehängt, bis sie ihn heiraten musste: an den leichtsinnigen Jägersfranz. Der Vater hatte den beiden gegeben, was er musste, aber ihnen auch ein für allemal sein Haus verboten, ihnen und den drei Enkeln, die in den folgenden Jahren anrückten. Der Franz aber war ein braver Mensch geworden, besonnen, christlich, nüchtern und sparsam, und alles hatte an der Familie Freude, nur nicht der Alte. Dem wär`s fast lieber gewesen, Franz wäre ein Lump geworden, wozu er vorher Anlage hatte, dann hätte er ihn doch mit Grund anfeinden können.

Vor einem halben Jahr nun war Franz christlich und ergeben gestorben; aber der Alte war nicht zur Leiche erschienen. Seine Tochter war mit den drei Kindern auf der „Jägerei“, einer kleinen Wirtschaft, und schlug sich durch; der Vater aber hauste mit einer alten Wirtschafterin auf seinem Hof, mürrisch, stolz, wortkarg und von niemanden geliebt, ein harter Mann, der mit besonderer Verachtung die Armen ansah, als wären sie niederen Ranges in der Menschheit denn er. Aber merkwürdig: je näher es Weihnachten zuging, um so öfter kamen ihm der tote Franz, die Röse und die drei Enkel in den Sinn; und als er zur Abwehr die alte störrische Härte suchte, da fand er sie nicht mehr stark genug. Es trieb ruhe- und rastlos umher; fast blutig stand`s ihm vor den Augen, daß er seinen Schwiegersohn im Unfrieden und in der Feindschaft hatte sterben lassen, und daß er noch nie nach Tochter und Enkeln geschaut. Woher das kam, das wusste er nicht, aber da war`s und nicht mehr wegzukriegen.

Daß seine Tochter und deren Kinder eine Novene angefangen hatten zur Wiederversöhnung des Vaters, das wusste er ja nicht; und wenn – vom Beten hatte er nie geglaubt, daß es ihn zwingen könne, etwas zu tun, was ihm nicht behagte. Das Gebet aber hatte gewirkt, und so kam`s, daß der stolze Gulthofbauer am heiligen Abend zum Pfarrer ging. Und nun sollte er auch noch Almosen austeilen gehen zum ärmsten Weib der ganzen Pfarrei, zur Leutnerin! Keuchend watete er immer noch bergan; jetzt ging der Weg aber seitwärts; und da lag die Hütte unter ein paar mächtigen Bäumen. Ein mattes Licht schimmerte aus einem Fenster; der Bauer schaute vorsichtig in die Stube.

Da kniete die Frau und um sie ihre Kinder. Sie beteten, und wie! Diese Gesichter, diese Augen, wie sie flehend in unaussprechlich tiefem Bitten zum Himmel gerichtet waren, diese Mitleid bittend aufgehobenen Hände: sie waren das Bild der vollendetsten Hilflosigkeit, der tiefsten Armut, die zu dem unendlich reichen Gott bettelnd aus der Tiefe ihres Elends um Hilfe schreit. So hatte der Gulthofbauer noch nie beten sehen. Er trat ein. Erschrocken schauten Mutter und Kinder auf den großen Mann, den stolzen Bauer. Er wusste nicht gleich recht, wie beginnen, deshalb sprach er : „Ich bin müd geworden den Berg hinauf; kann ich ein wenig sitzen? Habt aber kalt hier!“

„Wir haben kein Holz mehr“, sagte eine Kinderstimme.

„Warum kommt ihr denn nicht zu mir und holt`s?“ erwiderte er.

„Zu Euch!“ schrien die die Kinder verwundert.

„Ja zu mir auf den Gulthof; `s ist mir ernst, Leutnerin, müsst mich nicht so anschauen; heut` Abend noch könnt Ihr Holz und Reisig haben, soviel Ihr wollt. Am Weihnachtsabend soll kein Christenmensch frieren. Und da“, fuhr er fort, indem er den Geldbeutel zog, „schickt mich der Herr Pfarrer, ich soll euch was zum Christkind bringen; will`s lieber in Silber machen, müsstet ja das Gold doch gleich wechseln lassen.“ Damit zählte er drei Taler und ein Markstück auf den Tisch und warf dazu erst noch eine Anzahl Nickel, Zwanziger und Pfennige, die er im Beutel hatte. Mäuschenstille waren die Kinder geworden angesichts dieses Reichtums, den ihre Mutter erhielt; diese selbst aber vermochte nur zu fragen: „Ja, wie kommt denn aber das?“

„Fragt jetzt nicht lange, hebt das Geld auf, es ist Euer“, war die Antwort, „und versorgt`s gut, daß man`s nicht stiehlt.“

Da konnte die Frau sich nicht mehr halten. „O du liebster Herrgott im Himmel, wie hast du geholfen!“ schrie sie auf, schluchzend vor Freude, und begann dann laut das Vaterunser zu beten. Dem Bauern wurde es fast warm und schwül ob der Freude, die er ins Häuslein gebracht hatte. Er stand auf. „Gebt mir die zwei Buben mit, die sollen dann Holz heimbringen“, sprach er; „gute Nacht!“

„Vergelt`s Euch Gott tausend-, tausendmal, Gulthofbauer!“ sprach die Witwe aus innerstem Herzen und gab ihm die Hand, und alle Kinder drängten sich um ihn und bedankten sich.

Daheim angekommen, ließ er den alten, faulen Braunen anspannen an einen Schlitten voll Holz, Reisig und Torf, setzte die Buben darauf, gab ihnen noch Mehl, Brot, Kartoffeln und Äpfel mit, auch eine Schüssel voll Kraut und ein mächtiges Stück Speck; er selbst legte alles auf den Schlitten, so daß seiner Haushälterin schier der Mund offen stehen blieb vor Staunen; dann setzte sich der Gaul langsam in Bewegung. Der Bauer aber ging droben in der Stube noch eine Zeitlang in Gedanken auf und ab. Hell glänzte vom nächsten Hof herüber der Christbaum aus dem Fenster.

„Morgen Abend geh` ich zu dem Kömödienspiel vom Pfarrer und seinen Schulkindern“, sagte er. –

Am heiligen Weihnachtsmorgen in aller Frühe war der Gulthofbauer in dem Engelamt. Seit langem war ihm die Kirche nicht mehr so schön vorgekommen. Von da weg schritt er – es war noch dunkel – zur „Jägerei“ hinaus. Wie war`s ihm so leicht, den Gang zu machen, während bisher sein Stolz sich gefürchtet hatte vor dem Wiedersehen des verstoßenen Kindes, das so oft und vergebens ums eine Verzeihung nachgesucht! Das Almosen hatte ihm den Weg gebahnt. Ein Licht brannte in der Stube; seine Tochter war mit dem ältesten Kind auch in der Weihnachts-Frühmesse gewesen; eben legte sie den Mantel ab, als er eintrat.

„Vater!“ klang es in freudigem Aufschrei von ihren Lippen, und im nächsten Augenblick lag sie in seinen Armen und die Enkel drängten sich jubelnd und lachend um den Großvater.

„Kinder, heut` Abend gegen wir in die Weihnachts-Vorstellung“, sagte der schließlich; „was laufen kann, darf mit; sorge fein, Röse, daß die Kinder gut angezogen sind!“

Am Abend saß alles, Kopf an Kopf, dicht gedrängt im Saal des Wirtshauses. Mit tiefster Spannung und herzlichster Freude folgte alles dem lebendigen Spiel der Schulkinder, welche die Erwartung der Geburt, die Verkündigung der Engel und die Anbetung durch die Hirten im Stall darstellten.

Letzteres war das Schlussbild. Das war ergreifend schön. Vom goldenen, hellen Licht umflossen sitzt Maria, das Kindlein in den Armen, an der Krippe, Joseph steht daneben, zu beiden Seiten knien die Hirten und die Kinder, anbetend, die Hände fromm gefaltet, den Blick auf das Jesuskind gerichtet; und anfangs schüchtern und zurückhaltend, bald aber hell und fröhlich ertönen dreißig Kinderstimmen, die jubelnd das Liedlein singen:

„Herbei, o ihr Gläubigen, fröhlich triumphierend,
O kommet, o kommet nach Bethlehem!
Sehet das Kindlein, uns zum Heil geboren!
O lasset uns anbeten den König, den Herrn!
Du König der Ehren, Herrscher der Heerscharen,
Du liegst in der Krippe im Erdentale,
Gott, wahrer Gott, von Ewigkeit Sohn Gottes.
O lasset uns anbeten den König der Welt!“

Still, wie bei der Wandlung in der Kirche, ist`s im ganzen Saal, bis der Vorhang fällt; die Leute haben sich nicht satt sehen und hören können.

Und dem Gulthofbauern, der zwischen seinen Enkeln und der Tochter sitzt, flüstert seine kleine Enkelin leise, leise ins Ohr: „O Großpapa! gelt, das ist schier wie im Himmel?“

„Wie im Himmel!“ bestätigte er, und eine Träne glänzte in seinen Augen.

Draußen aber in der Hütte der Leutnerin knien sie zur gleichen Zeit um das Sterbebett des kranken Knaben. Der ringt schon seit einer Stunde mit dem Tode. Der Herr Pfarrer war erst mittags da; Mutter und Kind beten; die Sterbekerze brennt schon. Da schlägt Friede, der Sterbende, plötzlich die Augen empor, mit leuchtendem Blick und Wonne erklärtem Angesicht schaut er auf, will mit der Hand deuten –

„O Mutter, wie schön!“ ruft er, sinkt zurück und stirbt.

„Er hat in den offenen Himmel hineingesehen, jetzt feiert er den Christtag dort; o Kinder, bleibet mir fromm und brav, daß wir alle zum Friedel kommen!“ so tröstet die Witwe, ihre Tränen trocknend, sich und ihre Kinder, „und vergesst mir euer Lebtag nicht, was der liebe Gott an uns getan auf diesen Christtag!“ –
aus: Konrad Kümmel, An Gottes Hand, Zweites Bändchen: Weihnachts- und Neujahrsbilder, 1916, S. 126 – S. 132

Category: Erzählungen
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