Albert Hetsch aus Biberach wird katholisch

Die segensreiche Konversion des Protestanten Albert Hetsch durch beharrliches Gebet

Worin du Gutes tust, darin wirst du gesegnet

Es war im Jahre 1819 und in der alten Reichsstadt Biberach, die freilich damals noch ein anderes Aussehen hatte als heute, wenngleich die Kirche, die bekannten Türme und das Innere der Stadt im großen und ganzen dieselben waren wie heute. Winter war`s, der Tag vor Weihnachten.

In dem Hause eines ehrsamen Bürgers hatte man sich zum Mittagessen versammelt. Die Kinder warteten; die Mutter hatte die Suppe aufgetragen; jetzt erschien der Vater, und sofort begann der kleine Albert mit heller Stimme herzlich zu sprechen: „Komm, Herr Jesu, sei unser gast, und segne, was du uns bescheret hast. Amen.“

Dann setzte man sich.

Der Leser entnimmt aus dem Gebet, daß wir uns in einem gläubigen protestantischen Hause befinden. Einer aber machte doch vor und nach dem kurzen Gebet gewissenhaft ein katholisches Kreuz. Das war der Käsperle, ein etwa elfjähriger Lateinschüler, der Gast im Hause war. Der Hausvater teilte die Suppe aus, dem Käsperle schöpfte er den Teller bis an den Rand voll.

„Käsperle, Käsperle“, sagte er, Du musst heut` für zwei essen, denn du hast einen tüchtigen Marsch vor dir. Bleib nur nicht stecken im Schnee auf dem Heimweg; was würde deine Mutter sagen!“

„Meine Mutter hat keine Angst um mich; sie betet halt recht, dann kann mir nichts passieren“, antwortete Käsperle zuversichtlich. „Die paar Stunden Wegs sind bald gemacht.“

„Ich meine, du solltest gleich nach dem Essen dich auf den Weg machen“, sagte die Hausfrau; „es wird bald Nacht; sieh nur, wie es schneit.“

„Ja, das will ich tun, wenn Sie es erlauben“, sagte Käsperle; „ich muss dann die Stunde, die ich dem albert heute geben wollte, später nachholen.“

„Jawohl, jawohl, das tut`s noch lang!“ schrie Albert rasch, doch ebenso schnell dämpfte sich seine Stimme unter dem Blick des Vaters.

„Hast du das Ränzlein bei dir und gepackt?“ fragte die Hausmutter.

„Ja“, war die Antwort; „ich kann gleich von da weggehen.“

Das Essen war vorüber, der Student hatte sein Ränzchen umgeschnallt, ging zum Hausherrn, gab ihm die Hand und sprach: „Ich sag` tausendmal ‚Vergelt`s Gott‘ fürs Mittagessen; will fünf Vaterunser beten, und wünsche Ihnen gute Feiertage und `s Christkindle ins Herz.“

Eben wollte er sich zur Hausfrau wenden, da sagte sie: „Halt, Käsperle, so schnell geht`s nicht; du kriegst noch ein kleines Christkindle.“ Damit ging sie hinaus und brachte eine warme wollene Mütze und ein Päckchen – es waren zweifellos Lebkuchen darin -; „das gehört dir“, sagte sie, „und das“, – es war ein gebrauchtes, aber noch recht gutes Umschlagtuch – „gehört deiner Mutter, mit einem Gruß von mir.“

„Und da hast du von mir auch noch eine Kleinigkeit auf den Christtag“, fügte der Hausherr bei und schenkte dem Käsperle einen Zwölfer; „ein Käsperle gehört zum andern“, meinte er.

Der Käsperle stand nun da, sprachlos vor Freude und Überraschung; aber die augen, mit welchen er seine Wohltäter anschaute, sprachen mehr als eine ganze Rede.

„Ich will für euch einen Rosenkranz beten morgen und übermorgen“, flüsterte er.

„Nun aber adieu; mach, daß du auf den Weg kommst, Käsperle“, rief der Hausherr, „sonst kommst du in die Nacht hinein; einen Gruß an deine Mutter!“

Eine – zwei – drei Stunden marschiert der kleine Student durch den Schnee dahin. Jetzt hat er nicht mehr weit zu seinem Dorfe; schon steigt der Kirchturm aus der tiefen Dämmerung auf. Eine Frauengestalt kommt des Weges daher – noch wenige Augenblicke, und Käsperle ist von den Armen seiner Mutter, einer armen Lehrerswitwe, umschlungen. In einer Viertelstunde sitzen die beiden daheim im trauten Stübchen, und ein kleiner Christbaum beleuchtet ihr Glück. Käsperle zeigt den Brief vom Herrn Präzeptor (= Lehrer), der ganz besonders mit ihm zufrieden ist, und kramt dann seine Geschenke aus. Und das Mütterlein und der Bube plaudern lange, lange zusammen: wie alles zum Verzweifeln stand, als der Vater an der Abzehrung starb, und wie jetzt doch alles wieder in Ordnung ist durch des lieben Gottes Güte, welcher der Witwe Gesundheit und Arbeit und ihrem Sohn Gönner und Wohltäter zum Studium gegeben hat in seiner Allmacht, der ja alles nur ein Spiel ist. „Ja, das ist geradezu wunderbar“, sagte die Mutter, „und das darfst du dem leiben Gott deine Lebtag` nicht vergessen, Käsperle, wie dich die guten Leute in Biberach unterstützen, wie sie dir Kosttage geben und Geschenke dazu. Und vollends, daß du auch noch in dem protestantischen Hause einen Kosttag hast und dazu noch den besten, und daß das gerade gekommen ist, als ich nicht mehr wußte, wohin mit dir, und daß es gekommen ist, ohne daß wir darum angehalten haben, das ist wunderbar. Käsperle, sei dankbar diesen Leuten, solang du lebst; halt dich sittsam und brav, tu ihnen, was du ihnen an den Augen ansiehst; sei bescheiden und tu alles, was du kannst, daß der kleine Albert recht viel bei dir lernt. Ganz vergelten können du und ich ja doch nie, was dir diese guten Leute schon getan haben und noch tun. Aber der liebe Gott wird`s ihnen lohnen; er wird sie segnen tausendfach, und wir wollen darum beten.“

Käsperle wußte, was das Wort zu bedeuten hatte.

Neben seiner Mutter kniete er nieder, und nun beteten die beiden mit inniger Andacht den heiligen Rosenkranz für ihre Wohltäter. Das Nachtgebet schloss sich an. Sie erhoben sich, um zur Ruhe zu gehen.

„Käsperle“, mahnte die Mutter nochmals, „bet` mir doch alle Tage bei der heiligen Messe für all deine Wohltäter; sieh, das wäre eine arge, schreckliche Sünde, wenn du sie vergessen würdest nur einen Tag. Und wenn du einmal ein geistlicher Herr bist, so musst du tagtäglich bei der heiligen Messe sie dem lieben Gott empfehlen, und wenn du hundert Jahre lang Messe liest.“

„Das hab` ich mir alles schon ausgedacht, Mütterchen“, erwiderte der Elfjährige. „Und weißt du, für wen ich ganz besonders bete? – Für Albert und seine Eltern“, fuhr er selbst fort; „wenn sie auch protestantisch sind, deshalb darf ich doch für sie beten, ja gerade für sie besonders. Und weißt du auch, was mir der Vater und die Mutter von Albert schon öfters gesagt haben? Ich solle nur für sie beten und namentlich für ihre Kinder, daß sie wahrhaft glücklich werden. Ach, wie schön wäre es, wenn der Albert katholisch wäre, mit mir studieren könnte und auch Geistlicher würde! Das ist doch das Schönste, was es gibt!“

„Käsperle, jetzt ist aber genug geplaudert“, mahnte die Mutter, „jetzt geh ins Bett; morgen müssen wir früh heraus zum Engelamt.“

Es war zur gleichen Stunde gewesen, da hat auch zu Biberach noch ein Mutterherz gebetet im stillen, nachdem die Christbaum-Feier verrauscht und die Kinder, müde von dem Treiben, ins Bett gegangen waren. Betend war die fromme Mutter, ehe sie selbst zur Ruhe ging, noch an den betten ihrer Kinder gestanden. Wie schlummerten sie alle so ruhig und süß! „Der Herr segne euch, meine Kinder, und bewahre euch!. Amen.“ Damit schloss sie ihr Gebet, einen letzten Blick auf den Liebling, den kleinen Albert,, werfend, dem ihr Gebet und Segen ganz besonders gegolten hatten.

Gebet und Segen einer Mutter sind wirksam und fruchtbar auf Jahre und Jahrzehnte hinaus. Mit dem Gebet der protestantischen Mutter Alberts war zugleich das Gebet der katholischen Lehrerswitwe und ihres Sohnes zum Thron Gottes gestiegen. – –

Die Jahre gingen dahin; Käsperle kam nach Ehingen ins Konvikt, kam nach Tübingen ins Wilhelmsstift, kam nach Rottenburg ins Priesterseminar und hielt Primiz. Es war eine Herzensfreude bei seinen Wohltätern in Biberach, als er sie einlud zum schönsten Fest, das es auf Erden gibt. Sie wohnten an, und konnte er ihnen auch im Hause nicht den heiligen Segen erteilen, so schloss er sie in der Kirche nur um so mehr ein ins Gebet und Memento. Und seinem kleinen Primiz-Bräutchen schärfte er beim Abschied wiederholt ein: „Babettchen, alle Tage musst du fünf Vaterunser beten beim Nachtgebet, hörst du, alle Tage, und nie auslassen.“

Und das Kind hatte ihn treu angeblickt und es versprochen; und es hielt Wort. Eines von den fünf Vaterunsern aber hatte Käsperle, der nunmehrige Vikar, ein für allemal für seine Wohltäter bestimmt. Die Vikariatszeit war um, Käsperle ward endlich Pfarrer. Ein stilles Dörfchen war sein neues Heim; hoch droben stand sein Pfarrhaus mit der Kirche auf felsig romantischer Höhe, drunten lag zu beiden Seiten tief das Tal mit Mühlen und Häusern, und über dasselbe herüber kam würziger Waldesduft von allen Seiten geschwommen. Es war einer der herrlichsten Septembertage, die ganz dazu geschaffen scheinen, daß man an ihnen Ferien macht; da kam ein Herr in langem Gewand durch den Garten herein und schnurstracks auf das Pfarrhaus zu.

„Ein Besuch“, murmelte der würdige Pfarrherr; „will vielleicht meine alte, kostbare Monstranz sehen – oder gar kaufen – wird nichts draus!“

„Herein!“

„Bitte, stör` ich nicht?“

„O nein, Herr Amtsbruder, wollen Sie Platz…“

Jetzt erst schaute der Pfarrherr den Fremden näher an; er kam nicht weiter in seiner Höflichkeitsformel. „Ja, bist du`s?“ – sind Sie es?“ kam`s ihm von den Lippen.

„Ja, ich werde es wohl sein. Bist du der Käsperle, so bin ich -“

„Der Albert!“ rief der Pfarrherr. „Großer Gott, was ist aus dir geworden!“ Und die beiden ehemaligen Freunde und zugleich Schüler und Lehrer lagen sich in den Armen.

„Ja, woher denn, und woher diese Kleidung?“ rief jetzt Käsperle.

„Nicht wahr, Freund – das gibt zu erzählen!“ war die Antwort, „aber das geschieht heute Abend, denn du musst mich über Nacht behalten; für jetzt nur soviel, daß ich katholisch bin – Gott und der lieben Mutter Gottes sei tausendmal Dank! – und daß ich Priester bin wie du – doch nun, allons à l`église, zur Kirche, dort wollen wir zuerst die Gefühle unseres Wiedersehens vor dem herzen Jesu ausschütten.“

Als es Abend geworden war, saßen die Freunde und des Pfarrherrn Mütterlein beisammen im untern Zimmer – durch die Fenster zog die laue Nachtluft herein und der Duft der Blumen -, und Albert erzählte, wie er von Tübingen weg nach Stuttgart kam, dort Arzt wurde, dann von der Regierung nach Paris gesandt ward, um sich weiter auszubilden; wie er in schwere Glaubenszweifel kam, studierte und betete; wie er die Muttergottes-Medaille, die ihm einst von brüderlicher Hand geschenkt ward, treu bewahrte, und wie er endlich den letzten Schritt vollzog und zur Mutterkirche zurück kehrte, um dort Seelenruhe und Frieden und zuletzt das höchste Glück und den heiligsten Beruf – den Priesterstand – zu finden. Er habe jetzt Ferien genommen und kehre nach denselben wieder an den Ort, wo er bisher gelebt habe, nach La Chapelle St-Mesmin bei Orléans zurück, um in dortigen Kleinen Seminar als Vorsteher und Lehrer zu bleiben und zu wirken, solange es Gott gefalle.

Stumm lauschten die beiden der Erzählung Alberts; das Mütterlein weinte.

Die Angelusglocke begann in diesem Augenblick von der Kirche zu hallen, und die Gefühle aller lösten sich in Gebet auf.

Was später noch aus Albert geworden ist, gehört der Geschichte an; was bis hierher geschehen ist durch wunderbares Walten des heiligen Geistes, das in diese freiere erzählende Form zu bringen, wird wohl erlaubt gewesen sein.

Wer sich noch weiter für das wunderbare, durch manche außerordentliche göttliche Gnaden-Erweisungen verklärte Leben des im Jahre 1876 zu Rom im Ruf der Heiligkeit verstorbenen Priesters interessiert, den verweisen wir auf seine in der Herder`schen Verlagshandlung zu Freiburg im Breisgau erschienene ausführlich Lebensbeschreibung: „Der Konvertit Albert Hetsch auf seinem Entwicklungsgang vom Pantheismus zum Licht der Wahrheit. Eine Apologie des Glaubens für Gebildete. Mit dem Bildnis von Hetsch. Neue Ausgabe.“ –
aus: Konrad Kümmel, An Gottes Hand, 2. Bd. Weihnachts- und Neujahrsbilder, 1916, S. 161 – S. 167

Einen biographischen Beitrag zu Albert Hetsch schrieb Otto Herzog aus Altshausen: Eine schillernde Persönlichkeit aus Biberach: Albert Hetsch

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