Propst Parhamer gibt eine gute Antwort

Der hochheilige Weihnachtstag: Die Geburt unseres Heilandes Jesus Christus; das Jesuskindlein liegt in der Krippe, von hellem Licht umstrahlt ebenso wie Maria, die ihr Kind beseelt anschaut; Joseph und Hirten stehen im Dunkeln und beten das göttliche Jesuskind an

Humoristische und besinnliche Erzählungen

Propst Parhamer gibt Kaiser Joseph II. eine gute Antwort

Kaiser Joseph II., den viele Leute über den Schellenkönig loben, welche sonst recht wenig übrig haben für Österreich und noch weniger für das Haus Habsburg, hat`s ja gut gemeint bei seiner Regierung, aber es ist ihm schlecht gelungen in gar vielen Stücken. Im Großen sei er klein gewesen und im Kleinen groß, hat man von ihm gesagt, und sein Zeitgenosse, König Friedrich II. von Preußen, hat ihn gar im Spaß den „Bruder Sakristan“ geheißen. Schier übermenschlich hat Kaiser Joseph gearbeitet Tag für Tag, der erste Bureaukrat und der größte Schreiber seines Reiches; alles wollte er in der Hand haben, alles leiten, alles wissen, alles zum öffentlichen Nutzen ausbeuten und wieder sparsam zusammen halten. Und derweil Dutzende von geriebenen Spekulanten an den aufgehobenen Klöstern sich selbst zu Millionären machten, rechnete der Kaiser aus, wie viele Gulden erspart werden könnten, wenn man beim Gottesdienst an den Paramenten und dem Weihrauch und besonders an den Kerzen auf den Altären sparte. Dementsprechend wurden eines Tages viele strenge Strafandrohungen bekannt gegeben, daß „aus Sparsamkeits-Gründen“ nie mehr als sechs Kerzen auf einem Altar brennen dürften, selbst nicht an den höchsten Festen.

Weihnachten 1783 war gekommen, und das „Hirtenamt“ in der Pfarrkirche „Mariä Geburt“ am Rennweg zu Wien sollte stattfinden. Dort amtierte damals der Propst Parhamer, seines Zeichens ein früherer Jesuit (denn damals war der Jesuitenorden aufgehoben und die Patres mussten sich eben in der Pastoration verwenden lassen), ein geistreicher, furchtloser und kernfrommer Mann, der in Wien hoch angesehen war.

In seine Kirche strömte das Volk schon lange vor 12 Uhr nachts, und sie war gefüllt bis in die letzten Ecken. Zehn Minuten vor dem Beginn des Gottesdienstes schritt der Mesner aus der Sakristei und zündete die Kerzen an: drei, vier, fünf, sechs auf dem Hochaltar, wie es „gesetzlich“ war. Aber der Mesner machte weiter und weiter; ein Licht ums andere entzündete sich, und bald strahlte und glänzte der Altar im Schein von ungezählten, fröhlich und weihnachtsselig strahlenden Kerzen wie früher, von oben bis unten, und das Gold seiner Rokokofiguren und -schnörkel blinkte und gleißte, daß es eine helle Pracht war.
Und alle Herzen sagten sich bei diesem wunderbaren Schimmer das Wort: „Das Licht strahlt heute über uns, denn der Herr ist uns geboren.“

Und Propst Parhamer, mit Insul und den heiligen Gewändern angetan, schritt zum Altar und sang andächtig das Mitternachtsamt zu Ehren des neugeborenen Heilandes und Herrn der Welt, und alle die Andächtigen freuten sich mit ihm.

Doch nicht gar alle.
Einige „nationale“ und „staatstreue“ Angst- und Devotionsmeier waren da; die wollten auch christlich und katholisch sein, aber ja nicht mehr, als das kaiserliche Ministerium allergnädigst erlaubte. Denen ward`s schwül und bang im Herzen, wie sie die Kerzen allmählich aufflammen sahen, und sie protestierten heimlich in ihren Herzen gegen jede Anteilnahme an dieser Versündigung gegen den kaiserlichen Kerzenerlass.
Und einer war darunter, dem schlug sein Herz so staatstreu, daß er sich nicht mehr halten konnte; ging vielmehr zu einem Kanzlisten des Ministers Kaunitz, des Erzfreimaurers und Kirchenfeindes, und zeigte hier fein säuberlich den Parhamer an wegen schweren und offenen Ungehorsams gegen Kaiser und Staat. Der Kanzlist musste es weiter sagen; so kam`s zu Kaunitz, und dieser meldete es entrüstet und wutentbrannt dem Kaiser selbst.

Der Kaiser aber war am heiligen Christfest nicht in der Laune, sich zu erzürnen. Er meinte: „Auf Neujahr kommt Parhamer zur Gratulation, da will ich mich dann daran erinnern.“
Das Entsetzen der „staatstreuen“ Seelen wuchs, als Parhamer auch das vormittägige Hochamt in seiner Kirche mit ähnlicher Festpracht und Lichterfülle sang wie das in der heiligen Mitternacht. Und manche Freunde Parhamers fürchteten bei der Heftigkeit des Kaisers und der Strenge des josephinischen Staatskatholizismus das Schlimmste für ihn.

Der aber sagte gar nichts zu den Leuten.
Zum Christkind dagegen sagte er: „Dir allein zu Ehren und zulieb hab` ich`s getan, nicht dem Kaiser zum Possen, das weißt du. Und hast du die Büßerin Magdalena dereinst in Schutz genommen wegen ihrer ‚Verschwendung‘ gegenüber den sparsamen Nützlichkeits-Seelen im Evangelium, so wirst du auch mich nicht verlassen. Das Maß der Liebe zu dir lasse ich mir von keinem Kaunitz und nicht einmal von einem Joseph vorschreiben.“

Der Neujahrsempfang der Geistlichen der Geistlichen Wiens war gekommen; sie warteten alle in dem Saal der Hofburg. Nicht wenig besorgte Blicke streiften den Parhamer; denn man fürchtete die schwere Ungnade des Kaisers. Und allmählich waren die Nachbarn von ihm weg gerückt, so daß er allein stand. Sie fürchteten wohl, es könnte vom kaiserlichen Donnerwetter sonst auch für sie etwas seitwärts abfallen.
Jetzt dröhnte das Zeichen des Oberhofmarschalls vom Nahen der Majestät durch den Saal; die Flügeltüren öffneten sich, und der Kaiser trat herein, gefolgt von mehreren Erzherzögen, einigen Ministern und dem Hofstaat.

Die üblichen Gratulationsworte wurden von dem ältesten Pfarrer der Stadt gesprochen; dann erwiderte Joseph kurz und machte die Runde, indem er mit jedem ein Wort wechselte.
Jetzt stand er vor Parhamer, der er persönlich kannte, wie auch die meisten andern Geistlichen Wiens.
„Parhamer“, sprach er, aber seine Worte klangen nicht gar zornig und sein auge blickte auch nicht streng, „Parhamer, was muss i` von Ihm hören? Er hat über 50 Kerzen vertan bei einer Messe.“
„Halten zu Gnaden, Kaiserliche Majestät, es war kalt am heiligen Christtag“, sprach Parhamer in seiner gemütlichen, ruhigen Weise.
„Am Christtag, jawohl; aber kennt Er denn Unsere Verordnung nicht?“
Da sprach Parhamer zugleich innig warm und überlegen: „Als Kaiserliche Majestät geboren wurden, da haben die Wiener eine so große Freude gehabt, daß sie die ganze Stadt illuminiert haben; kein Gässchen ist unbeleuchtet gewesen, und auch die ärmsten Leute haben das Licht nicht gespart. Und in der Hofburg allein tausend und tausend Kerzen gebrannt. Warum sollten nun nicht mehr als sechs Kerzen brennen dürfen am Geburtstag des Königs der Könige, unseres Heilandes?“
Ganz still war es im Saale, während Parhamer so sprach, langsam und gemütlich.
Und Kaiser Joseph?
Der schaute lächelnd den besonnenen Sprecher an, streckte ihm dann die Hand hin und sagte bloß: „Ist halt der Pater Parhamer!“

Und damit war die ganze Sache erledigt. Und wenn es da und dort einer kleinlichen Bedientenseele im Beamtenfrack nicht gefallen hat, so hat das nicht viel geschadet. Parhamer ist in Ruhe gelassen worden von da an, und in seiner Kirche hat zur Ehre Gottes und seines heiligen Opfers volle „Kerzenfreiheit“ gewaltet, ohne daß jemand ihn darum behelligte.

Als Propst Parhamer nach dieser Audienz in seine Kirche zurück kam, da kniete er vor der Krippe hin und dankte dem Heiland für die schier wunderbare Abwicklung der schlimm drohenden Sache. „Bist nur ein kleines Kind“, so betete er zum göttlichen Jesulein, „aber es ist wahr, daß die Himmel all dir untertan sind samt allen Kaisern und Potentaten der Erde; gelobt und geliebt seist du in Ewigkeit!“

Wenn du einmal nach Wien kommst, lieber Leser, und Zeit hast, so magst du die Pfarrkirche zu „Mariä Geburt“ aufsuchen. Und wenn du in die Sakristei gehst, so kannst du dort Parhamers Bild sehen. Über einem Schrank hängt es; der Exjesuit und Propst ist darauf gemalt in Hermelin und violettem Talar, das Bischofskreuz an der Kette um den Hals und einen Prälatenring an der Hand, und das Angesicht strotzt voll Kraft und Gesundheit. Unter diesem Bild aber steht ein kleines viereckiges Glaskästlein, und wenn du näher hinschaust, so ist ein richtiger Totenschädel darin, braun vor Alter, und ein dürrer Blätterkranz krönt ihn. Das ist das Haupt Parhamers. Und wenn es heute noch sprechen könnte, es würde in gleichem Fall nicht anderes – und jetzt erst recht kräftig – sagen, als was der Pater Parhamer vor 120 Jahren, wie berichtet ist, gesagt hat. –
aus: Konrad Kümmel, Auf der Sonnenseite, Humoristische Erzählungen, Bd. I, 1920, S. 9 – S. 13

Ignaz Parhamer, SJ (seit 17.10.1734 bis zur Aufhebung), * 15.6.1715 in Schwanenstadt (Österreich, † 1.4.1786 zu Wien; 1758 Beichtvater von Kaiser Franz I. und nach dessen Tod der Erzherzoginnen Maria Elisabeth und Maria Amalie. 1777 Propst in Drozo, 1782 infulierter Abt zu Lecker (beide in Ungarn), Oberdirektor sämtlicher milden Stiftungen, besonders der Waisenhäuser der k.k. Staaten. Große Verdienste erwarb er sich um das österreichische Unterrichtswesen durch seinen Katechismus (1750). Segensreich wirkte er ferner durch katechetische Volksmissionen (bes. 1754-58), durch den Aufschwung, den er den Christenlehr-Bruderschaften gab, und durch die Leitung (seit 1759) des Waisenhauses ULF auf dem Rennweg in Wien, wo er seit 1783 auch Pfarrer an ULF war. A. v. Arneth (Maria Theresia IV (1870) 112f) schildert Parhamer als einen Mann, dessen ganzes Wirken für den Unterricht der Kinder im Katechismus und für sein großes Waisenhaus aufging. Wegen des militärischen Einschlags seiner Methode nannte man ihn den „Kindergeneral“. (aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, 1935, Bd. VII, Sp. 968 – Sp. 969

Bildquellen

Category: Erzählungen

Verwandte Beiträge

Unterricht für das hochheilige Weihnachtsfest
Wie Wittekind zum christlichen Glauben kam
Menü