Wirkungen der Menschwerdung

Das Geheimnis der Menschwerdung

Teil 2-1

Die Wirkungen der Menschwerdung

Die Menschwerdung umfaßt Himmel und Erde und alle Ordnungen der Schöpfung in Natur und Gnade und den Schöpfer selbst. Es ist unstreitig das größte Werk Gottes nach außen, und so müssen auch die Folgen und Wirkungen desselben unermessen sein. Wir wollen wenigstens die nächsten und unmittelbaren berühren. Sie erstrecken sich auf den Heiland, auf Maria, auf die Menschen, auf das Weltall und auf Gott.

Wirkungen der Menschwerdung für den Heiland

Der unmittelbaren Wirkungen für den Heiland sind namentlich drei.

Die erste Wirkung ist die Mitteilung der göttlichen Würde, der Titel und Vorrechte an die menschliche Natur vermittelst der göttlichen Person. Der Gottmensch ist also vor allem wahrer natürlicher Sohn Gottes, den der Vater von Ewigkeit aus seinem Schoße gezeugt. Er ist Gegenstand der religiösen Verehrung, der Anbetung, des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, wie der Vater und der Heilige Geist, und muss mit ihnen auf dieselbe Weise geehrt und angebetet werden. Alles, was diese menschliche Natur tut und leidet und spricht, ist göttlich, tut und leidet Gott, und ist in sich von unendlichem Wert und Verdienst. Grund dieser natürlichen göttlichen Sohnschaft beim Gottmenschen ist eben die ewige Zeugung aus dem Schoße des Vaters. Dieser gezeugte Sohn ist die Person des Gottmenschen. Bekenntnissen dieses Glaubens begegnen wir genug im Leben des Heilandes (Joh. 1, 34. 49; 5, 23; 6, 70; 9, 37f.; 11, 27; Matth. 16, 16; 27, 54).

Die zweite Wirkung für den Heiland war eine besondere, höchst glorreiche Ausstattung der menschlichen Natur, wie sie dem Sohne Gottes geziemte. Der Verstand der Seele Christi besaß eine dreifache Ordnung von Kenntnis und Wissenschaft.

Zuerst hatte Christus vom ersten Augenblick an die beseligende Anschauung Gottes, wie der Heiland selbst bezeugt: „Was wir wissen, reden wir, und was wir gesehen, bezeugen wir“ (Joh. 3, 11; 8, 38). Er ist voll der Gnade und Wahrheit (Joh. 1, 14). Das entsprach auch ganz seiner Würde als Sohn Gottes, als Haupt der Engel und Lehrer der Menschheit. Ferner hatte der Heiland von der Empfängnis an die Fülle der übernatürlichen (eingegossenen) Wissenschaft (Hebr. 10, 5f); die natürliche (erworbene) aber wohl bloß nach Maß der Zeit und Entwicklung der Fähigkeiten. Die Heiligen und wir haben ja auch eingegossene und erworbene Wissenschaft. Kraft dieser dreifachen Kenntnis umfaßte der Gottmensch, ohne daß dieses Wissen eine Allwissenheit war, von Anfang und jeden Augenblick alle Reiche der Wahrheit, der natürlichen und übernatürlichen, Gottes Wesenheit, alle Geheimnisse der Gnade und Glorie und der Natur, alle freien Handlungen der Menschen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieses alles gebührte ihm als Haupt der Engel und Menschen, als König des Weltalls, Herrn, Richter und Mittler der Menschen und Endziel der ganzen Schöpfung. –

Eine zweite Ausstattung der Seele Christi war die Heiligkeit. Die wesentliche Heiligkeit bestand bei Christus in der Vereinigung der menschlichen Natur mit der zweiten göttlichen Person, durch welche er einfach unsündbar, gottgefällig und geheiligt war. In diesem Sinne ist Christus gesalbt, geheiligt, das Heilige, der Heilige der Heiligen (Ps. 44, 8; Luk. 1, 35; Joh. 10, 36). Eine Zugabe und Erweiterung der Heiligung kam der Seele Christi vom Besitz der heiligmachenden Gnade, der eingegossenen Tugenden und der Gaben des heiligen Geistes (Is. 11, 1; Joh. 1, 14). Es diente die Ausstattung der Heiligung Christus zur Vollendung und zum Zwecke, in jeder übernatürlichen Rücksicht unser Vorbild und Urheber zu sein. Diese ganze Gnadenfülle Christi heißt in Beziehung auf die andern Geschöpfe „die Gnade des Hauptes“ und besteht teils in der Überfülle und Vorzüglichkeit dieses Gnadenreichtums, teils in der Berechtigung und Macht, alle Gnade mitzuteilen und zu vermitteln an alle, deren Haupt er ist, d. h. an die Kirche und alle Menschen in dieser Welt (Joh. 1, 16) und an die Engel wenigstens behufs ihres Dienstes. –

Die dritte Ausstattung der Seele Christi besteht in einer außerordentlichen Machtfülle. Diese Macht war keine Allmacht, aber erstaunlich groß und der Menschheit Christi verliehen als bleibende, hörige, als Gnadengabe zur Vollbringung übernatürlicher und selbst wunderbarer Wirkungen wenigstens nach Art eines mitwirkenden Werkzeuges (Luk. 6, 19). Diese Gewalt entsprach ganz der Würde des Sohnes Gottes und seiner Aufgabe als Lehrer und Prophet, um nämlich seiner Lehre durch Wunder Nachdruck zu verschaffen. Der Heiland selbst beruft sich wiederholt auf diesen göttlichen Nachweis seiner Lehrvollmacht (Joh. 5, 36; 10, 37. 38). – Auch der Leib des Gottmenschen war von den Wirkungen der unmittelbaren Vereinigung der Natur mit der Person des Wortes nicht ausgeschlossen. Eben wegen dieser Vereinigung und wegen der Aufgaben, die er zu erfüllen hatte, war dieser Leib der schönste, reinste, feinst zubereitete und der ausdauerndste. Leiden war er nur unterworfen, insofern dieselben der Menschennatur und allen gemeinsam waren; sonst aber hatte er keine Spur eines persönlichen Fehls. Schon eine wunderbare Schöpfung in sich, war er gleichsam der leichte und majestätische Umwurf der Gottheit, das Werkzeug, gleichsam die Hand der Seele und der Gottheit zu wunderbaren, übernatürlichen Wirkungen, jetzt noch in den heiligen Sakramenten. Er allein schon ist die wirksamste Macht in der Welt. Sie wurde neu geschaffen und erlöst durch ihn.

Die dritte Wirkung der persönlichen Vereinigung war für den Gottmenschen die Fülle und der Inbegriff aller Ehren, Würden und Ämter. Er erbte sie alle und vereinte sie sämtlich in sich. Er ist als Gottmensch das geborene Haupt der ganzen Menschheit und Schöpfung, weil er all ihre Herrlichkeit in sich faßt und weil von ihm alle macht zu regieren und zu heiligen ausgeht; er ist seiner doppelten Natur und der Bestimmung Gottes nach der natürliche Mittler zwischen Gott und der Welt; alles geht durch ihn zu Gott, von Gott zu uns, Gesetz, Wahrheit und Gnade; er ist Lehrer, Prophet (Joh. 1, 17; 3, 2; 6, 14; Matth. 22, 16; 23, 8f; Luk. 7, 16), Gesetzgeber und Erlöser er ist Hoherpriester (Ps. 109, 4) und König (Ps. 2, 6; Matth. 2, 2; Joh. 18, 37; Offb. 1, 5; 19, 16) in Person von seiner Empfängnis an. Die hypostatische Vereinigung selbst war die Salbung, welche den Heiland zum Propheten, zum Hohenpriester und zum König machte und ihm überhaupt alles große und Herrliche verlieh, was wir an ihm sehen. –
aus: Moritz Meschler SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi des Sohnes Gottes, Bd. 1, 1912, S. 84 – S. 86

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