Beziehung des Gottmenschen zur Schöpfung

Jesus Christus der Gottmensch sitzt als Pantokrator und Weltenrichter, die ganze Schöpfung mit seinen durchbohrten Händen umfassend, in der Mitte, die Engel und Heiligen bei Ihm, die Gottlosen als Verdammte gerichtet

Die Beziehung des Gottmenschen zur Schöpfung

Joh. 1, 3. Alles ist durch das Wort gemacht worden, und ohne dasselbe wurde nichts gemacht, was gemacht worden ist. – 4. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. – 10. Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht worden.

Es kam nun die Zeit, die ewigen Ratschlüsse zu verwirklichen. Diese Ratschlüsse umfaßten nicht bloß den Gottmenschen, sondern unzählige andere Geschöpfe, die in nächster Beziehung zu ihm standen. Die jetzige Betrachtung beschäftigt sich bloß mit der Beziehung des Gottmenschen zur Schöpfung im allgemeinen. Sie wird uns ebenso viele herrliche Ratschlüsse Gottes enthüllen.

1. Was unter der Schöpfung verstanden wird.

Unter Schöpfung wird alles verstanden, was außer Gott besteht, was von ihm geschaffen, erhalten und zum Ziel geführt wird. Es ist diese Schöpfung nichts anderes als das äußere Reich Gottes, der sichtbare Ausdruck seiner schöpferischen, mitteilbaren Güte, ein geschaffenes Abbild seiner göttlichen Schönheit und Herrlichkeit. Da nun diese unerschaffene Herrlichkeit unendlich und unerschöpflich ist, so wird auch der Ausdruck derselben ein überaus mannigfaltiger sein in jeder Hinsicht, sei es bezüglich der physischen Wesenheit oder bezüglich der Bestehungsweise der Geschöpfe.

Der Natur und Wesenheit nach teilt sich die Schöpfung in vernunftlose und vernunftbegabte Wesen, die ersteren wieder in leblose und belebte, die zweiten in rein geistige und geistig-sinnliche Wesen. Alles, die materielle Welt, die Pflanzen-, Tier-, Menschen- und Engelwelt, reiht sich in unabsehbaren, mannigfaltigsten Kreisen als ebenso viele Ausstrahlungen und Abspiegelungen um Gott, den ewigen und unendlichen Urquell alles Lebens und Lichtes.

Der Bestehensweise nach aber gehören die vernunftbegabten Wesen entweder der Ordnung der Natur oder der Gnade an, je nachdem sie innerhalb der Grenzen ihres angeborenen Bedürfnisses, Genügens und Wirkens bleiben, oder aus reiner Huld Gottes zu einer Bestehensweise, zu einem Leben und Wirken empor gehoben werden, die gänzlich oder teilweise über dem Kreise, dem Vermögen, Ahnen und dem Bedürfnis der Natur stehen und eine geschaffene Mitteilung der Natur und des Lebens und Wirkens Gottes selbst sind. Es ist dieses der Zustand der Übernatur oder der Gnade. Dieser zustand der Gnade verläuft hieneiden in der Mitteilung der göttlichen Kindschaft durch die Verleihung der heiligmachenden Gnade mit dem Erbrecht des Himmelreiches und jenseits im Antritt und Besitz dieses himmlischen Erbes durch die Glorie, in der wir Gott schauen, besitzen und lieben werden, wie er sich selbst schaut, besitzt, liebt und in dieser Liebe unendlich beseligt ist. Menschen und Engel sind nach dem ewigen Ratschluss Gottes zu dieser erhabenen Stufe des Lebens berufen, und zu diesem Zweck erschuf Gott in seiner Güte einen Überfluss von übernatürlichen Mitteln zur Mitteilung, Erhaltung und Entwicklung dieser heiligmachenden Gnade in den herrlichen Veranstaltungen und Einrichtungen, deren Gesamtheit wir in der Kirche finden, und deren Wesen und Entwicklung die ganze Weltzeit, Erde und Himmel umfaßt. Alles Geschaffene findet in dem glorreichen Ziele dieser Heilsanstalt den Einigungspunkt, und das ganze Reich der Natur dient ihr als Unterlage und Beihilfe. Selbst rein materielle Wesen werden in den Sakramenten der Kirche Träger der Gnade und übernatürlichen Segnungen. Das ist nur ein oberflächlicher Blick in das reich der Schöpfung, und welch herrliche Ratschlüsse offenbaren sich da!

2. Welches die Beziehung des Gottmenschen zur Schöpfung ist

Wir müssen vor allem im Gottmenschen zwei Dinge unterschieden und auseinander halten: seine göttliche Person und Natur, die von Ewigkeit waren, und seine menschliche Natur, die mit der Zeit begonnen hat und geschaffen wurde.

Als ewigen Wort Gottes oder zweite Person in der Gottheit ist er einfach Urheber, Vorbild und Ziel aller Schöpfung, und zwar mit dem Vater und dem Heiligen Geist zugleich, weil jede göttliche Wirksamkeit nach außen als Wirkung der göttlichen Natur, die in allen dieselbe ist, allen auf dieselbe Weise zukommt. Indessen wird die Schöpfung doch in besonderer Weise dem Sohne zugeschrieben, insofern sie das Werk des Lebens, der Weisheit und Schönheit ist. Die zweite Person wird uns nämlich in der Schrift stets angeführt als der Urheber des Lichtes, des Lebens, der Wahrheit und Weisheit im natürlichen und übernatürlichen Sinne.Hier haben wir vor allem das herrliche Zeugnis der hl. Johannes (Joh. 1, 3. 4. 9. 10) zuerst bezeugt er die Urheberschaft des Wortes bezüglich aller Geschöpfe, zuerst der natürlichen. „Alles ist durch das Wort gemacht worden, und ohne dasselbe wurde nichts gemacht, was gemacht worden“ (Joh. 1, 3). Er sagt nicht „aus ihm“, sondern „durch ihn“, und das bezeichnet eine ganz eigentümliche Beziehung zum Sohne, insofern er nämlich die Weisheit ist und die Urbilder allerDinge in sich faßt und dieselben ausführt durch die göttliche Kraft, die er durch die Zeugung vom Vater erhalten. So ist die Bezeichnung „durch ihn“ dem Sohne ganz eigentümlich, wie auch eigentümlich vom Vater gesagt wird, „aus ihm“ sei alles, und vom Heiligen Geist, „in ihm“ sei alles. – Ferner bezeugt der hl. Johannes die Urheberschaft des Wortes bezüglich der übernatürlichen Ordnung (Joh. 1, 4. 9. 10): „… In ihm war das Leben, und das Leben (das Wort) war das Licht der Menschen.“ Das Leben, das er in sich hatte, war das Leben der göttlichen Natur und der göttlichen Sohnschaft und Beseligung durch die Anschauung und den Besitz Gottes, und dieses übernatürliche teilt das Wort den Menschen mit durch die Offenbarung und die Gnade des Glaubens, durch die heiligmachende Gnade und das Licht der Glorie (Joh. 1, 12. 13; Offb. 3, 14). Dasselbe wird bestätigt vom hl. Paulus (Hebr. 1, 2. 3; Kol. 1, 16). In den Büchern des Alten Testamentes wird dieses Mitwirken der ewigen Weisheit herrlich und großartig geschildert. Sie ist Urheberin der physischen und moralischen Ordnung (Spr. 8, 22f; Job 28; Weish. 7, 21f), sie führt zur Vollendung die Gerechtigkeit (Weish. 6, 19. 20), bildet die Könige und führt die Völker (Weish. Kap. 6. 7. 10) und rettet sie (Weish. 16, 12; Ps. 106, 20). Es ist oft wohl schwierig, in diesen herrlichen Stellen das Wirken der göttlichen Weisheit von der Person der Weisheit zu unterscheiden. Allein eben dieses Betonen und Herausheben der Weisheit als schöpferische Wort und königliche Weisheit des Vaters ist der Grund, weshalb die Erschaffung und Regierung der Welt auch dem Sohne auf eine besondere Weise zugeschrieben wird.

Als Gottmensch gefaßt, konnte der Heiland natürlich nicht Ursache der Schöpfung sein, weil er noch nicht war. Dagegen konnte er nach der Ansicht jener, die sagen, er sei das erste Wesen, das Gott erkannte und wollte, vermöge seiner gottmenschlichen Beschaffenheit, die in einem sinne alle Ordnungen der Schöpfung keimartig in sich schließt, im allgemeinen gleichsam das Vorbild der Schöpfung sein. Außer Zweifel ist dieses bezüglich des übernatürlichen Gnadenstandes, dessen ganze Herrlichkeit in ihm niedergelegt ist und nach dessen Bild alle Auserwählten geschaffen sind (Eph. 1, 3. 9f; Röm. 8, 29). Ebenso sicher aber war er in Voraussehung seines Todes die verdienende Ursache aller Gnaden des übernatürlichen Lebens und der Glorie wenigstens für die Menschen. Deshalb nennt ihn auch der h. Johannes das Lamm, das getötet ist von Anbeginn (Offb. 13, 8). Endlich ist der Gottmensch das Ziel aller Schöpfung, damit er eben nach seiner Würde den Vorrang habe in allem (Kol. 1, 16; Herb. 1, 1; Eph. 1, 5) Selbst die materielle Schöpfung findet in ihm ihr Ziel und ihre Vollendung. Unsere Erde sollte seine irdische Heimat werden. Für ihn gingen die Kontinente unserer Erde unter und erstanden; für ihn reiften Marmor, Gold und Edelgestein im Schoße der Gebirge heran; für ihn entsprangen die Quellen und Flüsse und sammelten sich die Meere, und für ihn bevölkerte sich die Erde mit der Familie der Tiere und Pflanzen. Öl, Getreide und Wein sollten in ihm und durch ihn den höchsten Segen der Erde und selbst Himmelsklarheit tragen und hervorbringen. Für ihn gestaltete sich besonders das schöne Gelobte Land, das wundersame Ägypten und das mächtige Rom. In der ganzen Schöpfung wirkte und spielte die Weisheit und verflocht in ihren Gedanken und Absichten ihre Werke mit den Schicksalen des kommenden Gottmenschen und seines Reiches.

3. Was nun aus dieser Betrachtung folgt

Wirr sind also vom Sohne und für ihn geschaffen; wir tragen sein Bild, sein Leben und seine Bestimmung in uns. Was kann daraus folgen als erstens Huldigung, Anbetung und Dank, wie sich dieses dem Urheber unseres Daseins gegenüber gebührt! In der natürlichen wie in der übernatürlichen Ordnung verdanken wir ihm alles. Namentlich ist es die übernatürliche Ordnung, in der wir das Bild seiner göttlichen Güte und Sohnschaft tragen und aus seiner Fülle erhalten haben Gnade um Gnade (Joh. 1, 16).

Ferner folgt aus dem Gesagten eine hohe Vorstellung von der Herrlichkeit und Göttlichkeit des Wortes. Welch ein Reich der Wahrheit, Schönheit und Güte ist diese Schöpfung! Sie ist durch dieses Wort ins Dasein gerufen worden, sie ist nur ein schwaches Abbild seiner Macht, Weisheit, Güte und Schönheit. In ihm sind all diese Schätze wesentlich und quellenhaft (Kol. 2, 3)

Die dritte Schlussfolgerung kann sein eine große Hochachtung und Wertschätzung des gottmenschlichen Ebenbildes in uns. „Wenn wir aufrichtig und weise nach dem Ursprung unserer Erschaffung forschen“, sagt der hl. Leo, „dann finden wir, daß der Mensch deshalb nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist, damit er seinen Schöpfer nachahme. Das ist der natürliche Adel unseres Geschlechtes, wenn die Gestalt der göttlichen Güte in uns wie einem Spiegel widerstrahlt.“

Endlich liegt in der Betrachtung auch der Beweggrund der Zuneigung und Liebe zur zweiten Person in der Gottheit. Bei der Schilderung des Wirkens der Weisheit in dieser Welt, wie die Heilige Schrift des Alten Bundes sie entwirft, fällt namentlich die Menschen-Freundlichkeit, die Lieblichkeit, man möchte sagen, die Mütterlichkeit auf, mit welcher diese königliche Weisheit sich des Menschen annimmt, ihn führt und erzieht. Der Mensch erscheint da völlig als ihr Liebling, ihr Zögling, ihr Kind, dessen sie sich in rührender Herablassung und Sorgfalt annimmt (Ekkl. 24; Weish. 6, 13. 14. 15f; 7, 22; Spr. 1, 20f; 8, 1f; 9, 1f) gegenüber der Verführung und der Verfolgung der Welt (Weish. 2f) und dem Verderbnis der Sünde und des Heidentums (Weish. 13. 14. 15). Das ist genau der Geist, das Wirken und die Segensfülle, in welchen die menschgewordene Weisheit erschienen ist und sich geoffenbart hat (Matth. 12, 18). –
aus: Moritz Meschler SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi des Sohnes Gottes, Bd. 1, 1912, S. 33 – S. 37

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