Der Antichrist ist dem Geiste nach da

Die Predigt des Antichristen, von Satan eingegeben

Von den Zeichen, welche dem jüngsten Gericht vorhergehen

Teil 2

Wer ist der Antichrist – jeder, der gegen Jesus Christus ist

Was dünkt euch davon? Frage ich noch einmal, wenn über ein Kurzes der Antichrist geboren werden sollte, wie es geschehen kann, daß wir alle insgesamt diese Zeit erleben; denn kein Mensch weiß davon, und die Bestimmung dieser Zeit hat sich der allwissende Gott vorbehalten. Lasset uns wenigstens einbilden, der grausame, gottlose Mensch wäre wirklich zugegen; wir hörten und sähen alles vor unsern Augen sich zutragen, wie es oben beschrieben ist, was wollten wir anfangen? Sollten wir uns wohl entschließen dürfen, Christus unserm Herrn zu entsagen und die Partei des Antichrists zu nehmen? Wollten wir uns wohl bezeichnen lassen mit jener gotteslästerlichen Überschrift und dem teuflischen Signal: Ich verleugne Jesus? Ei was, denkt ein jeder aus euch, Jesus verleugnen? Den Teufel anhangen? Der liebe Gott behüte mich, daß ich daran nicht einmal denke; eher wollte ich tausendmal sterben, als meinen Erlöser und wahren Gott verlassen, oder dessen allein selig machendem Glauben entsagen; ich wollte die falschen Wunderzeichen verlachen, die angebotenen Fleischesgelüste, Ehren und Reichtümer mit Füßen treten, die angedrohten Peinen und Martern, so schrecklich sie immer sein könnten, mit der göttlichen Hilfe heldenmütig überstehen; das freudenvolle darauf folgende Himmelreich und meine eigene kostbare, unsterbliche Seele wollte ich auf diese Weise nicht verlieren. O wohl ein schöner, recht christlicher Entschluss! Freilich also müssten wir alle insgesamt auch in jenen wiewohl entsetzlichen Umständen ernstlich gesinnt sein.

Die geringste Versuchung ist schon zu groß

Aber ach, wir arme Menschen mit all unsern Vorsätzen und Entschließungen! Gütiger Gott! Nimm mich, nimm uns doch alle von der Welt hinweg, damit wir diese schaudervollen und schrecklichen Zeiten nicht erleben! O wehe! Wie würde es uns ergehen? Es hat sich wohl, die angebotenen Ehren, Reichtümer und Ergötzlichkeiten mit Füßen treten! Jetzt, da wir noch in Frieden und Ruhe des Gemütes die Dinge reiflich überlegen können, ist die geringste Versuchung schon groß genug, daß wir derselben schändlicher Weise so oft unterliegen und unserm liebsten Gott die Freundschaft aufkündigen; wie würden wir uns dann die Kraft und Stärke versprechen dürfen, über jene so ungeheuer große Anfechtung zu siegen? Schon jetzt, da wir ziemlich gedemütigt werden, kann der Dunst eines menschlichen Lobes und Ansehens dermaßen unsere Augen verblenden, daß wir wider die Lehre und das heilige Gesetz des Evangeliums Jesu Christi die stinkende Hoffart in Kleiderpracht und allen äußerlichen Sitten und Gebärden öffentlich zur Schau tragen; wie würden wir uns dann bei der Einfalt und Demut unsers Erlösers halten wollen, wenn wir von aller Welt erhöht werden sollten? Schon jetzt, da wir täglich diese Erfahrung machen, wie eitel und vergänglich die zeitlichen Güter und Reichtümer sind, wie bald und leicht wir dieselben verlieren können, werden wir von dem Geldgeiz dergestalt eingenommen, daß wir um einen angebotenen Gulden manchmal unsre Seele und Seligkeit leichtsinnig verkaufen; daß wir sogar aus den allgemeinen Drangsalen unsern Gewinn ziehen und ein Gewerbe daraus machen, um Geld zusammen zu scharren; daß wir denken und sagen: Gewissen hin, Gewissen her! Seele hin, Seele her! Himmel hin, Himmel her! Wenn ich`s nur habe, dies ist mir schon genug. Wie würden wir dann auf einmal verändert diese Güter so heldenmütig mit Füßen treten wollen, wenn uns Gold und Silber in Überfluss angeboten würde? Schon jetzt, da wir oft genug Ursache haben, in Betrübnis zu seufzen und zu weinen, da uns unser eigenes Gewissen und das christliche Gesetz die unreine Lust und fleischliche Liebe so abscheulich und verdammenswert vorstellen, lassen wir uns von einem freundlichen Blick, von einer lachenden Miene, von einem liebkosenden Worte, von einem angebotenen Handkuss dermaßen betören und bezaubern, daß wir unsers Gottes vergessen, der fleischlichen Liebe ohne Scheu opfern, unsre Schamhaftigkeit, Reinigkeit, jungfräuliche Ehre, eheliche Treue hintan setzen; wozu würden wir uns dann entschließen, wenn uns dergleichen Wollüste als zulässige ehrbare Ergötzungen allenthalben aufgedrungen würden? O nein, liebster Gott! Laß jene schreckliche Zeit der Versuchung ja nicht für uns heran kommen.

Lauheit und Kälte im göttlichen Dienst

Es hat sich wohl, Scheinheiligkeit, falsche Lehre und Wunderwerke auslachen! Schon jetzt, da wir unzählige Gelegenheiten, Gutes zu wirken, an der Hand haben; da so viele öffentliche Andachts-Übungen zum eifrigen Gottesdienst uns einladen; da uns der Gebrauch der heiligen Sakramente beinahe täglich frei steht; da wir so oft unser Gewissen in der Beichte von den begangenen Sünden reinigen; da wir an dem heiligen Tisch des Herrn mit dem Fleisch und Blut Jesu Christi gespeist und gestärkt werden; da wir durch so viele Predigten in der Unwissenheit unterwiesen, vom Bösen abgehalten, zum Guten ermuntert, von den Gefahren und der Gelegenheit zu sündigen abgehalten, zur Besserung der bösen Sitten und weltlichen Missbräuche ermahnt werden: bei allem diesem bleiben wir doch so lau und kalt im göttlichen Dienst, so hartnäckig in unsern einmal angenommenen Sitten und Gebräuchen, daß wir bisweilen sogar dem göttlichen Wort geringen Glauben schenken, oder doch nicht mehr glauben, als was uns gefällig und dienlich ist, was die verkehrte Welt vorpredigt, wohin andere unsers Gleichen mit ihrem Beispiel voran gehen; was eitle, müßige Leute in die Ohren schwätzen, das muss wahr, gültig, zuverlässig sein, dem müssen die Grundregeln und unfehlbaren Lehrsätze des heiligen Evangeliums samt allen Aussprüchen der heiligen Väter und Kirchenlehrer weichen; sieht man, daß hier und dort einige, welche den Namen der Frömmigkeit haben, etwas mitmachen oder unterlassen: o, da ist kein Zweifel, es kann nicht anders als gut sein; sollte man hier und dort vernehmen, daß sogar ein Geistlicher, ein gewisser Beichtvater etwas für gut und zulässig halte, das wird in Sachen, die man gerne hört, für ein untrügliches Evangelium gehalten, mit aller übrigen Gegenlehre treibt man das Gespött und Gelächter. Also, sage ich, handelt man am hellen Tage des Lichtes. Wozu würden wir uns dann nicht bereden und verführen lassen, wenn aller Gebrauch der heiligen Sakramente aufgehoben, alle Andachts-Übungen abgestellt, alle Predigten und christlichen Unterweisungen verstummen und bei der allgemeinen Verkehrtheit und Ausgelassenheit aller Völker ein ganz anderes Gesetz, das nach unserm Hochmut und unsrer fleischlichen Sinnlichkeit, wie wir es gerne hätten, eingerichtet wäre, aller Orten vorgepredigt, und diese Predigten mit der Scheinheiligkeit, mit den öffentlichen großen Wunderzeichen, mit Beistimmung einer ganzen Welt bestätigt würden? O nein, liebster Gott! Wiederhole ich, laß uns solche traurige Zeiten ja nicht erleben, wir erkennen uns viel zu schwach dafür!

Verweichlichung statt Abtötung

Es hat sich wohl, die angedrohten Peinen und Martern nicht achten! Ach, wie sollten diejenigen ihren Leib den Ruten, Skorpionen, den bleiernen Kolben, den eisernen Haken, um zerrissen zu werden, preisgeben, welche jetzt ihr Fleisch so verweichlichen, welche keinen Nadelstich ertragen können, denen ein gebotener Fasttag, ein frühes Aufstehen, eine geringe Kälte, eine Stunde lang in der Kirche knien viel zu beschwerlich fällt! Wie sollten diejenigen in einer glühenden Bratpfanne sich kochen und sieden lassen, denen ein nicht eben nach ihrem Sinne gut zugerichtetes Bett vor Ungeduld den Schlaf unterbricht? Wie sollen diejenigen über die Peinen und Martern lachen, welche alles Kreuz wie den Teufel fürchten, die bei dem geringsten Leiden so unwillig seufzen und jammern, bei einem jeglichen Verdruss anfangen zu fluchen, zu verwünschen, aus Verzweiflung das Gebet, die Andachts-Übungen, das beichten, Kommunizieren, Predigt anhören aufgeben? O wohl nein, gütigster Gott! Wir haben keines Antichrists notwendig, der gegen uns mit so gräulichen Instrumenten heran gezogen komme, um unsre Tugend, unsern Glauben, unsre Hoffnung und Liebe zu dir zu versuchen; Drangsale und Widerwärtigkeiten finden wir täglich ohnehin genug, mehr als uns lieb ist, welche unsre Tugend sattsam auf die Probe stellen; könnten wir diese allein mit Geduld und Zufriedenheit dir und dem Himmel zu Gefallen ertragen? Gelegenheiten haben wir überflüssig jede Stunde, unsre Augen Ohren, Zunge, Sinnlichkeit, böse Anmutungen abzutöten; allein auch dieses ist für uns manchmal eine viel zu bittere Marter, welche uns öfter ohne Zwang und Anfall der verfolgenden Tyrannen von Haltung deiner heiligen Gebote abschreckt; ein kleiner Verdruss, ein Widerspruch, ein scheeles Auge ist bisweilen schon fähig genug, unsre vermeinte Tugend über den Haufen zu werfen und sie in Ungeduld, Zorn und Rachsucht zu bringen; was würde es dann mit uns sein in jener schrecklichen Verfolgung, welcher auch viele von den heiligsten und unschuldigsten Seelen nicht Widerstand leisten werden?

Sittenloses Leben statt tugendhaftes Verhalten

Es hat sich endlich wohl, lieber tausendmal sterben, als Jesus verleugnen und dem gottlosen Antichrist anhangen! Jetzt wirklich halten die meisten schon die Partei des Antichrists wider Jesus Christus, unsern Heiland. Hört, was der heilige Johannes in seinem ersten Brief sagt: Und jeder Geist, der Jesus aufhebt, ist nicht aus Gott, und dieser ist der Antichrist, von dem ihr gehört habt, daß er kommt, und er ist schon jetzt in der Welt. (1. Joh. 4, 3) Kornelius a Lapide spricht: Der Antichrist ist wirklich in der Welt, nicht zwar in eigener Person, sondern dem geist nach, nämlich in seinen Vorläufern. Gebt nur Acht, meine Andächtigen! So werdet ihr nicht nur einen, sondern viele Antichristen fast aller Orten antreffen; ist der Vater, die Mutter nicht ein Antichrist, d.i. Wider Christus, welche ihren Kindern allen Mutwillen gestatten, dieselben wider das Gesetz Christi zur Eitelkeit, zum Müßiggang, zur Hoffart führen und von wahrer Andacht und eifriger Liebe zu Christus abhalten? Ist der nicht ein Antichrist, welcher wider das Gebot Gottes seinen Nebenmenschen zur Rache aufmuntert, in die Gefahr und Gelegenheit zur Sünde bringt? Ist der nicht ein Antichrist, welcher einer Weibsperson Geld, Gnade und Hilfe anbietet, um sie ihrer jungfräulichen Ehre oder ehelichen Treue zu berauben? Ist nicht auch ein Antichrist jene Weibsperson, welche mit unehrbarem Anzug Anzug und leichtfertigen Gebärden andere zur Geilheit anreizt? Ist der nicht ein Antichrist, welcher mit seinen Reden und bösem Beispiel andere ärgert und verführt? Alle diese, sagt der heilige Augustinus, sind Antichristen und Teufelsdiener. Ein Jeder, er geistlich oder weltlich, welcher der Gerechtigkeit seines Standes zuwider lebt, der ist ein Antichrist und Anhänger des Teufels. Was liegt daran, wenn du schon Christus mit dem Mund nicht verleugnest und den Glauben nicht verlierst, wenn du ihn doch mit dem werk verleugnest und durch eine Todsünde die Liebe verlierst? Wozu wird dir der Glaube nützen, als zur größeren Verdammung? Was hast du anderes getan, da du dich von den Antichristen, welche du vor Augen gehabt, verführen ließest, als daß du Christus mit dem Werk entsagt? Dein falscher Schwur und deine Verwünschung, was war es anders, als wegen eines schlechten zeitlichen Gewinnes Gott entsagen, Christus verleugnen? Indem du in unreine Gedanken und Begierden eingewilligt, was war es anders, als jenes Zeichen des Antichrists: ich verleugne Jesus, in dein Herz eindrücken? Mit einem Wort: eine jede Todsünde, welche du mit Gedanken, Worten und Werken begangen hast, war nichts anderes, als ein Bekenntnis, daß, wenn du gleich den Glauben an Christus nicht abschwörst, du ihm doch die schuldige Liebe und den schuldigen Gehorsam versagen wollest, eines Gutes, einer Ehre oder Wollust wegen, welche dir der Geist des höllischen Antichrists angeboten hat. Und o wie viele solche Sünden geschehen nicht täglich in der Welt!

Welche Verantwortung für uns Christen

Christen, welche Verantwortung für uns! Ach, arme, unglückselige Seelen, die ihr in jener schrecklichen Zeit leben werdet, wie seid ihr zu bedauern! Wenn dennoch auch ihr, nachdem ihr euch durch so schwere Versuchungen, Verfolgungen, Martern, Scheinheiligkeit und Wunder des Antichrists gleichfalls werdet haben verführen lassen, nicht zu entschuldigen, sondern durch die gerechten Urteile Gottes zum ewigen Feuer der Hölle werdet verdammt werden, welche Entschuldigung wird uns dann übrig bleiben? Welche Hölle für uns, die wir jetzt, da wir der Freiheit der Kinder Gottes so wohl genießen können, uns so leicht verführen, von Gott abhalten, zum Anhang des Teufels verleiten lassen und wie die Antichristen, di. wie geschworne Feinde Jesu Christi, leben?

Unschuldige Seelen! Die ihr bisher Christus, eurem Heiland, noch beständige Treue bewahrt, ach. Flieht, flieht doch so gut ihr könnt mit aller Behutsamkeit diejenigen, welche euch zu etwas, das dem göttlichen Gebot zuwider läuft, auf welche auch immer verleiten wollen; fasset ein Herz in den Versuchungen und allen Anreizungen zum Bösen; denkt und sagt nur kühn wider den Antichrist und dessen ganzen Anhang: Fort mit euch; ich liebe Jesus Christus, dieses Zeichen soll in meinem Herzen, auf meinen Augen, auf meinen Händen ausgedrückt bleiben; ich liebe Jesus Christus, diesem allein halte ich beständige Treue, um kein Gut, keine Lust und Freude ist mir dessen Freundschaft feil; ich liebe Jesus Christus, diesen will ich allzeit lieben, so lange nur der Atem in mir sein wird; allem dem, was Jesus Christus zuwider, kündige ich nun für ewig auf, und du, o allmächtiger Gott! Bewirke doch mit deiner mächtigen Gnade in uns allen, daß wir jener schrecklichen Verfolgungszeit des Antichrists vorkommen mit wahrer, ernstlicher Buße über unsere Sünden, mit Abschaffung aller Missbräuche, welche jenem hoffärtigem, boshaften Unmenschen zur Ausbreitung seines Reiches dienen werden, und mit desto größerem Eifer in deinem Dienst, mit desto größerer Geduld in den Widerwärtigkeiten, mit desto inbrünstigerer Liebe zu dir, unserm Gott und Heiland, mit dem öffentlichen Bekenntnis, mit allen unsern äußeren Sitten und Gebärden, daß wir mit dem Antichrist und dessen Anhang nichts zu schaffen haben, sondern in deinem Glauben, in deiner Liebe verharren wollen bis in den Tod. Amen. –
aus: Franz Hunolt SJ, Christliche Sittenlehre der evangelischen Wahrheiten, dem christlichen Volk in sonn- und festtäglichen Predigten vorgetragen, Bd. 9, Siebzehnter Teil, 1848, S. 100 – S. 106

siehe auch den Beitrag: Der Antichrist Merkmale der Verfolgung

siehe auch die hervorragende Auslegung der Geheimen Offenbarung von Sylvester Berry: Die geheime Offenbarung des hl. Johannes

Bildquellen

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