Für den Sünder gibt es keine Ausflucht

Warum es für den Sünder keine Ausflucht gibt

Hienieden bietet sich dem Sünder noch manche Ausflucht dar, die Schwere seiner Vergehungen vor sich selbst und vor der Welt zu beschönigen. Das Temperament, die Schwachheit der Natur, die Macht des bösen Beispiels, die Ungunst äußerer Verhältnisse benutzte er zur Maskierung seiner ruchlosen Gesinnung, so daß es ihm manchmal gelang, nicht nur das eigene, sondern auch das fremde Gewissen zu bestehen. Für jede Ausschreitung und Ausschweifung hatte er im voraus eine Schutzrede bereit, mit der er die Schwere der Schuld vor seinen eigenen Augen verschleierte und beim Gericht der Mitwelt die Wohltat mildernder Umstände erschlich. Der Lasterhafte vollends, der gewohnheitsmäßig Schandtat auf Schandtat häufte und die „Sünde trank wie Wasser“, ward sich seines abscheulichen Tuns kaum noch bewußt, er wußte nichts mehr davon, weil er nichts mehr davon wissen wollte. Wie ängstlich mied er die Selbsterforschung, wie gewaltsam betäubte er das von Zeit zu Zeit wieder aufwachende Gewissen, wie eifrig hütete er den Schein der Tugend, wie beharrlich floh er den Tadel und wie brauste er auf, wenn seine Rechtschaffenheit in Zweifel gezogen wurde. Nicht selten ist der frechste Verbrecher auch im Heucheln und Leugnen am frechsten; und mag er auch vor den Mitgenossen seiner Schandtaten sich rühmen, so offenbart er ihnen doch nicht seine ganze Schlechtigkeit, sondern behält einen Teil für sich und verschließt ihn sorgfältig in sein Inneres. Woher diese Feigheit, die mit der stolzesten und trotzigsten Gesinnung gegen Gott und sein Gesetz gepaart ist? Sie hat ihren Ursprung in der Angst vor Schande.

Beim letzten Gericht muß jede Maske fallen, wird jeder Schleier zerrissen und die traurige Kunst des Verstellens und des geflissentlichen Vergessens mit allen ihren erbärmlichen Hilfsmitteln elend zu Schanden; der Nebel der Selbsttäuschung zerrinnt, die Selbst- und Weltbetrügerei wird von bitterer Enttäuschung abgelöst. Über die Sünden nachdenken, war lästig; an sie erinnert werden, peinlich; sie erkennen, schwierig; sie in ihrer ganzen Größe und Schwere ermessen, hienieden unmöglich.

Jetzt muß sich der Angeklagte in seiner ganzen Scheußlichkeit schauen und zugleich den Blicken der zahlreichsten und erlauchtesten Versammlung, die je auf Erden getagt, sich ausgesetzt sehen; nichts entgeht ihnen, sein ganzes Sündenleben liegt mit einem Male offen vor ihnen. Er fühlt sich zerschmettert und zermalmt, er möchte vergehen vor Scham, aber er muß ausharren. Er vernimmt die bitteren Reden der Auserwählten, welche ihm seine früheren Spöttereien über Religion und Tugend heimzahlen: „Da sehet den Menschen, der Gott nicht ansehen wollte als seinen Helfer (Ps. 51, 9) seht ihn, der dem Allmächtigen trotzte, seinen Namen lästerte und uns als Toren schalt. Was hat er nun davon, daß er für ein erbärmliches Linsengericht, für eine Handvoll Gold, für eine Scholle Land, für einen augenblicklichen Sinnenkitzel das Recht der Erstgeburt, die Würde der Gotteskindschaft, das Anrecht auf die himmlischen Güter, seiner Seele Seligkeit verkauft hat? Der beklagenswerte Tor! Dahin hat ihn seine Weltklugheit und Aufklärung gebracht; er hat in seinem Leben Gutes empfangen, er hat seinen Lohn. Der Name Sünder ist nun sein einziger Titel, die Sündenschuld sein letzter Reichtum, die Verzweiflung ſseine Hoffnung, ewiger Tod sein Leben.

Ach, werden jetzt die Unglücklichen seufzen, „das sind die, welche wir früher zum Gelächter hatten und zum Stichblatt des Übermutes. Wir Toren, die wir ihren Wandel als Narrheit ansahen und ihr Ende als ehrlos. Siehe, wie sie nun unter die Kinder Gottes gezählt sind, und unter den Heiligen ihr Besitzteil ist. Ja, wir waren abgeirrt vom Wege der Wahrheit, und das Licht der Gerechtigkeit leuchtete uns nicht, und die Sonne der Einsicht ging uns nicht auf. Wir erschöpften unsere Kraft auf der Straße des Unrechtes und des Verderbens und durchwanderten ungebahnte Pfade, nur den Weg des Herrn kannten wir nicht. Was frommte uns der Übermut? was hat des Reichtums Prahlen uns eingebracht? Vorübergegangen ist alles wie ein Schatten.“ (Buch der Weish. 5, 3 f) Es ist ihnen nichts geblieben, als die schmerzliche Erinnerung an die unerlaubten Güter und Genüsse, die nun unwiederbringlich dahin sind, als das Gedächtnis an die Sünden, das nun keine Lust mehr ist, sondern eine unerträgliche Last, ein Meer von Scham und Schande. Sie heulen: „Berge, fallet über uns, Hügel, bedecket uns!“ (Luk. 23, 30)

Die marternden Vorwürfe, welche die Seligen den Verdammten entgegen schleudern, werden bald übertönt von dem Wutgeschrei derjenigen, welche einst Genossen der Sünde gewesen und nun Genossen der Strafe geworden sind. Wilden Furien gleich stürzen sich die Opfer der Verführung auf ihre boshaften Verführer und fordern von ihnen die verlorene Tugend und den verscherzten Himmel zurück. Du treuloser Jüngling, heult es aus der Rotte, hast mich durch deine süß schmeichelnden Reden um meine Unschuld und Seligkeit gebracht; gib mir wieder, was du mir geraubt! Du schamloses Weib, hallt es zurück, hast durch deine unehrbare Kleidung, durch deine lüsternen Blicke und Gebärden mich umstrickt, so daß ich in den Sumpf des Lasters geriet und darin umkam; sei ewig verflucht! Du unbarmherziger Gatte hast mich zuerst zur Mitwisserin und dann zur Mitschuldigen deiner boshaften Ränke und Händel gemacht, so hast du mir meine Liebe gelohnt; hinweg von mir! Du böses Weib hast durch deine Zanksucht und Lieblosigkeit mich mit Gewalt dahin getrieben, daß ich ein pflichtvergessener Gatte und Familienvater geworden bin; wehe dir! Ihr grausamen Eltern, du gottloser Vater und du törichte Mutter, ihr habt durch schlechte Erziehung und böses Beispiel mich armes Kind in das zeitliche und ewige Verderben gestürzt; ach, wäre ich nie geboren! verflucht sei die Stunde, wo man euch zu meinem Eintritt ins Leben beglückwünscht hat! Ihr nichtswürdigen Vorgesetzten, Lehrer, Erzieher, habt meine Seele vernachlässigt und herzlos schnöder Verführung preisgegeben; ewiger Fluch eurem Andenken! Ihr ruchlosen Kameraden habt meinem arglosen Sinn und meinen Füßen Fallstricke gelegt, so daß ich fiel und nie wieder aufstand; ewige Schande über euch! Die gegenseitigen Anklagen, Verwünschungen und Verhöhnungen im Haufen der Verdammten wachsen immer mehr und erfüllen die Luft mit einem wilden Wehe- und Wutgeheul.

Die härteste Beschämung aber, die den Sünder treffen kann, ist die unwiderstehliche Notwendigkeit, mit der derselbe als Ankläger, Zeuge und Richter gegen sich selbst auftreten muß. Wenn früher die Stimme Gottes in ihm gegen sein gottloses Trachten und Tun aufschrie, suchte er sie mit Gewalt zu ersticken, und es gelang ihm dieses leider zu gut, so daß sie immer schwächer und seltener, bald nur noch in leisen Klagen und Seufzern sich vernehmen ließ und endlich völlig schwieg. Jetzt ist die Stunde gekommen, wo das Gewissen für die erlittene Vergewaltigung sich entschädigt und rächt. Wie ein wildes Tier, das lange Zeit im Käfig gefangen gehalten worden, mit grimmiger Luſt die wiedererlangte Freiheit gebraucht, so tritt das Gewissen am jüngsten Tage mit grausamem Ungestüm in das Amt des Henkers; nachdem es so lange in der Brust des Sünders gefesselt und halb stumm hat liegen müssen, macht es sich Luft durch dessen eigenen Mund, indem es den Mark und Bein erschütternden Schrei auspreßt: Mea culpa! mea culpa! mea maxima culpa!

Einst war dies der Ruf, in welchem das reuevolle Herz Hoffnung, Erleichterung und Hilfe fand, jetzt ist es der Angstruf der Schande und der Verzweiflung. Mir ist recht geschehen, du gerechter Gott! ich habe kein besseres Los verdient und gewollt. Verachtet mich, ihr Seligen alle, und ihr Mitverdammten, verhöhnt und verfluchet mich! Du ganze Schöpfung, erhebe dich wider mich und stoße mich von dir! Ihr Elemente alle, verfolgt mich und entladet euren Haß gegen den Feind eures Schöpfers! Du Himmel, schleudere Blitze herab auf mein gottloses Haupt, und du Erde, öffne dich und verschlinge mich! (Vgl. Buch der Weish. 5, 22) Und so wird es geschehen. –
aus: Wilhelm Schneider, Das andere Leben, Ernst und Trost der christlichen Welt- und Lebensanschauung, 1896, S. 291 – S. 294

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