Charakterschwäche und Gewissen

Moderne Charakterschwäche

Ohne Schwarzseherei und ohne Verdammungslust, wovor Gott seine Diener in Gnaden bewahren möge, muss auch der wohlwollendste Menschenfreund gestehen, daß sich im Charakter der modernen Menschheit eine gewisse Schwäche sehr zu unserem Nachteil fühlbar macht. Das alte Wort: „Selbst ist der Mann!“ kennen wir kaum mehr, ja wir schütteln darüber bedenklich das Haupt. Was müsste aus unserem ganzen öffentlichen Leben werden, wenn dieser Grundsatz wieder Herr werden sollte! Da wären ja Tausende unserer Polizei-Fühlhörner und Sicherheitswächter ganz umsonst auf der Welt. Da dürften die die Advokaten und die Friedensrichter heute noch ihre Amtsstuben schließen. Und was fingen erst die Zeitungsschreiber an! Wo sollten sie noch das Publikum auftreiben, von dessen Leichtgläubigkeit, von dessen Ungeübtheit in der Kunst, sich selber ein Urteil zu bilden, sie jetzt so bequem leben? Wir fänden uns selber kaum mehr in unserer Heimatstadt zurecht, wenn wir uns auf einmal unter lauter Leute hinein versetzt sähen, von denen jeder seine eigene, selbständige Art, zu denken und sich auszudrücken, hätte. Wenn wir nun einmal in so einer alten Chronik von dem Leben und Treiben unserer Väter im Mittelalter lesen, da dreht sich uns alles im Kopf herum. Wir begreifen nur schwer, wie die Leute damals mit einander verkehren und ein Gemeinwesen bilden konnten. Das kommt uns alles so wunderlich vor, daß wir uns nur in Seufzern über die Zerrissenheit der Geister und über das Chaos der Dinge von damals Luft zu machen wissen.

Wir können uns eben den Menschen und erst gar eine Gemeinsamkeit nicht anders denken als so, daß einer nicht bloß für das Ganze lebe, wie ehemals im Mittelalter, sondern auch vom Ganzen, wie im heidnischen Altertum. Uns muss die Staatsgewalt alles besorgen, was wir zum Leben und zum Luxus brauchen, Mittel gegen Trichinen und Reblaus, Schutz vor Mäusen und Maikäfern, gesunde Luft und richtige Zeit, eine bessere Rechtschreibung und die gleiche Höhe des A in allen Orchestern. Hat mein Nachbar vergessen, mir den entlehnten Löffel zurück zu stellen, so getraue ich mir ihn nur aus den Händen uniformierter und mit schriftlichem Gerichtserkenntnis bewaffneter Stellvertreter Sr. Majestät oder des Herrn Präsidenten in Empfang zu nehmen, aus Furcht, sonst wegen unbefugter Aneignung selber in Prozess und Strafe verwickelt zu werden. Mache ich eine Zahlung, sende ich einen Brief ab, öffne ich ein Fenster, sogar im Gebrauch meines Eigentums, immer lebe ich in beständiger aller getreuester Furcht, ich möchte etwa ein Gesetz verletzen und diese Unselbständigkeit im öffentlichen Handeln, diese ewige Rücksichtnehmerei, diese Krankheit, alles durch Diener der öffentlichen Macht besorgen zu lassen.

Und würde sich diese Abhängigkeit nur auf das öffentliche Auftreten beschränken! So aber hat sie fast noch mehr das innere Leben ergriffen! Wer getraut sich noch, seine Überzeugung auszusprechen, ehe er sicher ist, daß seine Mitbürger und Stammesgenossen alle die gleiche Ansicht haben? Bald kommt es so weit, daß wir keine mehr haben, als die wir eben von unserer Umgebung hören. Unter Schwarzen sind wir schwärzlich, unter Roten blutrot. Wer vor uns etwas recht derb verteidigt oder verwirft, dem fallen wir ohne Wehr zu, ohne daß wir zu widersprechen, ohne daß wir etwas anderes zu denken wagen. Schließlich meinen wir gar nichts mehr, denn wir haben vor Nichtgebrauch unsere Überzeugung einrosten, ja vom Rost auffressen lassen. Und dann beschwichtigen wir das innere Mißbehagen über unsere Inhaltslosigkeit mit dem schalen Trost: Was brauchen wir auch noch eine eigene Meinung? Haben wir nicht statt deren die öffentliche Meinung? Beugen sich nicht vor dieser alle, selbst die Träger der Gewalt? Was brauchen wir klüger zu sein und selbständiger als alle? Gehen wir ,mit den übrigen, so haben wir Frieden und Freunde überall, so kommen wir besser durch die Welt, so finden wir Anerkennung und Lob und Ehre, wohin wir uns wenden. Stellen wir uns aber auf eigene Füße, so stehen wir allein, bringen es nirgends zu etwas, und keiner redet von uns als höchstens von Leuten, die Welt und zeit nicht verstehen, und das wollen wir uns nicht nachsagen lassen. Will man in der Welt leben, so muss man sich auch in die Welt schicken und nicht besser sein wollen als sie.

Daß bei solcher Grundsatzlosigkeit keine Charaktere aufkommen, liegt in der Natur der Sache und bedarf keiner Erklärung. Wer ohne feste Grundsätze dahin lebt und heute so urteilt, wie man es ihm heute vorsagt, und morgen so handelt, wie man es ihm morgen einredet, der ist kein Charakter und wird nie einer. Ein charakterfester Mensch ist nur der, der seine eigenen Grundsätze hat und nach ihnen unerschütterlich handelt und spricht, so wie er es in seinem eigenen innern in jedem besonderen Fall als recht und gut erkennt, mag es ihm dann Lob und Nutzen oder schaden und üble Nachrede bringen. Ein Mann von gewissen ist immer auch ein Mann von Charakter. Wo Gewissen, da Unabhängigkeit. Wer aber schwach und schwankend wie das Schilfrohr jedem Windhauch nachgibt, dem fehlt es an Charakter, weil es ihm an einem richtigen oder doch einem festen Gewissen fehlt.

Leider hat der moderne Mensch den Mund so voll von Bildung und von Wissen, daß ihm für die Ausbildung des Gewissens weder Zeit noch Verständnis mehr übrig bleibt. Deshalb muss die Charakterschwäche, die ein so bedenkliches Merkmal unserer Gesellschaft bildet, dem modernen Geist zugeschrieben werden, weil er die Bedeutung des Wissens so sehr übertreibt und dafür den Willen und namentlich das Gewissen so unverantwortlich vernachlässigt.

Die Philosophie und das Gewissen

Hier können wir nicht anders als Anklage gegen alle erheben, in deren Händen die Bildung des sogenannten Zeitgeistes oder der öffentlichen Meinung liegt. Keine menschliche Kraft ist in der modernen Philosophie und in allen Zweigen der Kultur, die von ihr beeinflußt sind, keine zumeist in der Pädagogik mehr vernachlässigt oder entstellt als die wichtigste und einflußreichste von allen, das Gewissen. Auch die Alten zeigen in diesem Stück eine ganz auffallende Schwäche. Sie haben jedoch die Entschuldigung für sich, daß sie dieses schwierigste und innerlichste Gebiet des menschlichen Herzens ohne das Licht der Offenbarung nicht mit voller Sicherheit durchforschen konnten. Dagegen trifft die neuere Philosophie ein doppelter Vorwurf, einmal der, daß sie in einer so dunklen und so vielen Täuschungen ausgesetzten Frage jede höhere Erleuchtung trotzig zurück wies, und dann der, daß sie um so oberflächlicher über eine so folgenreiche Lehre hinweg ging, je weniger sie mit ihren eigenen getrübten Blick in sie einzudringen vermochte.

Die Lehre vom Gewissen, sagen wir, bildet eine der schwächsten Seiten in der neueren Philosophie. Es ist schon im höchsten Grade befremdend, daß diese ein vorher gehendes Gewissen kaum kennt, sondern fast nur das nachfolgende Gewissen. Aber noch üblere Vorbedeutung liegt darin, daß ihr auch das letzte bloß in der Gestalt des strafenden und verurteilenden Richters bekannt ist…

Sollen wir glauben, diese Philosophen hätten nie eine gute Tat vollbracht, so daß sie Gewissen und Gewissensbisse für eines und dasselbe nehmen und das lohnende Zeugnis des guten Gewissens nicht einmal kennen? Wir wollen ihnen diesen Schimpf ersparen, obwohl sie sich über eine solche Auslegung nicht beschweren könnte.

Aber dazu gibt uns gegen die Anmaßung der modernen Philosophie verwahren, die sich so unerfahren in den Vorgängen des inneren Lebens zeigt und gleichwohl die christliche Moral so tief herab setzen zu müssen vermeint.

Da stünde fürwahr das Schweigen besser, wenn sie mit Spinoza über das Gewissen nichts anderes zu sagen weiß, als daß Gewissensbisse der Gegensatz von Freudigkeit seien oder eine Traurigkeit, mit der sich der Begriff einer vergangenen Sache verbinde, die sich wider Verhoffen ereignet habe. Mit Recht sagt Stäudlin: matter, unbedeutender, unbestimmter und sprachwidriger könne man nicht vom gewissen reden als so. Und es ist eine sonderbare Verteidigung, wenn Kuno Fischer auf diese Anklage erwidert: vom Spinozismus eine Moral erwarten, die man auch als Richtschnur für das Handeln brauchen könne, hieße Kürbisse von der Eiche verlangen. Spinoza sei kein Moralist und habe es der Natur der Sache nach nicht sein können sowie der Spinozismus kein Moralsystem. Aber warum schreiben dann die Herren Bücher über Dinge, über die sie nicht schreiben können? Und warum maßen sie sich an, die Moral des Christentums zu verachten und ihr eine eigene, neue Ethik entgegen zu stellen, um jene aus den herzen zu verdrängen? Wären die Erben Spinozas nur auch ebenso bescheiden, wie sie genügsam sind! Wir vergönnen der spinozistischen Ethik ohne Neid ihre Eicheln, wenn sie damit vorlieb nimmt, und verlangen von ihr keine Kürbisse,, die für uns so wenig Anziehungskraft haben wie die Eicheln. Möge nur auch sie dem Ölbaum die Olive und dem Feigenbaum die süße Feige und dem Weinstock seine edle Traube lassen und uns nicht zumuten, daß wir, gewohnt, in den Gärten des himmlischen Lehrers mit menschlicher Nahrung und genießbaren Früchten gespeist zu werden, wieder zu der Eichelkost des urwäldlichen Menschtums zurück kehren!

Der Protestantismus und das Gewissen

Übrigens müssen wir offen gestehen, daß es um die Lehre vom Gewissen in den Lehrbüchern des modernen Protestantismus nicht weniger schlimm bestellt ist als bei unsern Philosophen. Fast tut einem die Wahl weh zwischen der Eichelkost bei den Philosophen und den Trebern der neuesten protestantischen Theologie. Der gefeiertste Moraltheologe des modernen Protestantismus, Richard Rothe, ist so weit entfernt davon, im Gewissen eine Gabe Gottes oder einen Vorzug der menschlichen Natur zu sehen, daß er es vielmehr eine Folge des Sündenfalles, ja eine Verdunkelung des menschlichen Bewusstseins nennt, auf die der Mensch zur Strafe für die Sünde herab gesunken sei. Demgemäß hätten Adam und Eva vor der Sünde gar kein Gewissen gehabt. Dann konnten sie aber auch keine Sünde begehen, folglich auch nicht zur Strafe für ihren Fall mit dem Gewissen bedacht werden.

Wo aber eine derartige Unklarheit über das Gewissen besteht, ja wo man es geradezu als etwas Böses, als eine Geißel für den Menschen betrachtet, da brauchen wir uns nicht darüber zu wundern, daß man auf das Gewissen nichts hält, und daß man in der Erziehung und im sittlichen Leben lieber gar nicht davon spricht. –
aus: Albert M. Weiß, Apologetik, Bd. 1, 1905, S. 109 – S. 115

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