Bedürfen wir keines Sühnopfers?

Der Priester steht in der heiligen Messe vor dem Hochaltar, hält die nach der Wandlung geweihte Hostie hoch, die Ministranten und das gläubige Volk knien mit gesenktem Haupt

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

§ 2. Das heilige Messopfer

Das Sühnopfer ist keineswegs überflüssig für uns

Ganz unbegründet ist der Einwurf unserer Glaubensgegner, daß wir keines Sühnopfers mehr bedürfen, da das vom Heiland am Kreuz dargebrachte überschwängliche Sühne in sich sich schließe. Allerdings hat Christus durch sein Opfer am Kreuz die Sünden der ganzen Welt gesühnt; allein wie die Gnaden, die er uns durch eben dieses Opfer verdient hat, ein allgemeiner Schatz sind, der dem einzelnen erst zugewendet werden muss, so ist auch jene Sühne ein Gemeingut, das nicht jeder ohne weiteres zu eigen besitzt. Nicht jedem einzelnen sind darum schon alle seine Sünden vergeben, weil Christus für die Sünden aller genuggetan hat. Damit unsere Sünden uns wirklich nachgelassen werden, müssen wir vor allem die entsprechende Bußgesinnung haben, und dazu bedürfen wir größerer oder geringerer Gnaden. Je mehr wir in Sünden und Laster verstrickt sind, ein desto größeres Maß von Gnaden ist notwendig, um uns zu wahrer Buße zu führen; anderseits aber macht gerade die Größe und Menge der Sünden uns der göttlichen Gnade unwürdig und zum Gegenstand seines gerechten Zornes. Wie soll nun trotzdem Gott der Herr bewogen werden, uns so große Gnaden zu schenken? Wodurch soll der Zorn Gottes gegen uns besänftigt und seine Erbarmung uns ungeachtet unserer Unwürdigkeit wieder zugewendet werden? Durch die sühnende Kraft des hl. Messopfers.

Ein fortdauerndes Sühnopfer ist also keineswegs überflüssig für uns, und nicht ohne Grund lehrt das Konzil von Trient, „das hl. Messopfer sei in Wahrheit ein Sühnopfer, und es werde durch dasselbe bewirkt, daß wir Barmherzigkeit und Gnade finden zur Zeit, wo uns Hilfe not tut.“ (Sitz. 22, Kap. 2) Auch zur Tilgung der zeitlichen Sündenstrafen dient die sühnende Kraft des hl. Messopfers, indem es uns aus dem unendlichen Schatz der Genugtuungen, die Christus uns am Kreuz erworben hat, einen bestimmten Teil zuwendet. Auch dies ist die ausdrückliche Lehre des genannten Konzils, und der aus der apostolischen Zeit überkommene Gebrauch, das hl. Opfer auch für die Verstorbenen darzubringen, ist ein vollgültiger Beweis dafür.

Nachdem wir gesehen haben, wie die Kirche dem himmlischen Vater täglich seinen eingeborenen Sohn zum Opfer bringt, so bleibt uns zur Vervollständigung dieses Gegenstandes noch übrig, auch in Betracht zu ziehen, wie die Kirche bei der hl. Messe mit und durch Christus zugleich sich selbst dem Allerhöchsten aufopfert. Der hl. Augustin trägt diese Lehre im Buch 10 von der Stadt Gottes (Kap. 6 u. 20) wiederholt vor und stützt sie auf den vom Apostel so nachdrücklich eingeschärften Grundsatz, daß Christus unser Haupt ist und „wir alle ein Leib in Christus sind“. Dieser geheimnisvolle Leib ist die Kirche. Christus als deren Haupt ist zugleich ihr erhabenstes Vorbild, dem sie stets gleichförmiger zu werden sich bemüht. Da nun die Kirche Christus täglich als Opferlamm auf ihren Altären erblickt, so lernt sie von ihm sich selbst mit ihm dem himmlischen Vater zum Opfer bringen. Wie Jesus, ihr Bräutigam, da er noch im sterblichen Fleisch wandelte, zur Ertragung namenloser Leiden und selbst des bittern Todes am Kreuz sich hingab, so gibt auch sie, die liebende Braut, sich Gott dem Herrn hin zur Erduldung aller Leiden und Widerwärtigkeiten, die seine väterliche Vorsehung ihr zusenden mag. – Jesus ist ferner als Haupt der Kirche auch deren Mittler bei Gott, durch ihn hat sie Zutritt zum Thron des Allerhöchsten, durch ihn allein hofft sie Gnade zu finden. Daher wagt sie es nicht anders als durch ihn das Opfer ihrer selbst dem ewigen Vater darzubringen. Nur das gläubige Vertrauen, daß Jesus Christus ihr Opfer vor dem Throne Gottes niederlegen werde, verleiht ihr die feste Zuversicht, dasselbe werde dem Allerhöchsten angenehm sein.

Dem Gesagten zufolge wird also der fromme Christ, um dem Geist der Kirche zu entsprechen, bei der Messe sich selbst mit und durch Christus dem himmlischen Vater aufopfern. Er wird es tun in der tiefsinnigen Überzeugung seiner Unwürdigkeit, mit reumütigem Herzen und heißem Verlangen, daß Gott diese seine Opfergabe gnädigst annehmen möge. Und wenn diese gänzliche Hingabe des Christen an Gott nicht in bloßen Worten besteht, sondern zur Tat wird, wenn alle Gedanken und Begierden, alle Reden und Handlungen des Tages auf den Dienst Gottes abzielen, so wird er nach dem Ausdruck des Apostels „eine lebendige, heilige, Gott wohlgefällige Opfergabe“ (Röm. 12, 1), und ein wahrer Nachahmer Jesu Christi sein. (s. Thomas von Kempen, Bch. 4 Kap. 7-9)

Über die liebevolle Absicht unseres Heilandes, als fortwährendes Sühnopfer unter den Menschen zu verbleiben, finden wir in den Werken des berühmten Predigers Paul Segneri (Über die heilige Messe, Bd. XI der dtsch. Ausgabe seiner Werke, 1854, S. 356) die folgenden ergreifenden Worte: „Fürwahr, hätte die Liebe Jesu Christi in allen seinen Werken allein die Entscheidung gehabt, so würde ich glauben, daß er, wie er drei Stunden am Kreuz gehangen, gern bis zum Ende der Welt daran ausgespannt geblieben wäre, um stets mit der Stimme seiner Tränen und seines Blutes nicht bloß unser Heil, sondern auch alle Mittel zu erflehen, die für uns zur Erlangung desselben am förderlichsten gewesen wären.Aber weil dies zum Zweck weder notwendig, noch in Anbetracht der Ratschlüsse der göttlichen Vorsehung überhaupt geziemend war, so erfand der Erlöser zum Ersatz hierfür und um dem heißen Drang seiner Liebe zu genügen, dieses neue Mittel, um auch nach seinem Hingang zum Vater bei uns auf Erden zu bleiben, indem er uns seinen göttlichen Leib als heiliges Sühnopfer hinterließ.“ Wir können uns darum ein kräftigeres Mittel den Zorn Gottes zu besänftigen und für uns und andere Verzeihung zu erflehen, nicht wünschen, als Christus im hl. Messopfer es uns geschenkt hat. – aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Ein Hilfsbuch für die Christenlehre und katechetische Predigt, 3. Band Lehre von den Gnadenmitteln, 1912, S. 175-176; S. 518

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