Die christliche Tugend der Demut

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

Die den Hauptsünden entgegen gesetzten Tugenden

Über die christliche Tugend der Demut

Welche Tugenden sind besonders den Hauptsünden entgegen gesetzt?

1. Die Demut, 2. die Freigebigkeit, 3. die Keuschheit, 4. die wohlwollende Liebe, 5. die Mäßigkeit im Essen und trinken, 6. die Sanftmut, 7. der Eifer im Guten.

1. Dem Laster der Hoffart ist entgegen gesetzt die Tugend der Demut. Während der Hoffärtige sich Vorzüge beilegt, die er nicht besitzt, und auch von andern dementsprechend geachtet und geehrt zu werden verlangt, erkennt der Demütige sich als das an, was er in Wahrheit ist, und wünscht auch von andern so angesehen und behandelt zu werden. In Wahrheit aber sind wir alle aus uns selbst nichts und vermögen aus uns nichts als Fehler und Sünden zu begehen. Was wir Gutes haben und vermögen, verdanken wir voll und ganz Gott, dem Urquell alles Guten. Ihm allein gebührt daher auch alle Ehre dafür, wir aber verdienen wegen unseres Armseligkeit und Sündhaftigkeit nur Geringschätzung und Verachtung. Das erkennt der Demütige bereitwillig an. Deshalb freut er sich, wenn Gott die gebührende Ehre, ihm selbst aber die verdiente Geringschätzung zuteil wird. Er verschließt zwar auch seine Augen nicht vor dem Guten, das er besitzt; aber weil er darin eine unverdiente Wohltat Gottes erkennt, so bildet er sich nichts darauf ein, verlangt nicht daraufhin besonders geachtet zu werden, sondern dankt Gott dafür und fühlt seine eigene Niedrigkeit um so mehr, je unfähiger er sich sieht, den schuldigen Dank nach Gebühr abzustatten. Er ist deshalb auch gern zufrieden mit dem, was Gottes Weisheit und Güte ihm zuteilt und nimmt aus dessen Hand Glück und Unglück bereitwillig an. Wie sich selbst, so betrachtet der Demütige auch seine Mitmenschen als das, was sie in Wahrheit sind, als Geschöpfe Gottes, die aus sich nichts haben, aber durch Gottes Güte manchfache Gaben und Vorzüge besitzen. Um der letzteren willen ehrt er alle Mitmenschen oder vielmehr er ehrt Gott in ihnen. Weit entfernt darum, sich über andere zu erheben, setzt er sich im Herzen allen andern nach und ordnet sich, so weit seine äußere Stellung dies erlaubt, allen andern unter. Die Ehre, die ihm selbst von andern gebührt mit Rücksicht auf das Gute, das er als Gabe Gottes besitzt, nimmt er zwar an, bezieht sie aber auf Gott, dem im Grunde allein die Ehre von allem gebührt. Die christliche Demut besteht somit darin, daß wir in Anerkennung unserer Schwäche und Sündhaftigkeit alles Gute Gott zuschreiben, uns selbst aber gering achten.

Durch diese Tugend zeichneten sich alle Heiligen und frommen Diener Gottes aus. Schon in dem gottesfürchtigen Patriarchen Abraham tritt uns diese Tugend in mehr als gewöhnlichem Grade entgegen. Voll Ehrfurcht steht der künftige Stammvater des auserwählten Volkes vor dem Herrn und spricht, indem er für Sodoma um Rettung fleht: „Weil ich einmal begonnen, will ich reden zu meinem Herrn, obwohl ich Staub und Asche bin.“ (1. Mos. 18, 27) Paulus, der bis in den dritten Himmel verzückt gewesen und mehr gearbeitet hatte als irgend ein anderer Apostel, nannte sich selbst im Hinblick auf seine früheren Sünden „den ersten unter den Sündern“ (1. Tim. 1, 15), „den geringsten unter den Aposteln, nicht einmal würdig, Apostel zu heißen“. (1. Kor. 15, 9) Und Maria, obwohl von dem Engel als die Gnadenvolle begrüßt und auserwählt zur Mutter Gottes und Königin des Himmels, nennt sich selbst in der Demut ihres Herzens eine „Magd des Herrn“ und lobpreist Gott, daß er „ihre Niedrigkeit angesehen“. (Luk. 1) Das großartigste Beispiel der Demut aber hat uns Jesus, unser göttliches Vorbild, gegeben. Schon gleich bei seinem Eintritt in die Welt erscheint er infolge freier Wahl in der tiefsten Erniedrigung. Denken wir nur an seine Geburt im Stall zu Bethlehem! Hätte er wohl in größerer Armut und Niedrigkeit zur Welt kommen können? Bald darauf flieht er, der Sohn des Allmächtigen, gleich als ob er ein gewöhnliches, hilfloses Menschenkind wäre, vor seinem Verfolger Herodes nach Ägypten. Nach Nazareth zurück gekehrt, lebt er bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr in solcher Verborgenheit, daß man ihn nur als den Zimmermanns-Sohn kennt; und als die zeit gekommen ist, in die Öffentlichkeit zutreten, da mischt er sich zuerst unter die Sünder und empfängt von Johannes die Bußtaufe. Selbst während der drei Jahre, wo er nach dem Willen seines himmlischen Vaters der Welt seine Messiaswürde und seine Gottheit offenbaren sollte, wie bescheiden und demütig tritt er auch da noch auf! Er verkehrt hauptsächlich mit den Einfältigen und Verachteten, den Armen und Sündern. Seinen Jüngern erklärt er, er sei nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen, und wäscht ihnen beim letzten Abendmahl gleich dem niedrigsten Diener die Füße. Und in welchen Abgrund der Erniedrigung steigt er erst hinab während seines bitteren Leidens! Da kann er in aller Wahrheit von sich sagen, was der Prophet lange vorher in seinem Namen gesprochen. „Ich bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott und die Verachtung des Volkes.“ (Ps. 21, 7) Wie ein Mörder wird er gefangen genommen, wie ein elender Sklave gegeißelt, als Spottkönig mit Dornen gekrönt, inmitten zweier Verbrecher, gleichsam als der größte von ihnen, erleidet er den schmachvollen Kreuzestod – und dies alles freiwillig – er, der Sohn des Allerhöchsten! Müssen wir bei der Betrachtung eines solchen Beispiels uns nicht bis in den Staub erniedrigen, wir, die wir ja in Wahrheit Staub und Asche sind? Müssen wir uns nicht so klein und demütig machen, als wir nur können? Das verlangt unser göttlicher Lehrmeister in der Tat von uns. Als seine Jünger miteinander stritten, wer von ihnen der größte sein werde im Himmelreich, da stellte er bekanntlich ein Kind in ihre Mitte und sprach die bedeutungsvollen Worte: „Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr euch nicht bekehret (von eurem Stolz und eurer Ehrsucht) und nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen. Wer immer sich verdemütigt wie dieses Kind, der ist der Größere im Himmelreich.“ (Matth. 18, 3. 4) Und als er beim letzten Abendmahl seinen Jüngern die Füße gewaschen hatte, sprach er: „Wisset ihr, was ich euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr sprecht recht; denn ich bin es. Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr einer dem andern die Füße waschen. Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr tuet, wie euch getan habe.“ (Joh. 13, 12-15)

Die Lehre und das Beispiel Christi ist jedoch nicht der einzige Beweggrund, der uns zur Übung dieser Tugend antreiben soll; es gibt deren außerdem noch so viele und so dringende, daß man glauben sollte, die Übung der Demut müßte uns leichter werden als die jeder andern Tugend. Was sind wir denn in Wahrheit, oder was haben wir, worauf wir mit Recht stolz sein könnten? Wie schwach und gebrechlich ist unser Leib, dieses Staubgebilde? Wie vielen Armseligkeiten ist er nicht unterworfen? Eine einzige Krankheit ist imstande, ihm alle Kraft und Schönheit zu rauben. Rasche wie eine Blume welkt er hin und über kurz oder lang liegt er als Speise der Würmer im Grabe. Und wie beschränkt sind nicht die Gaben unseres Geistes! Unser Wissen ist wie ein Nichts gegenüber dem Vielen, was wir nicht wissen. Mühsam lernen und rasch vergessen wir. Unser Herz ist ein Tummelplatz ungeordneter Regungen und beschämender Leidenschaften; und wie schwach und wankelmütig ist nicht unser Wille! Dazu begehen wir zahllose Fehler und Sünden. Ständen sie uns alle auf der Stirne geschrieben, so würden wir vor Scham in den Boden sinken. Und selbst unsere guten Werke sind voller Mängel und Fehler. Wir sehen sie nicht, Gott aber sieht sie. Wir sehen ja auch die ungezählten Stäubchen in der uns umgebenden Luft nicht, bis plötzlich ein Sonnenstrahl hinein fällt; dann aber staunen wir über den Schmutz in der scheinbar reinen Luft. Und was wir wirklich Gutes an uns haben, alles das ist, wie schon gesagt, ein unverdientes Gnadengeschenk Gottes. Darf aber wohl ein Bettler stolz sein auf das Almosen, das er empfangen, darf er seinesgleichen verachten, weil derselbe vielleicht ein weniger reiches Almosen empfing? Nein, nein, wir haben keinerlei Grund stolz zu sein, wohl aber viele Gründe, uns tief zu verdemütigen.

Um nun wirklich demütig zu werden, müssen wir zunächst Gott oft und inständig um diese Tugend bitten. Salomon sagt von der Weisheit: „Da ich wußte, daß ich sie nicht besitzen könnte, wenn nicht Gott sie mir gäbe… so trat ich vor den Herrn und bat ihn (darum).“ (Weish. 8, 21) Die Demut ist der schwierigste Teil der wahren Weisheit; deshalb können wir diese am wenigsten erlangen ohne besonderen Beistand der göttlichen Gnade, den wir durch Gebet erflehen müssen. Von der Gnade unterstützt, müssen wir sodann alles meiden, was der Demut Gefahr bringt, namentlich uns vor jeder Selbstbespiegelung hüten, d. h. unser geistiges Auge nie mit Bewußtsein auf unsern Vorzügen oder unsern guten Werken ruhen lassen. Noch mehr müssen wir uns hüten, unsere wirklichen oder vermeintlichen Vorzüge den Augen anderer ohne Not zu zeigen. Statt dessen sollen wir unsere Fehler und Schwächen oft zum Gegenstand unserer Erwägung machen und dieselben auch in aller Aufrichtigkeit denen bekennen, die ein Recht haben, sie zu wissen, nämlich unsern Vorgesetzten, wenn uns dieselben darüber zur Rede stellen, und dem Beichtvater. Wer diese Mittel beharrlich anwendet, wird mehr und mehr die kostbare Tugend der Demut und mit ihr alle andern Tugenden in seinem Herzen erblühen sehen; denn über ein demütiges Herz gießt Gott die Fülle seiner Gnaden aus, während er dieselben einem stolzen Herzen entzieht gemäß dem Wort der Hl. Schrift: „Den Stolzen widersteht Gott, den Demütigen aber gibt er seine Gnade.“ (Spr. 3, 34)

aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Ein Hilfsbuch für die Christenlehre und katechetische Predigt, 2. Band Lehre von den Geboten, 1912, S. 385-388

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