Warum wir das göttliche Herz Jesu verehren

Die Verehrung des göttlichen Herzens Jesu ist Gott wohlgefällig

Der Apostelfürst Petrus mahnt in seinem ersten Rundschreiben die Christen in Pontus, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien, und durch diese auch uns, daß wir bestrebt sein sollen, in den Geheimnissen unseres hl. Glaubens, in dem gesamten Inhalt desselben, in seinen Forderungen und Verheißungen uns immer besser zu unterrichten, damit wir im Stande seien, die religiösen Fragen, die von Gläubigen oder Ungläubigen an uns gerichtet werden, zu beantworten. „Seid allzeit bereit“; schreibt der erste Papst, „zur Verantwortung gegen Jeden, der Rechenschaft von euch fordert über eure Hoffnung“ (1. Petr. 3,15)!

Es kann leicht der Fall eintreten, daß du angegangen wirst, lieber Christ, auch über die Verehrung des göttlichen Herzens Rechenschaft abzulegen und die Frage zu beantworten, warum wir das göttliche Herz verehren. Ein Irrgläubiger oder Ungläubiger kann in dein Haus kommen und in deinem Wohnzimmer ein Bild des göttlichen Herzens erblicken, das ihm Veranlassung zu der Frage gibt: Was soll dieses Bild bedeuten, und welche Bewandtnis hat es mit demselben? Warum erweist man dem Herzen von anderen Teilen des Leibes eine besondere Verehrung? Auch Katholiken gibt es, freilich nur Namenkatholiken, welche von der Verehrung des göttlichen Herzens wenig oder gar nichts wissen. Vielleicht kannst du bei passender Gelegenheit einem solchen Katholiken einmal einen Liebesdienst erweisen, wenn du ihm erklärst, warum das göttliche Herz Jesu von frommen Katholiken eifrig verehrt wird.

Die Beantwortung der Frage, warum wir das göttliche Herz verehren, hat aber auch noch einen anderen Zweck. Diese Beantwortung ist nämlich für die Verehrer des göttlichen Herzens selbst sehr nützlich, indem die anzuführenden Gründen höchst geeignet sind, den Eifer derselben in der Verehrung des göttlichen Herzens aufzufrischen und zu vermehren. Wir wollen demnach versuchen, die richtige Antwort zu geben auf die Frage: Warum verehren wir das göttliche Herz Jesu?

Die Antwort auf diese Frage ist sehr einfach und lautet: Wir verehren das göttliche Herz Jesu, weil diese Verehrung

I. dem lieben Gott höchst wohlgefällig,
II. für uns selbst sehr nützlich und heilsam ist.

Die Verehrung ist Gott Vater wohlgefällig

I. Um die erste Behauptung, daß die Verehrung des göttlichen Herzens dem lieben Gott wohl gefällig ist, ganz unwiderlegbar zu beweisen, muss ich zuvörderst daran erinnern, daß in Gott drei Personen sind, von denen die erste der Vater heißt.

1. Von Gott dem Vater sage ich nun zunächst, daß die Verehrung des hl. Herzens Jesu ihm wohlgefällig sei. Ich berufe mich dabei auf eine in der hl. Schrift berichtete Tatsache aus dem alten Testament.

Der König Saul wurde wegen seines Ungehorsams von Gott verworfen, und der Prophet Samuel erhielt den Auftrag, anstatt des verworfenen Saul einen anderen Israeliten zum König über Israel zu salben. Das Haus, in welchem der von Gott hierzu Auserwählte sich befand, wurde dem Propheten bestimmt bezeichnet, es war das Haus des Isai zu Bethlehem, aber der Name der Person, welche gesalbt werden sollte, wurde ihm nicht genannt. Als Samuel in dem Hause des Isai angekommen war, führte ihm dieser seine Söhne herein, und der erste, auf welchen das Auge Samuels fiel, war Eliab, ein hoch gewachsener, schöner, junger Mann. Sogleich dachte der Prophet, dieser sei der von Gott zum König Auserlesene. Allein Gott sprach zu Samuel: „Schaue nicht auf sein Angesicht und auf die Höhe seiner Gestalt! Ich urteile nicht nach dem Ansehen; denn der Mensch sieht das, was nach außen erscheint, der Herr aber sieht auf das Herz“ (1. Kön. 16,7).

Aus dem Hause des Isai zu Bethlehem führe ich dich nun, lieber Leser, auf den Berg Tabor und an die Ufer des Jordanflusses. An beiden Orten hat man aus dem Munde des himmlischen Vaters die Versicherung gehört, daß Jesus Christus sein geliebter Sohn sei, an welchem er sein innigstes Wohlgefallen habe. Was mag wohl den himmlischen Vater zu dieser Liebe seines Sohnes bewogen haben? Etwa die äußere Erscheinung Jesu Christi? Vielleicht sein Angesicht oder seine Körpergestalt? Gewiß nicht! Gott hat ja selbst gesagt, daß er auf diese Dinge, das Angesicht und die Körpergestalt und Alles, was nach Außen scheint, nicht schaue. Was hat ihm also an seinem geliebten Sohn wohl gefallen? Er hat es uns selbst gesagt mit den Worten: „Der Herr sieht auf das Herz.“ Das Herz seines göttlichen Sohnes, dieses demütige, gehorsame, sanftmütige, liebevolle Herz war es, an dem er sein innigstes Wohlgefallen hatte. Wenn wir nun auch an diesem Herzen nach dem Beispiel des himmlischen Vaters unser Wohlgefallen haben, sollte das dem himmlischen Vater vielleicht mißfallen? Gewiß nicht! Im Gegenteil sind wir vielmehr alle überzeugt, daß wir dem himmlischen Vater keine größere Freude machen können, als wenn auch wir das lieben, was er selbst liebt, und daß er ein unendliches Wohlgefallen daran hat, wenn wir das ihm so wohl gefällige, teure Herz seines Sohnes loben und verherrlichen. So ist die Verehrung des göttlichen Herzens Jesu wohl gefällig dem himmlischen Vater; sie ist aber auch wohlgefällig dem hl. Geist.

Die Verehrung ist dem Hl. Geist wohlgefällig

2. Wir werden uns kaum eines Irrtums schuldig machen, wenn wir sagen, daß das Herz in vielfacher Hinsicht der wichtigste unter allen Teilen des menschlichen Leibes ist. Zunächst ist das Herz der Vermittler zwischen den Tätigkeiten des Leibes und der Seele. Mit dem ersten Schlag des Herzens beginnt das Leben des Menschen, mit dem letzten Schlag verläßt die Seele den Leib, und das Leben ist entflohen. Durch das Herz übt die Seele ihren Einfluß auf den Körper aus, und das Herz ist es auch, durch welches der Leib mit der Seele verkehrt und sie an seinen Zuständen teilnehmen läßt. Nach dem Herzen beurteilt man deswegen den Menschen, und mit Recht kann man sagen, daß das Herz der ganze Mensch ist.

Auch der hl. Geist, welcher in den Büchern der hl. Schrift spricht, legt dem menschlichen Herzen eine große Wichtigkeit bei, und wenn ein Mensch umgeändert in einen ganz anderen Menschen verwandelt werden soll, so ist es nach de Aussprüchen des hl. Geistes genügend, diesem Menschen nur ein anderes Herz zu geben, um die Verwandlung zu bewirken. So hat der Prophet Samuel, nachdem er den König Saul gesalbt hatte, demselben die Verheißung gegeben, daß er in einen andern Menschen werde umgewandelt werden. Das ist auch geschehen. Und wie ist die Umwandlung vor sich gegangen? Die hl. Schrift erzählt: „Da Saul seine Schulter wandte, um von Samuel weg zu gehen, gab ihm der Herr ein neues Herz“ (1. Kön. 10,9). So spricht auch der hl. Geist durch den Mund der Propheten nur von der Änderung des Herzens, wenn er von der Umkehr oder Bekehrung der Israeliten redet. Die Propheten müssen dem Volk Israel verkünden, daß Gott ihm das harte, steinerne Herz nehmen und ein neues, weiches Herz von Fleisch ihm dafür geben will (Ezech. 11,19). Dem König Nabuchodonosor soll sein stolzes Herz genommen und zur Strafe soll ihm dafür das Herz eines wilden Tieres gegeben werden. Als Nabuchodonosor dieses Herz erhalten hatte, benahm er sich in der Tat wie ein Tier, hielt sich im Walde auf und kroch auf Händen und Füßen wie ein Tier (Dan. 4,13). Demnach ist nach den Aussprüchen des hl. Geistes in der hl. Schrift das Herz der ganze Mensch.

Wenn nun der hl. Geist nach der Mitteilung des Erzengels Gabriel der göttliche Künstler ist, welcher in dem jungfräulichen Schoß Mariä aus deren reinstem Fleisch und Blut den menschlichen Leib Jesu Christi gebildet hat, wird er da nicht gerade auf die Bildung des Herzens Jesu Christi alle seine göttliche Kunst und Weisheit verwendet haben? Wird er nicht das Herz des Gottessohnes als ein göttliches Meisterwerk dargestellt haben? Wenn dem hl. Geist die Menschenherzen überhaupt so wichtig sind, daß er mit der Bildung oder Umwandlung derselben sich so angelegentlich befaßt, wie die hl. Schrift uns belehrt, um wie viel mehr müssen wir dann glauben, daß ihm die Bildung des heiligsten Herzens Jesu eine hoch wichtige Angelegenheit war!

Nun sagt uns die Erfahrung, daß man einem Baumeister, Maler oder andern Künstler keine andere Freude bereiten kann, als wenn man die Kunstbauten, die er aufgeführt, die Gemälde oder die Bildsäulen, die er geschaffen hat, bewundert, lobt und preist. Un der hl. Geist sollte sich nicht freuen, wenn wir sein Kunstwerk, das göttliche Herz Jesu, bewundern, loben, preisen und verehren? Ich wenigstens bin nach dem Gesagten der festen Überzeugung, daß wir dem hl. Geist eine große Freude machen, wenn wir das von seiner Weisheit und Liebe gebildete Herz lieben und verehren.

So ist die Verehrung des göttlichen Herzens Jesu nicht nur dem himmlischen Vater, sondern auch dem hl. Geist wohl gefällig; aber hat auch der Sohn Gottes selbst sein Wohlgefallen daran, wenn wir sein heiligstes Herz verehren? Auch auf diese Frage müssen wir eine bejahende Antwort geben.

Die Verehrung ist dem Sohn Gottes wohlgefällig

3. Wie der Sohn Gottes die Menschen geliebt, hat er schon dadurch zu erkennen gegeben, daß er nach dem Sündenfall unserer Stammeltern sich erboten hat, die schweren Beleidigungen, welche dieselben seinem himmlischen Vater zugefügt hatten, zu sühnen, und an ihrer Statt die Strafe dafür zu übernehmen. In der Folgezeit ließ der Sohn Gottes kein Mittel unversucht, daß er für geeignet hielt, die Liebe der Nachkommen unserer unglücklichen Stammeltern zu gewinnen. Er suchte sie durch zahllose Wohltaten an sich zu ziehen, daß sie voll Dankbarkeit sich ihm hingeben möchten, oder er schreckte sie durch Strafgerichte, damit sie zu seiner Barmherzigkeit flüchteten und seine Liebe gegen die Sünder kennen lernten. Er ließ ihnen predigen von seiner Milde und Güte durch die Patriarchen und Propheten. Doch nur Wenige fürchteten ihn, wie das Volk der Juden, die meisten, wie die Völker der Heiden, kümmerten sich nicht um ihn und wußten gar nichts von ihm.

Nachdem alle diese Anstrengungen, die Liebe der Menschen zu gewinnen, erfolglos geblieben waren, hat der Sohn Gottes in der Fülle der Zeiten die menschliche Natur angenommen, ist auf die Erde herab gestiegen und hat als Mensch unter den Menschen gewohnt, um dieselben durch diese große Herablassung zu gewinnen und für sich einzunehmen. Es schien auch wirklich, als wenn dieser Versuch der Liebe des Gottessohnes zu den Menschen gelingen und die Menschen zur Gegenliebe bewegen sollte. Das ganze Volk lief dem Sohn Gottes nach und litt lieber Hunger und jegliche Entbehrung, als daß es sich von ihm trennte. Doch das dauerte nur kurze Zeit. Bald sagte sich wieder Alles von ihm los, die Menschen mißhandelten und töteten ihn sogar.

Doch der Tod Jesu Christi war, wie er selbst voraus gesagt hatte, gerade das kräftigste Mittel, um die Menschenherzen für ihn zu gewinnen. Am Kreuz sterbend hat Jesus Christus Alles an sich gezogen. Die Liebe hat endlich gesiegt, und Millionen sind für den Sohn Gottes freudig in den Tod gegangen. Zahllose Scharen von Männern und Frauen, Jünglingen und Jungfrauen verließen aus Liebe zu Jesus die Welt, den Vater und die Mutter, Äcker und Häuser, um sich ganz seinem Dienst hinzugeben. Aber auch diese schöne Zeit der begeisterten Liebe zu Jesus ging vorüber, und die Herzen der Christen wurden frostig und kalt, der Glaube nahm ab, das Liebesfeuer erlosch.

Da ergriff der Sohn Gottes das letzte Mittel, um die Flamme der Liebe in den Christenherzen wieder anzufachen. Und welches war dieses Mittel? „Er gab sein Herz hin zur Vollendung seiner Werke“, wie der hl. Geist durch den Mund des Predigers schon voraus verkündet hatte. (Ekkl. 38,31) Der göttliche Heiland offenbarte einer heiligen Klosterjungfrau in Frankreich, Margaretha Maria geheißen, sein allerheiligstes Herz, stellte es als Gegenstand besonderer Verehrung auf und ließ zur Ehre desselben einen Festtag einsetzen. Er zeigte die unermeßliche Schätze, die in seinem süßesten Herzen verborgen liegen, und versprach davon in reichstem Maße an diejenigen austeilen zu wollen, die sie in seinem göttlichen Herzen suchten. Da fingen auch Bischöfe und Priester an, von diesem süßen Herzen zu predigen und seine überaus große Liebe den Christen bekannt zu machen, sowie zur Verehrung dieses liebenswürdigsten aller Herzen einzuladen. Und siehe da! Das Feuer, welches Christus in seinem heiligsten Herzen auf die Erde gebracht hatte, fing wirklich wieder zu brennen an. Millionen Christen fühlten sich wieder in feuriger Liebe zu Christus und seinem göttlichen Herzen hingezogen. Und auch wir, liebe Leser, wollen zu diesen Christen gehören, die das göttliche Herz Jesu loben, preisen und verehren, denn wir alle sind fest überzeugt, daß wir damit nur einen Herzenswunsch des göttlichen Heilandes erfüllen, und daß wir mit der Verehrung seines süßen Herzens dem göttlichen Heiland eine große Freude machen.

Hiermit habe ich nachgewiesen, daß die Verehrung des göttlichen Herzens Jesu dem himmlischen Vater, dem hl. Geist und dem Sohne Gottes höchst wohl gefällig ist. –
aus: Dr. Friedrich Frank, Die Liebesseufzer zum göttlichen Herzen Jesu, 1886, S. 1 – S. 6

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