Von der Gewissenserforschung

Die Gewissenserforschung

Viele begehen hierbei den Fehler, daß sie sich mit zu großer Ängstlichkeit, andere, daß sie sich nicht sorgfältig genug erforschen. Die ersteren sind jene Skrupulanten, die sich nimmer wieder erforschen, und sich niemals beruhigen; denn gerade deshalb unterlassen sie es, wahre Reue über ihre Sünden und einen ernsten Vorsatz zur Besserung zu fassen. Überdies wird ihnen auch durch ihre Ängstlichkeit dieses Sakrament verhaßt, so daß es ihnen vorkommt, wenn sie an den Beichtstuhl treten, als ob sie den Martertod erdulden sollten. Es ist also nicht notwendig, daß diese Gewissens-Erforschung aufs aller sorgfältigste, sondern es genügt, wenn sie sorgfältig angestellt wird; deshalb reicht es hin, wenn man sich aufmerksam Mühe gibt, sich alle seit der letzten Beichte begangenen Sünden ins Gedächtnis zurück zu rufen. Diese Sorgfalt muss übrigens mit dem Gewissens-Zustand des Büßers im Verhältnis stehen. Wenn z. B. jemand seit langer Zeit nicht mehr gebeichtet hat, und indessen in mehrere Todsünden gefallen ist, so muss er mehr Sorgfalt anwenden als derjenige, welcher erst seit kurzem gebeichtet und welcher in dieser Zeit weniger Sünden begangen hat. –

Wenn sich endlich jemand nach einer sorgfältigen Gewissens-Erforschung irgend einer Sünde nicht mehr erinnern würde, so wird ihm dennoch, wenn er nur eine allgemeine Reue über alle begangenen Sünden hat, auch jene vergessene Sünde nachgelassen, und er bleibt nur verpflichtet, dieselbe, falls sie ihm später einfiele, zu beichten, sobald er wiederum das Sakrament der Buße empfängt. Wenn der Beichtvater solchen ängstlichen Seelen sagt, daß sie ihr Gewissen nicht lange erforschen, und daß sie das Gebeichtete nicht mehr wiederholen sollen, so müssen sie schweigen und gehorchen. Der heilige Philipp Neri sagte: Diejenigen, welche auf dem Weg des Heiles vorwärts kommen wollen, müssen dem Beichtvater, der die Stelle Gottes vertritt, blindlings gehorchen; wer dies tut, der kann versichert sein, daß er Gott keine Rechenschaft über seine Handlungen werde ablegen dürfen. –

Auch der heilige Johannes vom Kreuz pflegte zu sagen: Sich nicht beruhigen wollen mit dem, was der Beichtvater sagt, ist Stolz und Mangel an Glauben, und das deshalb, weil der Herr, da Er von Seinen Dienern redet, gesagt hat: Wer euch hört, der hört mich.

Wollte indes Gott, daß alle ängstlich werden; denn meistens haben solche Personen ein zartes Gewissen und wandeln, wenn sie nur gehorchen, auf dem sicheren Weg. Das Schlimmste ist aber, daß die meisten Menschen sich nicht so viele Skrupel machen, und daß sie unzählige Todsünden begehen, die sie wiederum vergessen, worauf sie alsdann kaum diejenigen beichten, die ihnen gerade einfallen, und auf solche Weise geschieht es, daß sie oft kaum die Hälfte ihrer Sünden beichten. Solche Beichten nützen aber gar nichts, ja es ist weit besser, lieber gar nicht zu beichten…

Fromme Christen stellen jeden Abend eine Gewissenserforschung an und wecken hierauf Reue über ihre Sünden. Als ein frommer Ordensmann gefährlich krank geworden war, ermahnte ihn sein Oberer zu beichten, dieser aber erwiderte: Gott sei Dank! Seit dreißig Jahren habe ich alle Tage mein Gewissen erforscht und täglich gebeichtet, als ob ich an demselben Tage noch sterben müsste…

Wer so unglücklich gewesen wäre, eine Todsünde begangen zu haben, dem ist sehr zu raten, daß er also gleich beichte; denn er kann in jedem Augenblick sterben und ewig verloren gehen. Aber, antwortet jemand, ich will schon zu Ostern oder zu Weihnachten beichten. Wie kannst du es aber nur wissen, ob nicht etwa gerade während dieser Zeit unvermutet der Tod dich hinwegraffe? Ich hoffe zu Gott, daß das nicht geschehen werde. Wenn es aber nun doch geschehen werde? Ach! wie viele haben nicht auch gesagt: Später, später, und jetzt befinden sie sich in der Hölle; denn der Tod ist gekommen, und sie haben nicht mehr beichten können… –
aus: Alphons Maria von Liguori, Die zehn Gebote, die Gebote der heiligen Kirche und die heiligen Sakramente, 1846, S. 164 – S. 167

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