Vater unser Gib uns heute unser tägliches Brot

P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung

§ 1. Von dem Gebet des Herrn

Erklärung der vierten Bitte im Vater Unser

„Gib uns heute unser tägliches Brot“

Was begehren wir in der vierten Bitte: „Gib uns heute unser tägliches Brot“?

In der vierten Bitte begehren wir, daß uns Gott geben wolle, was wir täglich für Leib und Seele bedürfen.

Solange wir im gebrechlichen Leibe entfernt vom Herrn pilgern (2. Kor. 5, 6), machen sich fortwährend zahlreiche Bedürfnisse des Leibes und der Seele geltend. Diese müssen befriedigt werden, wenn wir imstande sein sollen, den Willen Gottes zu vollbringen und den Eintritt in die himmlische Heimat zu verdienen. Darum bitten wir nach der Anleitung Jesu Christi den Vater im Himmel, er möge unsern Bedürfnissen gnädigst abhelfen. Diesen Sinn haben die Worte: „Gib uns heute unser tägliches Brot.“Unter dem Ausdruck „Brot“ ist demnach zunächst all das zu verstehen, was wir zum Unterhalt des leiblichen Lebens vonnöten haben, wie Nahrung, Kleidung und anderer Bedarf. Indem uns aber der Heiland bloß um das tägliche Brot beten hieß, wollte er uns zu verstehen geben, daß wir nur das Notwendige, nicht Reichtum und Überfluß begehren sollen. „Wenn wir Nahrung und Kleidung haben“, schreibt der Apostel an seinen Schüler Timotheus (1. Br. 6, 8), „so lasset uns zufrieden sein.“ Wir sollen bei allen unsern Bitten und Wünschen stets den Dienst Gottes und unser ewiges Ziel im Augen haben. Reichtum wie drückende Armut kann den Menschen zum Bösen verleiten; darum bitten wir Gott, daß er uns vor beiden bewahre. In dem Sinne lehrte die göttliche Weisheit schon in den vorchristlichen Zeiten beten: „Armut und Reichtum gib mir nicht; verleihe mir nur, was nötig ist zu meinem Lebensunterhalt, damit ich nicht etwa übersatt, verlockt werde zur Verleugnung (Gottes) und sage: Wer ist der Herr? Oder aus Armut stehle und falsch schwöre beim Namen meines Gottes.“ (Spr. 30, 8. 9)

Wie der Ausdruck „Brot“, so verdient auch jedes andere Wort dieser Bitte unsere besondere Beachtung. Wir sagen: „Gib uns heute unser tägliches Brot.“ Damit begehren wir keineswegs, daß Gott zu unsern Gunsten das Gebot aufhebe: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen“; wir erwarten nicht, daß er uns wie einst den Israeliten in der Wüste Brot vom Himmel sende und uns jeder Mühe überhebe: unsere Bitte geht einfach dahin, daß er unsere Arbeit segne, unsern Unternehmungen günstigen Erfolg verleihe; daß er uns Kraft und Gesundheit schenke, unsern Berufsgeschäften mit Fleiß und Emsigkeit obzuliegen; daß er, mit einem Worte, unsere Bemühungen für das zeitliche Fortkommen unterstütze und fördere. –

Wir sagen: „Gib uns heute unser tägliches Brot“, weil wir Tag für Tag dieses Gebet verrichten sollen. Und nicht nur der Arme, dem es am Nötigen gebricht, sondern auch der Reiche, der im Überfluß lebt, hat Grund genug täglich so zu flehen, da ja vor Gott die Reichen wie die Armen Bettler sind, und da aller irdische Besitz hinfällig ist und die größten Schätze oft in wenigen Stunden verloren gehen. –

Wenn wir sagen: „unser Brot“, so drücken wir damit aus, daß wir kein ungerechtes, sondern redlich erworbenes Brot begehren. Frevel wäre es ja, wenn z.B. ein Wucherer, Betrüger oder Dieb von Gott verlangte, daß er ihm zu ungerechtem Gewinn verhelfe. –

Christus lehrte uns endlich nur um das tägliche Brot bitten. Darin liegt die Mahnung, daß wir nicht mit ängstlicher Sorge darauf ausgehen sollen, Schätze für die Zukunft aufzuhäufen; denn eine solche Sorge hat fast notwendig zur Folge, daß wir unser ewiges Heil vernachlässigen oder gefährden. Darum warnte der Heiland seine Jünger bei einer andern Gelegenheit noch eigens: „Sorget nicht ängstlich für den morgigen Tag; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“ (Matth. 6, 34) Hiermit will der Heiland keineswegs eine vernünftige und gemäßigte Sorge für die Zukunft mißbilligen. Eine solche ist sogar lobenswert und geboten, besonders für jene, denen die Erhaltung einer zahlreichen Familie obliegt. Christus will nur, daß wir jene übertriebene Sorge für die Zukunft verbannen, welche die Kräfte übermäßig anstrengt, den Frieden aus der Seele verdrängt, das Herz der Mildtätigkeit verschließt, die Gedanken und Wünsche des Menschen von den himmlischen Gütern ablenkt und ausschließlich in den irdischen Erwerb versenkt.

Aber nicht bloß die Nahrung des Leibes, sondern auch die der Seele begehren wir in dieser Bitte. Nach dieser sollen wir uns noch mehr sehnen als nach jener. Darum sprach einstens der Heiland zu denen, die ihm nachfolgten: „Bemüht euch nicht (d. h. nicht so sehr) um die vergängliche Speise, sondern um die, welche bleibt zum ewigen Leben, die der Menschensohn euch geben wird.“ (Joh. 6, 27) Nahrung der Seele ist nun in gewissem Sinne alles, was die Seele stärkt und kräftigt, vorzugsweise aber das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist, Jesus Christus in der hochheiligen Eucharistie. Dieses ist die wahrhafte Himmelsspeise, die der Heiland an der eben angeführten Stelle verheißen hat. Wir Christen nennen sie ganz vorzüglich unser Brot, bemerkt der hl. Cyprian (Gebet des Herrn, Nr. 18), weil es nur von denjenigen genossen wird, denen die Gnade der Kindschaft ein besonderes Recht verleiht, Gott ihren Vater zu nennen. Wir bezeichnen dieses lebendige Himmelsbrot auch als unser tägliches Brot, weil wir es nach dem Beispiel der ersten Christen täglich genießen sollten. Dazu ermahnt der hl. Ambrosius (Von den Sakramenten, Bch. 5, Nr. 25) mit den Worten: „Da die hl. Eucharistie das tägliche Brot ist, warum genießest du es erst nach einem Jahr? Empfange es täglich, damit es dir täglich fromme. Lebe so, daß du verdienst, es täglich zu empfangen.“

aus: P. Joseph Deharbes größere Katechismuserklärung, Bd. 3, 1912, S. 437-438

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