Unsere Liebe Frau bei Nocera in Italien

Eine Prozession christgläubiger Katholiken zu einem Gnadenort der Muttergottes Maria: angeführt von einem Jungen, der das Kruzifix hält, gefolgt vom Priester mit den Messdienern und dem gläubigen Volk

Gnadenorte der hohen Himmelskönigin Maria

Unsere Liebe Frau, die Gottesmutter Maria, sitzt, umringt von vielen Heiligen, in der Mitte, ihren Sohn Jesus auf dem Schoß, eine Lilie in der linken Hand; unter ihr ist das Häuschen zu sehen, daß von Engeln zum Gnadenort Loreto getragen wird

Unsere Liebe Frau bei Nocera im Neapolitanischen

Bei Nocera im Neapolitanischen ist ein Tal, Fucicola genannt. In diesem stand vor Alters eine Kirche U. L. Frau mit einem Bild derselben, welches von den Leuten jener Gegend sehr verehrt wurde. Durch traurige Ereignisse wurde jene ganze Gegend verwüstet und auch die Kirche der Mutter Gottes zerstört, so daß nur noch einige Ruinen unter der Erde übrig waren, unter welchen auch das heilige Bild zwischen zwei Steinen von weißem Marmor vergraben und längst vergessen war.

In der Mitte des elften Jahrhunderts, als ganz Italien und auch Nocera durch Krieg, Hunger und Pest hart bedrängt wurde, gefiel es Gott, durch Entdeckung des seit langer Zeit verborgenen Bildes der seligsten Jungfrau seinem schwer geprüften Volk Trost und Hilfe zu senden. Als Werkzeug seiner Erbarmung bediente sich Gott einer frommen Frau, Namens Karamari, der Gattin eines armen Tagelöhners derselben Gegend. Dieser erschien, als sie unter einem Eichbaum nach schwerer Arbeit eingeschlummert war, im Traum die seligste Jungfrau, welche also zu ihr sprach: „Ich bin die Mutter Gottes. Wisse, dieser Ort ist mir heilig. Seit vielen Jahren ist ein altes Denkmal von mir hier begraben.“ Bei diesen Worten erwachte die Tagelöhners-Frau. Als sie über das, was sie gesehen und gehört hatte, nachdachte, beschloss sie, ihrem Mann das Traumgesicht zu entdecken. Allein dieser fertigte sie kurz ab, indem er sagte: „Ei, die Träumereien! Merk auf deine Arbeit auf und sag mir ja Niemand etwas von dieser Dummheit!“ Die Frau gehorchte und schwieg zwei ganze Jahre.

Indessen verbreitete sich die Pest immer weiter in Italien. Da hatte die Tagelöhners-Frau zum zweiten Male ein Traumgesicht. Sie sah an dem nämlichen Platz, wie zuvor, eine erhabene Gestalt, welche mit freundlichem Gesicht und mit englischer Stimme ihr sagte: „Siehst du jene drei Feuer, von welchen ein Rauch hoch in die Luft sich erhebt und dann zu einem einzigen Rauch sich vereinigt? Du weißt nicht, was das bedeutet. Ich will es dir sagen. Der Rauch, welcher von dem Weihrauch, den ich auf jene Kohlen gelegt habe, aufsteigt, bedeutet die Gebete, welche an diesem Ort von den Gläubigen einst verrichtet werden. Hier muss zu Ehren der Mutter Gottes, wenn ihr Bild wieder aufgefunden sein wird, eine große Kirche erbaut werden; denn es ist der Wille Gottes, daß durch sie das Land von der Pest befreit werde. Sag also das den Leuten, daß sie sich beeilen, den verborgenen Schatz aufzusuchen.“ Die Frau erwachte mit lebhafter Erinnerung an das, was sie im Traum gesehen und gehört hatte. Dieses Mal sagte sie ihrem Mann nichts davon, sondern redete mit einigen Leuten der Nachbarschaft und beredete sie, mit ihr nach dem verborgenen Bild zu suchen. Man haute die Eiche um, grub die Erde herum auf, und suchte, fand aber nichts. Die Leute, welche des Suchens bald müde waren, lachten nun über das Traumgesicht und ihre eigenen Leichtgläubigkeit.

Es stand nicht lange an, so hatte die nämliche Frau zum dritten Mal dasselbe Traumgesicht, nur noch bestimmter. Sie sah die Himmelskönigin von zwei wunderschönen Jungfrauen begleitet, welche zu ihr sagte: „Was macht dieses Volk? Warum sucht es den verborgenen Schatz nicht?“ Da antwortete die Tagelöhnerin im Traum: „Liebe Frau! Die Leute sind ungehalten, daß man sie getäuscht hat; sie werden auf meine Worte nicht merken.“ „Fürchte nicht, erwiderte die Mutter Gottes, ich will dir ein untrügliches Zeichen geben.“ Bei diesen Worten zog sie sich einen sehr schönen Ring vom Finger und sagte: „Siehst du diesen Edelstein, der wie ein Stern glänzt. Ich werfe ihn auf die Erde; gib Acht, wo er hinfällt, denn das ist der Ort, wo das Bild verborgen ist.“ bei diesen Worten erwachte die Tagelöhners-Frau, wagte aber Niemanden etwas von dem Traumgesicht zu sagen, um nicht von Neuem ausgelacht zu werden, und ging des andern Tages in der Frühe, es war eben Erntezeit, zu ihrer gewöhnlichen Arbeit auf das Feld. Da fing sie plötzlich zu schreien an: „O weh! helft mir, ich sehe nichts mehr, ich bin blind!“ Die Leute auf dem Felde liefen zusammen und rieten ihr Verschiedenes; sie sollte sich die Augen mit frischem Wasser waschen und dgl. allein die blinde Frau erkannte gleich, daß es eine strafe Gottes sei, und sagte zu den Leuten: „Es hilft alles nichts; ich weiß die Ursache meiner Blindheit.“ Sie erzählte ihnen hierauf das Traumgesicht und bat, man möchte sie an den Ort hinführen, wo die Mutter Gottes den Ring hingeworfen habe. Zwei Mädchen und eine Frau führten sie hin und suchten den Ring. Bald war der Ring gefunden; er war sehr schön und glänzte wie ein Stern. Auf einmal war die Tagelöhners-Frau wieder sehend. „Rührt den Ring nicht an, sagte sie zu den andern, denn er ist durch die Hände der Mutter Gottes geheiligt, man muss einen Priester rufen.“ Der Pfarrer erschien sogleich, von mehreren Personen begleitet. Als sie den schönen Ring sahen und die Erzählung der Tagelöhners-Frau vernahmen, zweifelten sie nicht mehr an der Wahrheit der Erscheinung. Man grub von neuem an dem bezeichneten Ort nach, stieß bald auf die Ruinen einer Kirche und zwei aufeinander gelegte Marmorplatten, zwischen welchen sich das auf Leinwand gemalte Muttergottes-Bild befand, 4 Fuß hoch, 3 breit, auf eine hölzerne Tafel aufgespannt, wie man es noch heut zu Tage sieht.

Voll Freude über den kostbaren Fund knieten sich die guten Leute sogleich nieder und verehrten das heilige Bild, in der sicheren Hoffnung, daß auch die Vorhersagung von dem Aufhören der Pest in Erfüllung gehen werde. Und in der Tat hörte dieselbe von diesem Augenblick an gänzlich auf. Bald erfolgten viele andere Wunder an Kranken und Bedrängten jeder Art, die Maria vor diesem Bild um Hilfe anriefen. Durch die Dankbarkeit derjenigen, welche gnädige Erhörung in ihren verschiedenen Anliegen gefunden hatten, kam bald soviel Almosen zusammen, daß noch in demselben Jahr mit dem Bau einer Kirche zu Ehren der Mutter Gottes begonnen werden konnte. Der Ruf von den vielen Wundern bewog auch den deutschen Kaiser Heinrich III., der mit einem ekelhaften Aussatz behaftet war, zu dem Gnadenbild seine Zuflucht zu nehmen. Vor der Türe der neuen Kirche warf sich der Kaiser auf seine Knie, ließ sich mit Weihwasser besprengen und war von diesem Augenblick an von dem Aussatz befreit. Er erzählte nachher selbst dem Papst Nikolaus II., der eben von einer Geschäftsreise aus Apulien zurück kehrte, seine wunderbare Heilung. Dieses bewog auch den Papst, daß er sich mit mehreren Bischöfen und Kardinälen nach Nocera begab und in höchst eigener Person die neue Kirche U. L. Frau am 1. Mai 1061 einweihte. Zwei große Gemälde, welche gegenwärtig noch in der Gnadenkirche sich befinden, bezeugen die beiden Tatsachen, das eine die Heilung des Kaisers, das andere die Ankunft des Papstes und die Einweihung der Kirche.

Den Gottesdienst in der Gnadenkirche versahen Anfangs Benediktiner, später Mönche vom Orden des heiligen Basilius. Zur Zeit der letzteren, nämlich im Jahre 1656, brach eine furchtbare Pest aus, welche in Neapel allein eine ungemeine Menge Menschen hinraffte. In dieser Zeit des Jammers und des Elendes begaben sich die basilianischen Mönche alle Tage nach dem Schluss des Chorgebetes zu dem wundertätigen Muttergottes-Bild und beteten die lauretanische Litanei, um durch die seligste Jungfrau Hilfe in so großer Not zu erlangen. Eines Tages bemerkten sie, daß der Schleier, mit welchem das heilige Bild bedeckt war, von selbst sich bewegte, wiewohl das Bild unter Glas war und außerdem nicht das leiseste Lüftchen wehte. Die Mönche glaubten, die Himmelskönigin wolle, daß der Schleier hinweg genommen und das geängstigte Volk durch den Anblick ihres milden Antlitzes getröstet und zum Vertrauen auf ihre mächtige Hilfe aufgemuntert werde. Und so war es auch. – Das gesunkene Vertrauen erwachte wieder, die Gebete wurden verdoppelt und alsbald hörte die Pest auf.

Seit dem Jahre 1829 besorgen die Franziskaner den Gottesdienst in der Gnadenkirche mit großem Eifer und mit außerordentlichem Segen für die frommen Wallfahrer. – Riccardii II. 31. –
aus: Georg Ott, Marianum Legende von den lieben Heiligen, Zweiter Teil, 1869, Sp. 2600 – Sp. 2602

Bildquellen

  • ott-marianum-gnadenorte: Bildrechte beim Autor
  • ott-marianum-prozession: Bildrechte beim Autor
Category: Gnadenorte, Ott
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