Leben und Werk des heiligen Benedikt

Hut, bischöflicher Krummstab, Kleidungsstücke eines Papstes

Das Leben und das Werk des heiligen Benedikt

Der heilige Benedikt von Nursia steht auf der linken Seite, während auf der rechten Seite der heilige Papst Gregor der Große steht; zwischen ihnen sieht man zwei Engelchen; über ihnen ist die himmlische Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind im linken Arm und einem Lilienzweig in der linken Hand zu sehen

Auszug aus: Pius XII.: Rundschreiben „Fulgens radiatur“

Rundschreiben zum 1400. Todestag des heiligen Benedikt von Nursia

1788 Der Heilige, der „einem freien Geschlecht der Provinz Nursia entstammte“ (Gregorius Magnus, Lib. Dial. II, Prol. PL 66,126), „war erfüllt vom Geiste aller Gerechten“ (Gregorius Magnus, Lib. Dial. II, 8, PL 66,150) und hat die christliche Welt in außergewöhnlicher Weise durch seine Tugend, Klugheit und Weisheit gefördert. Seine Zeit war durch Laster altersschwach geworden, Italien und Europa boten das überaus traurige Schauspiel sich zerfleischender Völker, und selbst das Mönchswesen, von Erdenstaub entstellt, war zum Widerstand und Kampf gegen die Lockungen der Sittenverderbnis weniger imstande, als es nötig gewesen wäre. Sankt Benedikt hat durch seine hervorragende Tat und Heiligkeit die immerwährende Jugendkraft der Kirche bezeugt; er hat durch seine Lehre und sein Beispiel die Sittenstrenge erneuert und hat die Heimstätten des religiösen Lebens mit festeren und heiligeren Gesetzen umhegt. Mehr noch: in eigener Person und durch seine Jünger hat er die Barbarenstämme aus ihren rauen Lebensgewohnheiten zu einer bürgerlichen und christlichen Kultur emporgeführt, hat sie zu Tugend, Arbeit und friedlicher Pflege der Künste und Wissenschaften angeleitet und sie in brüderlicher Eintracht und Liebe untereinander verbunden.

1789 In früher Jugend wurde er zur Aneignung höheren Wissens nach Rom geschickt (vgl. Gregorius Magnus, Lib. Dial. II, Prol. PL 66,126); dort aber musste er zu seinem größten Schmerze sehen, wie Häresien und Irrtümer aller Art sich breit machten und den Geist vieler Menschen täuschten und verbildeten; er musste sehen, wie die privaten und öffentlichen Sitten verkamen und sehr viele, namentlich junge Menschen, verweltlicht und verweichlicht, sich kläglich im Schmutz der Laster wälzten, so dass man von der damaligen Gesellschaft in Rom wirklich behaupten konnte: „Sie stirbt dahin und lacht. Und es folgen in fast allen Teilen der Welt Tränen auf unser Gelächter“ (Salvian, De gub. Mundi, VII 1. PL 53,130). Benedikt jedoch, dem Gottes Gnade zuvorkam, „schenkte sein Herz keiner dieser Lustbarkeiten …, sondern, da er … viele auf den abschüssigen Wegen der Laster sah, hielt er seinen Schritt an, der ihn gewissermaßen an die Schwelle der Welt geführt hatte. … Er gab das Studium der Wissenschaften auf, verließ das väterliche Haus und Gut und suchte, in dem Wunsche, Gott allein zu gefallen, nach einer heiligen Lebensart“ (Gregorius Magnus, Lib. Dial. II, ebd.).

Büßer und Beter in Subiaco

1790 Bereitwillig gab er nicht nur den Bequemlichkeiten des Lebens und den Lockungen einer verkommenen Welt den Abschied, sondern auch den für ein künftiges Lebensglück vielversprechenden und ehrenvollen Ämtern, die er hätte erstreben können; er verließ Rom und suchte waldige und einsame Gegenden auf, um sich dort der Beschauung höherer Dinge widmen zu können. So kam er nach Subiaco, zog sich daselbst in eine enge Höhle zurück und begann ein mehr himmlisches als menschliches Leben zu führen.

1791 Mit Christus in Gott verborgen (Kol. 3,4), bemühte er sich dort drei Jahre lang mit bestem Erfolg, nach der Vollkommenheit und Heiligkeit des Evangeliums zu streben, wozu er sich auf göttliche Anregung hin berufen fühlte. Sein ganzes Streben ging dahin, alles Irdische zu fliehen und nur überirdische Güter leidenschaftlich zu suchen, Tag und Nacht Zwiesprache mit Gott zu halten und innige Bitten für sein eigenes und seiner Nächsten Heil an Ihn zu richten, den Leib durch freiwillige Abtötung in Schranken und Zucht zu halten und die ungeordneten Regungen der Sinne zu zügeln und zu beherrschen. Aus dieser Lebens- und Handlungsweise schöpfte er so tiefen Seelentrost, dass alle Freuden, die er vordem etwa in irdischen Dingen und Behaglichkeiten gefunden hatte, ihm nun äußerst schal wurden und in Vergessenheit fielen. Als aber der Feind der Menschheit ihn einmal mit heftigen Versuchungen der Wollust quälte, widerstand er edlen und tapferen Sinnes mit starkem Willen; er stürzte sich in Dorngestrüpp und in Brennnesseln und so beschwichtigte und löschte er die innere Glut durch selbstgesuchte Qualen; auf diese Weise Sieger über sich selbst geworden, wurde er zum Lohn in der göttlichen Gnade befestigt. „Von jener Zeit an – wie er selber später seinen Schülern berichtete – war nämlich der Anreiz der Sinnlichkeit so in ihm getilgt, dass er nie wieder etwas Derartiges verspürte. .. Frei von der Versuchung zum Laster, wurde er füglich nunmehr Lehrmeister der Tugenden.“ (Gregorius Magnus, Lib. Dial. II 3. PL 66,132)

1794 So blieb also der Heilige in der langen Zeit seines verborgenen und einsamen Lebens unbekannt in der Höhle von Subiaco, gewöhnte sich an heiligste Zucht und Selbstbeherrschung und legte damit jene festen Grundlagen christlicher Vollkommenheit, auf denen er später einen mächtigen Bau von erhabener Höhe aufrichten konnte. Wie euch, ehrwürdige Brüder, wohlbekannt ist, bleiben die Werke heiligen Seeleneifers und Apostolates unbestreitbar kraftlos und unfruchtbar, wenn sie nicht aus einem Geiste kommen, der mit jenen christlichen Gaben ausgestattet ist, durch die allein jedes menschliche Unternehmen mit Hilfe der Gnade von oben geradewegs zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen geleitet werden kann. Davon war Sankt Benedikt durchdrungen und überzeugt. Bevor er sich deshalb an die Ausführung der hohen Pläne und Absichten machte, zu denen er durch göttliche Eingebung berufen war, strebte er mit aller Kraft danach, und bat er Gott in inständigem Gebete darum, dass er die nach der Lehre des Evangeliums gestaltete Form der Heiligkeit klar in sich selbst auspräge, die er andern zu vermitteln wünschte.

1795 Schließlich wurde aber der Ruf seiner außerordentlichen Heiligkeit weithin bekannt und verbreitete sich zusehends immer mehr. Darum wünschten nicht nur Mönche, die in der Umgebung hausten, sich seiner Leitung zu unterstellen; auch die Bewohner der Städte begannen in Scharen zu ihm zu pilgern, beseelt vom Wunsche, seine milden Predigtworte zu hören, seine hervorragende Tugend zu bewundern und die Wunder zu sehen, die von ihm durch Gottes Huld nicht selten gewirkt wurden. So verbreitete sich jenes lebendige Licht, das aus der dunklen Höhle von Subiaco ausstrahlte und sogar in ferne Gegenden drang. Deshalb „begannen damals auch die Adeligen und Frommen aus der Stadt Rom ihn aufzusuchen und ihm ihre Söhne anzuvertrauen, damit er sie für den Allmächtigen erziehe.“ (Gregorius Magnus, Lib. Dial. II 3. PL 66, 140)

Ordensgründung; Monte Cassino

1796 So begriff der Heilige, dass die von Gottes vorsorgendem Ratschluss bestimmte Zeit für ihn gekommen sei, um eine Familie von Ordensleuten zu gründen und sie mit allen Mitteln zur Vollkommenheit des Evangeliums heranzubilden. Das geschah mit bestem Anfangserfolg. Viele nämlich „wurden von ihm am gleichen Orte zum Dienste des allmächtigen Gottes … versammelt, so dass er mit Hilfe des allmächtigen Herrn Jesus Christus ebendort zwölf Klöster errichtete, die er mit je zwölf Mönchen unter bestimmten Oberen besetzte; einige wenige, von denen er annahm, dass sie besser in seiner Gegenwart zu erziehen seien, behielt er bei sich.“ (ebd.)

1797 Während nun das Unternehmen einen glücklichen Verlauf nahm und bereits reichliche und heilsame Frucht zeitigte und für die Zukunft noch größere Erfolge versprach, musste Benedikt zu seinem größten Schmerz wahrnehmen, wie sich ein Sturm gegen die wachsende Saat erhob, der durch niederträchtigen Neid und das Verlangen nach irdischen Gütern entfesselt worden war. Da jedoch Benedikt sich nicht von menschlichem, sondern vom göttlichen Ratschluss leiten ließ, und damit der zumeist gegen ihn gerichtete Hass den Seinen nicht zum Schaden gereiche, „wich er dem Neide und übergab alle von ihm gegründeten Oratorien nach Einsetzung von neuen Oberen den versammelten Brüdern; er selber aber verlegte mit einigen wenigen Mönchen seinen Sitz anderswohin.“ (Gregorius Magnus, Lib. Dial. II 8. PL 66,148) So zog er im Vertrauen auf Gottes allgegenwärtige Hilfe nach dem Süden und kam zur Burg, „die Cassino heißt, und am Abhang eines hohen Berges liegt. ..; dort war noch ein uralter Tempel, in dem von unwissendem Bergvolk nach altheidnischem Brauch Apollo verehrt wurde. Ringsum gab es auch Haine mit Dämonenkult, in denen noch zu jener Zeit Scharen verruchter Heiden sakrilegische Opfer darbrachten. Dort angekommen, zertrümmerte er das Götzenbild, stieß den Altar um, zündete die Haine an, erbaute anstelle des Apollotempels eine Kapelle zu Ehren des seligen Martin und anstelle des heidnischen Altars ein Oratorium des heiligen Johannes. Die Bevölkerung der Umgebung lud er durch unablässige Predigt zur Annahme des Glaubens ein.“ (ebd., II 8. PL 66, 152)

1799 Cassino war bekanntlich der Hauptsitz des heiligen Patriarchen und der vornehmlichste Schauplatz seiner Tugend und Heiligkeit. Während ringsumher Unwissenheit und Laster alles verdunkelten und verschütteten, strahlte von jener Bergeshöhe ein neues Licht aus, das nicht nur durch die Weisheit der alten Kultur und Zivilisation, sondern auch durch die christliche Lehre genährt wurde, die irregeleiteten Völker und Stämme erleuchtete und sie wieder zur Wahrheit und auf den rechten Weg zurückführte. So kann man mit vollem Recht sagen, dass jenes Kloster heilige Zufluchtsstätte und Bollwerk der höchsten Wissenschaften und Tugenden wurde und in den damaligen überaus traurigen Zeiten „gleichsam die Säule der Kirche und die Schutzwehr des Glaubens“ (Pius X., Apostolisches Schreiben Archicoenobium Casinense v. 10. Februar 1913. AAS V (1913) 113) war.

Vater des abendländischen Mönchtums

1800 Hier gab Benedikt dem monastischen Leben jene vollendete Form, nach der er zuvor lange in Gebet, Betrachtung und Übung gestrebt hatte. Die göttliche Vorsehung scheint ihm besonders die Aufgabe zugedacht zu haben, nicht so sehr die in den östlichen Ländern übliche mönchische Lebensweise nach dem Westen zu verpflanzen, als sie vielmehr der Denkart, den Bedürfnissen und Verhältnissen Italiens und der übrigen Völker Europas in glücklicher Form anzupassen. So fügte er zu der erhabenen östlichen Aszese das tätige Leben hinzu, nach dem Grundsatz: „Das Betrachtete andern vermitteln“ (Thomas von Aquin, Sum. Theol. II-II q. 188 a.6), um nicht nur aus unbebautem Land irdische Früchte, sondern durch apostolische Anstrengungen auch geistlichen Segen zu gewinnen.

1801 Das einsame Leben brachte wohl harte Bußstrenge mit sich, die nicht für alle geeignet und zuweilen für manche sogar gefährlich war: aber die Härte wurde gemildert durch das brüderliche Zusammenleben in der benediktinischen Familie, in der die selige Ruhe im Verein mit Gebet, Arbeit, Gottesdienst und Pflege der Wissenschaft weder Müßiggang noch Überdruss kennt, wo Tätigkeit und Arbeit Geist und Gemüt weder ermüden noch zerstreuen und auch nicht zu unnützem Zeitvertreib verführen, sondern sie verklären, befestigen und zu Höherem erheben. Denn keine übermäßige Strenge in der Ordenszucht wird gefordert, noch allzu harte Kasteiung, sondern vor allem die Liebe zu Gott und eine alle umfassende tätige, brüderliche Liebe. In der Weise nämlich „hat er die Regel gestaltet, dass die Starken mehr zu tun begehrten, und die Schwachen vor ihrer Strenge nicht zurückschreckten … Er war aber bestrebt, die Seinen eher mit Liebe zu regieren, als sie durch Furcht zu beherrschen“ (Mabillon, Annales Ord. S. Bened. (Lucca 1739) Bd. 1, S. 107). Als er eines Tages einen Einsiedler traf, der sich selbst Fesseln angelegt und in eine enge Höhle eingeschlossen hatte, um nicht mehr zum früheren Sünden- und Weltleben zurückkehren zu können, sagte er zu ihm mit gütigem Tadel: „Wenn du ein Diener Gottes bist, soll dich nicht eine eiserne Kette, sondern die Kette Christi fesseln.“ (Gregorius Magnus, Lib. Dial. III 16. PL 77, 261) –
aus: Anton Rohrbasser, Heilslehre der Kirche, Dokumente von Pius IX. bis Pius XII., 1953, Sp. 1123 – Sp. 1129

Das gesamte Rundschreiben „Fulgens radiatur“ von Pius XII.

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