Katholische Kirche ist mystischer Leib Christi

Vatikan Petersdom ist Sinnbild der katholischen Kirche

Die römisch-katholische Kirche ist der mystische Leib Christi

4. Das Problem der zwei Subjekte mit dem einen Prädikat „der mystische Leib Christi“

Nach dem Gesagten besteht kein Zweifel, daß wir es nach St. Thomas mit zwei verschiedenen Subjekten zu tun haben, der römisch-katholischen Kirche und dem mystischen Leib der Kirche, von denen beide das eine Prädikat „mystischer Leib Christi“ erhalten. Die Schwierigkeit bestand nur darin, eine Möglichkeit aufzuzeigen, wie dann ein und dasselbe Prädikat von zwei so verschiedenen Subjekten ausgesagt werden könne.

Eine Lösung der Schwierigkeit konnte auf zweifachem Weg versucht werden. Entweder zeigte man, daß die zwei verschiedenen Subjekte im Grunde doch eines seien. Das ist der harmonisierende Weg, den St. Thomas gegangen ist. Oder man müsste eines der beiden Subjekte opfern. Das ist der radikale Weg, sowohl die katholische wie die unkatholische Lehrentwicklung seit St. Thomas eingeschlagen hat.

Es wäre noch ein dritter Versuch denkbar gewesen, nämlich die zwei Subjekte zu behalten und ihre Verschiedenheit anzuerkennen und dafür auch zwei Prädikate zu suchen, also etwa zweierlei mystischen Leib Christi anzunehmen. Diesen Weg ist niemand gegangen.

Der harmonisierende Lösungsversuch des hl. Thomas

Die radikale Ausschaltung eines der beiden Subjekte

Das Gegenteil der harmonisierenden Lösung ist die radikale. Man versucht überhaupt nicht mehr, zwei Subjekte des Prädikats „mystischer Leib Christi“ aufrecht zu erhalten, sondern schaltet eines aus, entweder die römisch-katholische Kirche oder den sogenannten mystischen Leib der Kirche. Der erste Weg ist unkatholisch, der zweite katholisch.

Die ketzerische Leugnung der sichtbaren Kirche zugunsten einer unsichtbaren

Während St. Thomas die römisch-katholische Kirche niemals leugnet, somit an der konstanten Linie der Überlieferung trotz allen Spekulationen über den mystischen Leib der Kirche festhält, ist der Weg der entgegen gesetzten Lehrentwicklung gekennzeichnet durch den radikalen Abfall von Schrift und Überlieferung zugunsten mystischer Spekulationen.

Diese Lehrentwicklung machte mit den Fraticelli einen Unterschied zwischen der fleischlichen und der geistlichen Kirche (1), ließ dann im weiteren Verfolg immer mehr die sichtbare Kirche als die fleischliche fallen und sah die wahre Kirche nicht mehr mit St. Thomas auch in ihr, sondern gegen St. Thomas nur mehr in dem, was er mystischen Leib der Kirche nennt. Dabei wurde entweder der künftige Zustand der Glorie oder Verdammnis, mit anderen Worten die Auserwählung oder Verwerfung zum Maßstab der Zugehörigkeit gemacht und die Kirche mit Hus als „Gesamtheit der Auserwählten (universitas praedestinatorum)“ bestimmt (2), oder es wurde Gnadenstand und Auserwählung zusammen als wesentlich angesehen (Quesnel), so daß die Kirche die Gesellschaft der Kinder Gottes ist, die in ihrem Schoß verbleiben usw. (3). Oder es wurde gar die Vollkommenheit gefordert, so daß zum „Körper der Kirche“ nach der Synode von Pistoia nur vollkommene Anbeter Gottes gehören (4).

(1) D 485
(2) D 627, 629, 631 ff.
(3) D 1423 ff.
(4) D 1515

Die katholische Restauration der einen römischen Kirche

Die katholische Linie der Lehrentwicklung verläuft in entgegen gesetzter Richtung: Die sichtbare römisch-katholische Kirche muss sich dagegen zur Wehr setzen, daß nicht sie sondern eine unsichtbare Kirche als die wahre Kirche betrachtet wird. Die Lehrentwicklung ist radikale Rückkehr zur Schrift und Überlieferung unter Aufgabe einer Spekulation, die neben der römisch-katholischen Kirche zu einem zweiten Subjekt und Anwärter für das Prädikat des mystischen Leibes Christi führte. Diese Lehrentwicklung hat mit dem Rundschreiben (Anm.: Pius XII. Mystici corporis) ihren vorläufigen Abschluss gefunden in der Erklärung: Die römisch-katholische Kirche ist der mystische Leib Christi.

Das Problem der unwürdigen Hierarchen

Damit ist auch ein anderes Problem geklärt: es ist der Fall der Priester, Bischöfe und Päpste, die nicht im Gnadenstand sind, vielleicht sogar verworfen werden (praesciti), ebenso der Laien, die in Kirche und Staat eine hervorragende Stellung einnehmen. Sie gehörten zur römisch-katholischen Kirche, aber nicht zum mystischen Leib der Kirche, übten aber trotzdem theokratische Funktionen des Lehrens, Führens und Heiligens aus oder waren wenigstens weltliche Vorgesetzte von Gliedern des Leibes Christi.
Die häretische Lehrentwicklung, die als wahre Kirche nur mehr die unsichtbare ansah, sprach Vorgesetzten, die nicht im Gnadenstand beziehungsweise nicht prädestiniert, sondern schlecht oder künftig verworfen waren, folgerichtig nicht bloß die Zugehörigkeit zur Kirche, sondern auch die Funktionsfähigkeit in ihr ab (1), so daß nach Wicliff ein schlechter und künftig verworfener Papst keine übernatürliche Gewalt über die Gläubigen habe (2), so daß nach Wicliff und Hus niemand weltlicher oder kirchlicher Vorgesetzter sei, solange er im Zustand der Todsünde bleibe (3), so daß nach Hus kein römischer Papst Haupt irgendeiner Teilkirche sein könne, wenn er nicht prädestiniert ist (3), so daß ein schlechter und besonders ein später verworfener Papst nicht Haupt, ja nicht einmal Glied der streitenden Kirche sei (4). Jeder kirchlicher Vorgesetzte sei in solchem Zustand nur Vorgesetzter im uneigentlichen Sinn (aequivoce, man denke an dasselbe Wort bei St. Thomas, wonach der Sünder nur uneigentliches Glied der Kirche ist) (5), in Wirklichkeit sei er ein Dieb oder Räuber (6). Die amtliche Nachfolge Petri und der Apostel wird abhängig gemacht von der sittlichen Nachfolge (7).

Die katholische Lehrentwicklung musste notwendig diese Sätze verwerfen, musste aber folgerichtig auch den Standpunkt verwerfen, als ob der römisch-katholische Christ, sei er Laie oder Geistlicher, deshalb aufhöre, volles Glied der römisch-katholischen Kirche zu sein, weil er jetzt im Stande der Todsünde oder künftig im Zustand der Verdammnis sei. Sie musste folgerichtig bei der Erklärung des Rundschreibens enden: Auch der Sünder, wenn römisch-katholischer Christ. Ist volles Mitglied des mystischen Leibes Christi.

Rechts- und Liebeskirche

Auf das ungeklärte Verhältnis Zwischen Kirche und mystischem Leib der Kirche gehen auch die modernsten Anschauungen zurück, die von der Enzyklika verworfen werden, nämlich die Scheidung zwischen moralischem und mystischem Leib der Kirche, zwischen Rechts- und Liebeskirche, zwischen einer pneumatischen und, wenn man so sagen will, einer somatischen Kirche, vielleicht auch zwischen einer hierarchischen und einer charismatischen. Es ist ein für allemal festgestellt, daß zwischen beiden kein sachlicher Unterschied besteht. Der moralische, soziale, juridische Leib der römisch-katholischen Kirche ist auch ihr mystischer, die Rechtskirche ist auch die Liebeskirche, die somatische und hierarchische auch die pneumatische und charismatische. Es handelt sich nicht um zwei verschiedene Subjekte, sondern um zwei verschiedene Seiten und Attribute desselben Subjekts.

Es ist ohne weiteres zu sehen, wie die katholische Lehrentwicklung durch die Auseinandersetzung mit der ketzerischen gefördert wurde. Die radikale Überspitzung einer ursprünglich harmlosen Spekulation hat wesentlich dazu beigetragen, daß man diese Spekulation wieder verließ und zur nüchternen Auffassung der sichtbaren Kirche als des mystischen Leibes Christi zurück kehrte, die über der Spekulation innerhalb der katholischen Kirche niemals vergessen worden war.

(1) Priestern die Fähigkeit zu konsekrieren und die Sakramente zu spenden (D488)
(2) D 588
(3) D 595, 656
(4) D 637
(5) D 646
(6) D 648 bis 650
(7) D 638, 639, 595, 656 –
aus: Albert Mitterer, Geheimnisvoller Leib Christi nach St. Thomas von Aquin und nach Papst Pius XII., 1950, S. 24 – S. 33

Bildquellen

  • vatican-city-2278859_1920: pixabay

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