Christus als Glied seines Leibes der Kirche

Vatikan Petersdom ist Sinnbild der katholischen Kirche

Christus als Glied seines Leibes, der Kirche

Inwiefern ist Christus Glied, inwieferne nicht?

Ein Glied des Leibes, der Kirche, sei Christus seiner Menschheit nach, soferne man daran denke, daß er andererseits als Gott Haupt seiner eigenen Menschheit und Haupt der Kirche ist und bleibt. Er könne ferner Glied genannt werden, soferne er von anderen Gliedern der Kirche verschieden sei und im Leib eine andere Aufgabe habe als sie, nämlich die, den anderen das Leben einzuflößen.

Aber er könne nicht Glied genannt werden in dem Sinne, als ob er nur ein Teil des übernatürlichen Seins und Wertes seines Leibes, der Kirche, wäre und nicht vielmehr das Ganze über alles; oder als ob er und die Kirche zusammen etwas Größeres wäre als er allein; oder als ob nicht aller Einfluss von ihm wäre und er vor irgend jemand anderem einen Einfluss empfinge.

Die Klärung der Frage durch das Rundschreiben

Hier hat nun die Enzyklika eine ganz erhebliche Klärung gebracht. Obwohl sie den Ausdruck Glied oder Mitglied nicht gebraucht, ja nicht einmal die betreffende Paulus-Stelle anführt, vielleicht also deren Deutung offen lassen will, hat sie doch als einen ihrer sechs Gründe dafür, daß Christus das Haupt der Kirche sei, die gegenseitige Notwendigkeit angeführt und dabei wesentliche Bedenken zerstreut, die St. Thomas gegen eine Gliedschaft Christi in der Kirche hat. Vor allem erklärt sie, daß die Paulus-Stelle: „Das Haupt kann nicht zu den Füßen sprechen: Ich bedarf euer nicht (1)“, auch von Christus, dem Haupt, gelte, trotz seiner überragenden Stellung. Damit scheint stillschweigend Christus als Glied und Mitglied anerkannt zu sein. Denn diese Paulus-Stelle handelt vom Haupt als einem Glied: „Nun aber sind zwar viele Glieder, aber nur ein Körper. Es kann aber nicht das Auge zur Hand sagen: Deine Arbeit brauche ich nicht, oder wieder das Haupt zu den Füßen: Ich bedarf euer nicht.“

Die gegenseitige Notwendigkeit

St. Thomas sieht die Gliedschaft und Mitgliedschaft vor allem in jenem Verhältnis (proportio) der Glieder, das im gegenseitigen Empfangen und Geben, beziehungsweise Dienen besteht. Er wagt aber nicht, solches gegenseitiges Geben und Empfangen zwischen Christus und Christen anzunehmen. (2)

Das Rundschreiben teilt nun diese Befürchtungen nicht, sondern zerstreut sie. Es geht dabei über St. Thomas hinaus und erklärt, daß zwar offenkundiger Weise Kirche und Christgläubige der Kirche nichts tun können ohne Christus, daß aber auch Christus, das Haupt, die Hilfe seiner Gläubigen verlange und in Anspruch nehme. Dies gelte für die Leitung der Kirche, sei es die sichtbare durch den Papst, sei es die unsichtbare durch Christus selbst; ebenso gelte es von der Austeilung des Schatzes der Erlösung, den zwar Christus, das Haupt, ohne Mithilfe der Kirche erworben habe, aber nicht ohne ihre werktätige Mithilfe verteile.

Gliedschaft Christi und Gliedschaft des Papstes im Leibe Christi

Die Gliedschaft wird wieder, wie wir sehen, durch die Gliedschaft des Papstes in interessanter und origineller Weise vermittelt. Ist es, wie wir früher gesehen haben, außer allem Zweifel, daß der Papst sowohl Haupt als auch Glied der Kirche ist, warum soll dies bei Christus ein Widerspruch sein, um so mehr, als nach dem Rundschreiben Christus und Papst nicht zwei, sondern ein Haupt, und, so möchte man meinen, infolge dessen auch ein und dasselbe Glied am Leib Christi sind?

Nun aber wird noch eigens gesagt, daß die Gegendienlichkeit, die Christus von den Gliedern empfange und wolle, unter anderem auch in Dienstleistungen bestehe, die der Stellvertreter Christi von Seiten der Kirche und ihrer Glieder entgegen nehmen müsse. Damit scheint die Gedankenkette geschlossen und einerseits die Gliedschaft des Hauptes im allgemeinen und die gegenseitige Dienlichkeit von Haupt und Gliedern insbesondere gesichert zu sein.

Die Kirche als Fülle Christi

Das Rundschreiben zerstreut auch die Bedenken, als ob eine solche Gegenseitigkeit etwa Christi unwürdig wäre. Solche Gegenseitigkeit bedeute keine Schwäche und Dürftigkeit Christi, sondern eine Anordnung, die das Haupt getroffen habe. So sei eben sein Leib und seien seine Glieder nach Christi Willen beschaffen. Die Enzyklika steht daher nicht an, die Kirche als Fülle Christi, also den Leib als Erfüllung und Ergänzung des Hauptes hinzustellen (3), so daß in diesem Sinne er und sie zusammen mehr ist als er allein. Christus im Himmel und die Kirche auf Erden zusammen stellen erst den neuen Menschen dar. Er, das Haupt, und sie, der Leib, sind zusammen der ganze Christus.

Was übrigens einem einzelnen Glied in diesem Leib an Dienlichkeit gegenüber dem Haupt zugemutet wird, das mag man an der seligsten Jungfrau ersehen, deren Bedeutung im Leib Christi auch das Rundschreiben so nachdrücklich hervorhebt und die als Gottesgebärerin, Miterlöserin und Gnadenmittlerin einen Dienst an Haupt, Leib und Gliedern entfaltet, den St. Thomas an diesem Ausmaß auszusprechen kaum gewagt hätte.

Auffassung des Rundschreibens „Mystici corporis“

Das Rundschreiben … sieht daher mehr die Einheit des Ganzen. Es sieht in dem Haupt Christus die Gottheit und Menschheit und hebt gerade die Gottheit als Hauptgrund für die Erhabenheit des Hauptes hervor. Es sieht in Christus und dem Papst nicht zwei Häupter, sondern eines, in den vielen Päpsten nicht viele Häupter, sondern eines, den einen sichtbaren Stellvertreter Christi. Es sieht in Haupt und Gliedern, Haupt und Leib, Christus und Kirche, das Ganze, den ganzen Christus. Es beachtet, wie in diesem Ganzen, allerdings auf Anordnung des Hauptes selbst, alle Glieder dem Ganzen und das Ganze allen Gliedern dienlich ist, somit auch das Haupt dem Leib und den Gliedern und umgekehrt Leib und Glieder dem Haupt.

(1) 1. Kor. 12, 21
(2) Die Leiden der Heiligen nützen der Kirche nur in der Form des aufmunternden Wortes und Beispiels, nicht aber in der Form der Erlösung… Nach (der Enzyklika) gibt es dazwischen noch etwas, nämlich die Austeilung des Erlösungs-Schatzes, die Heiligung, an der die Kirche nicht nur teilnimmt, sondern die sie in gewisser Hinsicht auch bewirkt – unter anderem durch die freiwilligen Bußübungen der Glieder.
(3) Dabei verweist sie mit Recht auf St. Thomas: In Eph. 1, 23. Auch nach ihm ist die Kirche die Fülle Christi, wie der Leib die Fülle des Hauptes oder der Seele. Aber er sieht die Erfüllung nur darin, daß Christus durch den Leib seine Wirksamkeit ausübt wie die Seele ihre Fähigkeiten durch die Organe, nicht aber auch darin, daß Christus des Leibes und der Glieder zur aktiven Mitwirkung und Mithilfe bedürfe. –
aus: Albert Mitterer, Geheimnisvoller Leib Christi nach St. Thomas von Aquin und nach Papst Pius XII., 1950, S. 106 – S. 111

siehe auch den Beitrag: Pius XII. über die Existenz zweier Kirchen

Bildquellen

  • vatican-city-2278859_1920: pixabay

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