Darstellungen der katholischen Kirche

Vatikan Petersdom ist Sinnbild der katholischen Kirche

Darstellungen der römisch-katholischen Kirche

2. Die römisch-katholische Kirche als Subjekt des Prädikats „mystischer Leib Christi“

Wie bereits angedeutet, haben wir bei St. Thomas zweierlei Subjekt zu unterscheiden, von dem das Prädikat „Leib Christi“ ausgesagt wird, die römisch-katholische Kirche und den „mystischen Leib der Kirche (corpus Ecclesiae mysticum)“. Das erste dieser beiden Subjekte wird hier, das zweite im nächsten Abschnitt 3 behandelt.

Es ist bezeichnend, daß das erste Subjekt in den exegetischen, das zweite in den systematischen Werken vorherrscht. Der Grund ist leicht zu sehen. Die Bibel und die aus ihr schöpfende positive Theologie spricht für das erste Subjekt. Die Spekulation, die sich in den systematischen Schriften geltend macht, ist die Mutter des zweiten Subjekts.

Die Gemeinschaft der Gläubigen

Mit dem oft gebrauchten Ausdruck: Gemeinschaft der Gläubigen (congregatio fidelium) ist bei St. Thomas nicht ohne weiteres die römisch-katholische Kirche gemeint. Denn er versteht, wie wir noch sehen werden, unter Gläubigen auch die alttestamentlichen Gläubigen und stellt alt- und neutestamentliche Gläubige dieser Welt als Gemeinschaft der Gläubigen oder auch der Pilgernden der Gemeinschaft der Schauenden und Angelangten (congregatio comprehendentium) gegenüber.

Auch unter der streitenden Kirche auf Erden, soweit er sie der triumphierenden Kirche im Himmel gegenüber stellt und sie aus Menschen des gegenwärtigen Lebens bestehen läßt, ist nicht ohne weiteres die römisch-katholische Kirche allein zu verstehen.

Die römisch-katholische Kirche

Aber es gibt unzweideutige Darstellungen der römisch-katholischen Kirche. Es ist jene ganze Kirche (tota Ecclesia), deren Haupt der Papst zeit seines Pontifikats ist, während die Bischöfe Häupter ihrer Teilkirchen sind. Sie unterscheiden sich von Christus, dem Haupt dieser Kirche, dadurch, daß Christus allezeit, überall und aus eigener Machtvollkommenheit das Haupt der Kirche ist, während der Papst es nur zeitweilig, die Bischöfe nur örtlich beschränkt und beide nur in stellvertretender Weise sind.

Römische Kirche als Römisches Weltreich

Diese römisch-katholische Kirche ist nach St. Thomas die geistliche Fortsetzung und Umgestaltung des zeitlichen Römischen Weltreiches, dem die ganze Welt untergeben war (1), und dadurch als Subjekt scharf umrissen. Der Abfall von ihr ist der Abfall vom katholischen Glauben der römischen Kirche, die zur Zeit des Antichrists größten Gefahren ausgesetzt sein wird.

Wieweit er von dieser so aufgefaßten Kirche das Prädikat „Leib Christi“ aussagt, geht allerdings aus diesem Text nicht direkt hervor, indirekt aber vielleicht insofern, als der Abfall von ihr der Abfall von Christus zum Antichrist und damit vom Haupt der Kirche zum Haupt der Gegenkirche ist. (2)

Die katholische Kirche als Stadtstaat

Die Kirche ist wie eine Stadt, deren Bürger viel Gemeinsames und viel Verschiedenes haben. Gemeinsam sind vier Dinge: Der Führer Christus; ein Gesetz, das Gesetz des Glaubens, der inhaltliche einer ist, nämlich der allgemeine oder katholische Glaube (universalis seu catholica) und psychisch eine Haltung, eiN Wille aller ist; drittens dieselben Abzeichen (insignia), nämlich die Sakramente, vor allem die Taufe; viertens derselbe Zweck, nämlich Gott (2). Ungemeinsam sind die verschiedenen Gaben, Stände und Ämter (3). Von dieser deutlich als römisch-katholisch charakterisierten Kirche wird im weiteren Verfolg ausgesagt, daß sie der mystische Leib Christi und daß der physische Leib Christi ihr Vorbild sei. (4)

Die katholische Kirche als Burg

Als solche schildert sie St. Thomas im Eingang seines Kolosserbrief-Kommentars, nämlich als Kirche, die wie eine Burg äußerlich von Verfolgern belagert, innerlich von Ketzern betrogen und durch die Sünden der eigenen Burgbewohner (domestici) geschwächt ist. In ihr sind die kirchlichen vorgesetzten (praelati) die Führer. Sie haben die Burg zu schützen: gegen die Verfolger durch das Beispiel der Geduld, gegen die Ketzer durch gesunde Lehre und gegen die Sünder durch Ermahnungen (5).

Die römisch-katholische Kirche als mystischer Leib Christi

Am ausführlichsten bespricht St. Thomas die Kirche, zugleich als römisch-katholische Kirche und als mystischer Leib Christi ins einem Kommentar zum 12. Kapitel des ersten Korintherbriefes (6). Er findet, daß die römisch-katholische Kirche seiner Zeit einem natürlichen Körper bis in viele Einzelheiten ähnlich ist. Den Bewegungsorganen des natürlichen Körpers entsprechen jene Kirchenmitglieder, die ein tätiges Leben führen, und zwar entsprechen den Händen die kirchlichen Vorgesetzten (praelati), den Füßen die Untergebenen (subditi). Den Wahrnehmungs-Organen des Leibes entsprechen in der Kirche die Christen, die ein beschauliches Leben führen, und zwar den Augen die Gelehrten (doctores) und Professoren (magistri), den Ohren die Schüler, beziehungsweise Hörer (7). Selbst dem Geruchssinn des Leibes seien manche Glieder der Kirche ähnlich, nämlich diejenigen, die Theologie nicht verstehen, sondern davon nur eine entfernte Ahnung (indica a remotis), also einen Dunst oder Tau von ihr haben, wie wir sagen möchten (8).

St. Thomas findet, daß die Kirche ebenso ein Ganzes aus Christen verschiedener Beschaffenheit, verschiedenen Grades und Standes sei, wie der Körper ein Ganzes aus verschiedenen beschaffenen Gliedern (9).

Dabei brauchen alle einander, vor allem der Höhere die Niederen. Wie im Körper das Auge der Füße, so bedürfen die Beschaulichen der Tätigen zu ihrer Erhaltung. Wie das Haupt die Füße, so brauchen die kirchlichen Vorgesetzten (praelati) die Untergebenen. (10)

Oft seien schwache Glieder, zum Beispiel Eingeweide, notwendiger als starke, so auch in der Kirche die Bauern und dergleichen notwendiger als manche hohe Personen, die sich der Beschauung und Wissenschaft widmen (11).

Wie es im Körper Glieder gebe, die weniger ehrbar, vornehm und stark sind, so finden sich auch in der Kirche Schuldige (culpabiles), Unfreie und Unvollkommene (12).

Wie zwischen den Gliedern des Körpers, so solle auch zwischen den Gliedern der Kirche der Kirche der Friede dadurch erhalten werden, daß jedem das Notwendige gegeben wird. Wie im Körper ein Glied natürlicher Weise dem anderen helfe, wie zum Beispiel die Hände andere Glieder vor Schlägen schützen, so sollen die Glieder des mystischen Leibes, die Gläubigen, tun. Wie alle Glieder mitleiden und miterstarken, wenn eines leidet oder erstarkt, so solle es auch bei den Gliedern der Kirche sein (13).

Auch die von St. Paulus aufgeführten Dienste deutet St. Thomas auf Ämter in der katholischer Kirche, so die Hauptdienste (majores seu principales ministrationes), nämlich die der Apostel, in denen er die höheren Beamten in der Kirche (majores ministri in Ecclesia) gemeint sieht, zu deren Amt es gehört, das gläubige Volk zu leiten, zu lehren und zum letzten Zweck auch Wunder zu wirken. Ihnen komme die Leitung der Kirche (Ecclesiae regimen) zu.
Daß er hier an die Nachfolger denkt, geht aus folgendem hervor. Nachdem er Propheten, Lehrer und Wundertäter erwähnt hat, spricht er von sekundären Diensten, die Hilfeleistungen für die Leitung der Kirche (regimen Ecclesiae) sind. So leisten manche den höheren kirchlichen Vorgesetzten Dienste bei der allgemeinen Regierung der Kirche (majoribus praelatis in universali regimen Ecclesiae), zum Beispiel die Archidiakone den Bischöfen, manche in untergeordneter Stellung wie die Pfarrer (14).

Hier haben wir die römisch-katholische Kirche vor uns, sogar mit Einschluss der Sünder (culpabiles), und diese römisch-katholische Kirche wird wieder mystischer Leib Christi genannt, ihre Glieder aber Glieder dieses mystischen Leibes und Christus ihr Haupt (15).

Es besteht somit kein Zweifel, daß St. Thomas auch die sichtbare römisch-katholische Kirche als Subjekt des Prädikats „mystischer Leib Christi“ ansieht und in diesem Sinne die Überlieferung vertritt, die von St. Paulus über ihn bis zum Rundschreiben Pius‘ XII. läuft. Einen vorzüglichen Beleg dafür haben wir auch an anderer Stelle, wo die römisch-katholische Kirche mit ihrer hierarchischen und ständischen Gliederung einerseits als „Leib der Kirche“ mit dem natürlichen Leib des Menschen verglichen (16), andererseits mit dem Prädikat „Leib Christi“ ausgezeichnet wird.

Anmerkungen:

(1) in 2. Thess. 2, 3
(2) in 2. Thess. 2, 3
(3) in Eph. 4, 5
(4) in Eph. 4, 11
(5) in Eph. 4, 12
(6) in Col prologus
(7) in 1. Kor. 12, 12
(8) in 1. Kor. 12, 15
(9) ebd., 12, 17
(10) ebd., 12, 19
(11) ebd., 12, 21
(12) ebd., 12, 22
(13) ebd., 12, 23
(14) ebd., 12,25
(15) in Kor. 12, 28
(16) in Kor. 12, 14 –
aus: Albert Mitterer, Geheimnisvoller Leib Christi nach St. Thomas von Aquin und nach Papst Pius XII., 1950, S. 11 – S. 15

Bildquellen

  • vatican-city-2278859_1920: pixabay

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